Codecdiva
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Im Finstern des Kybernetik-Ateliers prellte Protak die "Transfer"-Taste und stieg auf das Pedal unter dem Schreibtisch. Er kippte den Abraum aus seinem Aschenbecher in den Blecheimer. Die Kühlung der Ziffernmaschine sprang an. Der alte Mann holte eine Stange "Zuban"-Zigaretten aus der Lade, um sie zu knacken. Pause. Frischer Kaffee musste her.
Im grünen Schein von Oszillographen und Glasschreibern entfachte Protak eine Zuban, dann, mit dem selben Streichholz, die Reste von Brennstofftabletten. Wasser rauschte in die "Melitta"-Kanne. Die Ziffernmaschine begann zu bimmeln. Schon fertig?
Tatsächlich: 077125361243. Das war der Schlüssel zu Damsels Maschine? Nun ratterten die Ziffern als ein Stück Papierstreifen aus dem Locher. Bares Geld! Innerhalb einer Minute!
Die Rekonstruktion der Zahl hätte Stunden oder Tage dauern können, aber manchmal hat man eben Glück, falls Protak keinen Fehler gemacht hatte. Die Überantwortung der Ziffern in sein Gedächtnis dauerte nur einen Augenblick. Lernen konnte man so etwas nicht. Dafür musste man geboren sein wie Protak, Doktor Protak.
"Tut mir leid, Dewotschcha", murmelte der Verbrecher, spritzte den Rest an Kaffee aus der Blechtasse in die Abwasch und griff nach der Flasche "Hauptstädtischen" ins Regal.
Bevor Protak die Tasse auf seine Beute erhob, fuhr er an der Anordnung über dem Schreibtisch eine kurze Zeile aus Kippschaltern entlang, die nach oben mussten, um in mattem Rot aufzuleuchten. Das vertraute Singen der Signal-Leitung ertönte, belebte den oberste Glasschreiber mit Zeilen von Damsels Ziffernmaschine irgendwo im fernen Leningrad.
Der Doktor setzte er sich wieder in den Ohrensessel vor seinem "Tesla"-Tastschreiber, um die Zahl zu erproben.
Protak multiplexte die Ausgabe auf die Röhre der Ziffernmaschine vor ihm und ließ 077125361243 aus der Erinnerung über die Leitung huschen. Die Quittierung kam augenblicklich. Damsel musste eine Kanone von Maschinchen in der Arbeitsstube haben.
Um seine Anwesenheit in ihrer Elektronik zu verschleiern, drosselte Protak die Leitung auf unter zehn und begann, sich als fernbedienter Dämon durch das Labyrinth von Damsels magnetischer Kuratierung zu bewegen. Es gab rätselhafte Namen und eigenwillige Gefüge aus Korridoren und Etiketten, um deren Entflechtung sich Protaks Aufgraggeber kümmern würden. Die Zahl passte. Erledigt.
Protak putzte seinen Schlund mit "Hauptstädtischem" und goss nach. Die "Melitta"-Kanne meldete den Vollzug. Der Locher knackte, gleichzeitig ging ein Zucken durch alle Oszillographen und der Papierschreiber ließ den Wagen bis zum Anschlag zurücklaufen. Einer der Kippschalter löste aus, wie Protak hörte. Welcher war es gewesen? Die Kanne musste vom Feuer.
Protak labte sich bis zur Neige am Hauptstädtischen und füllte die Blechtasse mit heißem Kaffee. Während er die Nummer des Kommissars an der Wählscheibe herbeischrubbte, sprang die Kühlung der Ziffernmaschine an, obwohl selbige nichts zu tun hatte.
Protak erkannte Tatjana, Sekretärin des Kommissars, an der Stimme.
"Sagen Sie dem Chef, ich kann liefern."
"Herr Doktor Protak, wunderbar. Ich schlage vor, Sie nehmen sich eine Automobildroschke und holen Ihr Honorar. Bringen Sie den Streifen mit."
Erstaunlich, wie informiert Tatjana war.
"Sie haben mein Geld?"
"Wir haben Ihr Geld. Haben Sie Zeit, sofort zu kommen?"
"Ja. Zur gewohnten Adresse?"
Alles wie erwartet. Protak legte auf und streifte die Holzpantoffel ab. Nun geschah etwas eigenartiges. Der Typenschreiber sprang an und begann, Papier zu schieben. Viel Papier. Potz Tausend.
Statt sich die Schuhe anzuziehen, suchte Protak den Schreiber auf, der riesige Buchstaben malte, die aus den gewohnten Lettern zusammengesetzt waren. Protak zog das papierene Band straff.
"U N V E R G E S S L I C H"...
Es waren fast zwei Meter und wurden unter Rattern mehr.
