Das Lied vom Sandmann

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Das Lied vom Sandmann

Rolf-Peter Wille


Ich wanderte, ich wanderte
im milden Dämmerlicht.
Da sah ich so ein Wesen.
Es ging ein kleiner Wicht.

Der holperte, der stolperte
so über Stock und Stein.
Es tanzten Eintagsfliegen
im Abendsonnenschein.

Er humpelte und rumpelte
gar stets vor mir im Gras.
Es wackelte die Mütze,
es zitterte die Nas.

Er klapperte und tapperte
mit seinem Wanderstab
und pochte auf die Erde
als suchte er sein Grab.

Da flatterte, da flatterte
sein finsteres Gewand.
Er trug auf seinem Buckel
den Sack mit feinem Sand.

Wer ist denn dieser Unhold?
Hast Du ihn nie gesehn?
Du glaubst nicht mehr an Zwerge?
Du glaubst nicht mehr an Feen?

Das ist der alte Sandmann,
der uns die Sonne raubt.
Und sieh, die Eintagsfliegen,
die tanzen ihm ums Haupt.
 
K

Klopfstock

Gast
Also,lieber Rolf-Peter,
man merkt sofort, daß dieses Gedicht von einem Musiker
geschrieben wurde. Man liest es nicht, nein, man singt....

"da holperte und stolperte, da humpelte und rumpelte...etc."
ein Kinderlied würde ich es nennen;)
Einfach bezaubernd, auch wenn Du ihn Unhold nennst -
durch das "tappern und klappern" wird der kleine geschäftige
Wicht einem richtig sympathisch;)

Wirklich gelungen und ich wüßte echt nicht, was
man hier nocht an Textarbeit leisten könnte;)

Dir ganz liebe Grüße
nach Taipei
von Klopfstock:)
 
Vielen Dank, liebe Klopfstock,

ja, vielleicht sollte ich das als Kinderlied vertonen. "Lied" war ja auch frueher der Name fuer ein Gedicht ueberhaupt und der Dichter war auch ein Saenger. Aber ganz so reizend sollte dieser "Sandmann" gar nicht sein. Die Eintagsfliegen, die ihm ums Haupt fliegen, sind auch wir... (...diesmal immerhin sind's keine Muecken :) )

Liebe Gruesse,
Rolf-Peter
 

joyce

Mitglied
Hallo Rolf-Peter

natürlich gefällt mir der rhythmus, einer melodie so nah. bildlich sehe ich den kleinen unhold vor mir her tapsen. es läßt mich schmunzeln aber dennoch bleib ich auf der hut, bin froh, dass ich ihn gut im blickfeld habe und doch etwas größer bin als er.
sein sand ist so heimtückisch und trotz seiner winzigkeit ist der unhold nicht zu unterschätzen.......
also lassen wir ihn nicht aus den augen ;-)

achtsame grüße
Joyce
 
Hallo joyce,

danke fuer's Lesen und fuer die poetische Warnung. Grad lese ich bei E.T.A. Hoffmann, dass der "Sandmann" ein Popanz aus dem Ammenmaerchen ist, ein Popanz, "der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt..." Igitt! Das hatte ich ganz vergessen! Noch entsetzlicher ist er als "Coppelius".
Da gibt's wohl eine Verwandtschaft zwischen niedlich und Unhold... (na ja, Freud haette sich sicher wieder gefreut..., ich lese uebrigens grade seinen "Da Vinci", aber ich will mich lieber nicht in textfremden Plaudereien verlieren, sonst kommt hier noch der Sandmann...;) )

Dank und viele Gruesse,
Rolf-Peter
 

MacKeith

Mitglied
ein seltsamer wicht, dieser sandmann, war mir immer schon suspekt. wie ludwig hirsch schon sang:

"Es gibt Kinder, die kumman ohne Schutzengal auf d'Welt
und da Sandmann haut eana Reissnägl in d'Augn..."
 
Hallo Rolf-Peter,

jetzt weiß ich endlich, wer des nachts immer durch unseren Garten holpert und stolpert, daß es rumpelt und pumpelt! Ich hatte das Rumoren bisher dem Waschbär zugeschrieben, doch nix da! Der Sandmann ist, getarnt im Waschbärpelz!
Ein wirklich lustiges Werk, das mir ein rechtes Schmunzeln entlockte. Einfach nur lesen und staunen!

Mit lieben Grüßen,

Brigitte.
 
Hallo MacKeith, Heike und Brigitte,

dank fuer die Kommentare (...ich war verreist, daher meine Stille)!

Brigitte: Der Waschbaer im Gaertlein koennte natuerlich auch das "bucklig Maennlein" sein, ("faengt gleich an zu niesen", etc.)

Liebe Gruesse,
RP
 

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