Denkmaul der Poesie

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Denkmaul der Poesie

(eine etwas seichte Moritat)

Rolf-Peter Wille


Es war ein Jüngling, wie ihr seht,
[ 3] So klug, so voller Geist;
War sehr gebildet, sehr bereist,
Doch leider Gottes auch beredt -
[ 3] Nicht immer, aber meist.

Sein Mund stand unter Denkmaulschutz;
[ 3] Es sang wie ein Poet
Und sabberte von früh bis spät
Nur lyrisch seichten Speichelschmutz -
[ 3] Doch stets mit Piëtät.

War auch ein Mägdelein recht fein
[ 3] Und , ach, so wunderschön.
Des Jünglings Mund blieb offen stehn
Und sabberte manch Liebelei’n -
[ 3] Da wollt das Mägdlein gehn.

"Geh fort mit deinem Schmeichelputz!"
[ 3] So rief die falsche Dirn.
"Den Sabber zwäng mir nicht ins Hirn,
Den schmierig seichten Speichelschmutz -
[ 3] Ach, häng dich auf am Zwirn!"

Da schrie sein Maul in wildem Trutz:
[ 3] "Die Lieb ist ein Geheul!"
Er suchte sich ein feines Knäuel
Und würgte seinen Speichelschmutz -
[ 3] O lyrisch feuchter Greuel.

Sein Grab steht unter Denkmaulschutz:
[ 3] "Hier ruhet ein Poet."
Am Steine klebt noch, wie ihr seht,
Manch blass verschmierter Speichelschmutz -
[ 3] Doch nicht mehr sehr beredt.
 

San Martin

Mitglied
Hallo,

Das Gedicht fängt lustig an, die Form erinnert etwas an Brechts ... Gedicht über die Entstehung von Laotses Buch - die letzte Zeile wirkt wie ein Nachtrag, der das Potential hat, ein absurdes Postscriptum an jede Strophe anzuhängen. Doch sobald das Denkmaul ins Spiel kommt und der Leser nicht so recht weiß, ob es nur ein Maul ist oder ob daran noch ein Dichter hängt, wird es zu obskur, um die Komik zu tragen. Zu freakig, um lustig sein zu können, finde ich. Bezögest du dich auf bekanntere, vertrautere Bilder & Personen, könntest du komischer sein. Stilistisch allerdings kann man nichts bemängeln - die Form ist makellos. Nur der Inhalt schwächelt ein wenig.

Grüße, Martin.
 
Hallo San Martin,

kurioserweise war das Wort "Denkmaul" der Anstoss zu diesem Gedicht (durch meine Antwort auf ein sehr lustiges Zahnarzt Gedicht in einem anderen Forum; der Dentist erklaert dort seinem Patienten, dass die Ruinen in seinem Maul nicht unter Denkmalschutz stehen). Da ergibt sich die interessante Situation: Man hat einen Einfall, der zu einem Gedicht inspiriert. Nachdem das Gedicht fertig ist, passt der Einfall nicht mehr ganz und man zieht ihn wieder heraus (wie die Ruinen aus dem Maul). Aber mal sehen, wie es andere lesen.

Gruesse,
RP

PS: Es gaebe ev. die Moeglichkeit, den Inhalt klarer herauszubringen durch diese Veraenderungen in den ersten beiden Strophen:

Es war ein Juengling, wie ihr seht,
[ 3] So klug, so voller Geist;
War sehr gebildet, sehr bereist,
Besonders jedoch recht beredt -
[ 3] Nicht immer, aber meist.

Sein Mund stand unter Denkmaulschutz
[ 3] Sang auch wie ein Poet
Und sabberte von früh bis spät
Nur lyrisch seichten Speichelschmutz -
[ 3] Doch stets mit Piëtät.

(Vielleicht kann man so besser verstehen, dass dies der Mund eines Juenglings ist, und sich die Moritat aus der Liebe des poetisch sabbernden Juenglings zu einem schoenen, aber herzlosen Maedchen ergibt.)
 
PPS: Ich hab's nun - ungeduldig wie ich bin - doch bereits geaendert. Der Inhalt ist wohl zwar noch seicht (wie's bei Moritaten ja meist so ist), aber nun hoffentlich klarer.

Frage: faellt "leider Gottes" aus dem Stil?
 

San Martin

Mitglied
Finde ich sehr viel besser nun.

Ach, häng dich an den Zwirn
"Ach, häng dich auf am Zwirn" vielleicht?

"leider Gottes" fällt meiner Meinung nach nicht aus dem Stil. Es wäre für mich ein Audruck des Bedauerns ohne jegliche Konnotation zum Religiösen.
 

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