..."E S R E N D E Z V O U S"
Die Nachricht endete mit dem Typen-Pointillismus einer Rose. Der Papierschreiber verstummte.
Potz Tausend. Wie war das möglich? Das große Amperemeter neben der Uhr stand auf über 24. Die Oszillographen mit den Registern der Ziffernmaschine erstarrten in 7777 7777 7777 7777. Trenner. Sofort.
Protak stürzte sich in die Nische zwischen Schaltkasten und Bücherregal und riss die Hebelklinge nach unten. Augenblicklich erlosch der Garten aus winzigen Grüns und Rots im Raum und es war stockdunkel. Innerhalb von zwei Sekunden verebbte auch das Lied der Kühlung der Ziffernmaschine. Zum ersten Mal seit Wochen war es totenstill im Kybernetik-Atelier.
Protak tastete im Regal nach der Grubenlampe, setzte sie jedoch nicht auf. Im Lichtkegel fand er den "Hauptstädtischen" und trank aus der Flasche. Die Blechtasse mit dem Kaffee zu orten dauerte etwas länger. Zigarette, Zigarette, aber da war noch die von vorhin als leuchtender Punkt im Aschenbecher.
Durch die Fenster kam blaues Flackern. Ein Streifenwagen. Und zwei weiße Mäuse. Zufall?
Es hämmerte an der Tür. "Aufmachen! Polizei!"
Potz...
Protak öffnete und fand sich in Gesellschaft von vier Uniformierten. Ein Leutnant und drei Bezirkler. Sie drängten einfach herein in seine Stätte.
"Herr Doktor Protak?"
"Ja. Sehr erfreut. Und Sie?"
Der Leutnant riss den Durchschlag aus dem Haftbefehl und reichte ihn Protak.
"Sie sind verhaftet. Ich muss Sie bitten, mit uns zu kommen."
"Das gibt es nicht. Was liegt vor?"
"Als ob ich Ihnen das sagen müsste."
Protak klappte seine Brille von der Stirn und widmete sich geschärften Buchstaben. Bankraub. Polygamie. Kreditwucher. Geheimprostitution. Da stand tatsächlich: "Geheimprostitution", gleich neben der Nummer des Paragraphen. Unglaublich. Unmöglich. Was seltsamerweise fehlte, war "Kybernetische Beunfugung", Protaks lukrative Spezialität.
"Sie sind Opfer einer Kriminellen", hauchte Protak. "Hier wurde die Magnetik Ihrer geschätzten Zentralmaschine gefälscht..."
"Möglich, aber das müssen andere klären. Sie kommen erst mal mit."
"Sehen Sie..." Protak drehte den Körper und deutete auf den Durchschlag. "'Geheimprostitution'. Das ist doch vollkommen lächerlich! Sehe ich aus wie ein Straßenmädchen?"
"Herr Doktor, wir haben diesen Haftbefehl, wie Sie sehen. Sie haben sicher Verständnis für Handschellen."
"Es ist doch offensichtlich ein mutwillig herbeigeführter Justizirrtum!"
"Sie bestehen auf Gewalt? Bitte ziehen Sie sich an."
"Darf ich telefonieren?"
"In der Konstabulei. Machen Sie schon. Oder wollen Sie mit Handschellen in die Jacke?"
Auf der Straße öffnete der Bezirkler, der als Fahrer auftrat, die Tür zur Rückbank des Streifenwagens. Die weißen Mäuse bestiegen ihre Krafträder. Protak stieg ein, die Hände in Schellen vor dem Bauch. Er war in Sorge um sein Gleichgewicht und wie er sich beim Stürzen schützen sollte als Gefesselter. Fahrer und Leutnant nahmen in der ersten Reihe Platz.
"Wir haben 91 und sind Fünf-Null-Drei", gab der Bezirkler am Steuer über Funk durch und ließ den Motor an.
"Ich habe mächtige Feinde", erklärte Protak.
"Kommt mir auch so vor." Der Leutnant holte Zigaretten aus dem Handschuhfach. "Auch eine?"
"Bitte."
Im fahrenden Wagen war es schwierig, sich in einer anderen Sitzreihe Feuer geben zu lassen. Der Leutnant verwendete ein Feuerzeug mit Benzin statt Streichhölzern. Vielleicht deswegen.
"Waren Sie schon einmal verliebt?", fragte der alte Mann seinen Gönner.
"Zuletzt heute früh."
Etwas wie ein photographischer Aluminiumblitz überraschte die motorisierte Schar, ein Aluminiumblitz, der die ganze Nachbarschaft erhellte.
"Was war das?", krächzte Protak.
"Sieht nach Orbitalkanone aus. Ich kenne das von meinem Krieg in Sibirien... Verheimlichen Sie mir etwas, Doktor Protak?"
