Damsel

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Codecdiva

Mitglied
Im Finstern des Kybernetik-Ateliers prellte Protak die "Transfer"-Taste und stieg auf das Pedal unter dem Schreibtisch. Er kippte den Abraum aus seinem Aschenbecher in den Blecheimer. Die Kühlung der Ziffernmaschine sprang an. Der alte Mann holte eine Stange "Zuban"-Zigaretten aus der Lade, um sie zu knacken. Pause. Frischer Kaffee musste her.

Im grünen Schein von Oszillographen und Glasschreibern entfachte Protak eine Zuban, dann, mit dem selben Streichholz, die Reste von Brennstofftabletten. Wasser rauschte in die "Melitta"-Kanne. Die Ziffernmaschine begann zu bimmeln. Schon fertig?

Tatsächlich: 077125361243. Das war der Schlüssel zu Damsels Maschine? Nun ratterten die Ziffern als ein Stück Papierstreifen aus dem Locher. Bares Geld! Innerhalb einer Minute!

Die Rekonstruktion der Zahl hätte Stunden oder Tage dauern können, aber manchmal hat man eben Glück, falls Protak keinen Fehler gemacht hatte. Die Überantwortung der Ziffern in sein Gedächtnis dauerte nur einen Augenblick. Lernen konnte man so etwas nicht. Dafür musste man geboren sein wie Protak, Doktor Protak.

"Tut mir leid, Dewotschcha", murmelte der Verbrecher, spritzte den Rest an Kaffee aus der Blechtasse in die Abwasch und griff nach der Flasche "Hauptstädtischen" ins Regal.

Bevor Protak die Tasse auf seine Beute erhob, fuhr er an der Anordnung über dem Schreibtisch eine kurze Zeile aus Kippschaltern entlang, die nach oben mussten, um in mattem Rot aufzuleuchten. Das vertraute Singen der Signal-Leitung ertönte, belebte den oberste Glasschreiber mit Zeilen von Damsels Ziffernmaschine irgendwo im fernen Leningrad.

Der Doktor setzte er sich wieder in den Ohrensessel vor seinem "Tesla"-Tastschreiber, um die Zahl zu erproben.

Protak multiplexte die Ausgabe auf die Röhre der Ziffernmaschine vor ihm und ließ 077125361243 aus der Erinnerung über die Leitung huschen. Die Quittierung kam augenblicklich. Damsel musste eine Kanone von Maschinchen in der Arbeitsstube haben.

Um seine Anwesenheit in ihrer Elektronik zu verschleiern, drosselte Protak die Leitung auf unter zehn und begann, sich als fernbedienter Dämon durch das Labyrinth von Damsels magnetischer Kuratierung zu bewegen. Es gab rätselhafte Namen und eigenwillige Gefüge aus Korridoren und Etiketten, um deren Entflechtung sich Protaks Aufgraggeber kümmern würden. Die Zahl passte. Erledigt.

Protak putzte seinen Schlund mit "Hauptstädtischem" und goss nach. Die "Melitta"-Kanne meldete den Vollzug. Der Locher knackte, gleichzeitig ging ein Zucken durch alle Oszillographen und der Papierschreiber ließ den Wagen bis zum Anschlag zurücklaufen. Einer der Kippschalter löste aus, wie Protak hörte. Welcher war es gewesen? Die Kanne musste vom Feuer.

Protak labte sich bis zur Neige am Hauptstädtischen und füllte die Blechtasse mit heißem Kaffee. Während er die Nummer des Kommissars an der Wählscheibe herbeischrubbte, sprang die Kühlung der Ziffernmaschine an, obwohl selbige nichts zu tun hatte.

Protak erkannte Tatjana, Sekretärin des Kommissars, an der Stimme.

"Sagen Sie dem Chef, ich kann liefern."

"Herr Doktor Protak, wunderbar. Ich schlage vor, Sie nehmen sich eine Automobildroschke und holen Ihr Honorar. Bringen Sie den Streifen mit."

Erstaunlich, wie informiert Tatjana war.

"Sie haben mein Geld?"

"Wir haben Ihr Geld. Haben Sie Zeit, sofort zu kommen?"

"Ja. Zur gewohnten Adresse?"

Alles wie erwartet. Protak legte auf und streifte die Holzpantoffel ab. Nun geschah etwas eigenartiges. Der Typenschreiber sprang an und begann, Papier zu schieben. Viel Papier. Potz Tausend.

Statt sich die Schuhe anzuziehen, suchte Protak den Schreiber auf, der riesige Buchstaben malte, die aus den gewohnten Lettern zusammengesetzt waren. Protak zog das papierene Band straff.

