frynstaden
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Capitulum III: Caedes Troiae (Trojanisches Gemetzel)
Weißwolf wurde noch am selben Tag auf ein luxuriöses Zimmer gebracht, wo sie später erwachte.
Das Badezimmer allein war so groß wie ihr offizielles Apartment auf Europa, welches sie jedoch untervermietete. In aller Regel schwirrte sie eh bei ihren Aufträgen im Sonnensystem umher und vertat sich die freie Zeit dann in den Orten, zu denen es sie verschlug. Dabei nutzte sie in aller Regel die günstigeren Absteigen.
Der Ort nun, der ihr zudem ein Doppelbett, einen Aufenthaltsraum sowie auch eine Minibar musste irgendein Hotel auf Ganymed sein. Ein Blick nach draußen war nicht möglich, da das, was wie ein Fenster aussah und die Idylle von Bäumen und weiten Wiesen präsentierte, lediglich ein schönes Display war. Man würde sie schon so untergebracht haben, dass sie später nicht nachvollziehen konnte, wo sie sich befand.
Trotzdem dachte Weißwolf darüber nach.
Ausgehend von der vergangenen Zeit, die sie der Uhr entnehmen konnte, war keine interplanetare Reise möglich gewesen. Sie hatte Tag und Zeit wahrgenommen, als sie im Gespräch mit dem Castae war und es müsste schon ein sehr ausgefeilter Trick gewesen sein, wenn man sie diesbezüglich getäuscht hätte.
Weißwolf räumte diese Möglichkeit zwar ein, sah darin jedoch kaum einen Mehrwert, als dass man wahrlich diese Längen gegangen wäre. Falls es nötig wäre, würde sie den Spuren nachgehen und den Castam suchen.
Für den Moment widmete sie sich jedoch der Minibar, die sie nach der ersten Orientierung in der aufsuchte.
„Arschlöcher“, sagte sie grinsend, als sie den Inhalt des kleinen Schranks leer vorfand.
Man würde einen Suff von ihr ebenso wenig riskieren wie ein Umherlaufen.
Weißwolf konnte gut nachvollziehen, warum man so handelte. Es verwunderte sie jedoch, dass man ihre Vergangenheit so detailliert kannte. Zwar war ihr wahrer Name verborgen geblieben, doch empfand sie Unbehagen dabei, was der fremde Mann alles über sie wusste.
Gut möglich, überlegte Weißwolf, dass man seine Spitzel im Ministerium, beim Geheimdienst und auch auf Erden wusste. All der Aufwand, der hier betrieben wurde, wies einen ausgeklügelten Plan hin.
Sie warf sich in einen der nahen tannengrünen Sessel und grübelte.
Es stand eine Zäsur an, ohne Frage. Würde sie versagen bei dem Plan um Ares, dürfte die Erde weiter abgeriegelt werden. Falls das überhaupt möglich war. Gelang das Unterfangen indes, würden sich die Machtverhältnisse neu ordnen. Vermutlich würde das Syndikat hier draußen die Oberhoheit über den Schmuggel erlangen und seine Präsenz auf der Erde unbemerkt ausbauen können.
Zu welchem letzten Zweck war fraglich. Denkbar schien Weißwolf sogar, dass man Einfluss im Palast zu gewinnen dachte, um früher oder später selbst die Fäden des Imperiums zu lenken.
Sie realisierte, dass sie mit dem Plan, Ares neuronales Muster zu kopieren, womöglich einem Übel gegen ein anderes Übel half. Es war ihr jedoch gleichgültig.
Die folgenden Tage zogen sich quälend in die Länge.
Zwar bekam Weißwolf alles an Essen und Annehmlichkeiten auf ihre Suite geliefert, doch drehten sich ihre Gedanken im Kreis, wie auch ihre Schritte. Es gab keinen Gesprächspartner, nichts zu tun und selbst ihre sportliche Betätigung, die sie notdürftig aufzog, wurde überwacht. Man wollte ihr nicht einmal einen Muskelkater zugestehen, wenn schon keinen Alkoholkater, weil sich dies auf die Mission auswirken mochte.
Am sechsten Tag endlich betrat eine Wache ihr Zimmer, die von Neuigkeiten berichtete.
Es war nicht der übliche Anstandsbesuch, der sonst drei Mal am Tag stattfand, um sich nach ihr zu erkundigen, ihre Vitalfunktionen zu messen und ihr Lebensmittel zu bieten, sondern geradezu das Zeichen der Erlösung. Dies bemerkte Weißwolf sofort, da die Wache nicht in die üblichen edlen Anzüge gekleidet war, sondern in eine Kampfmontur, die den Skaphandern, die für die Reisen in der Zeit Anwendung fanden, gar nicht so unähnlich schien.
Höchste Sicherheit schien das Gebot dieser Stunde zu sein, wenn man derartige Kräfte für einen Botengang nutzte.
„Wir erhielten soeben die Bestätigung, dass sich die Entourage von Ares auf dem Weg macht,“ meinte die Wache knapp. „Ihr werdet zu einer Audienz gegeben. Lasst alles hier, es wird nichts benötigt.“
„Als ob ich etwas hier hätte“, raunte Weißwolf.. „Ihr wolltet mir ja nicht mal die schwarze Tüte gönnen.“
Die Wache verstand ihren Humor vermutlich nicht. Jedenfalls machte sie keine Anstalten, dass sich irgendetwas in ihr regte.
Draußen wurde sie von zwei weiteren Wächtern in Empfang genommen und schließlich über einige Aufzüge und Gänge in ein anderes luxuriöses Zimmer verbracht. Dabei realisierte Weißwolf, dass sie keineswegs in einem Hotel untergebracht war, sondern stattdessen in einer Art privaten Bunker.
Der Casta, mit dem sie zuvor den Handel geschlossen hatte, saß, flankiert von zwei Leuten im Anzug, mit einigen anderen an einer eckigen Tafel.
„Da ist er, der weiße Wolf“, nickte der Mann ihr zu, als Weißwolf, die drei Leute in Kampfmontur hinter sich, vor ihn geführt wurde. „Ich nehme an, Ihr wurdet unterrichtet.“
„Grob wenigstens. Es scheint zu starten.“
„Ja“, bestätigte der Casta. Unsere Techniker sind bereits an der Verbindung dran.“
Weißwolf gedachte gerade, etwas dazu zu sagen. Wenn man jetzt erst die Verbindung prüfte, schien man mit den Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen zu haben.
„Die grundlegenden Tests fanden erfolgreich statt“, erklärte der Casta jedoch zu ihrer Erleichterung, „sodass jetzt nur noch ein paar Feinabstimmungen folgen. Der Skaphander wird ebenfalls geprüft und sollte bis zu Eurer Ankunft einsatzbereit sein.“
„Weiß man schon, was mich erwartet?“
„Nichts. Ares scheint niemandem verraten zu haben, wohin seine Reise geht. Ihr fliegt blind und seid auf Euer Gespür vor Ort angewiesen. Habt Ihr noch etwas zu sagen?“
Keine Rückendeckung, keine Informationen zur Vorbereitung. Es war die Art von Auftrag in einem feindlichen Gebiet, die schief gehen musste. Doch solange ihre Identität nicht aufgedeckt wurde, hatte sie gute Chancen, in Ares' Nähe zu gelangen und den Job zu erfüllen.
„Führt mich einfach zu den Kapseln und betet zu wem auch immer, dass die Verbindung so funktioniert, wie Ihr es im Sinn habt.“
„Sehe ich so aus, als würde ich wie der Pöbel beten? Gott der Maschinen“, raunte der Alte voller Missfallen, „nur weil man Gott getötet hat, heißt das nicht, dass man einen Homunkulus hätte an seinen Platz setzen müssen.“
Da hatte sie wohl einen Nerv getroffen. Scheinbar hatte der Alte die gleichen Ansichten zu der Ecclesia Technologiae wie über die Irrwege ihrer Zeit.
„Menschen bleiben eben, wie sie sind“, gab Weißwolf zurück.
„Vor allem käuflich, wenn man weiß, welche Güter man anbieten muss“, grinste der Mann boshaft.
Jede kleine Zuneigung, die Weißwolf zuvor ob den Ansichten des Castae gehabt haben mochte, verflog mit einem Mal. Sie war hier nur ein Werkzeug und würde sich nicht nur gegenüber Ares vorsehen müssen, sondern auch gegenüber diesen Leuten.
Wer weiß, was sie mit einem Werkzeug machten, dessen Nutzen erfüllt wäre.
„Führt sie hinab“, meinte der Casta schließlich zu den Wächtern. „berichtet uns konstant über die Lage, wir müssen auf alles vorbereitet sein“, hörte ihn Weißwolf noch zu den anderen sagen, als sie den Raum verließ.
Weißwolf wurde über mehrere Stockwerke in der Tiefe in ein Labor verbracht, welches Ähnlichkeit mit jenen anderen temporalen Brücken aufwies, die sie schon betreten hatte. Es gab dieselben Schleusen, ähnliche Kabinen für den Kleiderwechsel und auch die gleichen weißen Kapseln mit den unterschiedlichen medizinischen Apparaturen anbei.
Sie betrat nach der Säuberung den sterilen Raum und ließ sich von den Anwesenden, die ihrerseits Schutzanzüge trugen, in den Skaphander helfen. Es war eines der Geräte, wie sie es schon lange nicht mehr gesehen hatte: der hellweiße Anzug eines Agenten des Ministeriums für Intertemporale Strafverfolgung.
„Der Transmitter ist platziert“, erklärte einer der Anwesenden, die dieses Mal nicht nach Ärzten und Personal, sondern nach bezahlten Söldnern aussahen, „Ihr werdet in den Kosmischen Faden des Ministeriums geklinkt, der Euch auf Ares' Bahnen führt. Den Chip findet Ihr in Eurer linken Anzugtasche, die obligatorischen Waffen und Instrumente für Eure Rückkehr kennt Ihr bereits.“
Weißwolf nickte.
„Helft ihr in die Kapsel“, forderte die Frau ihr gegenüber auf, ehe man Weißwolf verkabelte und den Deckel des Geräts schloss.
Es blieb kein Sichtfenster nach draußen. Es war ein enger Sarkophag, der die Energie für die Reise bündelte, die in einer Singularität zusammenlaufenden Fäden griff und sie durch Raum wie Zeit sandte.
„Die Verbindung ist aufgebaut, der Kreislauf ist stabil und alle Werte liegen im Normbereich“, hörte Weißwolf noch andere Stimme sagen.
„Energieversorgung gesichert.“
„Schlussdiagnose läuft“, manche sprachen durcheinander, es schien einige Hektik aufzukommen in diesen wenigen Minuten vor dem Transfer.
Gehen wir's an, aktiviert den Transfer“, vernahm Weißwolf noch, ehe sie ein Reißen verspürte.
Erneut wurde sie durch die Tiefen der Kosmischen Fäden befördert, um sich mehr denn je zu beweisen. Nicht nur ihr Leben stand hierbei auf dem Spiel, sondern letzten Endes auch das ihres Sohnes.
Einen Wimpernschlag später befand sie sich in einer von einigen Sternen gesäumten Nacht auf einem freien Feld. Ihre Moleküle hatten sich neu sortiert und brachten als erstes aller Gefühle den Schmerz ins Gehirn. Ein Reißen aller Glieder, als ob man sie vormals nicht nur auf eine Streckbank gelegt und die Körperteile ausgerissen hatte, sondern diese auch gleich wieder neu vernähte.
Von dem, was sie wusste, musste sie in der nördlichen Hemisphäre sein. Die Sternenbilder, die sie ausmachen konnte, allen voran die Plejaden, Orion und der Große Bär, waren deutlich erkennbar.
Doch konnte sie den Ort des Geschehens nicht näher eingrenzen.
„Meldung aller und durchzählen“, hörte sie über Funk eine fremde Stimme. „Prüft die Kommunikationskanäle, sichert wie besprochen die Umgebung bis hin zur nördlichen Erhebung. Ares wird in wenigen Augenblicken in unserer Mitte erscheinen. Ich will eine Sicherheitszone von zweihundert Metern.“
Unmittelbar darauf antworteten andere Stimmen über Funk, gaben ihren Namen und Dienstnummern an. Beliz, Martinez, Aachon, Kromar und noch ein paar Weitere. Weißwolf versuchte, sich die Stimmen einzuprägen, soweit es ihr möglich war.
„Narya“, ließ sich auch Weißwolf geistesgegenwärtig vernehmen und gab ihre Identifikationsnummer sowie den Code der Abteilung durch, die sie hier verkörperte.
„Meldungen erfolgt. Erstatte Bericht“, sagte eine andere Stimme kurz darauf schließlich. „Kommunikationskanäle gesichert.“
„Sicherheitszone grün.“
„Die Signale entsprechen der Norm. Nichts, was sich regt in unserer Nähe“, sagte Kromar.
„Weiß denn einer mittlerweile, was genau wir hier tun sollen?“, fragte die Stimme einer Frau über Funk, die Weißwolf vorher nicht zuordnen konnte.
„Nein, Teressis“, ließ sich die Stimme vernehmen, die zuvor zur Kennung aufgefordert hatte. „Wie es so ist, mit den reichen Söhnen, sind sie eher verschlossen und feiern irgendwo ohne Vorwarnung. Ich bin diesbezüglich schon froh, dass wir einen Moment vor ihm reisen konnten, um hier die Lage zu sicheren. Das Chaos, zeitgleich anzukommen, hat mir bei seinem letzten Trip gereicht.“
„Da war sie nicht dabei, Hartmann“, meinte ein anderer, „sie ist neu in der Garde.“
„Wie schön, Frischlinge. Mal sehen, wie-“, Hartmann stockte. Die Instrumente von ihnen schlugen aus, es schien sich ein Transfer anzubahnen. „Na schau, da kommt der hochwohlgeborene Laffe. Liefen die Wetten schon, welche Torheit er diesmal wohl begeht?“
„Ja, zur Auswahl standen dieses Mal Massaker, Naturkatastrophen, kulturelle Blödheit und, Plot Twist, überhaupt kein problematisches Ereignis“, meinte Martinez.
„Schockschwerenot, hat wirklich jemand auf eine Niete gewettet?“, fragte ein anderer währenddessen.
„Schräg“, überlegte Hartmann, „das ging an mir vorbei. Ist es zu spät, um noch auf ein Massaker zu setzen?“
„Ist notiert.“
Weißwolf nahm die Diskussion darüber, in welches Fettnäpfchen Ares wohl dieses Mal treten würde, durchaus amüsiert zur Kenntnis. Seit ihrem Fortgang vom Ministerium, wo sie zumindest indirekt hin und wieder mit der imperialen Familie zu tun hatte, schien sich nichts an der Abneigung gegen diesen Mann geändert zu haben.
Schließlich materialisierten Ares, deutlich sichtbar in einem rubinroten Skaphander, zusammen mit zwei Personenschützern des Geheimdiensts in der Mitte ihres Verteidigungskreises.
„Genug jetzt“,gebot Hartmann, um die vorherigen Diskurse abzuwürgen. „Aufmerksamkeit nun, achtet den Sicherheitsbereich, während ich mich mit Ares bespreche. Haltet euch an unsere Kommunikationskanäle.“
Ares öffnete in der Zwischenzeit seinen Helm und blickte sich um. Er war ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit blondem Haar und grauen Augen, die einige braune Tupfer aufwiesen.
„Herr, die Lage ist gesichert“, begann Hartmann, als er nahe zu Ares getreten war. „Was machen wir hier?“
„Wisst Ihr dies noch nicht?“, wunderte sich Ares und streckte die Arme aus. „Ist es nicht eindeutig, wo wir sind?“, rief er rhetorisch fragend und fuhr sogleich fort. „Wir, meine Lieben, sind in Griechenland. Diese Leute hier sind noch ignorant gegenüber großen Taten. Diese armen Narren wissen noch nicht, wie ihnen geschehen wird, doch sie werden die Früchte des Wissens schon ernten. Nicht mehr lange, dann wird es hier eine neue Zeitrechnung geben. Sagt, wo geht es gen Troja?“
Ein Moment des Schweigens bei allen Beteiligten. Hartmann antwortete, dass man dies prüfen müsse.
Ares bei den Griechen oder wenigstens dem, was diese zum damaligen Zeitpunkt waren, wunderte sich Weißwolf währenddessen und sie selbst mitten drin in dieser großen Sage. In jener Phase der Geschichte gab es immerhin jene anatolische Zivilisation der Luwier sowie die Achaier des antiken Griechenlands, wobei beide Gruppen keineswegs homogene Völker darstellten.
Dies klang wie Realsatire in ihren Ohren. Fragte sich nur, wozu dieser Mann hier war, doch ließen seine Worte nichts Gutes vernehmen. Sie wünschte sich die Minibar hierher, um den Blödsinn dieses Schmocks zu ertragen.
„Fällt das jetzt schon in kulturelle Blödheit? Dann habe ich gewonnen“, sagte Beliz triumphierend.
„Warten wir mal ab, der Tag hat ja gerade erst begonnen“, mahnte Hartmann. „Die geotemporären Daten sind korrekt. Wir sind hier gerade um elfhundert vor Christus.“
Weißwolf dämmerte allmählich, was Ares hier vorhaben könnte. Offen blieb für den Moment, wie sie seine Nähe kommen sollte. Die Personenschützer schienen auf jede Regung zu achten, diesem Hartmann oblag die Kontrolle der Einheit und sie wusste nicht, wie sich diese Narya sonst verhielt.
Jede Regung oder Nicht-Regung war eine Gefahr, drohte sie zu enttarnen. Doch Weißwolf entschied sich, fürs Erste zu schweigen und sich bedeckt zu halten. Vermutlich suchten weniger Leute die Aufmerksamkeit als umgekehrt.
„Herr“, meinte Hartmann schließlich, „wir müssen uns nach Norden wenden. Dorthin“, er zeigte in die entsprechende Richtung hinauf zu einer Hügelkuppe, „wo die Sterne bedeckt sind.“
„So führt mich dorthin“, gebot Ares feierlich. „Ich werde ihnen die Stärke der Götter präsentieren, sodass sie in alle Ewigkeit mein Antlitz bis zum modernen Zeitalter zeigen. Das wird so amüsant!“
Er war offenbar äußerst guter Laune. Auf ihrem Weg zu der Anhöhe sprach er ungerührt weiter. Ob zu sich selbst, zu Hartmann oder einfach um sich zu hören, wussten Weißwolf nicht zu sagen.
„Selbstverliebter Narr“, maulte Aachon.
„Das ist wirklich bizarr“, ließ sich Teressis vernehmen und sprach damit aus, was auch Weißwolf dachte. „So was macht ihr also, wenn es um Reisen mit der imperialen Familie geht.“
„Eigentlich nur mit Ares. Nun, ihr habt es gehört, auf nach Norden“, sprach Hartmann müde, „Teressis und Beliz, ihr beiden geht voraus und sondiert die Lage hinter dem Hügel. Ihr seid ohnehin am nächsten dran.“
„Jawohl“, sagten beide zeitgleich und nahmen einen schnellen Lauf ein.
Die anderen folgten. Zwei der Gruppe, Martinez und noch ein anderer, den Weißwolf nicht zuordnen konnte, bildeten die Nachhut. Weißwolf selbst wurde als Flankenschutz zugewiesen, um mit einem, der als Oren bezeichnet wurde, die Ostseite zu decken. Ihre Gedanken waren jedoch mehr auf Ares fokussiert als auf einen möglichen Angreifer aus Richtung der bald aufgehenden Sonne.
Wer sollte immerhin, gute zweitausendsechshundert Jahre vor ihrer eigenen Zeit, sie hier angreifen, geschweige denn, ihnen Schaden zu fügen? Selbst wenn Ares seine Deckung preisgab, indem er seinen Skaphander am Kopf geöffnet hielt, so war der Verteidigungsring groß genug, um die paar Stöcke und Steine, die ihnen drohten, rechtzeitig als Gefahr zu erkennen.
„Wie weit noch?“, raunte Ares bereits nach wenigen Minuten.
„Meine Güte“, ärgerte sich Aachon.
„Geduld ist ihm nun einmal fremd“, erklärte Hartmann. „Ein prächtiges Beispiel des Matthäus-Effekts gibt er allemal ab. Ich gehe nicht davon aus, dass er in seinem Leben sonst so oft warten oder schon selbst laufen muss.“
„Matthäus?“, fragte Teressis.
„Der Reiche bekommt des reichen Hemd“, meinte Weißwolf erklärend, da sich Hartmann scheinbar nicht dazu bereit erklärte. „Ein ursprünglich aus der Bibel stammender Vers, Matthäus 25 29. Auswendig kenne ich das nicht, aber es bedeutet so viel wie, dass der Aufstieg aus unteren Schichten einer Gesellschaft unverhältnismäßig schwer ist, während den Höhergestellten alles gegeben wird.“
Sie musste irgendwie aus der Deckung kommen und sich nähern, wenngleich dies für den Moment nur mit erklärenden Worten geschah.
„Im Wesentlichen“, bestätigte Hartmann, ehe er Ares über ihren Standort aufklärte.
Der Weg auf den Hügel war weiter, als gedacht. Die Ebene stieg nur flach an. Selbst ihre Vorhut um Teressis und Beliz, die schon schneller unterwegs waren, brauchten eine halbe Stunde. Schließlich ließ sich Teressis vernehmen, als die beiden auf dem Kamm angekommen waren.
„Ich habe die Stadt entdeckt.“
„Sammelt euch auf dem Kamm, gebt euch nicht zu erkennen. Sehen wir, was Ares weiter vorhat“, gebot Hartmann und klärte Ares auf. Dann wandte er sich wieder an die Teressis: „Wie ist der Lagebericht?“
„Nichts, was mir ins Auge stechen würde. Alles wirkt ruhig, doch wenn ich an die Geschichte denke, zeitigt sich hier ein Schlachten an. Innerhalb der nächsten Stunde sollte Agamemnon von Westen nahen. Das ist dieser griechi-“
„Dieser Mykenertyrann, der Troja schleift. Ich bin in den Lehrarchiven zur Geschichte bewandert“, schnitt Hartmann ihr das Wort korrigierend ab. Immerhin entwickelte sich die griechische Kultur erst später.
„Also will Ares hier den Helden spielen?“, überlegte Beliz.
„Vermutlich und das macht mir Sorge“, bestätigte Hartmann.
„Was kümmert uns das?“, fragte eine andere Stimme, die Weißwolfs Gedanken vorweg nahm. „Mit ihren Bronzemessern können sie uns ja kaum Schaden zufügen, geschweige denn überhaupt die Skaphander ankratzen.“
„Zugegeben haben sie vielleicht auch etwas Eisen hier. Troja war immerhin ein Sammelbecken des nahöstlichen Handels. Aber das ist nicht das Problem“, meinte Hartmann, als sie die letzten hundert Meter des Hügels nahmen. „Ares ist exponiert. Er schützt sich nicht und einem Jungspund, der sich hier als höchstes Element vor kampferprobten, wenngleich antiken Kriegern präsentieren will, kann sein unbedachtes Handeln dann auch durch ein Bronzemesser zum Verhängnis werden. So oder so werden wir hier die Geschichte dieser Welt umschreiben, vermute ich.“
Auf dem Hang angekommen blickte Ares zufrieden auf die Ebene unter ihm hinab.
„Grandios“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
„Teressis, Yang“, sprach Hartmann, während sich Ares seines Narzissmus freute, „ihr geht zum westlichen Hang. Martinez, Aachon, nach Osten. Narya überwacht das Areal von hier aus mit Leska und Oren. Alle anderen bleiben bei mir und Ares, Schutzkreis, wenn er sich bewegt. Den Rest müssen wir abwarten.“
„Achtet also auf Stöcke und Steine“, ließ sich Kromar vernehmen, einer der beiden übrigen, die Hartmann und die Personenschützer begleiten sollten.
Bald hatte Weißwolf alle Namen zusammen. Gleichwohl wurde sie hier als Nachhut abgestellt, was ihre Chance, an Ares heranzukommen, minimierte.
„Worauf warten wir, wann startet hier die Show?“, fragte Ares sichtlich gelangweilt.
„Ich brauche mehr Promille für diesen Kerl“, knirschte Beliz. „Glaubt er etwa, das sind Schauspieler?“
„So blöd kann keiner sein“, meinte Teressis.
„Wenn du dich da mal nicht irrst“, begann Kromar, als sie ihre Positionen einnahmen und die Region sondierten.