Am Ende der Straße, an der Stelle von Protaks Atelier, erleuchteten glühende Stümpfen ehemaliger Koniferen eine Rauchsäule. Das Häuschen selbst war verschwunden. Dann wurde es wärmer und es begann, Asche zu schneien.
Potz Tausend. Nicht schlecht für ein Mädchen.
Im grünen Schein von Oszillographen und Glasschreibern entfachte Protak eine Zuban, dann, mit dem selben Streichholz, die Reste von Brennstofftabletten. Wasser rauschte in die "Melitta"-Kanne. Die Ziffernmaschine begann zu bimmeln. Schon fertig?
Tatsächlich: 077125361243. Das war der Schlüssel zu Damsels Maschine? Nun ratterten die Ziffern als ein Stück Papierstreifen aus dem Locher. Bares Geld! Innerhalb einer Minute!
Die Rekonstruktion der Zahl hätte Stunden oder Tage dauern können, aber manchmal hat man eben Glück, falls Protak keinen Fehler gemacht hatte. Die Überantwortung der Ziffern in sein Gedächtnis dauerte nur einen Augenblick. Lernen konnte man so etwas nicht. Dafür musste man geboren sein wie Protak, Doktor Protak.
"Tut mir leid, Dewotschcha", murmelte der Verbrecher, spritzte den Rest an Kaffee aus der Blechtasse in die Abwasch und griff nach der Flasche "Hauptstädtischen" ins Regal.
Bevor Protak die Tasse auf seine Beute erhob, fuhr er an der Anordnung über dem Schreibtisch eine kurze Zeile aus Kippschaltern entlang, die nach oben mussten, um in mattem Rot aufzuleuchten. Das vertraute Singen der Signal-Leitung ertönte, belebte den oberste Glasschreiber mit Zeilen von Damsels Ziffernmaschine irgendwo im fernen Leningrad.
Der Doktor setzte er sich wieder in den Ohrensessel vor seinem "Tesla"-Tastschreiber, um die Zahl zu erproben.
Protak multiplexte die Ausgabe auf die Röhre der Ziffernmaschine vor ihm und ließ 077125361243 aus der Erinnerung über die Leitung huschen. Die Quittierung kam augenblicklich. Damsel musste eine Kanone von Maschinchen in der Arbeitsstube haben.
Um seine Anwesenheit in ihrer Elektronik zu verschleiern, drosselte Protak die Leitung auf unter zehn und begann, sich als fernbedienter Dämon durch das Labyrinth von Damsels magnetischer Kuratierung zu bewegen. Es gab rätselhafte Namen und eigenwillige Gefüge aus Korridoren und Etiketten, um deren Entflechtung sich Protaks Aufgraggeber kümmern würden. Die Zahl passte. Erledigt.
Protak putzte seinen Schlund mit "Hauptstädtischem" und goss nach. Die "Melitta"-Kanne meldete den Vollzug. Der Locher knackte, gleichzeitig ging ein Zucken durch alle Oszillographen und der Papierschreiber ließ den Wagen bis zum Anschlag zurücklaufen. Einer der Kippschalter löste aus, wie Protak hörte. Welcher war es gewesen? Die Kanne musste vom Feuer.
Protak labte sich bis zur Neige am Hauptstädtischen und füllte die Blechtasse mit heißem Kaffee. Während er die Nummer des Kommissars an der Wählscheibe herbeischrubbte, sprang die Kühlung der Ziffernmaschine an, obwohl selbige nichts zu tun hatte.
Protak erkannte Tatjana, Sekretärin des Kommissars, an der Stimme.
"Sagen Sie dem Chef, ich kann liefern."
"Herr Doktor Protak, wunderbar. Ich schlage vor, Sie nehmen sich eine Automobildroschke und holen Ihr Honorar. Bringen Sie den Streifen mit."
Erstaunlich, wie informiert Tatjana war.
"Sie haben mein Geld?"
"Wir haben Ihr Geld. Haben Sie Zeit, sofort zu kommen?"
"Ja. Zur gewohnten Adresse?"
Alles wie erwartet. Protak legte auf und streifte die Holzpantoffel ab. Nun geschah etwas eigenartiges. Der Typenschreiber sprang an und begann, Papier zu schieben. Viel Papier. Potz Tausend.
Statt sich die Schuhe anzuziehen, suchte Protak den Schreiber auf, der riesige Buchstaben malte, die aus den gewohnten Lettern zusammengesetzt waren. Protak zog das papierene Band straff.
"U N V E R G E S S L I C H"...
Es waren fast zwei Meter und wurden unter Rattern mehr.
..."E S R E N D E Z V O U S"
Die Nachricht endete mit dem Typen-Pointillismus einer Rose. Der Papierschreiber verstummte.
Potz Tausend. Wie war das möglich? Das große Amperemeter neben der Uhr stand auf über 24. Die Oszillographen mit den Registern der Ziffernmaschine erstarrten in 7777 7777 7777 7777. Trenner. Sofort.