"U N V E R G E S S L I C H"...

Es waren fast zwei Meter und wurden unter Rattern mehr.

..."E S R E N D E Z V O U S"

Die Nachricht endete mit dem Typen-Pointillismus einer Rose. Der Papierschreiber verstummte.

Potz Tausend. Wie war das möglich? Das große Amperemeter neben der Uhr stand auf über 24. Die Oszillographen mit den Registern der Ziffernmaschine erstarrten in 7777 7777 7777 7777. Trenner. Sofort.

Protak stürzte sich in die Nische zwischen Schaltkasten und Bücherregal und riss die Hebelklinge nach unten. Augenblicklich erlosch der Garten aus winzigen Grüns und Rots im Raum und es war stockdunkel. Innerhalb von zwei Sekunden verebbte auch das Lied der Kühlung der Ziffernmaschine. Zum ersten Mal seit Wochen war es totenstill im Kybernetik-Atelier.

Protak tastete im Regal nach der Grubenlampe, setzte sie jedoch nicht auf. Im Lichtkegel fand er den "Hauptstädtischen" und trank aus der Flasche. Die Blechtasse mit dem Kaffee zu orten dauerte etwas länger. Zigarette, Zigarette, aber da war noch die von vorhin als leuchtender Punkt im Aschenbecher.

Durch die Fenster kam blaues Flackern. Ein Streifenwagen. Und zwei weiße Mäuse. Zufall?

Es hämmerte an der Tür. "Aufmachen! Polizei!"

Potz...

Protak öffnete und fand sich in Gesellschaft von vier Uniformierten. Ein Leutnant und drei Bezirkler. Sie drängten einfach herein in seine Stätte.

"Herr Doktor Protak?"

"Ja. Sehr erfreut. Und Sie?"

Der Leutnant riss den Durchschlag aus dem Haftbefehl und reichte ihn Protak.

"Sie sind verhaftet. Ich muss Sie bitten, mit uns zu kommen."

"Das gibt es nicht. Was liegt vor?"

"Als ob ich Ihnen das sagen müsste."

Protak klappte seine Brille von der Stirn und widmete sich geschärften Buchstaben. Bankraub. Polygamie. Kreditwucher. Geheimprostitution. Da stand tatsächlich: "Geheimprostitution", gleich neben der Nummer des Paragraphen. Unglaublich. Unmöglich. Was seltsamerweise fehlte, war "Kybernetische Beunfugung", Protaks lukrative Spezialität.

"Sie sind Opfer einer Kriminellen", hauchte Protak. "Hier wurde die Magnetik Ihrer geschätzten Zentralmaschine gefälscht..."

"Möglich, aber das müssen andere klären. Sie kommen erst mal mit."

"Sehen Sie..." Protak drehte den Körper und deutete auf den Durchschlag. "'Geheimprostitution'. Das ist doch vollkommen lächerlich! Sehe ich aus wie ein Straßenmädchen?"

"Herr Doktor, wir haben diesen Haftbefehl, wie Sie sehen. Sie haben sicher Verständnis für Handschellen."

"Es ist doch offensichtlich ein mutwillig herbeigeführter Justizirrtum!"

"Sie bestehen auf Gewalt? Bitte ziehen Sie sich an."

"Darf ich telefonieren?"

"In der Konstabulei. Machen Sie schon. Oder wollen Sie mit Handschellen in die Jacke?"

Auf der Straße öffnete der Bezirkler, der als Fahrer auftrat, die Tür zur Rückbank des Streifenwagens. Die weißen Mäuse bestiegen ihre Krafträder. Protak stieg ein, die Hände in Schellen vor dem Bauch. Er war in Sorge um sein Gleichgewicht und wie er sich beim Stürzen schützen sollte als Gefesselter. Fahrer und Leutnant nahmen in der ersten Reihe Platz.

"Wir haben 91 und sind Fünf-Null-Drei", gab der Bezirkler am Steuer über Funk durch und ließ den Motor an.

"Ich habe mächtige Feinde", erklärte Protak.

"Kommt mir auch so vor." Der Leutnant holte Zigaretten aus dem Handschuhfach. "Auch eine?"

"Bitte."

Im fahrenden Wagen war es schwierig, sich in einer anderen Sitzreihe Feuer geben zu lassen. Der Leutnant verwendete ein Feuerzeug mit Benzin statt Streichhölzern. Vielleicht deswegen.

"Waren Sie schon einmal verliebt?", fragte der alte Mann seinen Gönner.

"Zuletzt heute früh."