Hartmann klärte Ares derweil darüber auf, dass sie keine Kontrolle darüber hatten, wann Agamemnons Heer hier eintraf. Zwar wussten sie von den Aufzeichnungen her ziemlich exakt Tag und Tageszeit zu benennen, doch gab es stets eine gewisse Fehlertoleranz, die ihre Reise nicht ausgleichen konnte. Entsprechend, bei derartigen Reisen, wurde immer darauf geachtet, lieber zu früh als zu spät am Ort des Geschehens zu sein.
Seine Stimme hatte etwas Fürsorgliches. Ares nahm dies nicht wahr, doch für Weißwolf wirkte es, als ob Hartmann gerade einem kleinen Kind oder einem Beschränkten etwas zu erklären versuchte, was über seinen Horizont hinausging. Es schien bewundernswert, dass er es trotzdem versuchte.
Als er fertig war, wandte er sich an die anderen. Diese hatten sich über Funk in eine Diskussion über menschliche Dummheit und Reichtum treiben lassen.
„Funkstille ab jetzt“, gebot er, „berichtet über Veränderungen.“
Sie brauchten nicht lange warten, bis es zu Veränderungen kam. Beginnend mit der einsetzenden Dämmerung gab es Bewegung am Firmament im Westen. Teressis unterrichtete sie über die Bewegungen des Mykenerheeres, welches sich Segment für Segment voran schob.
„Sie gehen in Stellung“, sprach Ares fröhlich, „ein wundervoller Anblick. Sie sind so ahnungslos vor dem Geschick, das ihnen heute droht, vor der Stimme des Gottes, die sie gleich gewahren. Es ist ja so aufregend, all die Kämpfe, all der Tod, die hier gleich vonstatten gehen müssen!“
„Bereitet ihm das wirklich Freude?“, fragte Teressis entgegen der Funkstille, was ihr auch eine Ermahnung von Hartmann eintrug.
Das Heer positionierte sich. Einzelne wenige Reiter und Streitwagen, die das Heer mit sich führte, setzten unterdessen voraus, um andere Tore der Stadt in den Blick zu nehmen und Versorgungsrouten abzuschneiden. Auf dem von Troja aus südlich gelegenen Hügel nahm man dabei keine Notiz von Ares und seinen Beschützern. Sie waren zwar nur wenige hundert Meter weit entfernt, aber standen günstig genug, um nicht ins Auge zu fallen.
Es blieb bei einer wenig starren Schlachtordnung. Zwar waren die Phalanxkämpfer der Hopliten deutlich zu erkennen, doch bildete diese längst nicht die Übermacht des Heeres, sondern eher die Speerspitze desselben. Die allermeisten Soldaten in dem gut achttausend Kräfte ausmachenden Heer schienen von den anatolischen Alliierten zu stammen, deren Ausrüstung und Aussehen unterschiedlich war.
Währenddessen rückten auch die Trojaner, gewarnt von ihren eigenen Spähposten, aus und postierten sich auf den Mauern wie auch in Kampfreihen vor den Toren. Es schien den Zuschauern, zumindest jenen, die die historischen Aufzeichnungen sowie auch die modernen Berichte über die realen Abläufe der Schlacht kannten, bemerkenswert, wie ähnlich sich diese waren.
Zwar differierten Homers Aufzeichnungen in manchen Punkten von den Historikern, die innerhalb der Zeit zurück gereist waren und ihre eigenen Beobachtungen gemacht hatten. Doch vieles, was in der Ilias geschildert stand, konnte tatsächlich nachgeprüft werden.
Vereinzelte Leitern, Streitwagen und auch Rammen, die an Wagen gebunden waren, kamen auf mykenischer Seite zum Einsatz. Das Heer zog in die Schlacht und wurde von den Trojanern erwartet. Der Kampf brach ohne weitere Gespräche aus, die Negotiationen hatten bereits zwei Tage zuvor stattgefunden, wie man wusste.
„Schön“, ließ sich Ares vernehmen, „endlich geht es los.“
Tausende stürmten an der Trojaner Türme heran, wurden von Pfeilen und auch brennendem Teer begrüßt. Rauchsäulen erhoben sich an den westlichen Rändern der Stadt, wo vereinzelte Kräfte es geschafft hatten, sich überhaupt der Mauer zu nähern.
Die wenigen Streitkräfte an den Flanken konnten die ausbrechenden Trojaner derweil nicht aufhalten. Es schien der Mut der Mykener zu brechen, selbst die Reihen ihre Phalanx, die sich an mehreren Stellen vorwärts zu schieben versuchte, schienen zu schwanken und manche der Nachhut, griffen gar nicht erst ins Geschehen ein.
Es war die erste Niederlage von vielen, die noch anstehen würden in den zwei Jahren, die der Krieg währte. Zwei Jahre, von diesem Zeitpunkt an, in denen das Land und seine Bewohner verheert wurden. Denn auch wenn Troja als Festung intakt blieb und die Versorgung über sein Hinterlands sicherte, so marodierten die Mykener fortan in den umliegenden Gebieten.
Doch soweit sollte es in dieser Zeit nicht kommen. Ares trat unvermittelt vor und entschied sich zum Eingreifen. Er schoss ganz beiläufig seine Waffe ab, während er selbst den Hügel hinab stieg.
„Hier bin ich!“, rief Ares laut, wobei seine Worte im Kampfgetöse verhallten.
„Hat der gerade eine Granate abgefeuert?“, wunderte sich Yang.
„Mitten rein“, bestätigte Hartmann, als es unweit vor dem Tor der Stadt zu einer Detonation kam, die Mykener wie auch Trojaner auseinander riss. „Bleibt bei ihm, Positionen wie besprochen.“
„Nicht mal gut gezielt“, wunderte sich Kromar und folgte Ares.
„Oder recht gut“, überlegte Hartmann, „hat er doch beide Seiten getroffen und ich mag mir vorstellen, das war sein Ziel.“
„Nur hat keiner beschlossen, auf ihn zu reagieren“, sprach Leska.
Der Kampf ging ohne Unterbrechung.weiter. Der Kampflärm warm war zwar nicht imstande, die Detonation zu überdecken. Doch hatten nur die umliegenden Kämpfer die Detonation als solche wahrgenommen und ihrerseits keine Ahnung von der Herkunft derselben. Dass sich aus dem Süden die Gruppe um Ares näherte, bekamen nur wenige der Soldaten mit und dies waren jene, die nicht in den aktiven Kampfhandlungen steckten.
„Ey!“, fluchte Ares, der merkte, dass man ihm keine Beachtung schenkte. „Wollt ihr mich blamieren oder was? Verfickte Barbaren, zollt eurem Gott gefälligst Respekt!“
„Respekt“, kicherte Teressis, „aber klar.“
Ares feuerte erneut. In kurzer Abfolge schoss er noch drei weitere Granaten zu anderen Bereichen der Kampflinien ab, um die Konfliktparteien auseinanderzutreiben. Dieses Mal gelang den Detonationen, was seinen Worten nicht gelang.
Der Kampflärm verstummte, nach und nach sprach sich herum, was soeben geschehen war und die Kämpfer nahmen Abstand zueinander. Das Augenmerk derjenigen, die sich in ihren Schlachtreihen neu positionierten, die von ihren Offizieren und Gruppenführern neu geordnet wurden, richtete sich auf Ares und seine Begleiter.
„Endlich“, sagte dieser.
„Jetzt haben wir ihre Aufmerksamkeit“, raunte Hartmann, als sie nahten und man ihnen Platz machte. „Obacht jetzt!“
Zwischen den Heeren lag eine Schneise, die sich aus Angst verbreiterte, als die Gruppe in sie eintrat. In ihre modernen Rüstungen gekleidet, mit den vorherigen Detonationen angekündigt, würde es wohl einige geben, die Ares und seine Leute für Götter halten mochten.
In der Äquidistanz zwischen den beiden Heeren, nahe bei des ersten Einschlagkraters Rauch vor dem Tor, hielt Ares schließlich an. Weißwolf war in der Zwischenzeit von ihrem Posten gewichen und hatte sich den Rang hinab begeben. Wenn sie richtig lag, würde sich ein Gedränge anschließen, bei dem Ares in vorderster Reihe wäre, was ihr Zeit und Möglichkeit für den Auftrag verschaffte. Das Verlassen ihrer Position würde sie schon erklären können, wobei es schien, dass niemand darauf achtete.
Auch Oren und Leska traten, scheinbar von Neugier geleitet, in die Senke hinab und damit näher. Ernsthafte Gefahr fürchtete hier ohnehin niemand. Weißwolf fragte sich diesbezüglich nur, was Ares sonst so trieb. Denn dies war dem Vernehmen nach nicht seine erste wirre Tour.
„Es sieht aus, als wirken sie nervös“, bemerkte Ares erfreut beim Blick in die verdreckten, blutigen und schweißgezierten Gesichter der Soldaten.
Kaum jemand wagte es, zu reden, allenfalls ein vereinzeltes Flüstern fand zwischen manchen Kämpfern statt.
„Warum nahen sie nicht, sonnen sich in des Kriegsgottes Glanz?“, fuhr Ares selbstgerecht fort, wobei seine Frage tatsächlich auf Unverständnis beruhte.
„Vermutlich liegt es an den Granaten von vorher“, wunderte sich Teressis.
„Skandalös“, bestätigte auch Hartmann, ehe er Bewegung gewahrte. „Zwei kriegten es hin, die Schlachtreihe macht irgendwem Platz.“
„Von der anderen Seite auch“, sagte Kromar und hielt diese Person im Blick.
Tatsächlich traten aus beiden Heeren nahezu zeitgleich jeweils Personen heran. Sie waren in besonders verzierte Harnische gekleidet, der aus der Achaier Heer in Bronze, der Trojaner in dunkelgrau. Beide führten einen der Hopliten mit sich zur Verteidigung. In ihren Gesichtern stand dabei der zähe Wille und ein unerschütterlicher Charakter. Selbst wenn diese vier Furcht verspürten, so würden sie es niemandem wissen lassen.
Hartmann koordinierte derweil ihre Schutzzone. Er erfragte den Stand an der Peripherie bei Teressis, Martinez und Oren. Von keiner Seite drohte Gefahr, sodass sie den Kreis um Ares enger schlossen und nur noch drei einzelne Wachtposten zurückließen.
„Odysseus ist der Vordere, das andere scheint ein einfacher Soldat zu sein“, ließ sich Weißwolf vernehmen.
„Du bist gut informiert“, wunderte sich Hartmann.
„Ich habe die Aufzeichnungen intensiv studiert“, verteidigte sich Weißwolf, während Odysseus und der andere in einigen Metern Abstand vor Ares anhielt.
Odysseus begann, nach zumindest merklichem Zögern und seine Worte überlegend, mit kräftiger Stimme: „Authis en tautō ménete, kai stratòn amphotérous stásin es makràn ágete; oud' entháde g' esté. Tís póthen eî, xeîne?“1
„Póteron hē níkē hēmétērā estín? Tí tód' estin entháde?“, fragte Hektor, nicht minder mit einiger Verwunderung und auch gehöriger Vorsicht gegenüber den Fremden.
„Wisst Ihr auch, wer der andere ist?“, fragte Hartmann im Zuge des Gesprächs.
„Ich schätze Hector“, überlegte Weißwolf, „der hier Troja vertritt.
„Was soll denn dieser Scheiß!“, empörte sich Ares. „Dieser Kauderwelsch macht doch gar keinen Sinn!“
„Das ist definitiv kulturelle Blödheit“, frohlockte Beliz.
„In Altgriechisch bin ich leider nicht so drin, Herr“, meinte Hartmann.
„Hat er denn erwartet, dass man hier Gespräche in unserer Sprache startet?“, wunderte sich Teressis ungläubig gegenüber so viel Ignoranz.
„Erlaubt mir“, meinte Weißwolf spontan, da sie sich mit dieser Sprache auskannte, „auf Geheiß des hohen Herrn, dass ich mich nahe und der Leute Worte übersetze.“
Hartmann begrüßte den Vorschlag und unterbreitete ihn Ares. Dieser gab grünes Licht, auch wenn er die Verzögerung bemängelte und innerlich eine Blamage seines Anliegens ob der Sprachbarriere fürchtete.
Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf Weißwolf, die näher kam. Es war ein Glück für sie, dass sie dies verstehen konnte, beschränkte sich ihr hauptsächliches Wissen, die Sprachen, die ihr geläufig waren, doch eher auf den späteren griechisch-lateinischen Anteil.
„Bemerkenswert, wo Ihr überall reüssiert“, wunderte sich Hartmann. „Erst die historischen Kenntnisse, nun die Sprache dieser Leute. Mir scheint, diesen Teil hat man in den Akten vergessen.“ Dann legt mal los“, forderte er, nicht zuletzt, weil die Heere unruhig wurden.
„Ich habe auch mal Freizeit und halte mich für alles Mögliche bereit“, erwiderte Weißwolf knapp gegenüber dieses Zweifels, ehe sie sich an Ares wandte, „Herr, diese Leute wünschen zu erfahren, wer ihr seid.“
„Ich bin ihr Gott“, wunderte sich Ares, „wer sonst?“
Weißwolf überlegte einen Moment. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht. Zuerst wandte sie sich allgemein an die Parteien und stellte Ares mit einem Fingerzeig vor, ehe sie sich direkt an Odysseus wandte und ihren Kampf würdigte. Gegenüber Hector schlug sie einen schärferen Ton an und gebot, nicht vorschnell vom Sieg zu sprechen.
Sie nahm mit einiger Sicherheit an, dass sich Ares auf die Seite von Odysseus stellte und hier ein Massaker verüben würde. Würden sich die Trojaner zurückziehen, könnte dies möglicherweise verhindert werden, sodass sie Hector nahelegte, für sein Wohl und das Wohl seines Volkes hier den Rückzug anzutreten und die Niederlage im Angesicht des Kriegsgottes zu akzeptieren.
„Pro Áreōs héstāte, tou hymetérōu theoû, hos ex archês hymâs epeskópei. Hymeîs mén, Achaioí, kalôs epolemēsate; engỳs mén tês níkēs esté, oúpō dè tōn pónōn tò télos hḗkete. Hymeîs dé, Trôes, mē prothýmōs perì níkēs légein epicheireîte. Nŷn gàr pántes, ō Trôes, en tō̂ eléei tou Áreōs esté, kaì pròs autòn tòn thánaton héstāte; diò deî hymâs sōphrónōs toùs lógous poieîsthai, epeì mían pleuràn mâllon haireîtai. Anachōreîn oûn hymâs symbouleúō, kaì ekeínou héneka kaì hēmôn; ei dè mē, syn tē̂ pólei kaì tō̂ laō̂ tḕn aúrion hēméran ouk ópsesthe.“2
Ein Raunen ob dieser Worte, die von Odysseus und Hector sinngemäß zu den Beistehern und von diesen an die Heere weitergegeben wurden, machte sich unter den Männern beider Seiten breit. Es wirkte nicht so, als würde man sich zurückziehen. Die Personenschützer, Hartmann und die anderen erwarteten bereits die Konfrontation und ließen insbesondere die nahen Bogenschützen nicht aus den Augen, um Ares zu schützen.
„Was hast du ihnen gesagt?“, fragte der hohe Herr währenddessen formlos an Weißwolf gerichtet. „Sie wirken jetzt nicht sehr eingeschüchtert.“
„Herr“, begann Weißwolf, die die Gespräche zwischen einzelnen Soldaten und auch zwischen den Heerführern und ihren Beschützern wahrnahm, „ich erklärte Ihnen, wer Ihr seid. Doch zweifeln sie an Eurer Größe. Es mag sein, dass sie wollen, dass Ihr diese Zweifel widerlegt.“
Ein Grinsen trat in Ares Gesicht. Es war nach seinem Geschmack, dass endlich etwas mehr passierte als dieses Palavern die ganze Zeit.
„Ah“, freute er sich, „die Blöße gebe ich mir gern. Sagt dem da“, Ares zeigte auf Hector, „dass ich seinetwegen hier bin. Nach ihm ist die Stadt dran.“
Weißwolf konnte nicht verhindern, dass es zur Konfrontation kam. Hector hatte nicht die Chance, die Waffen niederzulegen, aber dem Anschein nach hätte er dies nicht getan. Zumindest waren nach einigen Gesprächen keine Rückzugsbemühungen sichtbar, im Gegenteil. Man setzte eher grimmigere Mienen auf. Er war ein erhabener und zwar vernünftiger Prinz, doch musste er auch sein Gesicht hier wahren.
„Hoútōs arxásthō. Áxioi autoû esómetha“3, sprach Hector entsprechend, trat vor und zog sein Schwert, welches er in Richtung Ares zeigen ließ.
„Haltet ein“, gebot Hartmann der Schutztruppe, als bereits die Personenschützer vortreten wollten.
„Herr, wie gut seid Ihr mit dem Schwert?“, fragte Weißwolf, die Szenerie sinngemäß wiedergebend.
„Das will er also? Bitte sehr.“
Ares freute sich sichtlich. Sehr zum Erstaunen der Übrigen zog Ares zwei Schwerter und trat seinerseits vor.
„Okay“, wunderte sich Hartmann, „das sah ich jetzt nicht kommen.“
„Ich hätte erwartet, dass er ihn einfach erschießt“, meinte Teressis, die sich durch das Eingrenzen der Schutzzone genähert und nun alles gut im Blick hatte.
Den Soldaten der beiden Heere schenkte kaum jemand mehr Aufmerksamkeit. Einzig diejenigen, die am nächsten bei Ares standen, sicherten noch die direkte Umgebung. Doch sonst schien es, als bestand keinerlei Gefahr.
Während Ares näher zu Hector und seinem Begleiter trat, wich Odysseus ein Stück zurück. Er war definitiv der Vorsichtigere von beiden und nicht erpicht darauf, hier einen Kampf zu führen.
Ares bewies durchaus Talent im Schwertkampf und schien sich auch hierfür vorbereitet zu haben. Hector hielt sich anfangs gut, führte einzelne Hiebe aus, doch sah man bereits nach wenigen Gegenschlägen von Ares, dass die Ausrüstungen der beiden Kämpfer verschiedener nicht sein konnten.
Ares spaltete erst den Schild Hectors und schlug anschließend sein Schwert bei Seite, ehe er dessen Schwertarm mit dem Schwung der anderen Waffe am Ellbogengelenk abtrennte. Hector hielt sich, auf die Knie fallend, den blutenden Stumpf. Es war ein eher kurzes Spektakel, welches die absolute Unterlegenheit eines der besten Achaier zeigte, die diese Zeit gesehen hatte. Ein letztes Mal kreuzten sich die Blicke von ihm und Ares, ehe der Prinz aus einer anderen Zeit den Kopf des Trojaners abschlug.
Der andere Kämpfer, der sich bei Hector befunden hatte, wich zu seinem Heer zurück. Dies würde ihnen zu denken geben, schätzte Weißwolf und sie hoffte inständig, dass man wenigstens jetzt Vorbereitungen für eine Flucht traf, um ein Gemetzel zu verhindern.
„Jetzt diese da“, forderte Ares mit einem Schwertzeig auf Odysseus. „Sollen sie es wert sein, errettet zu werden?“
Entsprechend richtete sich Weißwolf an diese: „Oi Achaioí tóra!“
Von diesen hatten sich bereits zuvor einige bereit gemacht. Sie hatten wohl kommen sehen, dass sie ebenso an der Reihe waren, ihren Mut und ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, um sich in den Augen des Kriegsgottes als würdig zu erweisen. Im Gegensatz zu Hector, der alleine nach vorn getreten war, rücken die Griechen zu dritt an.
„Aias, Teucer und Agamemnon, Herr“, erklärte Weißwolf nach einem fragenden Blick von Ares. “Ich nehme an, einer von ihnen wird kämpfen wollen.“
„Sie sollen alle!“, forderte Ares siegessicher.
„Ihr wollt ihr Oberhaupt töten? Agamemnon, der in ihrer Mitte, ist ihr König“, gab Weißwolf zu bedenken.
„Schweige lieber“, mischte sich Hartmann ein, „das Letzte, was du tun solltest, ist hier zu widersprechen. Lass ihn einfach machen, sonst bist du noch der Nächste.“
Ares kümmerte sich derweil nicht um Weißwolfs Einwurf. Er breitete seine Arme aus und schritt den drei Kämpfern entgegen. Diese schienen überrascht, dass dies kein herkömmliches Duell sein sollte, waren jedoch zum Kampf bereit und umringten Ares.
Dieser erwies sich als genauso versiert wie zuvor. Den Angriff von Aias, der von links kam, blockte er, indem er diesen entgegen trat, parierte und den Achaier mit einem Tritt gegen dessen Schild von sich stieß. Teucer und Agamemnon konnten so rasch kaum reagieren.
Daraufhin wandte sich Ares sich den beiden anderen zu. Die Kraft, die Ares innewohnte, sah man ihm wahrlich nicht an. Sicherlich spielte sein Skaphander auch eine Rolle, da die Hydraulik seine Bewegungen unterstützte und die Kräfte intensivierte, doch hatte er hierfür eindeutig trainiert. Seine fließenden Bewegungen, seine präzisen Hiebe und seine Haltung schienen dem Können von trainierten Schwertkämpfern in nichts nachzustehen.
Bei allem Standesdünkel, den dieser Mann besaß, musste Weißwolf für sich zugeben, dass er hier keine schlechte Figur abgab.
Agamemnon, ein Mann in seinen späten Fünfzigern, aber dennoch nicht minder stark und agil, wurde derweil von einem Hieb mit beiden Schwertern zur Seite geschlagen, sodass Teucer als einziger noch stand und zumindest den Skaphander von Ares streifen konnte. Es kümmerte diesen wenig.
Während sich die übrigen beiden aufrichteten, machte Ares kurzen Prozess mit Teucer. Erst traf sein rechts geführtes Schwert die Klinge des Achaiers auf eine dermaßen heftige Art, dass es zerbrach. Direkt im Anschluss zerschnitt Ares die leichte Rüstung seines Kontrahenten mit der links geführten Klinge und bohrte sein anderes Schwert schließlich tief in Teucers Brust.
Aias versuchte, diesen Moment zu nutzen und von hinten zu attackieren. In jenem Moment waren die übrigen Anwesenden kurz davor, einzugreifen, da sie um das Leben von Ares fürchteten. Doch dieser war geistesgegenwärtig genug, den Todesstoß von Teucer auszuführen und sich rasch danach den anderen Kontrahenten zu widmen. Er wusste, dass er ihnen nicht den Rücken zudrehen durfte.
Agamemnon, ebenfalls wieder kampfbereit, griff fast zeitgleich an. Er kam jedoch einen Augenblick zu spät, sodass Aias bereits blutend nach einem Treffer am Bein zu Boden ging und Ares dessen Brust mit seinem Schwert durchbohrte, ehe er der Achaier König erneut zu Boden schickte. Ares trat dessen Schwert bei Seite und kam gelassen näher.
„Antiker Heldenmut“, lästerte Oren. „Das haben sie davon.“
„Macht er nicht weiter?“, wunderte sich Yang.
Ares stand über Agamemnon, der auf dem Boden liegend auf sein Ende wartete. Er fand keine Worte, wollte weder um sein Leben flehen, keine Geschenke für das Leben anbieten und auch kein Gebet sprechen, sondern er akzeptierte sein Schicksal. Er stand dem Gott des Gemetzels, des Blutbads, gegenüber und wusste, dass dieser nicht verhandelte.
Doch er starb nicht.
„Dieser hier soll leben“, meinte er mit einem Blick zu Weißwolf. „Er soll meinen Mythos weben.“
Während Ares zurück trat, ging Weißwolf zu Agamemnon. Scheinbar waren ihre Worte, dass er der Achaier König war, doch bei Ares angekommen.
Sie brachte ihm die frohe Botschaft seines Überlebens: „Oudemían entháde échete elpída tò theîon métallon diatrêsai, mḗti ge tòn autò phéronta, Agamémnona. All’ ho Árēs toùs pónous hymôn timâi kaì tḕn spoudḕn antapodídōsin, ō Achaioí, hína tou kléous autoû kaì tou eléous légein dýnēsthe.“4
Anschließend wandte sich Weißwolf alle Achaier. Sie gemahnte sie daran, den Kult um Ares zu würdigen, wenn sie denn weiter leben wollten.