Protak stürzte sich in die Nische zwischen Schaltkasten und Bücherregal und riss die Hebelklinge nach unten. Augenblicklich erlosch der Garten aus winzigen Grüns und Rots im Raum und es war stockdunkel. Innerhalb von zwei Sekunden verebbte auch das Lied der Kühlung der Ziffernmaschine. Zum ersten Mal seit Wochen war es totenstill im Kybernetik-Atelier.
Protak tastete im Regal nach der Grubenlampe, setzte sie jedoch nicht auf. Im Lichtkegel fand er den "Hauptstädtischen" und trank aus der Flasche. Die Blechtasse mit dem Kaffee zu orten dauerte etwas länger. Zigarette, Zigarette, aber da war noch die von vorhin als leuchtender Punkt im Aschenbecher.
Durch die Fenster kam blaues Flackern. Ein Streifenwagen. Und zwei weiße Mäuse. Zufall?
Es hämmerte an der Tür. "Aufmachen! Polizei!"
Potz...
Protak öffnete und fand sich in Gesellschaft von vier Uniformierten. Ein Leutnant und drei Bezirkler. Sie drängten einfach herein in seine Stätte.
"Herr Doktor Protak?"
"Ja. Sehr erfreut. Und Sie?"
Der Leutnant riss den Durchschlag aus dem Haftbefehl und reichte ihn Protak.
"Sie sind verhaftet. Ich muss Sie bitten, mit uns zu kommen."
"Das gibt es nicht. Was liegt vor?"
"Als ob ich Ihnen das sagen müsste."
Protak klappte seine Brille von der Stirn und widmete sich geschärften Buchstaben. Bankraub. Polygamie. Kreditwucher. Geheimprostitution. Da stand tatsächlich: "Geheimprostitution", gleich neben der Nummer des Paragraphen. Unglaublich. Unmöglich. Was seltsamerweise fehlte, war "Kybernetische Beunfugung", Protaks lukrative Spezialität.
"Sie sind Opfer einer Kriminellen", hauchte Protak. "Hier wurde die Magnetik Ihrer geschätzten Zentralmaschine gefälscht..."
"Möglich, aber das müssen andere klären. Sie kommen erst mal mit."
"Sehen Sie..." Protak drehte den Körper und deutete auf den Durchschlag. "'Geheimprostitution'. Das ist doch vollkommen lächerlich! Sehe ich aus wie ein Straßenmädchen?"
"Herr Doktor, wir haben diesen Haftbefehl, wie Sie sehen. Sie haben sicher Verständnis für Handschellen."
"Es ist doch offensichtlich ein mutwillig herbeigeführter Justizirrtum!"
"Sie bestehen auf Gewalt? Bitte ziehen Sie sich an."
"Darf ich telefonieren?"
"In der Konstabulei. Machen Sie schon. Oder wollen Sie mit Handschellen in die Jacke?"
Auf der Straße öffnete der Bezirkler, der als Fahrer auftrat, die Tür zur Rückbank des Streifenwagens. Die weißen Mäuse bestiegen ihre Krafträder. Protak stieg ein, die Hände in Schellen vor dem Bauch. Er war in Sorge um sein Gleichgewicht und wie er sich beim Stürzen schützen sollte als Gefesselter. Fahrer und Leutnant nahmen in der ersten Reihe Platz.
"Wir haben 91 und sind Fünf-Null-Drei", gab der Bezirkler am Steuer über Funk durch und ließ den Motor an.
"Ich habe mächtige Feinde", erklärte Protak.
"Kommt mir auch so vor." Der Leutnant holte Zigaretten aus dem Handschuhfach. "Auch eine?"
"Bitte."
Im fahrenden Wagen war es schwierig, sich in einer anderen Sitzreihe Feuer geben zu lassen. Der Leutnant verwendete ein Feuerzeug mit Benzin statt Streichhölzern. Vielleicht deswegen.
"Waren Sie schon einmal verliebt?", fragte der alte Mann seinen Gönner.
"Zuletzt heute früh."
Etwas wie ein photographischer Aluminiumblitz überraschte die motorisierte Schar, ein Aluminiumblitz, der die ganze Nachbarschaft erhellte.
"Was war das?", krächzte Protak.
"Sieht nach Orbitalkanone aus. Ich kenne das von meinem Krieg in Sibirien... Verheimlichen Sie mir etwas, Doktor Protak?"
Am Ende der Straße, an der Stelle von Protaks Atelier, erleuchteten glühende Stümpfen ehemaliger Koniferen eine Rauchsäule. Das Häuschen selbst war verschwunden. Dann wurde es wärmer und es begann, Asche zu schneien.
Potz Tausend. Nicht schlecht für ein Mädchen.