Liebe Chandrika,
ich sitze erneut vor deinen Zeilen. Dein Gedicht hat mich, wie du siehst, nicht losgelassen. Danke für die Worte Niemöllers, die du in den Raum gestellt hast.
Ich erinnere mich an Scals Worte, weiter oben im Kommentarverlauf, ich finde sie passen bemerkenswert gut. Denn wir holen uns etwas ins Haus, dessen Vermögen wir gnadenlos unterschätzen. „Wir fütterten es mit Zugeständnissen“ ist für mich von vorneweg in deinem Gedicht ein zentraler Punkt. Dieses Tier zu füttern, ebnet ihm bereits den Weg. Was plötzlich in seinem Wachsen verschwindet, erscheint auch noch verkraftbar. Aber das ist es nicht. In deinen Zeilen liegt die Fähigkeit, die Beklemmung, die dieses Tier verursacht, zum Ausdruck zu bringen. Du gibst ihm keinen Namen, es hat seinen Namen längst gefunden. Gerade durch deine Vorgehensweise, hier diese Bedrohlichkeit in Bilder zu fassen, macht dein Gedicht für mich zu einem großartigen Zeugnis dessen, was schwelt und fehlt. Denn wir sind es schließlich, die aufgeben, wenn wir die Tür von außen schließen. Es sind nicht nur die Kinder, die hinter ihr mit diesem Tier gefangen bleiben, wir selbst sind es dann, die in gemeinschaftlichem Versagen, nur noch die Eigenschaft des Ausschließens kennen, während wir glauben, uns tatsächlich fortzubewegen. Damit schließen wir unsere Herzen, wir schließen unseren Verstand. Die Möglichkeiten dieser Verführung waren schon immer vorhanden, selbst die vermeintlich Wissenden haben ausgesperrt.
Eines darf nicht passieren: dass wir die Hoffnung aufgeben. Ein anderes darf auch nicht passieren: dass wir die Augen schließen für die Gunst derer, die die größten Lügen für Wahrheit verkaufen. Das Dazwischen ist es, das es gibt. Und Wahrheiten scheinen verhandelbar zu sein, aber genau das sind sie nicht.
Es ist nur eine leise Hoffnung von mir und sie entspringt nicht einer politischen Haltung, sondern dem, was ich für richtig erachte. Diese Hoffnung beinhaltet einen großen Wunsch und vielleicht auch Glauben, dass wir, dieses Wir, welches so viele Namen trägt, nicht nur bundesweit, nein, weltweit, wieder zurückfindet aus dem Tal der Desinformation, der getragenen Wirklichkeit, die die Züge einer Fratze trägt, mit der wir uns nicht mehr im Spiegel wiedererkennen würden, setzen wir sie wirklich weiter auf. Dieses Tier hat sich in abertausend Jahren immer wieder satt gefressen, satt gefressen, an der geschürten Angst. So wünsche ich den Menschen, dass sie das wertvolle Geschenk, das ihnen unter die Schädeldecke gelegt wurde, wieder nutzen, so nutzen, damit nichts in ihnen feuert: „Sieh weg!“ Ich wünsche uns allen das Gegenteil, ein „Siehe hin!“ und wenn es nur im Kleinen seine Wurzeln treibt. Daraus kann etwas gedeihen, das den Ursprung unseres Menschendaseins wieder in die Welt hinaus ranken lässt.
Alles, was das „Tier“ will, ist genährt sein. Es bereichert sich, bis wir in ihm verschwinden. Um nicht in ihm zu verschwinden, müssen wir jeden neuen Tag Fragen stellen. Ist das so? Weshalb wird es so gesagt, geschrieben, gedacht? Wohin führt ein Gedanke? Vielleicht erscheinen diese Fragen in uns fast stumm, aber solange wir sie haben, ganz allein in uns drinnen, sind wir nicht verloren.
Liebe Chandrika, ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende und eine gute Zeit.
Danke für dein Gedicht!
Liebe Grüße,
ubertas.