Das Tier

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Wir fütterten es
mit kleinen Zugeständnissen.

Zuerst fraß es nur
ein Wort vom Tisch,
dann einen Namen
aus dem Telefonbuch.

Wir sagten:
es wird schon satt werden.

Doch nachts wuchs es
durch die Wände,
legte sein Ohr
an jedes Schlafzimmer
und soff den Schlaf
aus unseren Mündern.

Am Morgen fehlte wieder jemand.

Wir rückten die Stühle zusammen,
damit die Lücke
kleiner aussah.

Als es schließlich
unsere Kinder beschnupperte,
schlossen wir die Tür

von außen.
 
Zuletzt bearbeitet:

Scal

Mitglied
Mit feinem Gefühl in Bilder gebracht!

Es ist wohl so wie bei jenen, die - entzückt von allerlei zu erwartenden Freudigkeiten - zu Weihnachten ein Hündlein kaufen und erst nach und nach bemerken: Hoppala, der springt einfach auf den Tisch und frisst die Wurst weg, und wie sehr er uns alle beschäftigt, und was der alles an "Nebenwirkungen" ausstreut! Der erzieht uns geradezu zum Dompteur! Mal schauen, wie groß der eigentlich noch wird! Womöglich beisst er schließlich noch die Kinder! Wir üssen ihm klarmachen, wo sein Platz ist und dass er nicht ständig bellen soll, wenn wir ihm keine Aufmerksamkeit schenken. Tja, ohne Tierpflegekunde geht's scheinbar doch nicht. Ständig füttern ist ungesund. Hätten wir früher schon dran denken sollen.

"soff" oder "schlürfte" gefiele mir auch gut.

Lieben Gruß!
 
Lieber Scal,
wenn mein Gedicht offenbar mehr Lesarten zulässt, als ich beim Schreiben bedacht habe, kann es so schlecht nicht sein. Ich dachte eher bei dem Tier an den zunehmenden Trend in Richtung Faschismus. Gemeint ist, wie er zunächst verlockend oder harmlos erscheint, dann immer mehr Raum beansprucht, die Menschen verändert und schließlich richtig bedrohlich wird. Mir wäre wichtig, dass auch diese politische Ebene nicht ganz verloren geht. Aber andere Lesarten sind ebenfalls herzlich willkommen. Danke dir!
Lieber Gruß
Chandrika
 

Scal

Mitglied
wenn mein Gedicht offenbar mehr Lesarten zulässt, als ich beim Schreiben bedacht habe, kann es so schlecht nicht sein.
So ist es.
Es handelt sich wohl um zwei Tierarten mit gewissen Ähnlichkeiten. Beide haben ein großes Maul, mit dem sie aggressiv Kundenwerbung betreiben, was viel Energie verschlingt. Sie leiden an Magenerweiterung und ihre Lieblingsband heißt "The Darwinist". Prächtige Beispiele für viele Seiten einer künftigen Auflage von Brehms Tierleben.
 
Lieber Klaatu,
danke für dein freundliches Lob, aber ich muss dich etwas enttäuschen :) Leider bleiben die Kinder mit dem Tier im Raum ,und das kollektive"Wir" schließt aus Feigheit und Verdrängung von außen ab. Das heißt: (und das ist auch die eigentliche Pointe des Gedichts) Wir überlassen die nächsten Generationen dem Faschismus, anstatt sie davor zu schützen. Hoffentlich wird es nicht so weit kommen, aber ich sehe die Anzeichen schon recht deutlich.
Tiere
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Dir und den Deinen einen schönen Restabend! LG Chandrika
 

Ubertas

Mitglied
Liebe Chandrika,

ich sehe hier ein "Tier", das sich langsam einschleicht. Es wirkt auf den ersten Blick harmlos und ich würde es mit fünf Buchstaben benennen.
Unabhängig von einer politischen Lesart, beeindruckt mich die letzte Strophe:
Als es schließlich
unsere Kinder beschnupperte,
schlossen wir die Tür

von außen.
Ein hervorragendes Gedicht.