Etwas wie ein photographischer Aluminiumblitz überraschte die motorisierte Schar, ein Aluminiumblitz, der die ganze Nachbarschaft erhellte.

"Was war das?", krächzte Protak.

"Sieht nach Orbitalkanone aus. Ich kenne das von meinem Krieg in Sibirien... Verheimlichen Sie mir etwas, Doktor Protak?"

Am Ende der Straße, an der Stelle von Protaks Atelier, erleuchteten glühende Stümpfen ehemaliger Koniferen eine Rauchsäule. Das Häuschen selbst war verschwunden. Dann wurde es wärmer und es begann, Asche zu schneien.

Potz Tausend. Nicht schlecht für ein Mädchen.
 

marcm200

Mitglied
Mir ist nicht klar, was der Text aussagen will.

Es geht von Hacken, über gefälschte Haftbefehle zu plötzlichem Ascheregen und Kanonen.

Manche Sätze sind für mich nur Wortfolgen, deren Sinn ich mir mühsam selbst erarbeiten muss. Warum ein so verklausulierter Schreibstil?
"fernbedienter Dämon durch das Labyrinth von Damsels magnetischer Kuratierung zu bewegen"
"die Nummer des Kommissars an der Wählscheibe herbeischrubbte"

"Und zwei weiße Mäuse" - hat Protak Halluzinationen? Sollen das Motorradpolizisten sein?

"prellte Protak die "Transfer"-Taste" - Mir unbekannte Verwendung. Meintest du "presste"?

"Die Überantwortung der Ziffern in sein Gedächtnis" - Ich würde eher "Übertragung" wählen, da eine Überantwortung, zumindest für mich, bedeutet, dass das Objekt nicht "kopiert" wird, die Zahl steht aber ja immer noch auf dem Papierstreifen.

"spritzte den Rest an Kaffee aus der Blechtasse in die Abwasch" - "Die Spüle" kenne ich, aber "die Abwasch"? Wird das lokal irgendwie im deutschsprachigen Raum verwendet?

"drosselte Protak die Leitung auf unter zehn" - hier fehlt mir als Hörer eine Maßeinheit. Mb/sec? Baud?

"suchte Protak den Schreiber auf, der riesige Buchstaben malte, die aus den gewohnten Lettern zusammengesetzt waren" - ich würde eher davon sprechen, dass die Buchstaben dem ihm bekannten Alphabet entstammen. Buchstaben/Lettern sind für mich Synonyme.

Von welchem Mädchen ist zum Schluss die Rede? Der Angreiferin? Damsel? Von Protak wird ja als "er" gesprochen ("er kippte").
 

jon

Mitglied
Es war extrem mühsam, den Text auch nur zu lesen. Verstanden habe ich fast nichts, nicht einmal, was eigentlich passiert (außer, dass Protak Alk und Kaffee süffelt und am Ende verhaftet wird). Nicht mal wenn ich "Übersetzungen" versuche, die zum Teil wild geraten statt logisch erklärbar sind.
 

Codecdiva

Mitglied
Lieber @ marcm200, lieber @ jon,
vielen Dank fürs Lesen, extra Dank, dass ihr DAS gelesen habt, weil es mutwillig unverständlich ist. Es gibt Leute, die das ohne Mühe nachvollziehen können, aber wahrscheinlich zu wenige. Ich wollte bloß ein bisschen zu weit gehen, bin viel zu weit gegangen. Manche Wörter stammen aus der Zeit meiner Geburt, wie z.B. "Kybernetik". Die inzwischen wieder fast vergessenen Vorsilben "Cyber-" sind vom englischen Wort "cybernetics" und wurden bis in die frühen 1970er ähnlich verwendet wie heute "digital", d.h. für Computer und Elektronik im weitesten Sinn.

ICH BIN NICHT BÖSE, WENN IHR DEN REST NUR OBERFLÄCHLICH ODER GAR NICHT LEST, ABER FALLS ES EUCH INTERESSIERT, IST ES DA.