„Pántes oûn hymeîs, Achaioí, tòn hēgétēn hymôn sṓzein eásesthe, eàn tòn Árēn ek tou nŷn timâte kaì sébēsthe.“
Freilich stand Ares nur zum Schein hier auf ihrer Seite. Diesem Mann genügte es, sich hier zur Schau zu stellen und diese ganze Zeitlinie auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht war irgendwann immerhin eine Rückkehr möglich, dann könnte er sein Werk betrachten. Dann könnte er sehen, ob Statuen von ihm errichtet wurden und der Kult des Ares über den brutalen Aspekt des Krieges hinausging.
„Was auch immer Ihr sagt“, überlegte Hartmann, „Euer Tonfall gefällt mir.“
„In den Gesichtern dieser Narren steht das Grauen geschrieben“, Ares gab sich zufrieden. „Wundervoll! Sie werden sich merken, was hier passierte und ich kann mir die Stadt vornehmen. Sag diesen Barbaren, dass sie jetzt angreifen sollen. Sag ihnen, dass sie jetzt für mich kämpfen und voran rücken sollen, denn ich werde ihnen den Weg öffnen. Jetzt beginnt der richtige Spaß.“
Weißwolf überlegte einen Moment, welche Worte sie hier wählen sollte. Ihre Versuche, die Opferzahlen zu begrenzen, waren bislang fruchtlos geblieben. Sie stellte sich zunächst in Hörweite der Trojer.
„Hymeîs dé, Trôes, nŷn epì tō̂ monopatíō Árēos kaì Achaíōn keîsthe. Oudemían en tē̂de tē̂ hēmérā eléous peísesthe, oudè níkē hymîn epì télous toûde toû hēmérou éstai. Krýptesthe kaì elpízete mē heurethênai, pheúgete kaì elpízete mē lēphthênai; all’ ho agṓn mátēn éstai. Nŷn gàr pròs tḕn orgḕn toû Árēos héstēte.“
Weißwolf gebot den Trojanern, eher zu flüchten oder sich zu verstecken, statt den Kampf zu suchen. Sie standen, so Weißwolf, nun der Wut von Ares gegenüber, der sie nichts entgegensetzen konnten. Es würde keinen Sieg hier geben, nicht einmal eine ehrenvolle Niederlage, sondern nur das Gemetzel einer vernichtenden Schlacht.
„Katéchete dè hymâs, héōs àn hai pýlai anoichthôsin. Chrḗsasthe tē̂de tē̂ hēmérā, kaì poieísthō hékastos hymôn mnḗmēn tōn entháde sḗmeron genēthéntōn“, führte Weißwolf sodann gegenüber den Achaiern aus.
Sie forderte, dass sich die Truppen solange zurückhalten sollten, bis die Tore von Ares geöffnet wurden. Sie wiederholte außerdem den Teil, dass dieser Tag besser in Erinnerung behalten werden sollte, um Ares auch zu würdigen.
„Es ist getan, Herr“, sprach Weißwolf für alle verständlich. „Ihr könnt nun beginnen.“
Ares, der es ohnehin schon kaum erwarten konnte, zögerte keine Sekunde. Er hatte bereits eines seiner Schwerter weggesteckt und seine Gaußwaffe bereit gemacht. Nun, auf Weißwolfs Kommando, feuerte er Granaten in die Reihen der Trojaner ab, die sich eilig davon zu machten suchten. Sie hatten jedoch kaum eine Chance.
Zwei Geschosse trafen das Tor, andere die Wälle in der Nähe. Stets wurden klaffende, rauchende Löcher zurückgelassen.
Ares setzte sich mit Schwert und Schusswaffe bewaffnet in Bewegung und stürmte voran gegen die Stadt. Er kannte kein Maß, keine Gnade, sondern schlachtete alle, denen er habhaft werden konnte, seinem Namensgeber gleich ab.
„Großartig, noch mehr Leute“, ärgerte sich Hartmann diesbezüglich. „Bleibt bei ihm, dass ihr mir Ares nicht aus den Augen lasst!“
Die Achaier waren zwar verängstigt und beeindruckt zugleich von der Macht, die ihnen hier den Weg ebnete, erinnerten sich jedoch der mahnenden Worte Weißwolfs und griffen an.
Denn mehr Angst machte ihnen diese Prophezeiung, sodass sie sich lieber in die Schlacht stürzten, vor allem im Rücken von Ares, als dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einige wenige Trojaner, die versuchten, die Reihen zu ordnen und etwas Widerstand zu leisten, etwa Glaucus und Aeneas, starben früh durch Ares' Hand. Der Rest, der in blinde Panik verfiel und kaum zur Verteidigung imstande war, wurde in der Welle des achaischen Ansturms wider Troja beiseite gefegt.
Weißwolf wusste, wie fatal diese Tode für die weitere Geschichte sein dürften. Sie konnte das wahre Ausmaß jedoch kaum abschätzen. Sicherlich war viel, was in den Legenden von einst übermittelt wurde, revidiert und durch die Nachforschungen der Gelehrten in der Vergangenheit präzisiert worden. Doch war es tatsächlich Aeneas, der nach einer längeren Fahrt an den Küsten des Mittelmeerraums mit den Überlebenden seines Volkes in das Land der proto-villanovanischen Kultur kam. Die alten Legenden erwiesen sich nicht als die Fantasiedarstellungen, für die man sie jahrhundertelang hielt.
Dort, in der Region, aus der später das römische Reich erblühen sollte, vermischte sich die Blutlinie von Aeneas mit den Einheimischen. Seine Legende wurde verfälscht, aber doch in Ansätzen, mit dem Kern einer Wahrheit, weiter getragen.
Nichts von alledem würde nun jedoch auf dieser Welt geschehen. Sie war nun verändert worden, wie so viele Welten, die die Menschen ihrer Zeit bisher besucht hatten und bisher wusste niemand, wie sich ein solcher Makel konkret entwickeln würde. Immerhin war es ihnen trotz aller Fortschritte noch nicht gelungen, den selben Kosmischen Faden anzusteuern, den man bereits einmal angesteuert hatte. Jedes Mal tat sich stattdessen eine neue Welt auf. Weißwolf hatte dieses Szenario schon oft genug gesehen und es tat ihr leid, dass dergleichen tagtäglich durch die Kommerzialisierung der Zeitreisen geschah. Ares, der hier aus Gründen seines eigenen Dünkels wütete, war, was das anging, längst nicht alleine. Viele Menschen suchten so etwas wie Urlaub, Abwechslung, Ablenkung oder das Ausleben ihrer barbarischen Instinkte in den sanktionierten Einrichtungen, die Zeitreisen unter der Ägide des Ministeriums für temporale Reisen anboten.
Doch Weißwolf hatte wichtigere Dinge zu tun. Das Leid dieser Welt, aller Welten, konnte sie nicht verhindern und auch wenn die Zeit hier anders laufen würde, so würde sie doch überhaupt weiter gehen. Nicht so wie manche Welten, die wohl völlig verheert wurden, weil jemand in Kriege und Krisen der späteren Zeit in eine Weise eingriff, die die ganze Welt brennen ließ.
Weißwolf nutzte die Gelegenheit des ausbrechenden Chaos. Während Ares nach vorn stürmte, rief sie den Griechen noch einmal ein Kommando zu, dass sie ihrem Gott nun ebenfalls folgen mögen: „Hépesthe tō̂ theō̂ hymôn! Hépesthe autō̂ kaì lábete tà hymétera!“
Sie selbst hielt sich dicht bei Ares, so wie die anderen und gedachte, in dem Treiben nun den Chip an Ares zu platzieren. Durch Hartmanns Befehl und ihre sprachlichen Kenntnisse gab es die Möglichkeit, bei Ares zu bleiben.
In einzelnen Teilen der Stadt bildeten sich Feuer, Rauchsäulen stachen in den Himmel und Hunderte versuchten, die Stadt über die östlichen Wege zu verlassen. Das Hinterland war offen, auch die Flanken waren durch den vormaligen trojanischen Geländegewinn ohne Widerstand und es wirkte nicht so, als setzten die Achaier nach.
Diese schienen sich stattdessen nur auf das Innere der Stadt zu konzentrieren. Vermutlich hegte niemand den Wunsch, sich allzu weit von Ares zu entfernen und wähnte sich mit diesem innerhalb der Stadtmauern sicher. Gleichzeitig vermieden es die Achaier, allzu nahe an die Delegation von Ares heranzurücken.
Durch die hohe Truppenpräsenz war es für die Zivilisten, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, noch schwerer, sich zu verstecken. Wer auf den Straßen aufgegriffen wurde, wurde zumeist getötet, vergewaltigt oder als Sklave verschleppt. Dies hing ganz am Alter und Geschlecht der Opfer, wobei Männern und auch älteren Knaben in der Regel der Tod zuteil wurde.
Weißwolf nutzte, beim Aufstieg zum Hügel, auf dem sich der Palast stand, die Unaufmerksamkeit von Ares aus. Dieser war seinerseits mit Mord und Brand beschäftigt und bekam nicht mit, dass Weißwolf den ersten Teil ihres Plans erfüllte. Der Chip war platziert. Eine Granate, die der imperiale Prinz aus zu kurzer Distanz in ein Haus gefeuert hatte, half ihr dabei zur Deckung.
Erst am Palast auf dem mittleren Hügel der Stadt stoppte Ares. Statt sich weiter dem Gemetzel hinzugeben, jagte er einige Granaten durch die Eingangspforte und brachte den Bau zum Einsturz. Vermutlich, schätzte Weißwolf, hatte Ares ohnehin keine Idee, wer zur königlichen Familie der Stadt gehörte, sondern wollte nur deren Palast brennen sehen.
„Der liebliche Klang der Schreie“, sprach Ares fröhlich im Angesicht der Feuer. „Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen und meinem Namen Erinnerung verleihen“, prophezeite er.
Hartmann dirigierte seine Leute währenddessen auf Positionen um den Palast herum. Weißwolf beließ er bei sich, um für weitere Übersetzungen gewappnet zu sein.
Vom Hügel aus hatte Weißwolf einen guten Blick auf den südlichen und westlichen Teil der Stadt. Das Ausmaß der Zerstörung wurde nur allzu deutlich. Die Straßen waren von Soldaten gesäumt, die sich an Gütern, Tieren und Menschen bedienten. Die Gegenwehr der Trojaner, die zumindest für wenige Opfer unter den Achaiern sorgte, war längst erloschen.
Nach und nach ebbte der Lärm des Massakers ab. In dieser Zeit schritt auch Odysseus zu der Gruppe auf dem Hügel hinauf, die auf Ares nächste Anweisungen wartete. Dieser schien sich an dem Elend jedoch nicht sattsehen zu können. Jedenfalls machte er keine Anstalten, irgendwelche Befehle geben zu wollen, sondern blickte beständig in die Trümmer der Stadt.
„Euer Einsatz, Narya“, meinte Hartmann gegenüber ihrem Gast.
Er war der einzige, der sich scheinbar überhaupt getraute, den Hügel aufzusteigen und mit den Fremden, mit den Göttern, zu sprechen. Weißwolf bezweifelte, dass Agamemnon ihn geschickt haben könnte.Sie nahm an, dass er hier aus freien Stücken war, war doch seine Neugier gut überliefert.
„Pôs gégonen hóti hoi hēméteroi theoí tḕn hēmetéran glôttan ou légousin“, fragte Odysseus nach kurzem Abwarten an die vor ihn getretene Weißwolf. Er wollte wissen, warum die Götter ihre Sprache nicht sprachen.
Weißwolf war erstaunt ob der klugen Gedanken dieses Mannes. Man hätte meinen mögen, dass er ihr Schauspiel durchschaute, dass er sie keineswegs für Götter hielt. Doch gemessen an der Zeit und den Wundern ihrer Technik schien dies keine naheliegende Erklärung zu sein.
„Was will er?“, fragte Ares.
Weißwolf wusste, dass sie Odysseus' Frage nutzen musste. Sie würde versuchen, diese Leute soweit wie möglich in Sicherheit zu bringen. Mit den fehlenden Sprachkenntnissen auf ihrer Seite, zumindest soweit es den Anschein machte, sollte dies gut gelingen.
„Er fragt, gegen welches Reich Ihr, Herr, ihnen als nächstes beistehen werdet“, log Weißwolf anstandslos.
Ares konnte sich ein Auflachen nicht verkneifen.
„Scheint so, dass ihm gefällt, was er hier sieht. Sag ihm“, befahl er, „dass er erst einmal meinen Tempel bauen und meine Statue anbeten muss, ehe ich wieder von mir hören lasse“, meinte Ares weiter und wandte sich wieder der Szenerie der verheerten Stadt zu.
Weißwolf gehorchte nicht.
Zwar schien es, als würde Hartmann einen Teil der Worte verstehen und zur Kenntnis nehmen, dass diese nicht ganz mit der Forderung von Ares übereinstimmten. Doch falls er dies tatsächlich gewahrte, so sagte er zumindest nichts.
„Tís d’ àn eípoi hóti mónoi theoì hoi hyméteroí eisin? Pleíōn gàr estin ho kósmos kaì agrióteros ḕ phroneîte, kaì thnētoîs oudépote tḕn tōn theō̂n phōnḕn exeînai syniénai. Egṓ dè oudèn pléon ḕ phérōn lógon tou despótou eimí; kaì dià toûto légō: paúsasthe ḗdē kineîn tḕn orgḕn tou Árēos. Eucharisteîte autō̂, hō̂ tò haîma kaì ho pólemos phíla, kaì eúchesthe, ouk elpízontes, allà deómenoi, mḕ pote kaì en tō̂ méllonti hetéran pleuràn hairḗsetai“, sagte Weißwolf, die sich in der Rolle eines Orakels gerade ganz gut gefiel.
Weißwolf erklärte die Sprachbarriere mit einer göttlichen Sprache, die die Sterblichen nicht verstehen konnten. Es war jene fundamentale Grenzen zwischen den Sterblichen und den Göttern, die sich auch in vielen griechischen Tragödien widerspiegelte. Zugleich bemerkte sie, dass die Götter, als die sie hier gesehen wurden, nicht nur für die Achaier da waren, sondern auch für Menschen an anderen Teilen der Welt.
Sie gab Odysseus außerdem zu bedenken, dass Ares hier nicht aus Gerechtigkeit gehandelt hat, sondern aus bloßer Willkür. Diese Menschen sollten dafür beten, geradezu flehen, dass sie nicht erneut seine Aufmerksamkeit auf sich zögen, denn sie könnten als nächstes in derselben Weise leiden wie die Trojaner.
Sie zielte darauf ab, dem Mann zu zeigen, dass sein antiker Horizont mehr als nur beschränkt war, hoffte jedoch, dass dies ausreichte, um die Gefahr zu verdeutlichen, derer er hier gegenüber stand.
Odysseus schien zu verstehen, jedenfalls sagte er nichts mehr und was auch immer er noch im Sinn gehabt haben mochte, vielleicht wirklich die Frage nach weiterer göttlicher Hilfe, ließ er bleiben.
Der Achaier war keine drei Schritte gegangen, da wandte sich Ares noch einmal an Weißwolf.
„Warte“, sagte er unerwartet, „hole ihn zurück.“
„Achaíe, stêthi!“, rief Weißwolf dem Achaier hinterher und trat mit Ares auf ihn zu.
Odysseus starrte wie vom Blitz getroffen. Der Schock war dem Mann, als er sich umdrehte, ins Gesicht geschrieben. Gemessen an Weißwolfs vorherigen Worten würde er wohl mit dem Schlimmsten rechnen. Wankelmut und Willkür, musste er wohl denken.
Dies umso mehr, da Ares sein Schwert zog und zu ihm hintrat. Weißwolf folgte, um übersetzen zu können.
„Ich gebe ihm das hier“, sagte er an Weißwolf gerichtet, „er soll es nehmen und in meine Dienste treten.“
„Sehr wohl“, meinte Weißwolf und Begann mit ausgewählten Worten. „Ídete; dôron parà tou theoû hymôn lambánete, hò mónos theòs doûnai dýnatai. Lábete autó, ágete dè tòn laòn hymôn di’ autoû, kaì nŷn íte.“
Wie befohlen klärte Weißwolf Odysseus über das Geschenk auf. Gleichzeitig machte Weißwolf klar, dass dies auch eine Anerkennung der Herrschaft des Odysseus war. Sie hielt diesen Mann, im Gegensatz zu Agamemnon, für besser in der Rolle des Königs geeignet.
Dies umso mehr, da Agamemnon den Krieg dieses Mal überlebt hatte und seine Ambitionen nach diesem Tag größer sein dürften, als nur ein paar widerstrebende Kolonien zurückzuerobern. Odysseus hingegen würde, so hoffte wenigstens Weißwolf, mit Diplomatie und Frieden versuchen mögen, den Zorn von Ares, überhaupt sein Erscheinen, gar nicht erst zu provozieren.
Natürlich waren dies nur Vermutungen von ihr, aber es war das Einzige, was sie tun konnte.
Odysseus nahm die Waffe an sich und verbeugte sich. Es schien, als würde er innerlich vor Angst und Glück beben. Als er sich abwandte und den Platz verließ, wirkte sein Gang nicht befreit, sondern fast zittrig.
„Er weiß auf jeden Fall, wie man sich inszeniert“, bekundete Hartmann gegenüber diesem Geschehnis.“
„Respekt, wem er gebührt. Dieses Präsent hätte ich auch nicht erwartet“, bestätigte auch Teressis, „wobei ich ihn trotzdem nicht ausstehen kann. Ein Narzisst, wie er im Buche steht.“
„Das ist der Geist jeder Scharade und je länger du ihn kennst, desto mehr wird sich das verfestigen“, bestätigte Hartmann gleichgültig. „Aber wir sind nicht hier, um einen Freund zu finden, sondern um unseren Job zu machen.“
„Nun gut, was gibt es denn noch hier?“, fragte Ares, der die mittlerweile weitgehend ruhige Stadt weiter betrachtete. Die Achaier ordneten ihre Regimenter, brachten die Gefangenen aus der Stadt und sortierten die Kriegsbeute.
Manche Feuer waren mittlerweile erloschen, andere fraßen sich noch immer als glimmende Ranken durch einzelne Teile der Stadt. Doch zumindest der Kampflärm hatte aufgehört. Nur hin und wieder gellten Rufe durch das eroberte Troja. Die Belagerung war vorbei.
„Wie viel Benedeiung benötigt er denn noch?“, raunte Yang. „Als ob wir hier Touristenführer sind.“
Hartmann blickte fragend zu Weißwolf, diese blickte ebenso fragend zurück.
„Geografisch wie historisch ist hier nichts weiter zu holen. Wir sind hunderte Kilometer von anderen Großreichen dieser Zeit entfernt“, sagte sie. „Ich gehe davon aus, dass wir hier fertig sind.“
Da Hartmann gleich das Wort ergreifen musste, trat Weißwolf hinter Ares und machte sich bereit, den Chip wieder an sich zu nehmen. Gerade in diesem Moment verschob sich die Aufmerksamkeit jedoch nicht zu ihr oder Hartmann, sondern auf ihre Instrumente.
Es gab mehrere kurze Pings auf den Anzeigen, die von Gefahr kündeten, mehrere Ausschläge der Sensoren, die nicht erklärbar waren. Die Ereignisse überschlugen sich fortan, als eine Detonation in unmittelbarer Nähe zu Ares und der hinter ihr laufenden Weißwolf stattfand. Beide wurden von der Wucht der Explosion zu Boden geschleudert.
„Hinterhalt!“, schrie Hartmann über Funk zeitgleich mit der Detonation. „Sucht Deckung, prüft die Flugbahnen!“
Geschützfeuer dröhnte. Niemand wusste, wer sie beschoss und auch niemand wusste, worauf sie schossen. Doch hatten sie die ungefähre Richtung erkannt und richteten ihre Abwehrschüsse darauf.
„Osten“, rief Teressis, „drei Uhr.“
Es war der Ernstfall, den sie nicht erwartet hatten, jedenfalls nicht in dieser Weise. Mit Stöcken und Steinen hätten sie gerecht, doch nicht mit modernen Kriegswaffen.
„Mein System erkennt nichts“, ließ sich Hartmann vernehmen, was auch die anderen bestätigten.
„Störsender“, sagte Teressis, „ich bekomme keine klaren Signale.“
Sie kämpften gegen einen unsichtbaren Feind. Zumindest lagen sie mit dem Abwehrfeuer richtig. Denn auch wenn weiterhin auf sie geschossen wurde und einzelne Granaten auf dem Palasthügel einschlugen, hatte sich das gegnerische Feuer reduziert.
Weißwolf erhob sich und wollte die Gelegenheit nutzen, um den Chip an sich zu bringen. Doch war sie auch an ihrem Überleben interessiert und musste sich zunächst in Deckung vor dem Geschützfeuer begeben, welches scheinbar exakt auf Ares gerichtet war. Die Treffsicherheit ihrer Gegner nahm Weißwolf zu jenem Zeitpunkt jedoch noch nicht als besonders problematisch wahr. Sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wer es auf Ares abgesehen haben könnte oder wie jemand auf diesen Kosmischen Faden gesprungen war.
„Nehmt Ares“, befahl Hartmann, „verschwindet von hier! Alle anderen Deckung suchen und Feuer erwidern!“
Doch sein Ratschlag kam zu spät. Noch ehe Ares' Leibwächter diesen erreichen konnten, trafen weitere Granaten in unmittelbarer Nähe zu Ares ein. Einer der Personenschützer wurde von einer Granate direkt zerrissen, der andere schwerst verletzt.
Auch Ares wurde ein weiteres Mal zur Seite geschleudert, kam dieses Mal jedoch nicht mit heiler Haut davon. Weißwolf, die den Chip zu erreichen versuchte, rannte durch die Einschlagkrater und Rauchwolken zu ihm.
„Die Instrumente versagen“, meinte Beliz, „wir werden nicht nur gestört, wir werden komplett lahmgelegt. Was sind das für Leute?“
Tatsächlich war dies das Letzte, welches Weißwolf über Funk hörte. Beliz hatte recht, irgendwer störte ihre Verbindungen und das nicht einfach so, sondern, so schien es, zielgerichtet. Alle ihre Frequenzen brachten nur noch Rauschen hervor. Selbst Radar und Lidar schienen unzuverlässig und vermochten es nicht einmal, die nähere Umgebung anzuzeigen, sodass sich Weißwolf nur auf Sicht orientieren konnte. Bei dem Rauch der Detonationen, die Einschläge hielten nach wie vor an, wurde diese Orientierung umso mehr erschwert.
Weißwolf musste sich Ares nähern. Es schien, als würde sich der Kampf verlagern zu jener Gruppe, die noch Widerstand leistete. Da die Sicht eingeschränkt und der Funk gestört war, schien der Moment günstig, um den Chip von Ares an sich zu bringen. Jetzt oder nie.
Sie begab sich geduckt in die Richtung, wo sich Ares zuletzt befunden hatte, doch fand sie diesen nicht mehr lebendig vor. Sein Körper lag zerschmettert von den Schrapnellen an einer nahen Steinwand. Die untere Hälfte seines Leibes war nur noch ein kohlenartiger Rest, sein Gesicht voller Blut. Er war nur schwerlich noch zu erkennen und dürfte nach dem Treffer kaum mehr gelebt haben.
Ehe sie jedoch nach dem Chip suchen und ihn an sich nehmen konnte, erfolgte eine letzte Kanonade, die sich gegen die noch lebenden Verteidiger von Ares richtete. Der gesamte Hang sowie auch die verschanzten Stellungen der anderen Verteidiger um Hartmann herum wurden mit Granaten überzogen, wobei auch in Weißwolfs direkter Nähe eines der Geschosse explodierte.
Sie wurde hart neben Ares an die Wand geschleudert, hatte jedoch Glück, dass ihr geschlossener Skaphander die Wucht der Druckwelle zum größten Teil abfing. Dennoch war der Schlag so verheerend, dass sie sich verschiedene Prellungen zuzog und unmittelbar beim Aufprall ihr Bewusstsein verlor. Eine weitere Granate, die kurz darauf noch einmal in ihrer Nähe einschlug, bekam Weißwolf nicht mehr mit. Erst im Anschluss verlagerte sich der Kampf in den Süden, wobei auch die dortigen Verteidiger keine Chance gegen die schweren Waffen ihrer Gegner hatten.
Alle, die Ares auf dieser Reise begleiteten, wurden von der Konfrontation mit den unbekannten Kräften, die keiner von ihnen überhaupt zu Gesicht bekam, völlig aufgerieben. Der Granatenbeschuss ebbte ab. Der Kampflärm verflog.