Liebe Grüße,
ubertas
 
Danke, liebe Ubertas. Ich freue mich darüber, dass dir dieses Gedicht gefällt. Ich muss so oft an Martin Niemöllers Zeilen denken:
»Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.« Ich hoffe, es wird dazu nicht kommen!
Dir ein recht schönes Wochenende
Chandrika
 

Ubertas

Mitglied
Liebe Chandrika,

ich sitze erneut vor deinen Zeilen. Dein Gedicht hat mich, wie du siehst, nicht losgelassen. Danke für die Worte Niemöllers, die du in den Raum gestellt hast.

Ich erinnere mich an Scals Worte, weiter oben im Kommentarverlauf, ich finde sie passen bemerkenswert gut. Denn wir holen uns etwas ins Haus, dessen Vermögen wir gnadenlos unterschätzen. „Wir fütterten es mit Zugeständnissen“ ist für mich von vorneweg in deinem Gedicht ein zentraler Punkt. Dieses Tier zu füttern, ebnet ihm bereits den Weg. Was plötzlich in seinem Wachsen verschwindet, erscheint auch noch verkraftbar. Aber das ist es nicht. In deinen Zeilen liegt die Fähigkeit, die Beklemmung, die dieses Tier verursacht, zum Ausdruck zu bringen. Du gibst ihm keinen Namen, es hat seinen Namen längst gefunden. Gerade durch deine Vorgehensweise, hier diese Bedrohlichkeit in Bilder zu fassen, macht dein Gedicht für mich zu einem großartigen Zeugnis dessen, was schwelt und fehlt. Denn wir sind es schließlich, die aufgeben, wenn wir die Tür von außen schließen. Es sind nicht nur die Kinder, die hinter ihr mit diesem Tier gefangen bleiben, wir selbst sind es dann, die in gemeinschaftlichem Versagen, nur noch die Eigenschaft des Ausschließens kennen, während wir glauben, uns tatsächlich fortzubewegen. Damit schließen wir unsere Herzen, wir schließen unseren Verstand. Die Möglichkeiten dieser Verführung waren schon immer vorhanden, selbst die vermeintlich Wissenden haben ausgesperrt.

Eines darf nicht passieren: dass wir die Hoffnung aufgeben. Ein anderes darf auch nicht passieren: dass wir die Augen schließen für die Gunst derer, die die größten Lügen für Wahrheit verkaufen. Das Dazwischen ist es, das es gibt. Und Wahrheiten scheinen verhandelbar zu sein, aber genau das sind sie nicht.

Es ist nur eine leise Hoffnung von mir und sie entspringt nicht einer politischen Haltung, sondern dem, was ich für richtig erachte. Diese Hoffnung beinhaltet einen großen Wunsch und vielleicht auch Glauben, dass wir, dieses Wir, welches so viele Namen trägt, nicht nur bundesweit, nein, weltweit, wieder zurückfindet aus dem Tal der Desinformation, der getragenen Wirklichkeit, die die Züge einer Fratze trägt, mit der wir uns nicht mehr im Spiegel wiedererkennen würden, setzen wir sie wirklich weiter auf. Dieses Tier hat sich in abertausend Jahren immer wieder satt gefressen, satt gefressen, an der geschürten Angst. So wünsche ich den Menschen, dass sie das wertvolle Geschenk, das ihnen unter die Schädeldecke gelegt wurde, wieder nutzen, so nutzen, damit nichts in ihnen feuert: „Sieh weg!“ Ich wünsche uns allen das Gegenteil, ein „Siehe hin!“ und wenn es nur im Kleinen seine Wurzeln treibt. Daraus kann etwas gedeihen, das den Ursprung unseres Menschendaseins wieder in die Welt hinaus ranken lässt.

Alles, was das „Tier“ will, ist genährt sein. Es bereichert sich, bis wir in ihm verschwinden. Um nicht in ihm zu verschwinden, müssen wir jeden neuen Tag Fragen stellen. Ist das so? Weshalb wird es so gesagt, geschrieben, gedacht? Wohin führt ein Gedanke? Vielleicht erscheinen diese Fragen in uns fast stumm, aber solange wir sie haben, ganz allein in uns drinnen, sind wir nicht verloren.

Liebe Chandrika, ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende und eine gute Zeit.

Danke für dein Gedicht!

Liebe Grüße,
ubertas.
 



 
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