Einen ähnlichen Vorfall wie den geschilderten gab es in den frühen 1980ern, als ein Journalist, der gegen eine Hacker-Gruppe ermittelte, auf einmal sein Telefon zu Hause in einen Münzfernsprecher umgewidmet hatte. Außerdem war er seinen Führerschein los und sein Auto wurde beschlagnahmt, weil die Hackergruppe beim Department for Motor Vehicles etwas hinterlegte oder löschte. Die Täter waren Teenager. Den Artikel kann ich am Internet im Moment nicht finden, aber sehr angestrengt habe ich mich noch nicht. Die Teenager hatten keine Kontrolle über Waffensysteme, bloß über das amerikanische Telefonnetz und verschiedene säumige Behörden. (Installierten auch ein Labyrinth-Spiel mit Buchstaben und Text für mehrere Spieler gleichzeitig in einem Konzernrechenzentrum; ich bin aber nicht sicher, ob ich das nicht verwechsle. Jedenfalls waren diese Teenager in ihrem Untergrund sehr angesehen. Sie freuten sich, vom FBI verhört zu werden, weil ihnen endlich jemand zuhörte, wenn sie mit ihren technischen Kunststücken prahlten. So viel Kooperation und Geständigkeit verblüffte und überforderte die Ermittler zunächst.)

"Weiße Mäuse" sind Polizisten auf Motorrädern, allerdings nur Verkehrspolizisten, was ich auch nicht wusste. Dazu gibt es einen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Weiße_Mäuse

Das Wort "Abwasch" ist ein österreichisches Wort und bedeutet, richtig, marcm200, "Spüle". Solche Fehler werden noch mehr passieren, fürchte ich, obwohl meine Sensibilität für spezifisch österreichische Wörter inzwischen gewachsen ist.

"Prellen" für "presste" ist richtig, allerdings ist "prellen" für alte Tastaturen treffender, die viel robuster gebaut waren. In alten Tastaturen gab es je nach Typ verschiedene Sorten Metallfedern, die kurz schwangen, wenn man richtig draufhaute mit dem Finger, und das konnte man im Finger spüren. Richtig draufhauen tat man, wenn man triumphierend einen längeren Prozess vor der (Rauch-)pause startete, oder wenn man zum wiederholten Male, daher genervt oder beunruhigt, den Prozess starten musste, weil er trotz wiederholten Korrekturen an der eigenen Software nicht funktionieren wollte. "Prellen" bezeichnet genau dieses Schwingen der Feder oder des Kontakts in einem Druckknopf.


Mir ist nicht klar, was der Text aussagen will.
Eine Romanze. Ich kann keine Frauenfiguren, daher musste ich es defensiv spielen.

marcm200 schrieb:
Warum ein so verklausulierter Schreibstil?
"fernbedienter Dämon durch das Labyrinth von Damsels magnetischer Kuratierung zu bewegen"
"die Nummer des Kommissars an der Wählscheibe herbeischrubbte"
Ruiniert durch literarischen Anspruch. Tut mir leid. Aber für so etwas hat man ja Leser, die solche Sachen bemängeln. Danke.

marcm200 schrieb:
"Die Überantwortung der Ziffern in sein Gedächtnis" - Ich würde eher "Übertragung" wählen, da eine Überantwortung, zumindest für mich, bedeutet, dass das Objekt nicht "kopiert" wird, die Zahl steht aber ja immer noch auf dem Papierstreifen.
Das halte ich für überpenibel, aber dein Einwand hat etwas, weil ich mir das geliebte Wort "Überantwortung" mit "Gedächtnis" wo abgeguckt habe, allerdings kann es bei näherer Betrachtung eine schlechte Übersetzung von "committed to memory" sein, was auch nicht gerade unpeinlich ist.

marcm200 schrieb:
"drosselte Protak die Leitung auf unter zehn" - hier fehlt mir als Hörer eine Maßeinheit. Mb/sec? Baud?
Hier spießt sich etwas, weil ich konkrete Technik in der Fantasiewelt weglassen wollte. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass solche Fantasiewelten nicht vermittelbar sind, ohne dass sich Leser Späne einziehen, wenigstens nicht leicht. Dazu am Schluss mehr.

marcm200 schrieb:
"suchte Protak den Schreiber auf, der riesige Buchstaben malte, die aus den gewohnten Lettern zusammengesetzt waren" - ich würde eher davon sprechen, dass die Buchstaben dem ihm bekannten Alphabet entstammen. Buchstaben/Lettern sind für mich Synonyme.
Daran habe ich herumgekniffelt, und dein "bekanntes Alphabet" war dabei, aber mir gefiel das nicht. Erklären musste ich es für Menschen unter 40, die die Praktik mit den Bildern aus Buchstaben nicht richtig mitbekommen haben, aber ich sehe die Gefahr, dass diese Demographie dann nicht weiß, was "Pointillismus" ist.

marcm200 schrieb:
Von welchem Mädchen ist zum Schluss die Rede? Der Angreiferin? Damsel?
Ja.

marcm200 schrieb:
Von Protak wird ja als "er" gesprochen ("er kippte").
Das ist überhaupt Schlamperei, die ich übersehen habe.