Weißwolf erwachte.
Inmitten der Asche des letzten Angriffs kam sie wieder zu Sinnen und versuchte, sich zu orientieren. Dass sie lebte, erstaunte sie. Gerade auch, weil das Erste, was sie sah, der zerfetzte Leib von Ares war. Nach den vormaligen Angriffen war sein Körper noch weiter zerschunden als zuvor.
Erst allmählich wurde ihr klar, was zuletzt passierte. Sie erinnerte sich des Hinterhalts und der Granaten, die zu dem gegenwärtigen Ruin geführt hatten. Doch wusste Weißwolf nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Ihre Instrumente waren nicht zu gebrauchen. Es schien ihr jedoch, als hatte sie zumindest den gesamten letzten Tag verpasst. In der Ferne dämmerte es bereits wieder und gemessen an dem umliegenden Dunst dürfte der vernichtende Angriff am Vortag geschehen sein.
Nicht nur der Palastberg, sondern ganz Troja lag unter einem dichten Rauch. Einzelne Feuer glommen noch immer, schickten rötliches Licht in den zwielichtigen Himmel hinauf.
Jede Bewegung schmerzte. Ausgehend davon, dass ihr das Atmen schwerfiel, ging sie von einer Rippenprellung aus. Darüber hinaus waren es auch starke Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit, die sie beeinträchtigten. Im schlimmsten Fall würde sie eine Fraktur des Brustkorbs sowie eine Gehirnerschütterung haben, doch war dies, gemessen an dem Hinterhalt, ein kleiner Preis. Zurückkehren konnte sie trotzdem nicht. Jedenfalls noch nicht.
Sie brauchte den Chip und möglicherweise Hinweise darauf, wer diesen Überfall gestartet hatte. Da keine unmittelbare Gefahr drohte, wandte sie sich Ares' Leib zu. Zu ihrem Leidwesen war auch der Chip zerstört worden, ihr Auftrag somit gescheitert.
Somit blieb nur, etwas über ihre Gegner herauszufinden. Dass man sie bislang nicht angegriffen hatte, zeigte Weißwolf, dass die Angreifer wohl selbst verschwunden und in ihre Zeit zurückgekehrt waren. Denn anders, als dass es sich ebenfalls um Zeitreisende handelte, konnte es nicht sein. Offen blieb, wo sie ein Zeichen würde finden können, um nicht mit gänzlich leeren Händen zurückzukehren.
Irgendwo musste sich etwas finden lassen, wiederholte sie innerlich hoffend und wandte sich ihren Displays zu, wandte sich ihren Erinnerungen zu. Was war passiert, was hatte Teressis gesagt?
Die meisten Anzeigen des Skaphanders waren defekt. Ein Reichweitenscan brachte eine Fehlermeldung, die Sensorik war zum größten Teil defekt und auch ihre Waffen waren unbrauchbar.
Funk funktionierte zwar, doch bekam sie keine Antwort auf ihre Anfragen. Einzig ein Signal eines Skaphanders konnte sie noch ausmachen. Teressis hatte überlebt, wie sie an der Kennung feststellte. Sie befand sich unweit des zentralen Hügels, irgendwo in den südöstlichen Ausläufern von Troja. Ihr erster Anhaltspunkte, sie musste dorthin.
Vermutlich hatte sie den unmittelbaren Bombardements entkommen könnten und versucht, sich zunächst in Sicherheit zu bringen.
In ihrer näheren Umgebung gewahrte Weißwolf die Leichen mancher anderer Beschützer von Ares. Hartmann war tot, genauso wie alle anderen, die zuvor bei ihr waren. Vermutlich dürfte keiner von ihnen zurückgekehrt sein, sondern war an Ort und Stelle aufgerieben wurden.
In der Stadt begegneten ihre tatsächlich noch einzelne Menschen. Es waren ausschließlich Bewohner, die in den Trümmern nach Essbarem oder anderen Habseligkeiten suchten. Die Achaier schienen sich zurückgezogen zu haben und gemessen an dem göttlichen Zorn, den sie in das Schauspiel hineininterpretiert haben mochten, taten sie nur recht daran. Der Blick hinab ins Tal, hinab zu der Stadt, zeigte Weißwolf nur zu deutlich, dass keineswegs gewöhnliche Waffen gewütet hatten. Es war militärische Artillerie, doch wie hatte man diese hierher bekommen?
Weißwolf bemerkte auch, dass der Kampf zuletzt noch eine Weile getobt haben mochte. Teressis, die zuvor im Osten des Palasts platziert war und als erste den Angriff mitbekam, schien südlich den Hügel herabgeeilt zu sein und sich innerhalb der Gebäude Deckung gesucht zu haben.
Sie fand Teressis bewusstlos auf der Seite liegend inmitten einer Ruine. Herabgestürzte Balken, zertrümmerte Mauern und Schutt lagen um sie herum, bedeckten sie zum Teil. Doch sie lebte.
Weißwolf legte ihren Körper frei und öffnete den Skaphander. Frisches Blut befand sich auf der Innenseite ihres Helms und Anzugs, sie war schwer verletzt.
Unter einzelnen Flüchen prüfte sie den Gesundheitszustand ihres vormaligen Kameraden eingehender.
Teressis' Puls ging schwach, aber stabil. Das rechte Bein war gebrochen, der rechte Arm ebenfalls, doch war dies nicht die größte Problematik, die sich Weißwolf bot. Die Brüche waren nicht offen und durch die Rüstung bestenfalls nur in einer Ebene verschoben. Ein Kompartmentsyndrom oder andere Komplikationen konnte sie ausschließen und um die Brüche würde man sich in ihrer Zeit schon kümmern.
Vor ein Problem hingegen, was Teressis an der Rückreise hinderte, stellte Weißwolf das Schrapnell, welches den Brustpanzer durchbohrt hatte. Ihre Lunge war linksseitig perforiert, sodass sie selbst mit ihrer behelfsmäßigen Notfallmedizin, die sie wusste, an die Grenzen stieß. Auch das Medikit, welches jeder Skaphander aufwies, war für eine solche Verletzung nicht gedacht, wobei es zumindest die Überwachung von Teressis' Vitalparametern erlaubte.
Ohnehin war es ein Wunder, dass Teressis mit einer solchen Verletzung überhaupt die letzten Stunden, die ganze Nacht hindurch, überlebt hatte. Teressis' Atmung war flach, aber unregelmäßig und sie war unterkühlt, stand vermutlich kurz vor einem hypovolämischen Schockzustand, der dann definitiv tödlich ausgehen würde. Mit Blick auf ihre Bewusstlosigkeit käme möglicherweise noch eine Gehirnerschütterung hinzu.
Weißwolf durfte keine Zeit verlieren, sondern musste eine Behandlung riskieren. Die großen Blutgefäße dürften verfehlt worden sein und ihre Lage zuvor war rettend. In wenigen Sekunden überschlug Weißwolf die Vorgehensweise und packe das Medikit aus, welches neben Bandagen und Kompressen auch verschiedene Injektionen erlaubte.
Behelfsmäßig stabilisierte Weißwolf zunächst Teressis' Arme und Beine, ehe sie die Verriegelungen ihres Brustpanzers löste. Sie musste die Verletzung offenlegen, um eine Behandlung und einen schnellen Transport zu gewährleisten. In ihrer Zeit würde man ihr zweifelsohne helfen mögen, wenn sie es denn überlebte.
Weißwolf verabreichte Teressis ein starkes Analgetikum, stabilisierte das Schrapnell so gut sie konnte und wollte bereits den Rücktransport vorbereiten, als Teressis' Zustand kippte. Sie vermutete, dass die Drehung auf den Rücken ein Fehler war, da das Schrapnell zuvor wie eine Blockade gewirkt haben musste.
Behelfsmäßig entlastete Weißwolf den Brustkorb, indem sie mit einem eigens dafür bereitgelegten und sterilen Rohr einen Zugang öffnete und einen kleinen Schlauch in den Pleuraspalt einführte. Ein Kammerflimmern und einen Defibrillatoreinsatz später schien sich der Zustand dieser Frau wieder stabilisiert zu haben. Es war jedoch fraglich, wie lange.
„Jetzt oder nie“, sprach Weißwolf schweißgebadet nach dem Procedere aus, schloss den Skaphander und startete den Rücktransfer.
Bereits im nächsten Moment war von Teressis nichts mehr da. Mit Schrapnell und mit allem, was Weißwolf zur Überwachung an sie angeschlossen hatte, war sie verschwunden.
Weißwolf hatte alles getan, was ihr möglich war und vor Ort konnte es keine weitere Behandlung geben. Falls Teressis nicht direkt tot ankam, dürfte sie jedenfalls gute Chancen haben, von den Notfallkräften ihrer Zeit gerettet zu werden und so machte sich Weißwolf daran, in dieser fernen Zeit weitere Nachforschungen anzustellen.
Zusammen mit der Sonne zogen auch ihre eigenen Schmerzen wieder auf. Im Zuge der vormaligen Behandlung hatte sie kaum einen Gedanken an ihren eigenen Körper verschwendet, doch merkte Weißwolf nun, wie sehr auch ihr dies zugesetzt hatte.
Doch blieb ihr nichts übrig, als Hinweise auf den Angreifer zu finden. Denn wer immer in der Lage war, einen der imperialen Familie auf diese Weise in einen Hinterhalt zu locken, ihn zielgerichtet zu töten und seine gesamte Verteidigung wie einen Haufen Hühner aussehen zu lassen, hätte vielleicht auch andere Optionen mit Blick auf den Transfer zur Erde.
Ganz davon abgesehen musste sie ihre eigene Haut retten, wenn sie das nächste Mal vor den Castam treten würde. Sie erinnerte sich endlich, dass Teressis den Osten erwähnt hatte, kurz bevor alles eskalierte. Drei Uhr, waren ihre Worte gewesen. Seufzend erhob sie sich und wollte bereits in Richtung der Stadtmauern aufbrechen.
Draußen näherten sich jedoch zwei Personen. Weißwolf schätzte, dass es keine Feinde waren, sondern eher Achaier, vermutlich Odysseus, der schon vorher durch seine Neugierde auffiel. Vermutlich hatte es Beobachter innerhalb der Stadt gegeben, die ihre Feldherren informiert haben mussten, als Weißwolf auf dem Palasthügel erwacht war.
Gefahr bestand jedoch nicht und so wartete sie deren Kommen ab.
Ihr Gedanke wurde bestätigt. In der anderen Person sah sie Achilleus. Dieser Mann, so wusste sie, war genauso von Narzissmus beseelt wie auch Ares. Zwar würde er keine Bedrohung darstellen, doch dürfte das Gespräch nicht so harmonisch ablaufen wie mit Odysseus alleine.
„Ti en Troíā gégonen? “, fragte Odysseus.
Der Mann suchte eine Erklärung für das Chaos. Weißwolf hatte selbst keine, blieb jedoch ihrer Rolle als Gott treu. Sie erklärte Odysseus, dass er hier zwischen die Fronten einer göttlichen Auseinandersetzung geraten war.
„Toûto éti peirômai syniénai. synchōreíte moi; dokeî dé moi hymâs es méson theôn máchēs empeseîn. „
Achilleus schien diese Erklärung jedoch nicht zufriedenzustellen. Er war ein törichter Mann, der zu sehr von sich selbst überzeugt war und Weißwolfs Worte als unpassend-erachtete.
„Polloì lógoi perì henòs theoû.“5
Odysseus erwiderte darauf aufgebracht und mit Verweis auf die massive Zerstörung, die keine ihrer Waffen hätte anrichten können, ob Achilleus denn nicht diesen Krieg der Götter nachvollziehen konnte: „Ouch horâis hṓsper kagṓ, hà gégonen?“
Weißwolf ahnte schon, worauf es hinaus lief. Odysseus konnte Achilleus nicht überzeugen, dass er hier einen Gott vor sich hatte. Jede halbwegs rationale Erklärung war zu viel für den tumben Geist dieses Kämpfers, dessen Kampffähigkeiten zwar legendär waren, seine Intelligenz jedoch nicht. Rohe Stärke, Geschicklichkeit und auch taktisches Wissen im Kampf sowie der Kriegsführtung, aber nicht darüber hinaus: Das waren die Eigenschaften des Achilleus.
„Ḗ dē hikanà heṓraka, all’ oúpō toûde“, sagte Achilleus denn auch, weil er den Kampf suchte und sich mit einem angeblichen Gott messen wollte.
Weißwolf hatte zumindest keine Probleme damit, auch wenn so etwas das Letzte war, was sein schmerzender Körper noch brauchen konnte. Sein Skaphander würde alles aushalten. Je schneller dieser Blödsinn vorbei war, desto schneller konnte sie weiter ziehen. Sie zog ihr Schwert und lud ihren Gegner zum Kampf ein: „All’ áge, archṓmetha.“
Odysseus trat einen Schritt zurück. Weißwolf hatte vor, das Duell rasch zu beenden, doch wich Achilleus dem ersten Hieb geschickt aus. Er versuchte, sie nach dem Hieb zu fassen, um selbst einen Stoß in ihren Hals zu landen.
Zwar wusste auch Weißwolf zu fechten, doch war es nicht die Blamage, die sie gegenüber dem Achaier im Sinn hatte. Stattdessen strich Achilleus' Klinge sogar an ihrer Rüstung vorbei. Hätte sie keinen Skaphander, hätte er um Haaresbreite ihren Nacken touchiert. Sie kam nicht umhin, seine Kriegskunst, vor allem seine Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit, anzuerkennen.
Es folgte sogleich ein weiterer Versuch von Achilleus, die Initiative zu nutzen und in Weißwolfs Seite zu fallen. Sie drehte sich jedoch ebenso schnell und ergriff seinen Schwertarm und ließ eben jenes allein durch einen Stoß mit ihrem Ellenbogen splittern. Sein Versuch, mit dem Schild zurückzuschlagen, ging fehl, als der bronzezeitliche Schutz gleich darauf durch Weißwolfs Schwert barst.
Sie musste jedoch aufpassen, nicht wie Ares zuvor gleich weiter in sein Fleisch zu schneiden. Bei all dem Leid und der Zerstörung hier wollte sie nicht mitgeholfen haben, irgendeinen Menschen zu töten. Nicht einmal so ein kriegsgeifernder Narr wie Achilleus sollte heute noch sterben. Diese Zeit war sowieso schon eine andere, was brachte es also, ihn, der bei der historischen Schlacht um Troja starb, zu töten?
Als Achilleus mit der Faust zuschlagen wollte, trat sie, so mild sie es vermochte, gegen sein Bein und brachte ihn auf die Knie vor sich. Anschließend täuschte sie bereits den Todesstoß an, hielt jedoch vor Ares' Hals inne.
Odysseus wirkte so, als wollte er bereits nicht mit Schwert, sondern mit Wort eingreifen. Doch er realisierte rechtzeitig, dass Weißwolf selbst nicht von Mordlust getrieben war.
„Eínai arketá. Ísoun arketá gennaíos!“, meinte Weißwolf beschwichtigend und appellierte an die Tapferkeit von Achilleus.
„Sas pou tou dósate zoí efcharistó“, entfuhr es Odysseus. Er bedankte sich, dass Weißwolf ihren so übereifrigen Kontrahenten am Leben gehalten hatte.
Weißwolf wandte sich zunächst an Achilleus, der sich aufrichtete und zu Odysseus ging, und schollt diesen als tapfer sowie dumm zugleich: „Eísai gennaíos kai anónitos.“ Anschließend fuhr sie gegenüber Odysseus fort, ob dieser wisse, von wo genau der Feind gekommen war: „Apó poú írthe o echtrós?“
Drei Uhr war eine eher unpräzise Angabe und gemessen an der weiten Landschaft und den fehlerhaften Instrumenten nichts, auf das man sich verlassen sollte.
„Tin eídame móno gia lígo kai den tolmísame na páme pio kontá“, sagte Odysseus bestätigend, dass sie Angreifer gesehen hatten. Er zeigte gen Südosten.
Auch Achilles pflichtete ihm bei: „Theoí ntyménoi sta mávra ekeí píso apó to lófo“, sagte er, wobei er schwarz gekleidete Götter erwähnte, die ihr Lager hinter einer Hügelkuppe hatten.
Achilleus musste sich aus dem Schlachtgeschehen um Troja herausgehalten haben. Er und seine Myrmidonen dürften die Flanken gesichert, aber nicht beim Sturm der Stadt beigewohnt haben, schätzte Weißwolf. Ein solches Unterfangen, vor allem im Schatten des Ares, bot zu wenig Ruhm und stand unter der Würde dieses sagenumwobenen Kriegers. Von der Südseite der Stadt dürfte er auch jenen Einblick bekommen haben, den er hier schildern konnte.
Das reichte Weißwolf jedenfalls als Information. In der angezeigten Richtung gab es nur eine Hügelkuppe. Von der Entfernung schätzte sie, dass sie fünf bis zehn Kilometer weit weg war. Für Artilleriewaffen war die Distanz kein Problem und der Hügel bot genug Deckung. Ihre Granaten, deren Einschlagkrater sie ebenfalls sehen konnte, hatten die Distanz nicht überbrücken können, wohl aber den Feind kurzzeitig behindert. Dennoch war ihr Widerstand letzten Endes völlig vergebens.
Weißwolf konnte sich somit an ihre Arbeit machen. Sie würde jedoch noch ein paar passende Worte gegenüber Achilleus und Odysseus richten müssen. Vielleicht konnte sie bewirken, dass wenigstens etwas Friede in diese verheerte Welt einkehrte.
Sie übergab ihr Schwert an Achilleus und sprach: „Tha to koitáxo. Aftó pare. Enóste tous Achaioús enántia stin katastrofí akoloutheí pou. Tha gínei prospátheia na párei ti thési tou Ári méso polémou kai thanátou. Aftí thymitheíte kai na elpízoume min mas poté xanadeíte. ha to koitáxo. Aftó pare. Enóste tous Achaioús enántia stin katastrofí akoloutheí pou. Tha gínei prospátheia na párei ti thési tou Ári méso polémou kai thanátou. Aftí thymitheíte kai na elpízoume min mas poté xanadeíte.“
Sie begann damit, dass sie nach den schwarzen Göttern sehen werde und führte aus, dass Odysseus und Achilles die Achaier leiten sollten. Sie sprach von einer Katastrophe, die käme, da nun jemand des Platz des Ares einnehmen müsse. Krieg und Tod würden folgen, ehe sich einer als würdig erwies. Schließlich verabschiedete sie sich damit, dass sie hoffen sollten, die Götter nie wieder zu sehen.
Weißwolf hoffte, dass Achilleus' Waffenfertigkeiten und Odysseus' Weisheit harmonieren könnten. Agamemnon dürften sie definitiv entthronen, dafür hatten sie durch ihre Geschenke die Integrität erworben. Während sich Achilleus verneigte, fehlten Odysseus die Worte. Vermutlich hatten beide über einiges nachzudenken. Vorsichtig, unter den vom Skaphander geschützten Blick Weißwolfs, tragen sie ein paar Schritte zurück und entfernten sich schließlich von ihr.
Weißwolf machte sich sodann auf, die Stellung ihrer Feinde aufzusuchen. Der Weg war weit. Sie stellte sich auf wenigstens zwei Stunden Fußmarsch ein, um hinter den Hügel zu gelangen. Auf dem Weg sinnierte sie darüber, wie ihre Feinde hier angelangt sein mochten. Wären sie nach ihnen eingetroffen, hätten ihre Geräte die Ausschläge in den Werten bemerkt, die Signale geortet und sofortigen Alarm gegeben. Man musste also bereits vor ihnen hier gewesen sein. Man musste Zugriff auf ihren Kosmischen Faden gehabt haben und sich in dem Moment, da die Vorbereitungen liefen, bereits darauf eingeklinkt haben. Man wusste also, dass man kam und mehr noch, man schien gewusst zu haben, was Ares vorhatte. Von der Deckung des Hügels aus hatte man gelauert, ihre Signale markiert und sie dann Stück für Stück ins Visier genommen.
Schließlich, die Sonne war mittlerweile aufgegangen, gelangte sie auf den Hügel. Das Terrain war durch ihre eigenen Einschlagkrater schwer genug zu passieren gewesen und durch starke Schmerzen im linken Bein war das Gehen mühselig genug. Von oben herab sah sie einige dunkle Stellen, die auf Geschützfeuer hindeuten konnten. Sie wandte sich diesen zu und schritt den seichten Abhang hinab.
Der teils erdige, teils sandige Boden war in einem Areal von ein paar Dutzend Quadratmetern verbrannt. Teilweise war der Fels freigelegt. Weißwolf konnte deutlich sehen, wie schwere Lafetten ihre Füße in den Fels gepresst haben mussten. Die Frage, wie man dieses Kriegsgerät hierher geschafft hatte, blieb jedoch weiterhin ein Rätsel für Weißwolf.
Ihre Beobachtungsposten könnte man aus dem Hinterhalt eliminiert haben, als das Treiben in Troja auf dem Höhepunkt war. Weißwolf schätzte, dass dies zu Beginn von Ares Bombardement des Tempels stattfand. Anschließend nahm man ihre Signaturen mit der Artillerie in den Blick. Sie hatten keine Chance. Der Feind sah sie, er störte ihre Verbindungen und ihre Instrumente und jede einzelne Granate war fast punktgenau bei jedem von ihnen eingeschlagen.
Schwarze Kleidung, wiederholte Weißwolf die Worte von Achilleus. Skaphander kamen im Regelfall in einem leicht silbrigen Ton, konnten jedoch problemlos angepasst werden. Vor allem höhergestellte Offiziere hatten vielfach ihre eigenen Farbgebungen, um sich von anderen zu unterscheiden und sicherlich auch, um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Dass man ein Bataillon, welches für solcher Akte in der Verantwortung stand, schwarz anstrich, wäre sicher konsequent. Doch wer hatte die Macht, so ein Unterfangen zu starten?
Der Geheimdienst, überlegte Weißwolf, käme infrage. Doch würde es sich dann um eine aktive Gruppe handeln, die gegen die solare Herrschaft stand. Ebenso die Leibgarde der Herrscherfamilie selbst und natürlich die Lateiner. Wenn man den Thron usurpieren wollte, würde ein solch klandestiner Angriff auf Ares Sinn machen. In dem Falle wären seine Geschwister vielleicht als nächstes dran und am Ende würde Zeus selbst folgen.
Die Mitglieder des Syndikates jedenfalls, die kriminellen Schattenorganisationen, hatten zwar die Möglichkeit, sich in die Kosmischen Fäden einzuklinken, wie sie es bei ihr selbst taten. Doch waren dies Einzelfälle. Geschweige denn besaßen sie eine Menge an Skaphandern, noch die Logistik des Transports schwerer Waffen. Ähnlich sah es mit vereinzelten Widerstandsgruppen aus.
Vor allem die schweren Waffen gingen Weißwolf nicht aus dem Kopf. Sie konnten Menschen durch die Zeit schicken. Nicht aber derartiges Material. Dies war eine Technologie, von der sie noch nie gehört hatte. Was also auch immer hier los war, es war eine große Sache und sie würde nicht umhin kommen, sich damit eingehender zu beschäftigen.
Doch nun stand etwas anderes an. Sie musste zurück und sie kam mit leeren Händen. Sie musste sich dem Castae stellen. Für die Toten konnte sie nichts mehr tun und ihr eigenes Elend würde nun schlimm genug werden, war sie doch erst einmal nun von der Gnade dieses Castae abhängig. Für die Welt insgesamt hatte sie derweil getan, was sie tun konnte. Sie bedauerte, dass nun eine Zeitlinie mehr verheert und sich niemand wirklich mit dem Schicksal dieser Welten zu befassen schien. Es interessierte die Leute nicht.
Kopfschüttelnd blickte sie sich noch ein letztes Mal um, um sicherzugehen, nichts übersehen zu haben. Jedoch gab es nichts mehr. Sie hatte alles genau in Augenschein genommen, genau analysiert, was geschehen war und wusste somit eine Geschichte zu erzählen. Ob sie glaubhaft war, ob sie für ihr Leben reichte, würde sich zeigen müssen. Sie stellte den Skaphander ein und verschwand in ihre Zeit zurück.
Capitulum IV: Consilia Innocentiae Cruentae (der blutigen Unschuld Pläne)
Fortsetzung kann folgen. Wer ernstlich bis hierher gekommen ist und mehr lesen möchte, der möge das bitte kommunizieren. Sonst kann ich mir das natürlich sparen.
