Das letzte Blatt

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Betcy

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Das letzte Blatt

Mit letzter Kraft halte ich mich fest. Lange wird es nicht mehr dauern, und auch ich muss meinen Platz räumen. Alle anderen haben längst aufgegeben.

Dabei hatte im Frühjahr alles so schön angefangen. Als zartgrünes Blatt erblickte ich an einem warmen Frühlingstag zusammen mit vielen Geschwistern das Licht der Welt. Um mich herum strahlte der komplette Baum in einem leuchtenden Weiß. Tausende Bienen schwirrten umher, um in den Blüten nach Nektar zu suchen. Schnell wuchs ich zu stattlicher Größe heran.

Weil meine Brüder und Schwestern immer größer wurden, wurde mein Blick auf die Welt immer mehr eingeengt. Auch erreichten mich die Sonnenstrahlen nur noch sporadisch. Ich war schon etwas neidisch auf die Blätter ganz oben im Gipfel des Baumes. Dort hatte man sicher einen viel besseren Überblick. Aber dort war man auch viel mehr dem ständig wechselnden Wetter ausgesetzt. So verloren einige meiner Geschwister durch starken Wind schon in frühster Jugend ihr Leben. Weiter unten hatte man scheinbar eine deutlich größere Überlebenschance, was sich später auch bewahrheiten sollte. Auch die Nähe zum Stamm war von Vorteil. Man konnte zwar in der einen Richtung fast nichts sehen, aber dafür war man vor den starken Winden viel besser geschützt.

Wie sich später zeigen sollte, war man in größeren Höhen auch durch die Trockenheit im Sommer benachteiligt. Ich hatte es also nicht ganz so schlecht getroffen. Durch eine kleine Lücke hatte ich sogar einen freien Blick auf die Straße. Die meisten Menschen schauten vor allem während der Blütezeit sehr freundlich zu uns herauf. Nur die kurzhaarige Frau, die nie grüßte, würdigte uns keines Blickes.

Dass sich eine Taube direkt über mir auf einen Ast setzte, fand ich allerdings nicht so lustig. Sie saß dort tagelang und versuchte mit einem ziemlich nervigen Gegurre einen Lebenspartner anzulocken. Als das tatsächlich gelang, schleppte das Paar allerhand Gehölz herbei, um genau über mir ein Nest zu bauen.

Das rief den Mann mit dem Strohhut auf den Plan. Der war offenbar genauso genervt. Mit einer langen Dachlatte zerstörte er das lockere Fundament der Behausung. Das Paar verschwand aus meinem Umfeld, aber nicht ohne vorher mit einem kalkig weißen Vogelschiss mein Kleid zu beschmutzen. Es dauerte mehrere Tage, bis der Regen die angetrocknete Kruste beseitigt hatte, und ich wieder frei atmen konnte.

Eines Tages legte irgendein beflügeltes Insekt ein klebriges kleines Ei auf mich ab. Es gelang mir trotz aller Bemühungen nicht, es abzuschütteln. Und siehe da, eines Morgens schlüpfte aus dem Ei eine kleine gefräßige Raupe. Die machte sich sofort daran, mein grünes Kleid zu zerstören. Aber ich hatte noch einmal Glück. Eine hungrige Meise machte der Fressattacke noch gerade rechtzeitig ein Ende. Später erwies sich das Loch in meinem Kleid durchaus als nützlich, setzte es doch den Windwiderstand deutlich herab.

Um uns herum reiften immer mehr kräftig rote Kirschen heran. Das lockte nicht nur viele Amseln, Stare und Dohlen an, sondern auch die Menschen betrachteten den Baum jetzt mit ganz neuem Interesse. Der Mann mit dem Strohhut schleppte eine lange Leiter heran und begann die Früchte zu ernten. Viele meiner Geschwister verloren dabei, sicher ungewollt, ihr Leben. Ich hatte wieder einmal Glück. Den kleinen abgerissenen Zipfel konnte ich verschmerzen.

Ein kräftiges Sommergewitter setzte uns allerdings kräftig zu. Viele Blätter wurden zerstört und vom Wind mit auf eine ungewisse Reise genommen. Auf meinem windgeschützten Platz konnte ich mich zwar halten, aber durch große Hagelkörner, die wie Hammerschläge auf mich eintrommelten, trug ich erhebliche Blessuren davon.

Dann begann der Herbst. Immer mehr Blätter wurden gelb, dann braun, und fielen widerstandslos zu Boden. Auch ich büßte immer mehr meiner kräftigen grünen Farbe ein. Damit fiel mir auch das Atmen immer schwerer und ich merkte, dass meine Kräfte schwächer wurden.

Aber ich war noch nicht gewillt aufzugeben. Meine Geschwister bildeten am Boden bereits einen dicken Teppich. Der Mann mit dem Strohhut, der jetzt allerdings eine warme Pudelmütze trug, kam mit einem furchtbar lauten Ungetüm und blies das Laub in eine Ecke. Dann stopfte er es in blaue Säcke und verstaute die blauen Säcke in einem blauen Anhänger. Nach und nach verschwanden alle meine Geschwister, ohne dass ich wusste, wohin die Reise ging.

Auch deshalb kämpfe ich jetzt. Vergebens. Plötzlich fühle ich mich ganz leicht. Ich fliege in eine unbekannte Zukunft. Es bleibt nur die Hoffnung auf eine Wiedergeburt im nächsten Jahr, vielleicht ja sogar als Blatt einer immergrünen Pflanze. Aber will man das wirklich?
 
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Dag Dröm

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Sowohl die Idee als auch ihre gute Umsetzung gefällt mir. Was der schön beschriebenen Fantasie allerdings fehlt, ist das Wörtchen „er“ im zweiten Satz des sechsten Absatzes: Mit einer langen Dachlatte zerstörte er das lockere Fundament der Behausung.

Dass ich mit dem einen oder anderen kleinen Detail nicht so wirklich konform gehen will, tut der Geschichte aber absolut keinen Abbruch.

Liebe Grüße
DD
 

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