Hier etwas ganz allgemeines zur Geschichte. Mir gefällt der Gedanke, Science-Fiction-Geschichten den Anschein zu geben, als wären sie vor längerer Zeit verfasst worden und hätten sich die dargebotene Welt bloß ausdenken können. Solche Arbeitszimmer wie Protaks gab es in den 1970ern. (Oszillosgraphen zur Darstellung von Registerinhalten gab es darin nicht, weil sich die Praktik in den 1950ern aufhörte und auf Großcomputer beschränkt war.) Computer-Hacker kamen erst später, aber Telefon-Hacker gab es. (Steve Jobs und Steven Wozniak, Gründer von Apple, verkauften Geräte dafür, bevor sie ins Computergeschäft einstiegen.) Mein Darling ist im Moment eine Science-Fiction-Geschichte, die im Science-Fiction-Jahr 2025 handelt, in einer Welt voll technischer Wunder: helles Licht ohne Glühbirnen, Laserstrahlen als Katzenspielzeug, Taschentelefone und sogar ein weltweites Computer-Kommunikationsnetzwerk!

Noch allgemeiner: Ich kann unter anderen Lesern und Freunden und Familie feststellen, dass die Bereitschaft, unbekannte Wörter auch nur zu tolerieren, deutlich abgenommen hat. Nachschlagen will kaum jemand etwas. Das ist für mich seltsam, weil ich das gewohnt bin und jeden Tag muss, unter anderem wegen englischsprachigen Youtube, das bei mir praktisch ununterbrochen im Hintergrund läuft. Gleichzeitig sind die Leute in ihren Kulturkreisen fragmentierter als früher und die Produktion von neuen Wörtern geht viel schneller, besonders in Nischen. Ein Beispiel sind die vielen Belletristik-Genres, die den meisten heutigen Menschen nichts sagen, weil kaum jemand noch liest. Das macht das Erzählen von solchen Kulturkreisen (Belletristik-Leser zum Beispiel sind so ein Kulturkreis) knifflig. Außerdem kenne ich Leute, die "lethargisch", "eklatant" und "Implikation" nachschlagen müssten, aber nicht wollen. Andere verstehen "Date", "Nerd", "Miniboss" oder "woke" nicht, von "Larp", "Simp", "Electric Boogaloo" gar nicht zu reden. Und dann heimtückische Wörter, denen ich nicht ansehe, dass sie eher kurzlebig waren, wie "Expo" und "Softie". Dieses schriftstellerische Problem ist anscheinend ein Dauerbrenner in amerikanischen Foren für Schreiberlinge. https://books.google.com/ngrams ist eine Hilfe, aber nicht besonders zuverlässig. Dass Arno Schmidt mit seinen Fantasie-Wörtern, mit seiner persönlichen Orthographie und damals vollkommen unbekannten Anglizismen wie "Permit" oder "Headquarters" durchkommen konnte, ist mir heute praktisch unvorstellbar. Oder Stanislaw Lem, bzw. sein Übersetzer, mit "teleologisch", "Kosmogonie", "commensurabel", "Theodizee". Viel Spaß mit so etwas auf Booktok!

Lieber @marcm200, lieber @jon,
ich lese etwas von euch, wenn ihr wollt, was ihr wahrscheinlich tut, aber was? Gibts Vorlieben für so etwas? Wenn ja, wo?

Nochmals vielen Dank!
 

John Goodman

Mitglied
Moin Codecdiva :)

Auch ich muss mich meinen Vorrednern anschließen. Wenngleich die Bilder, die dein Text in meinem Kopf erzeugt, mich irgendwie in ihren Bann ziehen. Beim ersten Durchlesen kam ich nicht mal bis zur Hälfte und musste abbrechen. Aber der Text wollte mich nicht loslassen und so habe ich die Story nochmals gelesen und ja; dein Text hat etwas, was ich nicht vermag in Worte zu fassen.


Liebe Grüße

John
 

jon

Mitglied
Manche Wörter stammen aus der Zeit meiner Geburt, wie z.B. "Kybernetik".
Um die geht es bei der Kritik überhaupt nicht.

Nachschlagen will kaum jemand etwas.
Entschuldige, aber bei leuchtenden Glasschreibern, Ziffernmaschine und Typenschreiber kommt man nicht viel weiter. Letzteres könnte eine Schreibmaschine sein, aber das passt nicht in den Kontext. Bei Ziffernmaschine schickt mich Google zu „Enigma“ und zur klassischen Rechenmaschine. Glasschreiber sind Stifte, mit denen man auf Glas schreiben kann. Dann gibt es noch einen Papierschreiber, es gibt offenbar Lochstreifen (was nicht nur altertümlich klingt, sondern de facto auch ist), einen "Tesla"-Tastschreiber, in Ziffern erstarrende Oszillographen (Sind die Geräte formveränderlich?) … Und das sind nur einzelne Wörter, von unverständlichen Wortgruppen/Sätzen rede ich da mal noch gar nicht.
 