Weißwolf wurde noch am selben Tag auf ein luxuriöses Zimmer gebracht, wo sie später erwachte.
Das Badezimmer allein war so groß wie ihr offizielles Apartment auf Europa, welches sie jedoch untervermietete. In aller Regel schwirrte sie eh bei ihren Aufträgen im Sonnensystem umher und vertat sich die freie Zeit dann in den Orten, zu denen es sie verschlug. Dabei nutzte sie in aller Regel die günstigeren Absteigen.
Der Ort nun, der ihr zudem ein Doppelbett, einen Aufenthaltsraum sowie auch eine Minibar musste irgendein Hotel auf Ganymed sein. Ein Blick nach draußen war nicht möglich, da das, was wie ein Fenster aussah und die Idylle von Bäumen und weiten Wiesen präsentierte, lediglich ein schönes Display war. Man würde sie schon so untergebracht haben, dass sie später nicht nachvollziehen konnte, wo sie sich befand.
Trotzdem dachte Weißwolf darüber nach.
Ausgehend von der vergangenen Zeit, die sie der Uhr entnehmen konnte, war keine interplanetare Reise möglich gewesen. Sie hatte Tag und Zeit wahrgenommen, als sie im Gespräch mit dem Castae war und es müsste schon ein sehr ausgefeilter Trick gewesen sein, wenn man sie diesbezüglich getäuscht hätte.
Weißwolf räumte diese Möglichkeit zwar ein, sah darin jedoch kaum einen Mehrwert, als dass man wahrlich diese Längen gegangen wäre. Falls es nötig wäre, würde sie den Spuren nachgehen und den Castam suchen.
Für den Moment widmete sie sich jedoch der Minibar, die sie nach der ersten Orientierung in der aufsuchte.
„Arschlöcher“, sagte sie grinsend, als sie den Inhalt des kleinen Schranks leer vorfand.
Man würde einen Suff von ihr ebenso wenig riskieren wie ein Umherlaufen.
Weißwolf konnte gut nachvollziehen, warum man so handelte. Es verwunderte sie jedoch, dass man ihre Vergangenheit so detailliert kannte. Zwar war ihr wahrer Name verborgen geblieben, doch empfand sie Unbehagen dabei, was der fremde Mann alles über sie wusste.
Gut möglich, überlegte Weißwolf, dass man seine Spitzel im Ministerium, beim Geheimdienst und auch auf Erden wusste. All der Aufwand, der hier betrieben wurde, wies einen ausgeklügelten Plan hin.
Sie warf sich in einen der nahen tannengrünen Sessel und grübelte.
Es stand eine Zäsur an, ohne Frage. Würde sie versagen bei dem Plan um Ares, dürfte die Erde weiter abgeriegelt werden. Falls das überhaupt möglich war. Gelang das Unterfangen indes, würden sich die Machtverhältnisse neu ordnen. Vermutlich würde das Syndikat hier draußen die Oberhoheit über den Schmuggel erlangen und seine Präsenz auf der Erde unbemerkt ausbauen können.
Zu welchem letzten Zweck war fraglich. Denkbar schien Weißwolf sogar, dass man Einfluss im Palast zu gewinnen dachte, um früher oder später selbst die Fäden des Imperiums zu lenken.
Sie realisierte, dass sie mit dem Plan, Ares neuronales Muster zu kopieren, womöglich einem Übel gegen ein anderes Übel half. Es war ihr jedoch gleichgültig.
Die folgenden Tage zogen sich quälend in die Länge.
Zwar bekam Weißwolf alles an Essen und Annehmlichkeiten auf ihre Suite geliefert, doch drehten sich ihre Gedanken im Kreis, wie auch ihre Schritte. Es gab keinen Gesprächspartner, nichts zu tun und selbst ihre sportliche Betätigung, die sie notdürftig aufzog, wurde überwacht. Man wollte ihr nicht einmal einen Muskelkater zugestehen, wenn schon keinen Alkoholkater, weil sich dies auf die Mission auswirken mochte.
Am sechsten Tag endlich betrat eine Wache ihr Zimmer, die von Neuigkeiten berichtete.
Es war nicht der übliche Anstandsbesuch, der sonst drei Mal am Tag stattfand, um sich nach ihr zu erkundigen, ihre Vitalfunktionen zu messen und ihr Lebensmittel zu bieten, sondern geradezu das Zeichen der Erlösung. Dies bemerkte Weißwolf sofort, da die Wache nicht in die üblichen edlen Anzüge gekleidet war, sondern in eine Kampfmontur, die den Skaphandern, die für die Reisen in der Zeit Anwendung fanden, gar nicht so unähnlich schien.
Höchste Sicherheit schien das Gebot dieser Stunde zu sein, wenn man derartige Kräfte für einen Botengang nutzte.
„Wir erhielten soeben die Bestätigung, dass sich die Entourage von Ares auf dem Weg macht,“ meinte die Wache knapp. „Ihr werdet zu einer Audienz gegeben. Lasst alles hier, es wird nichts benötigt.“
„Als ob ich etwas hier hätte“, raunte Weißwolf.. „Ihr wolltet mir ja nicht mal die schwarze Tüte gönnen.“
Die Wache verstand ihren Humor vermutlich nicht. Jedenfalls machte sie keine Anstalten, dass sich irgendetwas in ihr regte.
Draußen wurde sie von zwei weiteren Wächtern in Empfang genommen und schließlich über einige Aufzüge und Gänge in ein anderes luxuriöses Zimmer verbracht. Dabei realisierte Weißwolf, dass sie keineswegs in einem Hotel untergebracht war, sondern stattdessen in einer Art privaten Bunker.
Der Casta, mit dem sie zuvor den Handel geschlossen hatte, saß, flankiert von zwei Leuten im Anzug, mit einigen anderen an einer eckigen Tafel.
„Da ist er, der weiße Wolf“, nickte der Mann ihr zu, als Weißwolf, die drei Leute in Kampfmontur hinter sich, vor ihn geführt wurde. „Ich nehme an, Ihr wurdet unterrichtet.“
„Grob wenigstens. Es scheint zu starten.“
„Ja“, bestätigte der Casta. Unsere Techniker sind bereits an der Verbindung dran.“
Weißwolf gedachte gerade, etwas dazu zu sagen. Wenn man jetzt erst die Verbindung prüfte, schien man mit den Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen zu haben.
„Die grundlegenden Tests fanden erfolgreich statt“, erklärte der Casta jedoch zu ihrer Erleichterung, „sodass jetzt nur noch ein paar Feinabstimmungen folgen. Der Skaphander wird ebenfalls geprüft und sollte bis zu Eurer Ankunft einsatzbereit sein.“
„Weiß man schon, was mich erwartet?“
„Nichts. Ares scheint niemandem verraten zu haben, wohin seine Reise geht. Ihr fliegt blind und seid auf Euer Gespür vor Ort angewiesen. Habt Ihr noch etwas zu sagen?“
Keine Rückendeckung, keine Informationen zur Vorbereitung. Es war die Art von Auftrag in einem feindlichen Gebiet, die schief gehen musste. Doch solange ihre Identität nicht aufgedeckt wurde, hatte sie gute Chancen, in Ares' Nähe zu gelangen und den Job zu erfüllen.
„Führt mich einfach zu den Kapseln und betet zu wem auch immer, dass die Verbindung so funktioniert, wie Ihr es im Sinn habt.“
„Sehe ich so aus, als würde ich wie der Pöbel beten? Gott der Maschinen“, raunte der Alte voller Missfallen, „nur weil man Gott getötet hat, heißt das nicht, dass man einen Homunkulus hätte an seinen Platz setzen müssen.“
Da hatte sie wohl einen Nerv getroffen. Scheinbar hatte der Alte die gleichen Ansichten zu der Ecclesia Technologiae wie über die Irrwege ihrer Zeit.
„Menschen bleiben eben, wie sie sind“, gab Weißwolf zurück.
„Vor allem käuflich, wenn man weiß, welche Güter man anbieten muss“, grinste der Mann boshaft.
Jede kleine Zuneigung, die Weißwolf zuvor ob den Ansichten des Castae gehabt haben mochte, verflog mit einem Mal. Sie war hier nur ein Werkzeug und würde sich nicht nur gegenüber Ares vorsehen müssen, sondern auch gegenüber diesen Leuten.
Wer weiß, was sie mit einem Werkzeug machten, dessen Nutzen erfüllt wäre.
„Führt sie hinab“, meinte der Casta schließlich zu den Wächtern. „berichtet uns konstant über die Lage, wir müssen auf alles vorbereitet sein“, hörte ihn Weißwolf noch zu den anderen sagen, als sie den Raum verließ.
Weißwolf wurde über mehrere Stockwerke in der Tiefe in ein Labor verbracht, welches Ähnlichkeit mit jenen anderen temporalen Brücken aufwies, die sie schon betreten hatte. Es gab dieselben Schleusen, ähnliche Kabinen für den Kleiderwechsel und auch die gleichen weißen Kapseln mit den unterschiedlichen medizinischen Apparaturen anbei.
Sie betrat nach der Säuberung den sterilen Raum und ließ sich von den Anwesenden, die ihrerseits Schutzanzüge trugen, in den Skaphander helfen. Es war eines der Geräte, wie sie es schon lange nicht mehr gesehen hatte: der hellweiße Anzug eines Agenten des Ministeriums für Intertemporale Strafverfolgung.
„Der Transmitter ist platziert“, erklärte einer der Anwesenden, die dieses Mal nicht nach Ärzten und Personal, sondern nach bezahlten Söldnern aussahen, „Ihr werdet in den Kosmischen Faden des Ministeriums geklinkt, der Euch auf Ares' Bahnen führt. Den Chip findet Ihr in Eurer linken Anzugtasche, die obligatorischen Waffen und Instrumente für Eure Rückkehr kennt Ihr bereits.“
Weißwolf nickte.
„Helft ihr in die Kapsel“, forderte die Frau ihr gegenüber auf, ehe man Weißwolf verkabelte und den Deckel des Geräts schloss.
Es blieb kein Sichtfenster nach draußen. Es war ein enger Sarkophag, der die Energie für die Reise bündelte, die in einer Singularität zusammenlaufenden Fäden griff und sie durch Raum wie Zeit sandte.
„Die Verbindung ist aufgebaut, der Kreislauf ist stabil und alle Werte liegen im Normbereich“, hörte Weißwolf noch andere Stimme sagen.
„Energieversorgung gesichert.“
„Schlussdiagnose läuft“, manche sprachen durcheinander, es schien einige Hektik aufzukommen in diesen wenigen Minuten vor dem Transfer.
Gehen wir's an, aktiviert den Transfer“, vernahm Weißwolf noch, ehe sie ein Reißen verspürte.
Erneut wurde sie durch die Tiefen der Kosmischen Fäden befördert, um sich mehr denn je zu beweisen. Nicht nur ihr Leben stand hierbei auf dem Spiel, sondern letzten Endes auch das ihres Sohnes.
Einen Wimpernschlag später befand sie sich in einer von einigen Sternen gesäumten Nacht auf einem freien Feld. Ihre Moleküle hatten sich neu sortiert und brachten als erstes aller Gefühle den Schmerz ins Gehirn. Ein Reißen aller Glieder, als ob man sie vormals nicht nur auf eine Streckbank gelegt und die Körperteile ausgerissen hatte, sondern diese auch gleich wieder neu vernähte.
Von dem, was sie wusste, musste sie in der nördlichen Hemisphäre sein. Die Sternenbilder, die sie ausmachen konnte, allen voran die Plejaden, Orion und der Große Bär, waren deutlich erkennbar.
Doch konnte sie den Ort des Geschehens nicht näher eingrenzen.
„Meldung aller und durchzählen“, hörte sie über Funk eine fremde Stimme. „Prüft die Kommunikationskanäle, sichert wie besprochen die Umgebung bis hin zur nördlichen Erhebung. Ares wird in wenigen Augenblicken in unserer Mitte erscheinen. Ich will eine Sicherheitszone von zweihundert Metern.“
Unmittelbar darauf antworteten andere Stimmen über Funk, gaben ihren Namen und Dienstnummern an. Beliz, Martinez, Aachon, Kromar und noch ein paar Weitere. Weißwolf versuchte, sich die Stimmen einzuprägen, soweit es ihr möglich war.
„Narya“, ließ sich auch Weißwolf geistesgegenwärtig vernehmen und gab ihre Identifikationsnummer sowie den Code der Abteilung durch, die sie hier verkörperte.
„Meldungen erfolgt. Erstatte Bericht“, sagte eine andere Stimme kurz darauf schließlich. „Kommunikationskanäle gesichert.“
„Sicherheitszone grün.“
„Die Signale entsprechen der Norm. Nichts, was sich regt in unserer Nähe“, sagte Kromar.
„Weiß denn einer mittlerweile, was genau wir hier tun sollen?“, fragte die Stimme einer Frau über Funk, die Weißwolf vorher nicht zuordnen konnte.
„Nein, Teressis“, ließ sich die Stimme vernehmen, die zuvor zur Kennung aufgefordert hatte. „Wie es so ist, mit den reichen Söhnen, sind sie eher verschlossen und feiern irgendwo ohne Vorwarnung. Ich bin diesbezüglich schon froh, dass wir einen Moment vor ihm reisen konnten, um hier die Lage zu sicheren. Das Chaos, zeitgleich anzukommen, hat mir bei seinem letzten Trip gereicht.“
„Da war sie nicht dabei, Hartmann“, meinte ein anderer, „sie ist neu in der Garde.“
„Wie schön, Frischlinge. Mal sehen, wie-“, Hartmann stockte. Die Instrumente von ihnen schlugen aus, es schien sich ein Transfer anzubahnen. „Na schau, da kommt der hochwohlgeborene Laffe. Liefen die Wetten schon, welche Torheit er diesmal wohl begeht?“
„Ja, zur Auswahl standen dieses Mal Massaker, Naturkatastrophen, kulturelle Blödheit und, Plot Twist, überhaupt kein problematisches Ereignis“, meinte Martinez.
„Schockschwerenot, hat wirklich jemand auf eine Niete gewettet?“, fragte ein anderer währenddessen.
„Schräg“, überlegte Hartmann, „das ging an mir vorbei. Ist es zu spät, um noch auf ein Massaker zu setzen?“
„Ist notiert.“
Weißwolf nahm die Diskussion darüber, in welches Fettnäpfchen Ares wohl dieses Mal treten würde, durchaus amüsiert zur Kenntnis. Seit ihrem Fortgang vom Ministerium, wo sie zumindest indirekt hin und wieder mit der imperialen Familie zu tun hatte, schien sich nichts an der Abneigung gegen diesen Mann geändert zu haben.
Schließlich materialisierten Ares, deutlich sichtbar in einem rubinroten Skaphander, zusammen mit zwei Personenschützern des Geheimdiensts in der Mitte ihres Verteidigungskreises.
„Genug jetzt“,gebot Hartmann, um die vorherigen Diskurse abzuwürgen. „Aufmerksamkeit nun, achtet den Sicherheitsbereich, während ich mich mit Ares bespreche. Haltet euch an unsere Kommunikationskanäle.“
Ares öffnete in der Zwischenzeit seinen Helm und blickte sich um. Er war ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit blondem Haar und grauen Augen, die einige braune Tupfer aufwiesen.
„Herr, die Lage ist gesichert“, begann Hartmann, als er nahe zu Ares getreten war. „Was machen wir hier?“
„Wisst Ihr dies noch nicht?“, wunderte sich Ares und streckte die Arme aus. „Ist es nicht eindeutig, wo wir sind?“, rief er rhetorisch fragend und fuhr sogleich fort. „Wir, meine Lieben, sind in Griechenland. Diese Leute hier sind noch ignorant gegenüber großen Taten. Diese armen Narren wissen noch nicht, wie ihnen geschehen wird, doch sie werden die Früchte des Wissens schon ernten. Nicht mehr lange, dann wird es hier eine neue Zeitrechnung geben. Sagt, wo geht es gen Troja?“
Ein Moment des Schweigens bei allen Beteiligten. Hartmann antwortete, dass man dies prüfen müsse.
Ares bei den Griechen oder wenigstens dem, was diese zum damaligen Zeitpunkt waren, wunderte sich Weißwolf währenddessen und sie selbst mitten drin in dieser großen Sage. In jener Phase der Geschichte gab es immerhin jene anatolische Zivilisation der Luwier sowie die Achaier des antiken Griechenlands, wobei beide Gruppen keineswegs homogene Völker darstellten.
Dies klang wie Realsatire in ihren Ohren. Fragte sich nur, wozu dieser Mann hier war, doch ließen seine Worte nichts Gutes vernehmen. Sie wünschte sich die Minibar hierher, um den Blödsinn dieses Schmocks zu ertragen.
„Fällt das jetzt schon in kulturelle Blödheit? Dann habe ich gewonnen“, sagte Beliz triumphierend.
„Warten wir mal ab, der Tag hat ja gerade erst begonnen“, mahnte Hartmann. „Die geotemporären Daten sind korrekt. Wir sind hier gerade um elfhundert vor Christus.“
Weißwolf dämmerte allmählich, was Ares hier vorhaben könnte. Offen blieb für den Moment, wie sie seine Nähe kommen sollte. Die Personenschützer schienen auf jede Regung zu achten, diesem Hartmann oblag die Kontrolle der Einheit und sie wusste nicht, wie sich diese Narya sonst verhielt.
Jede Regung oder Nicht-Regung war eine Gefahr, drohte sie zu enttarnen. Doch Weißwolf entschied sich, fürs Erste zu schweigen und sich bedeckt zu halten. Vermutlich suchten weniger Leute die Aufmerksamkeit als umgekehrt.
„Herr“, meinte Hartmann schließlich, „wir müssen uns nach Norden wenden. Dorthin“, er zeigte in die entsprechende Richtung hinauf zu einer Hügelkuppe, „wo die Sterne bedeckt sind.“
„So führt mich dorthin“, gebot Ares feierlich. „Ich werde ihnen die Stärke der Götter präsentieren, sodass sie in alle Ewigkeit mein Antlitz bis zum modernen Zeitalter zeigen. Das wird so amüsant!“
Er war offenbar äußerst guter Laune. Auf ihrem Weg zu der Anhöhe sprach er ungerührt weiter. Ob zu sich selbst, zu Hartmann oder einfach um sich zu hören, wussten Weißwolf nicht zu sagen.
„Selbstverliebter Narr“, maulte Aachon.
„Das ist wirklich bizarr“, ließ sich Teressis vernehmen und sprach damit aus, was auch Weißwolf dachte. „So was macht ihr also, wenn es um Reisen mit der imperialen Familie geht.“
„Eigentlich nur mit Ares. Nun, ihr habt es gehört, auf nach Norden“, sprach Hartmann müde, „Teressis und Beliz, ihr beiden geht voraus und sondiert die Lage hinter dem Hügel. Ihr seid ohnehin am nächsten dran.“
„Jawohl“, sagten beide zeitgleich und nahmen einen schnellen Lauf ein.
Die anderen folgten. Zwei der Gruppe, Martinez und noch ein anderer, den Weißwolf nicht zuordnen konnte, bildeten die Nachhut. Weißwolf selbst wurde als Flankenschutz zugewiesen, um mit einem, der als Oren bezeichnet wurde, die Ostseite zu decken. Ihre Gedanken waren jedoch mehr auf Ares fokussiert als auf einen möglichen Angreifer aus Richtung der bald aufgehenden Sonne.
Wer sollte immerhin, gute zweitausendsechshundert Jahre vor ihrer eigenen Zeit, sie hier angreifen, geschweige denn, ihnen Schaden zu fügen? Selbst wenn Ares seine Deckung preisgab, indem er seinen Skaphander am Kopf geöffnet hielt, so war der Verteidigungsring groß genug, um die paar Stöcke und Steine, die ihnen drohten, rechtzeitig als Gefahr zu erkennen.
„Wie weit noch?“, raunte Ares bereits nach wenigen Minuten.
„Meine Güte“, ärgerte sich Aachon.
„Geduld ist ihm nun einmal fremd“, erklärte Hartmann. „Ein prächtiges Beispiel des Matthäus-Effekts gibt er allemal ab. Ich gehe nicht davon aus, dass er in seinem Leben sonst so oft warten oder schon selbst laufen muss.“
„Matthäus?“, fragte Teressis.
„Der Reiche bekommt des reichen Hemd“, meinte Weißwolf erklärend, da sich Hartmann scheinbar nicht dazu bereit erklärte. „Ein ursprünglich aus der Bibel stammender Vers, Matthäus 25 29. Auswendig kenne ich das nicht, aber es bedeutet so viel wie, dass der Aufstieg aus unteren Schichten einer Gesellschaft unverhältnismäßig schwer ist, während den Höhergestellten alles gegeben wird.“
Sie musste irgendwie aus der Deckung kommen und sich nähern, wenngleich dies für den Moment nur mit erklärenden Worten geschah.
„Im Wesentlichen“, bestätigte Hartmann, ehe er Ares über ihren Standort aufklärte.
Der Weg auf den Hügel war weiter, als gedacht. Die Ebene stieg nur flach an. Selbst ihre Vorhut um Teressis und Beliz, die schon schneller unterwegs waren, brauchten eine halbe Stunde. Schließlich ließ sich Teressis vernehmen, als die beiden auf dem Kamm angekommen waren.
„Ich habe die Stadt entdeckt.“
„Sammelt euch auf dem Kamm, gebt euch nicht zu erkennen. Sehen wir, was Ares weiter vorhat“, gebot Hartmann und klärte Ares auf. Dann wandte er sich wieder an die Teressis: „Wie ist der Lagebericht?“
„Nichts, was mir ins Auge stechen würde. Alles wirkt ruhig, doch wenn ich an die Geschichte denke, zeitigt sich hier ein Schlachten an. Innerhalb der nächsten Stunde sollte Agamemnon von Westen nahen. Das ist dieser griechi-“
„Dieser Mykenertyrann, der Troja schleift. Ich bin in den Lehrarchiven zur Geschichte bewandert“, schnitt Hartmann ihr das Wort korrigierend ab. Immerhin entwickelte sich die griechische Kultur erst später.
„Also will Ares hier den Helden spielen?“, überlegte Beliz.
„Vermutlich und das macht mir Sorge“, bestätigte Hartmann.
„Was kümmert uns das?“, fragte eine andere Stimme, die Weißwolfs Gedanken vorweg nahm. „Mit ihren Bronzemessern können sie uns ja kaum Schaden zufügen, geschweige denn überhaupt die Skaphander ankratzen.“
„Zugegeben haben sie vielleicht auch etwas Eisen hier. Troja war immerhin ein Sammelbecken des nahöstlichen Handels. Aber das ist nicht das Problem“, meinte Hartmann, als sie die letzten hundert Meter des Hügels nahmen. „Ares ist exponiert. Er schützt sich nicht und einem Jungspund, der sich hier als höchstes Element vor kampferprobten, wenngleich antiken Kriegern präsentieren will, kann sein unbedachtes Handeln dann auch durch ein Bronzemesser zum Verhängnis werden. So oder so werden wir hier die Geschichte dieser Welt umschreiben, vermute ich.“
Auf dem Hang angekommen blickte Ares zufrieden auf die Ebene unter ihm hinab.
„Grandios“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
„Teressis, Yang“, sprach Hartmann, während sich Ares seines Narzissmus freute, „ihr geht zum westlichen Hang. Martinez, Aachon, nach Osten. Narya überwacht das Areal von hier aus mit Leska und Oren. Alle anderen bleiben bei mir und Ares, Schutzkreis, wenn er sich bewegt. Den Rest müssen wir abwarten.“
„Achtet also auf Stöcke und Steine“, ließ sich Kromar vernehmen, einer der beiden übrigen, die Hartmann und die Personenschützer begleiten sollten.
Bald hatte Weißwolf alle Namen zusammen. Gleichwohl wurde sie hier als Nachhut abgestellt, was ihre Chance, an Ares heranzukommen, minimierte.
„Worauf warten wir, wann startet hier die Show?“, fragte Ares sichtlich gelangweilt.
„Ich brauche mehr Promille für diesen Kerl“, knirschte Beliz. „Glaubt er etwa, das sind Schauspieler?“
„So blöd kann keiner sein“, meinte Teressis.
„Wenn du dich da mal nicht irrst“, begann Kromar, als sie ihre Positionen einnahmen und die Region sondierten.
