Dachlatten-Blues

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Sidgrani

Mitglied
Ich habe mich auf leisen Sohlen
des Nachts vor euer Haus gestohlen.
Die Eingangstür ist zu, na heiter,
und nirgendwo steht eine Leiter.

Dein Vater ahnt nichts von uns beiden,
er kann mich immer noch nicht leiden;
und bis ich seine Gunst gewinne,
komm ich zu dir per Regenrinne.

Bevor wir zwei ein wenig geigen,
muss ich zu dir nach oben steigen.
Drum nichts wie rauf auf diesen Baum,
mein Blumenstrauß behindert kaum.

Schnell weiter auf des Daches Zinnen,
mir wird schon heiß, gleich bin ich drinnen.
Ich balanciere fest entschlossen
zum Fenster hin, es ist verschlossen.

So sehr ich schreie, klopf und jammer,
es rührt sich nichts in deiner Kammer.
Dafür brennt jetzt im Hausflur Licht,
dein Vater kommt, du ahnst es nicht!

In mir verlöschen tausend Lunten,
nützt alles nichts, ich muss nach unten.
Versiegt ist all mein heißes Drängen,
nicht nur mein Strauß lässt alles hängen.
 

Tula

Mitglied
Hallo Sidgrani

Ein tragikomisches "Helden-Epos". Wie immer fein durchgereimt und mit guter Pointe :)

LG
Tula
 

Sidgrani

Mitglied
Hallo Tula,

der eine oder andere bayerische Urgroßvater wird wahrscheinlich nur lässig mit der Achsel zucken, weil er als junger Bauernbub beim Fensterln (ist inzwischen ziemlich out) schon Schlimmeres erlebt hat. Danke für Bewertung und Kommentar.

Lieben Sonntagsgruß
Sidgrani
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo,

erst habe ich schmunzelnd gelesen, jetzt mäkle ich noch ein wenig, denn ein paar Kleinigkeiten fielen mir sofort als störend auf.

1.) Der logische Bruch. Erst erzählt uns der Protagonist, er nutze die Dachrinne, dann aber nimmt er wohl doch lieber den Baum.

2.) (und das ist jetzt Meckern auf hohem Niveau aber das gibt einfach ganz entscheidend Pepp) stolpert man regelrecht über den Wechsel der Kadenz in Vers 3 (und 5 - je später, desto weniger stört es, ganz zum Schluss kann man es sogar gezielt einsetzen).

Ich gestehe ja gerne, dass ich es meist auch nicht besser mache aber hier könnte man mit recht wenig Aufwand viel herausholen.

Gruß

Jürgen
 


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