Zuletzt bearbeitet:

jon

Mitglied
Übrigens: „Mädchen“ heißt auf Russisch „D(j)ewotschka“ (девочка), nicht „Dewotschcha“. Die Junge Frau ist eine „D(j)ewuschka" (девушка). (Das j wird gesprochen, aber oft in Umschriften weggelassen.)
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich finde den Text schräg, komisch, absurd, in einer unbestimmbaren Vergangenheit angelegt, kaum ernsthaft Science Fiction, sondern mehr wie der Kultquatsch, den ich vor zwei, drei Jahrzehnten mal gemocht habe. Also für mich eine gelungene Rückblende - was keine Wertung sein soll.
Lese es bestimmt gern noch mehrmals.
 

jon

Mitglied
Noch ein Nachtrag: Dass da irgendwas irgendwie gehackt wird, hatte ich mir schon zusammereimen können (allerdings soll das eine Geschichte sein, kein zu lang geratenes Rätsel), aber wozu und was der Protagonist dann macht, weiß ich immer noch nicht.
 

Codecdiva

Mitglied
Vielen Dank erstmal für das ergiebige und wertschätzende Feedback, auch meinen ernsten und ausführlichen Kritikern. Ich werde heute nicht mehr zu viel kommen, bin aber bald wieder da. Einfälle hätte ich schon, bin jedoch mal offline. Schönen Tag! Wie nett! Auch die ausführlichen Kritiker!
 

marcm200

Mitglied
@Codecdiva:

Danke für die Erläuterungen.

Hattest du mal daran gedacht, den ein oder anderen Aspekt, den du hier ausführlich erklärst, direkt im Text einzubauen? Vielleicht "Er prellte die Taste, die seinem Druck spürbar entgegenarbeitete". Dann wäre alles klar.

Was deinen Punkt angeht, dass "niemand mehr unbekannte Wörter nachschauen wilL": In einer Bedienungsanleitung, in der ich alles verstehen muss, tue ich das. Bei Texten, die ich zur Unterhaltung lese, sind ein paar Wörter, die ich mir im Zusammenhang erschließen muss, nicht problematisch. Wenn es viel mehr sind: Ich aber habe nicht vor, mir Texte zu erarbeiten.

Die Story über die Telefonhackerangriffe klingt wie ein spannendes Thema für eine lange Geschichte. Hast du da etwas in Arbeit?
 

Codecdiva

Mitglied
John Goodman schrieb:
Auch ich muss mich meinen Vorrednern anschließen.
Meine Schuld, lieber John Goodman :)

John Goodman schrieb:
Wenngleich die Bilder, die dein Text in meinem Kopf erzeugt, mich irgendwie in ihren Bann ziehen. Beim ersten Durchlesen kam ich nicht mal bis zur Hälfte und musste abbrechen. Aber der Text wollte mich nicht loslassen und so habe ich die Story nochmals gelesen und ja; dein Text hat etwas, was ich nicht vermag in Worte zu fassen.
Das ist im Prinzip keine schlechte Nachricht, aber mir wäre lieber, verstanden zu werden. So ähnliche Äußerungen gibt es hier noch eine; interessant. Atmosphäre gibt es anscheinend, aber dafür kann man gleich rätselhafte Lyrik lesen. Mehr darüber am Schluss dieses Posts.

jon schrieb:
Entschuldige, aber bei leuchtenden Glasschreibern, Ziffernmaschine und Typenschreiber kommt man nicht viel weiter. Letzteres könnte eine Schreibmaschine sein, aber das passt nicht in den Kontext.
Terminal, Computer und Fernschreiber haben mir nicht gefallen, weil diese Wörter nicht märchenhaft genug sind und daher die Atmosphäre ruinieren.
Mir fällt im Moment nichts klareres ein, aber mal sehen... Mehr darüber am Schluss.

jon schrieb:
Bei Ziffernmaschine schickt mich Google zu „Enigma“ und zur klassischen Rechenmaschine.
"Automatische Ziffernrechenmaschine" war mir zu sperrig. Das ist zwar die Definition von einem digitalen Computer, aber aber aber das war nie eine populäre Einsicht. Ich habe gehofft, dass Menschen, die den Zusammenhang kennen, in der Science-Fiction-Abteilung breit vertreten sind.