Hartmann klärte Ares derweil darüber auf, dass sie keine Kontrolle darüber hatten, wann Agamemnons Heer hier eintraf. Zwar wussten sie von den Aufzeichnungen her ziemlich exakt Tag und Tageszeit zu benennen, doch gab es stets eine gewisse Fehlertoleranz, die ihre Reise nicht ausgleichen konnte. Entsprechend, bei derartigen Reisen, wurde immer darauf geachtet, lieber zu früh als zu spät am Ort des Geschehens zu sein.
Seine Stimme hatte etwas Fürsorgliches. Ares nahm dies nicht wahr, doch für Weißwolf wirkte es, als ob Hartmann gerade einem kleinen Kind oder einem Beschränkten etwas zu erklären versuchte, was über seinen Horizont hinausging. Es schien bewundernswert, dass er es trotzdem versuchte.
Als er fertig war, wandte er sich an die anderen. Diese hatten sich über Funk in eine Diskussion über menschliche Dummheit und Reichtum treiben lassen.
„Funkstille ab jetzt“, gebot er, „berichtet über Veränderungen.“
Sie brauchten nicht lange warten, bis es zu Veränderungen kam. Beginnend mit der einsetzenden Dämmerung gab es Bewegung am Firmament im Westen. Teressis unterrichtete sie über die Bewegungen des Mykenerheeres, welches sich Segment für Segment voran schob.
„Sie gehen in Stellung“, sprach Ares fröhlich, „ein wundervoller Anblick. Sie sind so ahnungslos vor dem Geschick, das ihnen heute droht, vor der Stimme des Gottes, die sie gleich gewahren. Es ist ja so aufregend, all die Kämpfe, all der Tod, die hier gleich vonstatten gehen müssen!“
„Bereitet ihm das wirklich Freude?“, fragte Teressis entgegen der Funkstille, was ihr auch eine Ermahnung von Hartmann eintrug.
Das Heer positionierte sich. Einzelne wenige Reiter und Streitwagen, die das Heer mit sich führte, setzten unterdessen voraus, um andere Tore der Stadt in den Blick zu nehmen und Versorgungsrouten abzuschneiden. Auf dem von Troja aus südlich gelegenen Hügel nahm man dabei keine Notiz von Ares und seinen Beschützern. Sie waren zwar nur wenige hundert Meter weit entfernt, aber standen günstig genug, um nicht ins Auge zu fallen.
Es blieb bei einer wenig starren Schlachtordnung. Zwar waren die Phalanxkämpfer der Hopliten deutlich zu erkennen, doch bildete diese längst nicht die Übermacht des Heeres, sondern eher die Speerspitze desselben. Die allermeisten Soldaten in dem gut achttausend Kräfte ausmachenden Heer schienen von den anatolischen Alliierten zu stammen, deren Ausrüstung und Aussehen unterschiedlich war.
Währenddessen rückten auch die Trojaner, gewarnt von ihren eigenen Spähposten, aus und postierten sich auf den Mauern wie auch in Kampfreihen vor den Toren. Es schien den Zuschauern, zumindest jenen, die die historischen Aufzeichnungen sowie auch die modernen Berichte über die realen Abläufe der Schlacht kannten, bemerkenswert, wie ähnlich sich diese waren.
Zwar differierten Homers Aufzeichnungen in manchen Punkten von den Historikern, die innerhalb der Zeit zurück gereist waren und ihre eigenen Beobachtungen gemacht hatten. Doch vieles, was in der Ilias geschildert stand, konnte tatsächlich nachgeprüft werden.
Vereinzelte Leitern, Streitwagen und auch Rammen, die an Wagen gebunden waren, kamen auf mykenischer Seite zum Einsatz. Das Heer zog in die Schlacht und wurde von den Trojanern erwartet. Der Kampf brach ohne weitere Gespräche aus, die Negotiationen hatten bereits zwei Tage zuvor stattgefunden, wie man wusste.
„Schön“, ließ sich Ares vernehmen, „endlich geht es los.“
Tausende stürmten an der Trojaner Türme heran, wurden von Pfeilen und auch brennendem Teer begrüßt. Rauchsäulen erhoben sich an den westlichen Rändern der Stadt, wo vereinzelte Kräfte es geschafft hatten, sich überhaupt der Mauer zu nähern.
Die wenigen Streitkräfte an den Flanken konnten die ausbrechenden Trojaner derweil nicht aufhalten. Es schien der Mut der Mykener zu brechen, selbst die Reihen ihre Phalanx, die sich an mehreren Stellen vorwärts zu schieben versuchte, schienen zu schwanken und manche der Nachhut, griffen gar nicht erst ins Geschehen ein.
Es war die erste Niederlage von vielen, die noch anstehen würden in den zwei Jahren, die der Krieg währte. Zwei Jahre, von diesem Zeitpunkt an, in denen das Land und seine Bewohner verheert wurden. Denn auch wenn Troja als Festung intakt blieb und die Versorgung über sein Hinterlands sicherte, so marodierten die Mykener fortan in den umliegenden Gebieten.
Doch soweit sollte es in dieser Zeit nicht kommen. Ares trat unvermittelt vor und entschied sich zum Eingreifen. Er schoss ganz beiläufig seine Waffe ab, während er selbst den Hügel hinab stieg.
„Hier bin ich!“, rief Ares laut, wobei seine Worte im Kampfgetöse verhallten.
„Hat der gerade eine Granate abgefeuert?“, wunderte sich Yang.
„Mitten rein“, bestätigte Hartmann, als es unweit vor dem Tor der Stadt zu einer Detonation kam, die Mykener wie auch Trojaner auseinander riss. „Bleibt bei ihm, Positionen wie besprochen.“
„Nicht mal gut gezielt“, wunderte sich Kromar und folgte Ares.
„Oder recht gut“, überlegte Hartmann, „hat er doch beide Seiten getroffen und ich mag mir vorstellen, das war sein Ziel.“
„Nur hat keiner beschlossen, auf ihn zu reagieren“, sprach Leska.
Der Kampf ging ohne Unterbrechung.weiter. Der Kampflärm warm war zwar nicht imstande, die Detonation zu überdecken. Doch hatten nur die umliegenden Kämpfer die Detonation als solche wahrgenommen und ihrerseits keine Ahnung von der Herkunft derselben. Dass sich aus dem Süden die Gruppe um Ares näherte, bekamen nur wenige der Soldaten mit und dies waren jene, die nicht in den aktiven Kampfhandlungen steckten.
„Ey!“, fluchte Ares, der merkte, dass man ihm keine Beachtung schenkte. „Wollt ihr mich blamieren oder was? Verfickte Barbaren, zollt eurem Gott gefälligst Respekt!“
„Respekt“, kicherte Teressis, „aber klar.“
Ares feuerte erneut. In kurzer Abfolge schoss er noch drei weitere Granaten zu anderen Bereichen der Kampflinien ab, um die Konfliktparteien auseinanderzutreiben. Dieses Mal gelang den Detonationen, was seinen Worten nicht gelang.
Der Kampflärm verstummte, nach und nach sprach sich herum, was soeben geschehen war und die Kämpfer nahmen Abstand zueinander. Das Augenmerk derjenigen, die sich in ihren Schlachtreihen neu positionierten, die von ihren Offizieren und Gruppenführern neu geordnet wurden, richtete sich auf Ares und seine Begleiter.
„Endlich“, sagte dieser.
„Jetzt haben wir ihre Aufmerksamkeit“, raunte Hartmann, als sie nahten und man ihnen Platz machte. „Obacht jetzt!“
Zwischen den Heeren lag eine Schneise, die sich aus Angst verbreiterte, als die Gruppe in sie eintrat. In ihre modernen Rüstungen gekleidet, mit den vorherigen Detonationen angekündigt, würde es wohl einige geben, die Ares und seine Leute für Götter halten mochten.
In der Äquidistanz zwischen den beiden Heeren, nahe bei des ersten Einschlagkraters Rauch vor dem Tor, hielt Ares schließlich an. Weißwolf war in der Zwischenzeit von ihrem Posten gewichen und hatte sich den Rang hinab begeben. Wenn sie richtig lag, würde sich ein Gedränge anschließen, bei dem Ares in vorderster Reihe wäre, was ihr Zeit und Möglichkeit für den Auftrag verschaffte. Das Verlassen ihrer Position würde sie schon erklären können, wobei es schien, dass niemand darauf achtete.
Auch Oren und Leska traten, scheinbar von Neugier geleitet, in die Senke hinab und damit näher. Ernsthafte Gefahr fürchtete hier ohnehin niemand. Weißwolf fragte sich diesbezüglich nur, was Ares sonst so trieb. Denn dies war dem Vernehmen nach nicht seine erste wirre Tour.
„Es sieht aus, als wirken sie nervös“, bemerkte Ares erfreut beim Blick in die verdreckten, blutigen und schweißgezierten Gesichter der Soldaten.
Kaum jemand wagte es, zu reden, allenfalls ein vereinzeltes Flüstern fand zwischen manchen Kämpfern statt.
„Warum nahen sie nicht, sonnen sich in des Kriegsgottes Glanz?“, fuhr Ares selbstgerecht fort, wobei seine Frage tatsächlich auf Unverständnis beruhte.
„Vermutlich liegt es an den Granaten von vorher“, wunderte sich Teressis.
„Skandalös“, bestätigte auch Hartmann, ehe er Bewegung gewahrte. „Zwei kriegten es hin, die Schlachtreihe macht irgendwem Platz.“
„Von der anderen Seite auch“, sagte Kromar und hielt diese Person im Blick.
Tatsächlich traten aus beiden Heeren nahezu zeitgleich jeweils Personen heran. Sie waren in besonders verzierte Harnische gekleidet, der aus der Achaier Heer in Bronze, der Trojaner in dunkelgrau. Beide führten einen der Hopliten mit sich zur Verteidigung. In ihren Gesichtern stand dabei der zähe Wille und ein unerschütterlicher Charakter. Selbst wenn diese vier Furcht verspürten, so würden sie es niemandem wissen lassen.
Hartmann koordinierte derweil ihre Schutzzone. Er erfragte den Stand an der Peripherie bei Teressis, Martinez und Oren. Von keiner Seite drohte Gefahr, sodass sie den Kreis um Ares enger schlossen und nur noch drei einzelne Wachtposten zurückließen.
„Odysseus ist der Vordere, das andere scheint ein einfacher Soldat zu sein“, ließ sich Weißwolf vernehmen.
„Du bist gut informiert“, wunderte sich Hartmann.
„Ich habe die Aufzeichnungen intensiv studiert“, verteidigte sich Weißwolf, während Odysseus und der andere in einigen Metern Abstand vor Ares anhielt.
Odysseus begann, nach zumindest merklichem Zögern und seine Worte überlegend, mit kräftiger Stimme: „Authis en tautō ménete, kai stratòn amphotérous stásin es makràn ágete; oud' entháde g' esté. Tís póthen eî, xeîne?“1
„Póteron hē níkē hēmétērā estín? Tí tód' estin entháde?“, fragte Hektor, nicht minder mit einiger Verwunderung und auch gehöriger Vorsicht gegenüber den Fremden.
„Wisst Ihr auch, wer der andere ist?“, fragte Hartmann im Zuge des Gesprächs.
„Ich schätze Hector“, überlegte Weißwolf, „der hier Troja vertritt.
„Was soll denn dieser Scheiß!“, empörte sich Ares. „Dieser Kauderwelsch macht doch gar keinen Sinn!“
„Das ist definitiv kulturelle Blödheit“, frohlockte Beliz.
„In Altgriechisch bin ich leider nicht so drin, Herr“, meinte Hartmann.
„Hat er denn erwartet, dass man hier Gespräche in unserer Sprache startet?“, wunderte sich Teressis ungläubig gegenüber so viel Ignoranz.
„Erlaubt mir“, meinte Weißwolf spontan, da sie sich mit dieser Sprache auskannte, „auf Geheiß des hohen Herrn, dass ich mich nahe und der Leute Worte übersetze.“
Hartmann begrüßte den Vorschlag und unterbreitete ihn Ares. Dieser gab grünes Licht, auch wenn er die Verzögerung bemängelte und innerlich eine Blamage seines Anliegens ob der Sprachbarriere fürchtete.
Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf Weißwolf, die näher kam. Es war ein Glück für sie, dass sie dies verstehen konnte, beschränkte sich ihr hauptsächliches Wissen, die Sprachen, die ihr geläufig waren, doch eher auf den späteren griechisch-lateinischen Anteil.
„Bemerkenswert, wo Ihr überall reüssiert“, wunderte sich Hartmann. „Erst die historischen Kenntnisse, nun die Sprache dieser Leute. Mir scheint, diesen Teil hat man in den Akten vergessen.“ Dann legt mal los“, forderte er, nicht zuletzt, weil die Heere unruhig wurden.
„Ich habe auch mal Freizeit und halte mich für alles Mögliche bereit“, erwiderte Weißwolf knapp gegenüber dieses Zweifels, ehe sie sich an Ares wandte, „Herr, diese Leute wünschen zu erfahren, wer ihr seid.“
„Ich bin ihr Gott“, wunderte sich Ares, „wer sonst?“
Weißwolf überlegte einen Moment. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht. Zuerst wandte sie sich allgemein an die Parteien und stellte Ares mit einem Fingerzeig vor, ehe sie sich direkt an Odysseus wandte und ihren Kampf würdigte. Gegenüber Hector schlug sie einen schärferen Ton an und gebot, nicht vorschnell vom Sieg zu sprechen.
Sie nahm mit einiger Sicherheit an, dass sich Ares auf die Seite von Odysseus stellte und hier ein Massaker verüben würde. Würden sich die Trojaner zurückziehen, könnte dies möglicherweise verhindert werden, sodass sie Hector nahelegte, für sein Wohl und das Wohl seines Volkes hier den Rückzug anzutreten und die Niederlage im Angesicht des Kriegsgottes zu akzeptieren.
„Pro Áreōs héstāte, tou hymetérōu theoû, hos ex archês hymâs epeskópei. Hymeîs mén, Achaioí, kalôs epolemēsate; engỳs mén tês níkēs esté, oúpō dè tōn pónōn tò télos hḗkete. Hymeîs dé, Trôes, mē prothýmōs perì níkēs légein epicheireîte. Nŷn gàr pántes, ō Trôes, en tō̂ eléei tou Áreōs esté, kaì pròs autòn tòn thánaton héstāte; diò deî hymâs sōphrónōs toùs lógous poieîsthai, epeì mían pleuràn mâllon haireîtai. Anachōreîn oûn hymâs symbouleúō, kaì ekeínou héneka kaì hēmôn; ei dè mē, syn tē̂ pólei kaì tō̂ laō̂ tḕn aúrion hēméran ouk ópsesthe.“2
Ein Raunen ob dieser Worte, die von Odysseus und Hector sinngemäß zu den Beistehern und von diesen an die Heere weitergegeben wurden, machte sich unter den Männern beider Seiten breit. Es wirkte nicht so, als würde man sich zurückziehen. Die Personenschützer, Hartmann und die anderen erwarteten bereits die Konfrontation und ließen insbesondere die nahen Bogenschützen nicht aus den Augen, um Ares zu schützen.
„Was hast du ihnen gesagt?“, fragte der hohe Herr währenddessen formlos an Weißwolf gerichtet. „Sie wirken jetzt nicht sehr eingeschüchtert.“
„Herr“, begann Weißwolf, die die Gespräche zwischen einzelnen Soldaten und auch zwischen den Heerführern und ihren Beschützern wahrnahm, „ich erklärte Ihnen, wer Ihr seid. Doch zweifeln sie an Eurer Größe. Es mag sein, dass sie wollen, dass Ihr diese Zweifel widerlegt.“
Ein Grinsen trat in Ares Gesicht. Es war nach seinem Geschmack, dass endlich etwas mehr passierte als dieses Palavern die ganze Zeit.
„Ah“, freute er sich, „die Blöße gebe ich mir gern. Sagt dem da“, Ares zeigte auf Hector, „dass ich seinetwegen hier bin. Nach ihm ist die Stadt dran.“
Weißwolf konnte nicht verhindern, dass es zur Konfrontation kam. Hector hatte nicht die Chance, die Waffen niederzulegen, aber dem Anschein nach hätte er dies nicht getan. Zumindest waren nach einigen Gesprächen keine Rückzugsbemühungen sichtbar, im Gegenteil. Man setzte eher grimmigere Mienen auf. Er war ein erhabener und zwar vernünftiger Prinz, doch musste er auch sein Gesicht hier wahren.
„Hoútōs arxásthō. Áxioi autoû esómetha“3, sprach Hector entsprechend, trat vor und zog sein Schwert, welches er in Richtung Ares zeigen ließ.
„Haltet ein“, gebot Hartmann der Schutztruppe, als bereits die Personenschützer vortreten wollten.
„Herr, wie gut seid Ihr mit dem Schwert?“, fragte Weißwolf, die Szenerie sinngemäß wiedergebend.
„Das will er also? Bitte sehr.“
Ares freute sich sichtlich. Sehr zum Erstaunen der Übrigen zog Ares zwei Schwerter und trat seinerseits vor.
„Okay“, wunderte sich Hartmann, „das sah ich jetzt nicht kommen.“
„Ich hätte erwartet, dass er ihn einfach erschießt“, meinte Teressis, die sich durch das Eingrenzen der Schutzzone genähert und nun alles gut im Blick hatte.
Den Soldaten der beiden Heere schenkte kaum jemand mehr Aufmerksamkeit. Einzig diejenigen, die am nächsten bei Ares standen, sicherten noch die direkte Umgebung. Doch sonst schien es, als bestand keinerlei Gefahr.
Während Ares näher zu Hector und seinem Begleiter trat, wich Odysseus ein Stück zurück. Er war definitiv der Vorsichtigere von beiden und nicht erpicht darauf, hier einen Kampf zu führen.
Ares bewies durchaus Talent im Schwertkampf und schien sich auch hierfür vorbereitet zu haben. Hector hielt sich anfangs gut, führte einzelne Hiebe aus, doch sah man bereits nach wenigen Gegenschlägen von Ares, dass die Ausrüstungen der beiden Kämpfer verschiedener nicht sein konnten.
Ares spaltete erst den Schild Hectors und schlug anschließend sein Schwert bei Seite, ehe er dessen Schwertarm mit dem Schwung der anderen Waffe am Ellbogengelenk abtrennte. Hector hielt sich, auf die Knie fallend, den blutenden Stumpf. Es war ein eher kurzes Spektakel, welches die absolute Unterlegenheit eines der besten Achaier zeigte, die diese Zeit gesehen hatte. Ein letztes Mal kreuzten sich die Blicke von ihm und Ares, ehe der Prinz aus einer anderen Zeit den Kopf des Trojaners abschlug.
Der andere Kämpfer, der sich bei Hector befunden hatte, wich zu seinem Heer zurück. Dies würde ihnen zu denken geben, schätzte Weißwolf und sie hoffte inständig, dass man wenigstens jetzt Vorbereitungen für eine Flucht traf, um ein Gemetzel zu verhindern.
„Jetzt diese da“, forderte Ares mit einem Schwertzeig auf Odysseus. „Sollen sie es wert sein, errettet zu werden?“
Entsprechend richtete sich Weißwolf an diese: „Oi Achaioí tóra!“
Von diesen hatten sich bereits zuvor einige bereit gemacht. Sie hatten wohl kommen sehen, dass sie ebenso an der Reihe waren, ihren Mut und ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, um sich in den Augen des Kriegsgottes als würdig zu erweisen. Im Gegensatz zu Hector, der alleine nach vorn getreten war, rücken die Griechen zu dritt an.
„Aias, Teucer und Agamemnon, Herr“, erklärte Weißwolf nach einem fragenden Blick von Ares. “Ich nehme an, einer von ihnen wird kämpfen wollen.“
„Sie sollen alle!“, forderte Ares siegessicher.
„Ihr wollt ihr Oberhaupt töten? Agamemnon, der in ihrer Mitte, ist ihr König“, gab Weißwolf zu bedenken.
„Schweige lieber“, mischte sich Hartmann ein, „das Letzte, was du tun solltest, ist hier zu widersprechen. Lass ihn einfach machen, sonst bist du noch der Nächste.“
Ares kümmerte sich derweil nicht um Weißwolfs Einwurf. Er breitete seine Arme aus und schritt den drei Kämpfern entgegen. Diese schienen überrascht, dass dies kein herkömmliches Duell sein sollte, waren jedoch zum Kampf bereit und umringten Ares.
Dieser erwies sich als genauso versiert wie zuvor. Den Angriff von Aias, der von links kam, blockte er, indem er diesen entgegen trat, parierte und den Achaier mit einem Tritt gegen dessen Schild von sich stieß. Teucer und Agamemnon konnten so rasch kaum reagieren.
Daraufhin wandte sich Ares sich den beiden anderen zu. Die Kraft, die Ares innewohnte, sah man ihm wahrlich nicht an. Sicherlich spielte sein Skaphander auch eine Rolle, da die Hydraulik seine Bewegungen unterstützte und die Kräfte intensivierte, doch hatte er hierfür eindeutig trainiert. Seine fließenden Bewegungen, seine präzisen Hiebe und seine Haltung schienen dem Können von trainierten Schwertkämpfern in nichts nachzustehen.
Bei allem Standesdünkel, den dieser Mann besaß, musste Weißwolf für sich zugeben, dass er hier keine schlechte Figur abgab.
Agamemnon, ein Mann in seinen späten Fünfzigern, aber dennoch nicht minder stark und agil, wurde derweil von einem Hieb mit beiden Schwertern zur Seite geschlagen, sodass Teucer als einziger noch stand und zumindest den Skaphander von Ares streifen konnte. Es kümmerte diesen wenig.
Während sich die übrigen beiden aufrichteten, machte Ares kurzen Prozess mit Teucer. Erst traf sein rechts geführtes Schwert die Klinge des Achaiers auf eine dermaßen heftige Art, dass es zerbrach. Direkt im Anschluss zerschnitt Ares die leichte Rüstung seines Kontrahenten mit der links geführten Klinge und bohrte sein anderes Schwert schließlich tief in Teucers Brust.
Aias versuchte, diesen Moment zu nutzen und von hinten zu attackieren. In jenem Moment waren die übrigen Anwesenden kurz davor, einzugreifen, da sie um das Leben von Ares fürchteten. Doch dieser war geistesgegenwärtig genug, den Todesstoß von Teucer auszuführen und sich rasch danach den anderen Kontrahenten zu widmen. Er wusste, dass er ihnen nicht den Rücken zudrehen durfte.
Agamemnon, ebenfalls wieder kampfbereit, griff fast zeitgleich an. Er kam jedoch einen Augenblick zu spät, sodass Aias bereits blutend nach einem Treffer am Bein zu Boden ging und Ares dessen Brust mit seinem Schwert durchbohrte, ehe er der Achaier König erneut zu Boden schickte. Ares trat dessen Schwert bei Seite und kam gelassen näher.
„Antiker Heldenmut“, lästerte Oren. „Das haben sie davon.“
„Macht er nicht weiter?“, wunderte sich Yang.
Ares stand über Agamemnon, der auf dem Boden liegend auf sein Ende wartete. Er fand keine Worte, wollte weder um sein Leben flehen, keine Geschenke für das Leben anbieten und auch kein Gebet sprechen, sondern er akzeptierte sein Schicksal. Er stand dem Gott des Gemetzels, des Blutbads, gegenüber und wusste, dass dieser nicht verhandelte.
Doch er starb nicht.
„Dieser hier soll leben“, meinte er mit einem Blick zu Weißwolf. „Er soll meinen Mythos weben.“
Während Ares zurück trat, ging Weißwolf zu Agamemnon. Scheinbar waren ihre Worte, dass er der Achaier König war, doch bei Ares angekommen.
Sie brachte ihm die frohe Botschaft seines Überlebens: „Oudemían entháde échete elpída tò theîon métallon diatrêsai, mḗti ge tòn autò phéronta, Agamémnona. All’ ho Árēs toùs pónous hymôn timâi kaì tḕn spoudḕn antapodídōsin, ō Achaioí, hína tou kléous autoû kaì tou eléous légein dýnēsthe.“4
Anschließend wandte sich Weißwolf alle Achaier. Sie gemahnte sie daran, den Kult um Ares zu würdigen, wenn sie denn weiter leben wollten.
„Pántes oûn hymeîs, Achaioí, tòn hēgétēn hymôn sṓzein eásesthe, eàn tòn Árēn ek tou nŷn timâte kaì sébēsthe.“
Freilich stand Ares nur zum Schein hier auf ihrer Seite. Diesem Mann genügte es, sich hier zur Schau zu stellen und diese ganze Zeitlinie auf den Kopf zu stellen.
Vielleicht war irgendwann immerhin eine Rückkehr möglich, dann könnte er sein Werk betrachten. Dann könnte er sehen, ob Statuen von ihm errichtet wurden und der Kult des Ares über den brutalen Aspekt des Krieges hinausging.
„Was auch immer Ihr sagt“, überlegte Hartmann, „Euer Tonfall gefällt mir.“
„In den Gesichtern dieser Narren steht das Grauen geschrieben“, Ares gab sich zufrieden. „Wundervoll! Sie werden sich merken, was hier passierte und ich kann mir die Stadt vornehmen. Sag diesen Barbaren, dass sie jetzt angreifen sollen. Sag ihnen, dass sie jetzt für mich kämpfen und voran rücken sollen, denn ich werde ihnen den Weg öffnen. Jetzt beginnt der richtige Spaß.“
Weißwolf überlegte einen Moment, welche Worte sie hier wählen sollte. Ihre Versuche, die Opferzahlen zu begrenzen, waren bislang fruchtlos geblieben. Sie stellte sich zunächst in Hörweite der Trojer.
„Hymeîs dé, Trôes, nŷn epì tō̂ monopatíō Árēos kaì Achaíōn keîsthe. Oudemían en tē̂de tē̂ hēmérā eléous peísesthe, oudè níkē hymîn epì télous toûde toû hēmérou éstai. Krýptesthe kaì elpízete mē heurethênai, pheúgete kaì elpízete mē lēphthênai; all’ ho agṓn mátēn éstai. Nŷn gàr pròs tḕn orgḕn toû Árēos héstēte.“
Weißwolf gebot den Trojanern, eher zu flüchten oder sich zu verstecken, statt den Kampf zu suchen. Sie standen, so Weißwolf, nun der Wut von Ares gegenüber, der sie nichts entgegensetzen konnten. Es würde keinen Sieg hier geben, nicht einmal eine ehrenvolle Niederlage, sondern nur das Gemetzel einer vernichtenden Schlacht.
„Katéchete dè hymâs, héōs àn hai pýlai anoichthôsin. Chrḗsasthe tē̂de tē̂ hēmérā, kaì poieísthō hékastos hymôn mnḗmēn tōn entháde sḗmeron genēthéntōn“, führte Weißwolf sodann gegenüber den Achaiern aus.
Sie forderte, dass sich die Truppen solange zurückhalten sollten, bis die Tore von Ares geöffnet wurden. Sie wiederholte außerdem den Teil, dass dieser Tag besser in Erinnerung behalten werden sollte, um Ares auch zu würdigen.
„Es ist getan, Herr“, sprach Weißwolf für alle verständlich. „Ihr könnt nun beginnen.“
Ares, der es ohnehin schon kaum erwarten konnte, zögerte keine Sekunde. Er hatte bereits eines seiner Schwerter weggesteckt und seine Gaußwaffe bereit gemacht. Nun, auf Weißwolfs Kommando, feuerte er Granaten in die Reihen der Trojaner ab, die sich eilig davon zu machten suchten. Sie hatten jedoch kaum eine Chance.
Zwei Geschosse trafen das Tor, andere die Wälle in der Nähe. Stets wurden klaffende, rauchende Löcher zurückgelassen.
Ares setzte sich mit Schwert und Schusswaffe bewaffnet in Bewegung und stürmte voran gegen die Stadt. Er kannte kein Maß, keine Gnade, sondern schlachtete alle, denen er habhaft werden konnte, seinem Namensgeber gleich ab.
„Großartig, noch mehr Leute“, ärgerte sich Hartmann diesbezüglich. „Bleibt bei ihm, dass ihr mir Ares nicht aus den Augen lasst!“
Die Achaier waren zwar verängstigt und beeindruckt zugleich von der Macht, die ihnen hier den Weg ebnete, erinnerten sich jedoch der mahnenden Worte Weißwolfs und griffen an.
Denn mehr Angst machte ihnen diese Prophezeiung, sodass sie sich lieber in die Schlacht stürzten, vor allem im Rücken von Ares, als dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einige wenige Trojaner, die versuchten, die Reihen zu ordnen und etwas Widerstand zu leisten, etwa Glaucus und Aeneas, starben früh durch Ares' Hand. Der Rest, der in blinde Panik verfiel und kaum zur Verteidigung imstande war, wurde in der Welle des achaischen Ansturms wider Troja beiseite gefegt.
Weißwolf wusste, wie fatal diese Tode für die weitere Geschichte sein dürften. Sie konnte das wahre Ausmaß jedoch kaum abschätzen. Sicherlich war viel, was in den Legenden von einst übermittelt wurde, revidiert und durch die Nachforschungen der Gelehrten in der Vergangenheit präzisiert worden. Doch war es tatsächlich Aeneas, der nach einer längeren Fahrt an den Küsten des Mittelmeerraums mit den Überlebenden seines Volkes in das Land der proto-villanovanischen Kultur kam. Die alten Legenden erwiesen sich nicht als die Fantasiedarstellungen, für die man sie jahrhundertelang hielt.
Dort, in der Region, aus der später das römische Reich erblühen sollte, vermischte sich die Blutlinie von Aeneas mit den Einheimischen. Seine Legende wurde verfälscht, aber doch in Ansätzen, mit dem Kern einer Wahrheit, weiter getragen.
Nichts von alledem würde nun jedoch auf dieser Welt geschehen. Sie war nun verändert worden, wie so viele Welten, die die Menschen ihrer Zeit bisher besucht hatten und bisher wusste niemand, wie sich ein solcher Makel konkret entwickeln würde. Immerhin war es ihnen trotz aller Fortschritte noch nicht gelungen, den selben Kosmischen Faden anzusteuern, den man bereits einmal angesteuert hatte. Jedes Mal tat sich stattdessen eine neue Welt auf. Weißwolf hatte dieses Szenario schon oft genug gesehen und es tat ihr leid, dass dergleichen tagtäglich durch die Kommerzialisierung der Zeitreisen geschah. Ares, der hier aus Gründen seines eigenen Dünkels wütete, war, was das anging, längst nicht alleine. Viele Menschen suchten so etwas wie Urlaub, Abwechslung, Ablenkung oder das Ausleben ihrer barbarischen Instinkte in den sanktionierten Einrichtungen, die Zeitreisen unter der Ägide des Ministeriums für temporale Reisen anboten.
Doch Weißwolf hatte wichtigere Dinge zu tun. Das Leid dieser Welt, aller Welten, konnte sie nicht verhindern und auch wenn die Zeit hier anders laufen würde, so würde sie doch überhaupt weiter gehen. Nicht so wie manche Welten, die wohl völlig verheert wurden, weil jemand in Kriege und Krisen der späteren Zeit in eine Weise eingriff, die die ganze Welt brennen ließ.
Weißwolf nutzte die Gelegenheit des ausbrechenden Chaos. Während Ares nach vorn stürmte, rief sie den Griechen noch einmal ein Kommando zu, dass sie ihrem Gott nun ebenfalls folgen mögen: „Hépesthe tō̂ theō̂ hymôn! Hépesthe autō̂ kaì lábete tà hymétera!“
Sie selbst hielt sich dicht bei Ares, so wie die anderen und gedachte, in dem Treiben nun den Chip an Ares zu platzieren. Durch Hartmanns Befehl und ihre sprachlichen Kenntnisse gab es die Möglichkeit, bei Ares zu bleiben.
In einzelnen Teilen der Stadt bildeten sich Feuer, Rauchsäulen stachen in den Himmel und Hunderte versuchten, die Stadt über die östlichen Wege zu verlassen. Das Hinterland war offen, auch die Flanken waren durch den vormaligen trojanischen Geländegewinn ohne Widerstand und es wirkte nicht so, als setzten die Achaier nach.
Diese schienen sich stattdessen nur auf das Innere der Stadt zu konzentrieren. Vermutlich hegte niemand den Wunsch, sich allzu weit von Ares zu entfernen und wähnte sich mit diesem innerhalb der Stadtmauern sicher. Gleichzeitig vermieden es die Achaier, allzu nahe an die Delegation von Ares heranzurücken.
Durch die hohe Truppenpräsenz war es für die Zivilisten, die nicht rechtzeitig flüchten konnten, noch schwerer, sich zu verstecken. Wer auf den Straßen aufgegriffen wurde, wurde zumeist getötet, vergewaltigt oder als Sklave verschleppt. Dies hing ganz am Alter und Geschlecht der Opfer, wobei Männern und auch älteren Knaben in der Regel der Tod zuteil wurde.
Weißwolf nutzte, beim Aufstieg zum Hügel, auf dem sich der Palast stand, die Unaufmerksamkeit von Ares aus. Dieser war seinerseits mit Mord und Brand beschäftigt und bekam nicht mit, dass Weißwolf den ersten Teil ihres Plans erfüllte. Der Chip war platziert. Eine Granate, die der imperiale Prinz aus zu kurzer Distanz in ein Haus gefeuert hatte, half ihr dabei zur Deckung.
Erst am Palast auf dem mittleren Hügel der Stadt stoppte Ares. Statt sich weiter dem Gemetzel hinzugeben, jagte er einige Granaten durch die Eingangspforte und brachte den Bau zum Einsturz. Vermutlich, schätzte Weißwolf, hatte Ares ohnehin keine Idee, wer zur königlichen Familie der Stadt gehörte, sondern wollte nur deren Palast brennen sehen.
„Der liebliche Klang der Schreie“, sprach Ares fröhlich im Angesicht der Feuer. „Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen und meinem Namen Erinnerung verleihen“, prophezeite er.
Hartmann dirigierte seine Leute währenddessen auf Positionen um den Palast herum. Weißwolf beließ er bei sich, um für weitere Übersetzungen gewappnet zu sein.
Vom Hügel aus hatte Weißwolf einen guten Blick auf den südlichen und westlichen Teil der Stadt. Das Ausmaß der Zerstörung wurde nur allzu deutlich. Die Straßen waren von Soldaten gesäumt, die sich an Gütern, Tieren und Menschen bedienten. Die Gegenwehr der Trojaner, die zumindest für wenige Opfer unter den Achaiern sorgte, war längst erloschen.
Nach und nach ebbte der Lärm des Massakers ab. In dieser Zeit schritt auch Odysseus zu der Gruppe auf dem Hügel hinauf, die auf Ares nächste Anweisungen wartete. Dieser schien sich an dem Elend jedoch nicht sattsehen zu können. Jedenfalls machte er keine Anstalten, irgendwelche Befehle geben zu wollen, sondern blickte beständig in die Trümmer der Stadt.
„Euer Einsatz, Narya“, meinte Hartmann gegenüber ihrem Gast.
Er war der einzige, der sich scheinbar überhaupt getraute, den Hügel aufzusteigen und mit den Fremden, mit den Göttern, zu sprechen. Weißwolf bezweifelte, dass Agamemnon ihn geschickt haben könnte.Sie nahm an, dass er hier aus freien Stücken war, war doch seine Neugier gut überliefert.
„Pôs gégonen hóti hoi hēméteroi theoí tḕn hēmetéran glôttan ou légousin“, fragte Odysseus nach kurzem Abwarten an die vor ihn getretene Weißwolf. Er wollte wissen, warum die Götter ihre Sprache nicht sprachen.
Weißwolf war erstaunt ob der klugen Gedanken dieses Mannes. Man hätte meinen mögen, dass er ihr Schauspiel durchschaute, dass er sie keineswegs für Götter hielt. Doch gemessen an der Zeit und den Wundern ihrer Technik schien dies keine naheliegende Erklärung zu sein.
„Was will er?“, fragte Ares.
Weißwolf wusste, dass sie Odysseus' Frage nutzen musste. Sie würde versuchen, diese Leute soweit wie möglich in Sicherheit zu bringen. Mit den fehlenden Sprachkenntnissen auf ihrer Seite, zumindest soweit es den Anschein machte, sollte dies gut gelingen.
„Er fragt, gegen welches Reich Ihr, Herr, ihnen als nächstes beistehen werdet“, log Weißwolf anstandslos.
Ares konnte sich ein Auflachen nicht verkneifen.
„Scheint so, dass ihm gefällt, was er hier sieht. Sag ihm“, befahl er, „dass er erst einmal meinen Tempel bauen und meine Statue anbeten muss, ehe ich wieder von mir hören lasse“, meinte Ares weiter und wandte sich wieder der Szenerie der verheerten Stadt zu.
Weißwolf gehorchte nicht.
Zwar schien es, als würde Hartmann einen Teil der Worte verstehen und zur Kenntnis nehmen, dass diese nicht ganz mit der Forderung von Ares übereinstimmten. Doch falls er dies tatsächlich gewahrte, so sagte er zumindest nichts.
„Tís d’ àn eípoi hóti mónoi theoì hoi hyméteroí eisin? Pleíōn gàr estin ho kósmos kaì agrióteros ḕ phroneîte, kaì thnētoîs oudépote tḕn tōn theō̂n phōnḕn exeînai syniénai. Egṓ dè oudèn pléon ḕ phérōn lógon tou despótou eimí; kaì dià toûto légō: paúsasthe ḗdē kineîn tḕn orgḕn tou Árēos. Eucharisteîte autō̂, hō̂ tò haîma kaì ho pólemos phíla, kaì eúchesthe, ouk elpízontes, allà deómenoi, mḕ pote kaì en tō̂ méllonti hetéran pleuràn hairḗsetai“, sagte Weißwolf, die sich in der Rolle eines Orakels gerade ganz gut gefiel.
Weißwolf erklärte die Sprachbarriere mit einer göttlichen Sprache, die die Sterblichen nicht verstehen konnten. Es war jene fundamentale Grenzen zwischen den Sterblichen und den Göttern, die sich auch in vielen griechischen Tragödien widerspiegelte. Zugleich bemerkte sie, dass die Götter, als die sie hier gesehen wurden, nicht nur für die Achaier da waren, sondern auch für Menschen an anderen Teilen der Welt.
Sie gab Odysseus außerdem zu bedenken, dass Ares hier nicht aus Gerechtigkeit gehandelt hat, sondern aus bloßer Willkür. Diese Menschen sollten dafür beten, geradezu flehen, dass sie nicht erneut seine Aufmerksamkeit auf sich zögen, denn sie könnten als nächstes in derselben Weise leiden wie die Trojaner.
Sie zielte darauf ab, dem Mann zu zeigen, dass sein antiker Horizont mehr als nur beschränkt war, hoffte jedoch, dass dies ausreichte, um die Gefahr zu verdeutlichen, derer er hier gegenüber stand.
Odysseus schien zu verstehen, jedenfalls sagte er nichts mehr und was auch immer er noch im Sinn gehabt haben mochte, vielleicht wirklich die Frage nach weiterer göttlicher Hilfe, ließ er bleiben.
Der Achaier war keine drei Schritte gegangen, da wandte sich Ares noch einmal an Weißwolf.
„Warte“, sagte er unerwartet, „hole ihn zurück.“
„Achaíe, stêthi!“, rief Weißwolf dem Achaier hinterher und trat mit Ares auf ihn zu.
Odysseus starrte wie vom Blitz getroffen. Der Schock war dem Mann, als er sich umdrehte, ins Gesicht geschrieben. Gemessen an Weißwolfs vorherigen Worten würde er wohl mit dem Schlimmsten rechnen. Wankelmut und Willkür, musste er wohl denken.
Dies umso mehr, da Ares sein Schwert zog und zu ihm hintrat. Weißwolf folgte, um übersetzen zu können.
„Ich gebe ihm das hier“, sagte er an Weißwolf gerichtet, „er soll es nehmen und in meine Dienste treten.“
„Sehr wohl“, meinte Weißwolf und Begann mit ausgewählten Worten. „Ídete; dôron parà tou theoû hymôn lambánete, hò mónos theòs doûnai dýnatai. Lábete autó, ágete dè tòn laòn hymôn di’ autoû, kaì nŷn íte.“
Wie befohlen klärte Weißwolf Odysseus über das Geschenk auf. Gleichzeitig machte Weißwolf klar, dass dies auch eine Anerkennung der Herrschaft des Odysseus war. Sie hielt diesen Mann, im Gegensatz zu Agamemnon, für besser in der Rolle des Königs geeignet.
Dies umso mehr, da Agamemnon den Krieg dieses Mal überlebt hatte und seine Ambitionen nach diesem Tag größer sein dürften, als nur ein paar widerstrebende Kolonien zurückzuerobern. Odysseus hingegen würde, so hoffte wenigstens Weißwolf, mit Diplomatie und Frieden versuchen mögen, den Zorn von Ares, überhaupt sein Erscheinen, gar nicht erst zu provozieren.
Natürlich waren dies nur Vermutungen von ihr, aber es war das Einzige, was sie tun konnte.
Odysseus nahm die Waffe an sich und verbeugte sich. Es schien, als würde er innerlich vor Angst und Glück beben. Als er sich abwandte und den Platz verließ, wirkte sein Gang nicht befreit, sondern fast zittrig.
„Er weiß auf jeden Fall, wie man sich inszeniert“, bekundete Hartmann gegenüber diesem Geschehnis.“
„Respekt, wem er gebührt. Dieses Präsent hätte ich auch nicht erwartet“, bestätigte auch Teressis, „wobei ich ihn trotzdem nicht ausstehen kann. Ein Narzisst, wie er im Buche steht.“
„Das ist der Geist jeder Scharade und je länger du ihn kennst, desto mehr wird sich das verfestigen“, bestätigte Hartmann gleichgültig. „Aber wir sind nicht hier, um einen Freund zu finden, sondern um unseren Job zu machen.“
„Nun gut, was gibt es denn noch hier?“, fragte Ares, der die mittlerweile weitgehend ruhige Stadt weiter betrachtete. Die Achaier ordneten ihre Regimenter, brachten die Gefangenen aus der Stadt und sortierten die Kriegsbeute.
Manche Feuer waren mittlerweile erloschen, andere fraßen sich noch immer als glimmende Ranken durch einzelne Teile der Stadt. Doch zumindest der Kampflärm hatte aufgehört. Nur hin und wieder gellten Rufe durch das eroberte Troja. Die Belagerung war vorbei.
„Wie viel Benedeiung benötigt er denn noch?“, raunte Yang. „Als ob wir hier Touristenführer sind.“
Hartmann blickte fragend zu Weißwolf, diese blickte ebenso fragend zurück.
„Geografisch wie historisch ist hier nichts weiter zu holen. Wir sind hunderte Kilometer von anderen Großreichen dieser Zeit entfernt“, sagte sie. „Ich gehe davon aus, dass wir hier fertig sind.“
Da Hartmann gleich das Wort ergreifen musste, trat Weißwolf hinter Ares und machte sich bereit, den Chip wieder an sich zu nehmen. Gerade in diesem Moment verschob sich die Aufmerksamkeit jedoch nicht zu ihr oder Hartmann, sondern auf ihre Instrumente.
Es gab mehrere kurze Pings auf den Anzeigen, die von Gefahr kündeten, mehrere Ausschläge der Sensoren, die nicht erklärbar waren. Die Ereignisse überschlugen sich fortan, als eine Detonation in unmittelbarer Nähe zu Ares und der hinter ihr laufenden Weißwolf stattfand. Beide wurden von der Wucht der Explosion zu Boden geschleudert.
„Hinterhalt!“, schrie Hartmann über Funk zeitgleich mit der Detonation. „Sucht Deckung, prüft die Flugbahnen!“
Geschützfeuer dröhnte. Niemand wusste, wer sie beschoss und auch niemand wusste, worauf sie schossen. Doch hatten sie die ungefähre Richtung erkannt und richteten ihre Abwehrschüsse darauf.
„Osten“, rief Teressis, „drei Uhr.“
Es war der Ernstfall, den sie nicht erwartet hatten, jedenfalls nicht in dieser Weise. Mit Stöcken und Steinen hätten sie gerecht, doch nicht mit modernen Kriegswaffen.
„Mein System erkennt nichts“, ließ sich Hartmann vernehmen, was auch die anderen bestätigten.
„Störsender“, sagte Teressis, „ich bekomme keine klaren Signale.“
Sie kämpften gegen einen unsichtbaren Feind. Zumindest lagen sie mit dem Abwehrfeuer richtig. Denn auch wenn weiterhin auf sie geschossen wurde und einzelne Granaten auf dem Palasthügel einschlugen, hatte sich das gegnerische Feuer reduziert.
Weißwolf erhob sich und wollte die Gelegenheit nutzen, um den Chip an sich zu bringen. Doch war sie auch an ihrem Überleben interessiert und musste sich zunächst in Deckung vor dem Geschützfeuer begeben, welches scheinbar exakt auf Ares gerichtet war. Die Treffsicherheit ihrer Gegner nahm Weißwolf zu jenem Zeitpunkt jedoch noch nicht als besonders problematisch wahr. Sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wer es auf Ares abgesehen haben könnte oder wie jemand auf diesen Kosmischen Faden gesprungen war.
„Nehmt Ares“, befahl Hartmann, „verschwindet von hier! Alle anderen Deckung suchen und Feuer erwidern!“
Doch sein Ratschlag kam zu spät. Noch ehe Ares' Leibwächter diesen erreichen konnten, trafen weitere Granaten in unmittelbarer Nähe zu Ares ein. Einer der Personenschützer wurde von einer Granate direkt zerrissen, der andere schwerst verletzt.
Auch Ares wurde ein weiteres Mal zur Seite geschleudert, kam dieses Mal jedoch nicht mit heiler Haut davon. Weißwolf, die den Chip zu erreichen versuchte, rannte durch die Einschlagkrater und Rauchwolken zu ihm.
„Die Instrumente versagen“, meinte Beliz, „wir werden nicht nur gestört, wir werden komplett lahmgelegt. Was sind das für Leute?“
Tatsächlich war dies das Letzte, welches Weißwolf über Funk hörte. Beliz hatte recht, irgendwer störte ihre Verbindungen und das nicht einfach so, sondern, so schien es, zielgerichtet. Alle ihre Frequenzen brachten nur noch Rauschen hervor. Selbst Radar und Lidar schienen unzuverlässig und vermochten es nicht einmal, die nähere Umgebung anzuzeigen, sodass sich Weißwolf nur auf Sicht orientieren konnte. Bei dem Rauch der Detonationen, die Einschläge hielten nach wie vor an, wurde diese Orientierung umso mehr erschwert.
Weißwolf musste sich Ares nähern. Es schien, als würde sich der Kampf verlagern zu jener Gruppe, die noch Widerstand leistete. Da die Sicht eingeschränkt und der Funk gestört war, schien der Moment günstig, um den Chip von Ares an sich zu bringen. Jetzt oder nie.
Sie begab sich geduckt in die Richtung, wo sich Ares zuletzt befunden hatte, doch fand sie diesen nicht mehr lebendig vor. Sein Körper lag zerschmettert von den Schrapnellen an einer nahen Steinwand. Die untere Hälfte seines Leibes war nur noch ein kohlenartiger Rest, sein Gesicht voller Blut. Er war nur schwerlich noch zu erkennen und dürfte nach dem Treffer kaum mehr gelebt haben.
Ehe sie jedoch nach dem Chip suchen und ihn an sich nehmen konnte, erfolgte eine letzte Kanonade, die sich gegen die noch lebenden Verteidiger von Ares richtete. Der gesamte Hang sowie auch die verschanzten Stellungen der anderen Verteidiger um Hartmann herum wurden mit Granaten überzogen, wobei auch in Weißwolfs direkter Nähe eines der Geschosse explodierte.
Sie wurde hart neben Ares an die Wand geschleudert, hatte jedoch Glück, dass ihr geschlossener Skaphander die Wucht der Druckwelle zum größten Teil abfing. Dennoch war der Schlag so verheerend, dass sie sich verschiedene Prellungen zuzog und unmittelbar beim Aufprall ihr Bewusstsein verlor. Eine weitere Granate, die kurz darauf noch einmal in ihrer Nähe einschlug, bekam Weißwolf nicht mehr mit. Erst im Anschluss verlagerte sich der Kampf in den Süden, wobei auch die dortigen Verteidiger keine Chance gegen die schweren Waffen ihrer Gegner hatten.
Alle, die Ares auf dieser Reise begleiteten, wurden von der Konfrontation mit den unbekannten Kräften, die keiner von ihnen überhaupt zu Gesicht bekam, völlig aufgerieben. Der Granatenbeschuss ebbte ab. Der Kampflärm verflog.
Weißwolf erwachte.