jon schrieb:
Glasschreiber sind Stifte, mit denen man auf Glas schreiben kann.
Autsch und LOL. Ich habe "selbererfundene Wörter googeln" auf meiner Liste, bin jedoch eher säumig mit meiner Liste.

jon schrieb:
Dann gibt es noch einen Papierschreiber, es gibt offenbar Lochstreifen (was nicht nur altertümlich klingt, sondern de facto auch ist),
Das ist richtig. So etwas hatte ich als Kind und hätte ich gerne wieder, ist aber schon ziemlich teuer geworden als Liebhaberstück. Erzeugt Krach, den man als Bass-Line zu einer Techno-Nummer verwenden kann.

jon schrieb:
in Ziffern erstarrende Oszillographen (Sind die Geräte formveränderlich?)
Wäre anders gegangen; diesen Einwand habe ich nicht kommen xehn.

jon schrieb:
… Und das sind nur einzelne Wörter, von unverständlichen Wortgruppen/Sätzen rede ich da mal noch gar nicht.
Du warst schon ausführlich und hilfsbereit genug, vielen Dank.

"Tesla"-Tastaturen gibt es übrigens, die mit Induktion funktionieren. Aus dem verschundenen Jugoslawien. Da Induktion bei Tastatur-Connoisseuren die vergessene Königsklasse ist und kaum welche gebaut wurden, können sich nur Oligarchen so etwas leisten.

jon schrieb:
Übrigens: „Mädchen“ heißt auf Russisch „D(j)ewotschka“ (девочка), nicht „Dewotschcha“. Die Junge Frau ist eine „D(j)ewuschka" (девушка). (Das j wird gesprochen, aber oft in Umschriften weggelassen.)
Mein "Dewotschka" ist die Verballhornung aus "Clockwork Orange", in der Hooligans einen russoiden Jargon haben. Es war dort "Devotchka", aber ich
habe die deutsche Übersetzung auch gelesen, glaube ich, und so wurde das wahrscheinlich transliteriert. In meiner Umgebung ist "Dewotschka" ein
gelegentliches Wort, aber ich bin anscheinend der einzige, der fremde Frauen so anredet, vorwiegend Seniorinnen, die anscheinend wissen, was ich
meine, weil noch keine gefragt oder sich beschwert hat.

Das Wort habe ich mal mit Audio im Wörterbuch nachgesehen, aber ich wusste nicht, wie man das kyrillisch richtig transliteriert und brachte die
vorgemachte Aussprache nicht zusammen. Eine tatsächliche russische девушка im Advent wollte nach meinem neunten Versuch über etwas anderes reden.
Auch sie habe ich - vorher - mit "Dewotschka" angeredet, und sie hat sich auch nicht beschwert.

Clown seiner Klasse schrieb:
Ich finde den Text schräg, komisch, absurd, in einer unbestimmbaren Vergangenheit angelegt, kaum ernsthaft Science Fiction, sondern mehr wie der Kultquatsch, den ich vor zwei, drei Jahrzehnten mal gemocht habe. Also für mich eine gelungene Rückblende - was keine Wertung sein soll.
Lese es bestimmt gern noch mehrmals.
Danke, auch für die *****! Mich würde der Kultquatsch interessieren. Hast du Titel oder so? Oder war das Kino?

jon schrieb:
Noch ein Nachtrag: Dass da irgendwas irgendwie gehackt wird, hatte ich mir schon zusammereimen können (allerdings soll das eine Geschichte sein, kein zu lang geratenes Rätsel), aber wozu und was der Protagonist dann macht, weiß ich immer noch nicht.
Weiß der Protak auch nicht. Jemand zahlt es ihm. Darauf reite ich nicht besonders herum.

marcm200 schrieb:
Hattest du mal daran gedacht, den ein oder anderen Aspekt, den du hier ausführlich erklärst, direkt im Text einzubauen? Vielleicht "Er prellte die Taste, die seinem Druck spürbar entgegenarbeitete". Dann wäre alles klar.
Ich bin noch nicht dazugekommen, fühle mich jedoch von dir ermuntert.

marcm200 schrieb:
Bei Texten, die ich zur Unterhaltung lese, sind ein paar Wörter, die ich mir im Zusammenhang erschließen muss, nicht problematisch. Wenn es viel mehr sind: Ich aber habe nicht vor, mir Texte zu erarbeiten.
Im wortwörtlichen Sinn schön und gut, aber ich kann nicht richtig einschätzen, wie leicht man meine erfundenen Wörter erraten kann oder welche Demographien welche Wörter kennen. Klagen über unbekannte Wörter höre ich dauernd, und nicht nur online für Prosa und kaum für selbererfunden Wörter. Bei Prosa ist der Umstand, dass ich Österreicher bin, ein Faktor, aber nicht der einzige.