Inmitten der Asche des letzten Angriffs kam sie wieder zu Sinnen und versuchte, sich zu orientieren. Dass sie lebte, erstaunte sie. Gerade auch, weil das Erste, was sie sah, der zerfetzte Leib von Ares war. Nach den vormaligen Angriffen war sein Körper noch weiter zerschunden als zuvor.
Erst allmählich wurde ihr klar, was zuletzt passierte. Sie erinnerte sich des Hinterhalts und der Granaten, die zu dem gegenwärtigen Ruin geführt hatten. Doch wusste Weißwolf nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Ihre Instrumente waren nicht zu gebrauchen. Es schien ihr jedoch, als hatte sie zumindest den gesamten letzten Tag verpasst. In der Ferne dämmerte es bereits wieder und gemessen an dem umliegenden Dunst dürfte der vernichtende Angriff am Vortag geschehen sein.
Nicht nur der Palastberg, sondern ganz Troja lag unter einem dichten Rauch. Einzelne Feuer glommen noch immer, schickten rötliches Licht in den zwielichtigen Himmel hinauf.
Jede Bewegung schmerzte. Ausgehend davon, dass ihr das Atmen schwerfiel, ging sie von einer Rippenprellung aus. Darüber hinaus waren es auch starke Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit, die sie beeinträchtigten. Im schlimmsten Fall würde sie eine Fraktur des Brustkorbs sowie eine Gehirnerschütterung haben, doch war dies, gemessen an dem Hinterhalt, ein kleiner Preis. Zurückkehren konnte sie trotzdem nicht. Jedenfalls noch nicht.
Sie brauchte den Chip und möglicherweise Hinweise darauf, wer diesen Überfall gestartet hatte. Da keine unmittelbare Gefahr drohte, wandte sie sich Ares' Leib zu. Zu ihrem Leidwesen war auch der Chip zerstört worden, ihr Auftrag somit gescheitert.
Somit blieb nur, etwas über ihre Gegner herauszufinden. Dass man sie bislang nicht angegriffen hatte, zeigte Weißwolf, dass die Angreifer wohl selbst verschwunden und in ihre Zeit zurückgekehrt waren. Denn anders, als dass es sich ebenfalls um Zeitreisende handelte, konnte es nicht sein. Offen blieb, wo sie ein Zeichen würde finden können, um nicht mit gänzlich leeren Händen zurückzukehren.
Irgendwo musste sich etwas finden lassen, wiederholte sie innerlich hoffend und wandte sich ihren Displays zu, wandte sich ihren Erinnerungen zu. Was war passiert, was hatte Teressis gesagt?
Die meisten Anzeigen des Skaphanders waren defekt. Ein Reichweitenscan brachte eine Fehlermeldung, die Sensorik war zum größten Teil defekt und auch ihre Waffen waren unbrauchbar.
Funk funktionierte zwar, doch bekam sie keine Antwort auf ihre Anfragen. Einzig ein Signal eines Skaphanders konnte sie noch ausmachen. Teressis hatte überlebt, wie sie an der Kennung feststellte. Sie befand sich unweit des zentralen Hügels, irgendwo in den südöstlichen Ausläufern von Troja. Ihr erster Anhaltspunkte, sie musste dorthin.
Vermutlich hatte sie den unmittelbaren Bombardements entkommen könnten und versucht, sich zunächst in Sicherheit zu bringen.
In ihrer näheren Umgebung gewahrte Weißwolf die Leichen mancher anderer Beschützer von Ares. Hartmann war tot, genauso wie alle anderen, die zuvor bei ihr waren. Vermutlich dürfte keiner von ihnen zurückgekehrt sein, sondern war an Ort und Stelle aufgerieben wurden.
In der Stadt begegneten ihre tatsächlich noch einzelne Menschen. Es waren ausschließlich Bewohner, die in den Trümmern nach Essbarem oder anderen Habseligkeiten suchten. Die Achaier schienen sich zurückgezogen zu haben und gemessen an dem göttlichen Zorn, den sie in das Schauspiel hineininterpretiert haben mochten, taten sie nur recht daran. Der Blick hinab ins Tal, hinab zu der Stadt, zeigte Weißwolf nur zu deutlich, dass keineswegs gewöhnliche Waffen gewütet hatten. Es war militärische Artillerie, doch wie hatte man diese hierher bekommen?
Weißwolf bemerkte auch, dass der Kampf zuletzt noch eine Weile getobt haben mochte. Teressis, die zuvor im Osten des Palasts platziert war und als erste den Angriff mitbekam, schien südlich den Hügel herabgeeilt zu sein und sich innerhalb der Gebäude Deckung gesucht zu haben.
Sie fand Teressis bewusstlos auf der Seite liegend inmitten einer Ruine. Herabgestürzte Balken, zertrümmerte Mauern und Schutt lagen um sie herum, bedeckten sie zum Teil. Doch sie lebte.
Weißwolf legte ihren Körper frei und öffnete den Skaphander. Frisches Blut befand sich auf der Innenseite ihres Helms und Anzugs, sie war schwer verletzt.
Unter einzelnen Flüchen prüfte sie den Gesundheitszustand ihres vormaligen Kameraden eingehender.
Teressis' Puls ging schwach, aber stabil. Das rechte Bein war gebrochen, der rechte Arm ebenfalls, doch war dies nicht die größte Problematik, die sich Weißwolf bot. Die Brüche waren nicht offen und durch die Rüstung bestenfalls nur in einer Ebene verschoben. Ein Kompartmentsyndrom oder andere Komplikationen konnte sie ausschließen und um die Brüche würde man sich in ihrer Zeit schon kümmern.
Vor ein Problem hingegen, was Teressis an der Rückreise hinderte, stellte Weißwolf das Schrapnell, welches den Brustpanzer durchbohrt hatte. Ihre Lunge war linksseitig perforiert, sodass sie selbst mit ihrer behelfsmäßigen Notfallmedizin, die sie wusste, an die Grenzen stieß. Auch das Medikit, welches jeder Skaphander aufwies, war für eine solche Verletzung nicht gedacht, wobei es zumindest die Überwachung von Teressis' Vitalparametern erlaubte.
Ohnehin war es ein Wunder, dass Teressis mit einer solchen Verletzung überhaupt die letzten Stunden, die ganze Nacht hindurch, überlebt hatte. Teressis' Atmung war flach, aber unregelmäßig und sie war unterkühlt, stand vermutlich kurz vor einem hypovolämischen Schockzustand, der dann definitiv tödlich ausgehen würde. Mit Blick auf ihre Bewusstlosigkeit käme möglicherweise noch eine Gehirnerschütterung hinzu.
Weißwolf durfte keine Zeit verlieren, sondern musste eine Behandlung riskieren. Die großen Blutgefäße dürften verfehlt worden sein und ihre Lage zuvor war rettend. In wenigen Sekunden überschlug Weißwolf die Vorgehensweise und packe das Medikit aus, welches neben Bandagen und Kompressen auch verschiedene Injektionen erlaubte.
Behelfsmäßig stabilisierte Weißwolf zunächst Teressis' Arme und Beine, ehe sie die Verriegelungen ihres Brustpanzers löste. Sie musste die Verletzung offenlegen, um eine Behandlung und einen schnellen Transport zu gewährleisten. In ihrer Zeit würde man ihr zweifelsohne helfen mögen, wenn sie es denn überlebte.
Weißwolf verabreichte Teressis ein starkes Analgetikum, stabilisierte das Schrapnell so gut sie konnte und wollte bereits den Rücktransport vorbereiten, als Teressis' Zustand kippte. Sie vermutete, dass die Drehung auf den Rücken ein Fehler war, da das Schrapnell zuvor wie eine Blockade gewirkt haben musste.
Behelfsmäßig entlastete Weißwolf den Brustkorb, indem sie mit einem eigens dafür bereitgelegten und sterilen Rohr einen Zugang öffnete und einen kleinen Schlauch in den Pleuraspalt einführte. Ein Kammerflimmern und einen Defibrillatoreinsatz später schien sich der Zustand dieser Frau wieder stabilisiert zu haben. Es war jedoch fraglich, wie lange.
„Jetzt oder nie“, sprach Weißwolf schweißgebadet nach dem Procedere aus, schloss den Skaphander und startete den Rücktransfer.
Bereits im nächsten Moment war von Teressis nichts mehr da. Mit Schrapnell und mit allem, was Weißwolf zur Überwachung an sie angeschlossen hatte, war sie verschwunden.
Weißwolf hatte alles getan, was ihr möglich war und vor Ort konnte es keine weitere Behandlung geben. Falls Teressis nicht direkt tot ankam, dürfte sie jedenfalls gute Chancen haben, von den Notfallkräften ihrer Zeit gerettet zu werden und so machte sich Weißwolf daran, in dieser fernen Zeit weitere Nachforschungen anzustellen.
Zusammen mit der Sonne zogen auch ihre eigenen Schmerzen wieder auf. Im Zuge der vormaligen Behandlung hatte sie kaum einen Gedanken an ihren eigenen Körper verschwendet, doch merkte Weißwolf nun, wie sehr auch ihr dies zugesetzt hatte.
Doch blieb ihr nichts übrig, als Hinweise auf den Angreifer zu finden. Denn wer immer in der Lage war, einen der imperialen Familie auf diese Weise in einen Hinterhalt zu locken, ihn zielgerichtet zu töten und seine gesamte Verteidigung wie einen Haufen Hühner aussehen zu lassen, hätte vielleicht auch andere Optionen mit Blick auf den Transfer zur Erde.
Ganz davon abgesehen musste sie ihre eigene Haut retten, wenn sie das nächste Mal vor den Castam treten würde. Sie erinnerte sich endlich, dass Teressis den Osten erwähnt hatte, kurz bevor alles eskalierte. Drei Uhr, waren ihre Worte gewesen. Seufzend erhob sie sich und wollte bereits in Richtung der Stadtmauern aufbrechen.
Draußen näherten sich jedoch zwei Personen. Weißwolf schätzte, dass es keine Feinde waren, sondern eher Achaier, vermutlich Odysseus, der schon vorher durch seine Neugierde auffiel. Vermutlich hatte es Beobachter innerhalb der Stadt gegeben, die ihre Feldherren informiert haben mussten, als Weißwolf auf dem Palasthügel erwacht war.
Gefahr bestand jedoch nicht und so wartete sie deren Kommen ab.
Ihr Gedanke wurde bestätigt. In der anderen Person sah sie Achilleus. Dieser Mann, so wusste sie, war genauso von Narzissmus beseelt wie auch Ares. Zwar würde er keine Bedrohung darstellen, doch dürfte das Gespräch nicht so harmonisch ablaufen wie mit Odysseus alleine.
„Ti en Troíā gégonen? “, fragte Odysseus.
Der Mann suchte eine Erklärung für das Chaos. Weißwolf hatte selbst keine, blieb jedoch ihrer Rolle als Gott treu. Sie erklärte Odysseus, dass er hier zwischen die Fronten einer göttlichen Auseinandersetzung geraten war.
„Toûto éti peirômai syniénai. synchōreíte moi; dokeî dé moi hymâs es méson theôn máchēs empeseîn. „
Achilleus schien diese Erklärung jedoch nicht zufriedenzustellen. Er war ein törichter Mann, der zu sehr von sich selbst überzeugt war und Weißwolfs Worte als unpassend-erachtete.
„Polloì lógoi perì henòs theoû.“5
Odysseus erwiderte darauf aufgebracht und mit Verweis auf die massive Zerstörung, die keine ihrer Waffen hätte anrichten können, ob Achilleus denn nicht diesen Krieg der Götter nachvollziehen konnte: „Ouch horâis hṓsper kagṓ, hà gégonen?“
Weißwolf ahnte schon, worauf es hinaus lief. Odysseus konnte Achilleus nicht überzeugen, dass er hier einen Gott vor sich hatte. Jede halbwegs rationale Erklärung war zu viel für den tumben Geist dieses Kämpfers, dessen Kampffähigkeiten zwar legendär waren, seine Intelligenz jedoch nicht. Rohe Stärke, Geschicklichkeit und auch taktisches Wissen im Kampf sowie der Kriegsführtung, aber nicht darüber hinaus: Das waren die Eigenschaften des Achilleus.
„Ḗ dē hikanà heṓraka, all’ oúpō toûde“, sagte Achilleus denn auch, weil er den Kampf suchte und sich mit einem angeblichen Gott messen wollte.
Weißwolf hatte zumindest keine Probleme damit, auch wenn so etwas das Letzte war, was sein schmerzender Körper noch brauchen konnte. Sein Skaphander würde alles aushalten. Je schneller dieser Blödsinn vorbei war, desto schneller konnte sie weiter ziehen. Sie zog ihr Schwert und lud ihren Gegner zum Kampf ein: „All’ áge, archṓmetha.“
Odysseus trat einen Schritt zurück. Weißwolf hatte vor, das Duell rasch zu beenden, doch wich Achilleus dem ersten Hieb geschickt aus. Er versuchte, sie nach dem Hieb zu fassen, um selbst einen Stoß in ihren Hals zu landen.
Zwar wusste auch Weißwolf zu fechten, doch war es nicht die Blamage, die sie gegenüber dem Achaier im Sinn hatte. Stattdessen strich Achilleus' Klinge sogar an ihrer Rüstung vorbei. Hätte sie keinen Skaphander, hätte er um Haaresbreite ihren Nacken touchiert. Sie kam nicht umhin, seine Kriegskunst, vor allem seine Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit, anzuerkennen.
Es folgte sogleich ein weiterer Versuch von Achilleus, die Initiative zu nutzen und in Weißwolfs Seite zu fallen. Sie drehte sich jedoch ebenso schnell und ergriff seinen Schwertarm und ließ eben jenes allein durch einen Stoß mit ihrem Ellenbogen splittern. Sein Versuch, mit dem Schild zurückzuschlagen, ging fehl, als der bronzezeitliche Schutz gleich darauf durch Weißwolfs Schwert barst.
Sie musste jedoch aufpassen, nicht wie Ares zuvor gleich weiter in sein Fleisch zu schneiden. Bei all dem Leid und der Zerstörung hier wollte sie nicht mitgeholfen haben, irgendeinen Menschen zu töten. Nicht einmal so ein kriegsgeifernder Narr wie Achilleus sollte heute noch sterben. Diese Zeit war sowieso schon eine andere, was brachte es also, ihn, der bei der historischen Schlacht um Troja starb, zu töten?
Als Achilleus mit der Faust zuschlagen wollte, trat sie, so mild sie es vermochte, gegen sein Bein und brachte ihn auf die Knie vor sich. Anschließend täuschte sie bereits den Todesstoß an, hielt jedoch vor Ares' Hals inne.
Odysseus wirkte so, als wollte er bereits nicht mit Schwert, sondern mit Wort eingreifen. Doch er realisierte rechtzeitig, dass Weißwolf selbst nicht von Mordlust getrieben war.
„Eínai arketá. Ísoun arketá gennaíos!“, meinte Weißwolf beschwichtigend und appellierte an die Tapferkeit von Achilleus.
„Sas pou tou dósate zoí efcharistó“, entfuhr es Odysseus. Er bedankte sich, dass Weißwolf ihren so übereifrigen Kontrahenten am Leben gehalten hatte.
Weißwolf wandte sich zunächst an Achilleus, der sich aufrichtete und zu Odysseus ging, und schollt diesen als tapfer sowie dumm zugleich: „Eísai gennaíos kai anónitos.“ Anschließend fuhr sie gegenüber Odysseus fort, ob dieser wisse, von wo genau der Feind gekommen war: „Apó poú írthe o echtrós?“
Drei Uhr war eine eher unpräzise Angabe und gemessen an der weiten Landschaft und den fehlerhaften Instrumenten nichts, auf das man sich verlassen sollte.
„Tin eídame móno gia lígo kai den tolmísame na páme pio kontá“, sagte Odysseus bestätigend, dass sie Angreifer gesehen hatten. Er zeigte gen Südosten.
Auch Achilles pflichtete ihm bei: „Theoí ntyménoi sta mávra ekeí píso apó to lófo“, sagte er, wobei er schwarz gekleidete Götter erwähnte, die ihr Lager hinter einer Hügelkuppe hatten.
Achilleus musste sich aus dem Schlachtgeschehen um Troja herausgehalten haben. Er und seine Myrmidonen dürften die Flanken gesichert, aber nicht beim Sturm der Stadt beigewohnt haben, schätzte Weißwolf. Ein solches Unterfangen, vor allem im Schatten des Ares, bot zu wenig Ruhm und stand unter der Würde dieses sagenumwobenen Kriegers. Von der Südseite der Stadt dürfte er auch jenen Einblick bekommen haben, den er hier schildern konnte.
Das reichte Weißwolf jedenfalls als Information. In der angezeigten Richtung gab es nur eine Hügelkuppe. Von der Entfernung schätzte sie, dass sie fünf bis zehn Kilometer weit weg war. Für Artilleriewaffen war die Distanz kein Problem und der Hügel bot genug Deckung. Ihre Granaten, deren Einschlagkrater sie ebenfalls sehen konnte, hatten die Distanz nicht überbrücken können, wohl aber den Feind kurzzeitig behindert. Dennoch war ihr Widerstand letzten Endes völlig vergebens.
Weißwolf konnte sich somit an ihre Arbeit machen. Sie würde jedoch noch ein paar passende Worte gegenüber Achilleus und Odysseus richten müssen. Vielleicht konnte sie bewirken, dass wenigstens etwas Friede in diese verheerte Welt einkehrte.
Sie übergab ihr Schwert an Achilleus und sprach: „Tha to koitáxo. Aftó pare. Enóste tous Achaioús enántia stin katastrofí akoloutheí pou. Tha gínei prospátheia na párei ti thési tou Ári méso polémou kai thanátou. Aftí thymitheíte kai na elpízoume min mas poté xanadeíte. ha to koitáxo. Aftó pare. Enóste tous Achaioús enántia stin katastrofí akoloutheí pou. Tha gínei prospátheia na párei ti thési tou Ári méso polémou kai thanátou. Aftí thymitheíte kai na elpízoume min mas poté xanadeíte.“
Sie begann damit, dass sie nach den schwarzen Göttern sehen werde und führte aus, dass Odysseus und Achilles die Achaier leiten sollten. Sie sprach von einer Katastrophe, die käme, da nun jemand des Platz des Ares einnehmen müsse. Krieg und Tod würden folgen, ehe sich einer als würdig erwies. Schließlich verabschiedete sie sich damit, dass sie hoffen sollten, die Götter nie wieder zu sehen.
Weißwolf hoffte, dass Achilleus' Waffenfertigkeiten und Odysseus' Weisheit harmonieren könnten. Agamemnon dürften sie definitiv entthronen, dafür hatten sie durch ihre Geschenke die Integrität erworben. Während sich Achilleus verneigte, fehlten Odysseus die Worte. Vermutlich hatten beide über einiges nachzudenken. Vorsichtig, unter den vom Skaphander geschützten Blick Weißwolfs, tragen sie ein paar Schritte zurück und entfernten sich schließlich von ihr.
Weißwolf machte sich sodann auf, die Stellung ihrer Feinde aufzusuchen. Der Weg war weit. Sie stellte sich auf wenigstens zwei Stunden Fußmarsch ein, um hinter den Hügel zu gelangen. Auf dem Weg sinnierte sie darüber, wie ihre Feinde hier angelangt sein mochten. Wären sie nach ihnen eingetroffen, hätten ihre Geräte die Ausschläge in den Werten bemerkt, die Signale geortet und sofortigen Alarm gegeben. Man musste also bereits vor ihnen hier gewesen sein. Man musste Zugriff auf ihren Kosmischen Faden gehabt haben und sich in dem Moment, da die Vorbereitungen liefen, bereits darauf eingeklinkt haben. Man wusste also, dass man kam und mehr noch, man schien gewusst zu haben, was Ares vorhatte. Von der Deckung des Hügels aus hatte man gelauert, ihre Signale markiert und sie dann Stück für Stück ins Visier genommen.
Schließlich, die Sonne war mittlerweile aufgegangen, gelangte sie auf den Hügel. Das Terrain war durch ihre eigenen Einschlagkrater schwer genug zu passieren gewesen und durch starke Schmerzen im linken Bein war das Gehen mühselig genug. Von oben herab sah sie einige dunkle Stellen, die auf Geschützfeuer hindeuten konnten. Sie wandte sich diesen zu und schritt den seichten Abhang hinab.
Der teils erdige, teils sandige Boden war in einem Areal von ein paar Dutzend Quadratmetern verbrannt. Teilweise war der Fels freigelegt. Weißwolf konnte deutlich sehen, wie schwere Lafetten ihre Füße in den Fels gepresst haben mussten. Die Frage, wie man dieses Kriegsgerät hierher geschafft hatte, blieb jedoch weiterhin ein Rätsel für Weißwolf.
Ihre Beobachtungsposten könnte man aus dem Hinterhalt eliminiert haben, als das Treiben in Troja auf dem Höhepunkt war. Weißwolf schätzte, dass dies zu Beginn von Ares Bombardement des Tempels stattfand. Anschließend nahm man ihre Signaturen mit der Artillerie in den Blick. Sie hatten keine Chance. Der Feind sah sie, er störte ihre Verbindungen und ihre Instrumente und jede einzelne Granate war fast punktgenau bei jedem von ihnen eingeschlagen.
Schwarze Kleidung, wiederholte Weißwolf die Worte von Achilleus. Skaphander kamen im Regelfall in einem leicht silbrigen Ton, konnten jedoch problemlos angepasst werden. Vor allem höhergestellte Offiziere hatten vielfach ihre eigenen Farbgebungen, um sich von anderen zu unterscheiden und sicherlich auch, um ihrer Individualität Ausdruck zu verleihen. Dass man ein Bataillon, welches für solcher Akte in der Verantwortung stand, schwarz anstrich, wäre sicher konsequent. Doch wer hatte die Macht, so ein Unterfangen zu starten?
Der Geheimdienst, überlegte Weißwolf, käme infrage. Doch würde es sich dann um eine aktive Gruppe handeln, die gegen die solare Herrschaft stand. Ebenso die Leibgarde der Herrscherfamilie selbst und natürlich die Lateiner. Wenn man den Thron usurpieren wollte, würde ein solch klandestiner Angriff auf Ares Sinn machen. In dem Falle wären seine Geschwister vielleicht als nächstes dran und am Ende würde Zeus selbst folgen.
Die Mitglieder des Syndikates jedenfalls, die kriminellen Schattenorganisationen, hatten zwar die Möglichkeit, sich in die Kosmischen Fäden einzuklinken, wie sie es bei ihr selbst taten. Doch waren dies Einzelfälle. Geschweige denn besaßen sie eine Menge an Skaphandern, noch die Logistik des Transports schwerer Waffen. Ähnlich sah es mit vereinzelten Widerstandsgruppen aus.
Vor allem die schweren Waffen gingen Weißwolf nicht aus dem Kopf. Sie konnten Menschen durch die Zeit schicken. Nicht aber derartiges Material. Dies war eine Technologie, von der sie noch nie gehört hatte. Was also auch immer hier los war, es war eine große Sache und sie würde nicht umhin kommen, sich damit eingehender zu beschäftigen.
Doch nun stand etwas anderes an. Sie musste zurück und sie kam mit leeren Händen. Sie musste sich dem Castae stellen. Für die Toten konnte sie nichts mehr tun und ihr eigenes Elend würde nun schlimm genug werden, war sie doch erst einmal nun von der Gnade dieses Castae abhängig. Für die Welt insgesamt hatte sie derweil getan, was sie tun konnte. Sie bedauerte, dass nun eine Zeitlinie mehr verheert und sich niemand wirklich mit dem Schicksal dieser Welten zu befassen schien. Es interessierte die Leute nicht.
Kopfschüttelnd blickte sie sich noch ein letztes Mal um, um sicherzugehen, nichts übersehen zu haben. Jedoch gab es nichts mehr. Sie hatte alles genau in Augenschein genommen, genau analysiert, was geschehen war und wusste somit eine Geschichte zu erzählen. Ob sie glaubhaft war, ob sie für ihr Leben reichte, würde sich zeigen müssen. Sie stellte den Skaphander ein und verschwand in ihre Zeit zurück.
Capitulum IV: Consilia Innocentiae Cruentae (der blutigen Unschuld Pläne)
Fortsetzung kann folgen. Wer ernstlich bis hierher gekommen ist und mehr lesen möchte, der möge das bitte kommunizieren. Sonst kann ich mir das natürlich sparen.
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