marcm200 schrieb:
Die Story über die Telefonhackerangriffe klingt wie ein spannendes Thema für eine lange Geschichte. Hast du da etwas in Arbeit?
Ähnliches habe ich mehrmals versucht, aber alles, was sich in erster Linie vor einem Computer abspielt, ist nicht besonders mitreißend. Ich habe mal zugesehen, wie welche vom Kollektiv eine Sicherheitsfirma ausgeräumt und den Geschäftsführer und das Eigentümer-Ehepaar blamiert haben. Den Artikel habe ich geschrieben, während es passiert ist, aber das war nur deswegen interessant, weil die Leaks richtig peinlich und die Reaktionen der Betroffenen so belemmert und lächerlich waren. Der Artikel wurde eine recht erfolgreiche Glosse. Heute gibt es mehrere nostalgische Youtube-Berichte über den Vorfall, die sich aber nicht so freudvoll lustig machen wie wir damals.

Meine Damsel hatte das Pseudonym Tina und ging sehr weit damit, ihre Identität zu verschleiern. Sie jubelte anderen Leuten Trojaner unter. Ich kam ihr über ein paar Wochen immer näher und ließ sie laufend von meinen Fortschritten wissen, was Gegenmaßnahmen veranlasste und konnte schließlich den Installer für einen ihrer eigenen Trojaner auf ihrem Computer aufrufen, aber auch das führte zu nichts, weil sie mich nach ca. einer Minute erwischte und den Trojaner nachhaltig wieder abdrehte. Die Wochen mit der Safari waren extrem emotional, aber das wäre den meisten Menschen nicht vermittelbar, weil die Emotionen so eng mit der damaligen Technik verknüpft waren.

Die Story habe ich jahre später tatsächlich verkauft, allerdings musste ich die vier Seiten Lovestory auf eine halbe kürzen. Ich konnte Usenet-Artikel und Forum-Posts von ihr lokalisieren, was wenigstens erhärtete, dass sie wirklich eine junge Frau war, und hatte Zugriff auf eines ihrer E-mail-Konten. Für die Trojaner-Installation musste ich eine Website basteln und bei einem Provider in Deutschland einrichten. (Ich bin kein Hacker und wusste nie viel darüber, aber das konnte mich nicht stoppen. Wörter anstarren und googeln oder nicht-dokumentierte Features für IP-Adressen ausbeuten oder mit nicht allgemein bekannten Datenbanken herumkniffeln, um Ghostwriter zu knacken oder eine bestimmte Frau für einen Freund zu identifizieren. Das würde heute nicht mehr funktionieren. Das 20. Jahrhundert war wie der Wilde Westen.) Zurückgeschlagen hat Tina nicht.

Telefonhackerangriffe sind ausgezeichnet und oft sehr unterhaltsam dokumentiert, aber es gibt keine literarischen Situationen. Das Milieu bestand vorwiegend aus Halbwüchsigen.

@ Leserschaft, besonders @ John Goodman und @ Clown seiner Klasse

Es ist mir anscheinend für manche Leser/innen gelungen, Atmosphäre zu schaffen. Das ist ein Effekt von der peinlichen Tatsache, dass meine Geschichte eines dieser geschmähten Self-Inserts enthält, aber das ist keine Person, sondern das Zimmer. Das Zimmer ist deutlicher und liebevoller charakterisiert als die Figuren, und in so einem Zimmer habe ich mehrere Jahre lang gelebt. Ich habe nur einen Oszillographen, aber mehrere Glasröhrenmonitore, alle für industrielle Anwendungen, sowie mehrere Computer aus dem 20. Jahrhundert, die sich über Drehknöpfe in vielfältiger Weise zusammenschalten ließen. Ich vermisse mein Zimmer :)

Das Problem hier ist, dass verständliche Wörter, die mir als Ersatz für die unverständlichen einfallen, nicht die Atmosphäre erzeugen können. Glaube ich wenigstens.
 

John Goodman

Mitglied
Moin Codecdiva,

vielen Dank für die Ergänzungen zu deiner Story, ich kann mich anhand der Details nun besser in die Geschehnisse hineinversetzen. Ich würde mich freuen, wenn du den Handlungsstrang erweiterst, um ihm zugänglicher zu machen. Denn dein Text ist es wert.

Gruß

John
 



 
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