Der chinesische Spiegel

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Toni Saller

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Kommissar Hans Freiholz sass wie oft über Mittag im 'Peking Garden'. Das kleine chinesische Restaurant und Take away lag nicht weit vom Kripogebäude, war günstig, gut, und es bot Hans einen kleinen Spaziergang weg von der täglichen Routine. Freiholz liebte das einfache Lokal und verschmähte den aufgemotzten und teuren Chinesen vis-à-vis. Was er nicht verstand, wieso Qiu Chen seinen 'Peking Garden' verspiegelte. Der Raum verlor dadurch seinen Charme und wirkte steril, und Hans wollte sich nicht selber beim Essen zuschauen.

„Kannst du das entziffern?“ Hans zog eine Postkarte mit wie es schien chinesischen Schriftzeichen aus seiner Innentasche und hielt sie Chen vors Gesicht, während er mit den Essstäbchen eine Portion gebratene Nudeln in den Mund schob.
„Sieht nach China aus, kann es aber nicht entziffern“. Chen zog sich rasch wieder hinter seine Theke zurück und verschwand in einer Wolke über seinen dampfenden Pfannen.

Eine Stunde später sass Freiholz in seinem Büro, die Füsse auf dem Tisch und sinnierte mit der Karte in der Hand über seinen Fall. Vor drei Tagen starb ein chinesischer Diplomat in der Villa 'Sührle', dem Stammhaus der berühmten Waffendynastie am reichen Zürichberg. Drei Ermittler arbeiteten daran, die Karte wurde beim Toten gefunden.

'Verbrechen oder Unfall?', so titelte das Boulevardblatt ihren heutigen Bericht, um gleich im Untertitel einen Frontalangriff auf die Kripo zu starten: 'Schläft die Polizei?' Selbst die chinesische Botschaft wurde aktiv und setzte einen Preis für denjenigen Polizisten aus, der den Fall lösen würde, und zwar ein Semester Fortbildung an einer Shanghaier Universität.
Das würde sich Freiholz gerne gefallen lassen, endlich einmal weg aus diesem Zürcher Mief. Nun konkurrenzieren sich gleich drei Zürcher Kommissare, doch während
seine Kollegen hyperaktiv sind, schaukelt Hans nur ratlos in seinem Stuhl. Auch der Autopsiebericht lässt auf sich warten, die Todesursache konnte noch nicht ermittelt werden.

Freiholz weicht seinem Konterfei im Spiegel aus, er ist müde und bestellt bei Chen heute nur eine Hühnersuppe. „Sorry, gibt es im Moment nicht“. Verschwörerisch winkt Chen Hans zu sich, um ihm ins Ohr zu flüstern: “Import ist verboten, gab Toten in Deutschland, nicht gelesen in Zeitung?“
Hans erinnert sich schwach, darüber im Internet gelesen zu haben. In Stuttgart starb jemand am offenbar aggressivsten Virus, der jemals gefunden wurde. Der sei mit grosser Sicherheit durch ein importiertes Huhn übertragen worden, was zwar offiziell nie bestätigt wurde, doch es reichte immerhin für ein vorsorgliches Importverbot für Hühner aus China.
„Also dann Rind, süss sauer.“

Eine riesige Aufregung auf der Polizei am nächsten Tag, als Hans, der wieder einmal verschlafen hatte, gegen 11:00 Uhr das Gebäude betrat.
Ruth Saner, seine Sekretärin faltete ihre Hände wie zum Gebet und klärte Hans auf: „Freddi Rölli ist von Hunden angefallen worden, als er den Garten der Villa 'Sührle' untersuchen wollte, du weisst doch, der chinesische Diplomat. Freddi liegt in der Intensivstation des Universitätsspitals. Er kommt durch, aber ist das nicht schrecklich?“

Hans geht kurz ins Büro, um die Post durchzusehen und meldet sich gleich zum Mittagessen wieder ab. Vor dem' Peking Garden' zögert er. Nein diesmal versucht er den teuren Chinesen vis-à-vis. Auch im 'China Paradise' Spiegel, allerdings diskret und leicht verdunkelt. Hans sucht das Gespräch mit dem freundlich wirkenden Kellner. „Gibt es schon wieder Huhn?“, fragt er diesen. „Immer noch riskant, verboten, Deutschland drei Tote.“ Der Preis für die ausgezeichneten gebratenen Nudeln war leicht zu hoch, aber nicht überrissen. „Kannten sie zufällig Lu Zhong, den verstorbenen chinesischen Diplomaten?“
„Ja ja, Zhong, Stammgast hier, war sehr netter Mann, immer viel Trinkgeld, ja ja Zhong, sehr schade.“

15:30 sass Hans Zeitung lesend in seinem Stuhl, als Ruth die Türe aufriss. „Ruedi ist verunfallt.“ Ruedi Fischer , der zweite Ermittler im Fall Zhong. Hans faltete ruhig die Zeitung zusammen. „Wie denn das?“
„Er hat auf seinem Motorrad einen verdächtigen Angestellten der Villa 'Sührle' verfolgt und ist dabei gestürzt. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“
Um 17:00 war Hans auch mit dem Kulturteil durch und machte sich auf den Heimweg. Nach dem ersten Schluck Bier in der 'Central Bar' hatte er eine Idee und machte auf dem Heimweg einen kurzen Abstecher ins 'China Paradise'.

Am nächsten Tag sitzt Hans im 'Peking Garden', pfeifend und bestellt ein 'Tsingtao'.
„Heute fröhlich, warum?“
„Ich habe den Fall gelöst und ein Semester Shanghai gewonnen.“
„Gratuliere, und wie Lösung?“
„Lu Zhong war vor sieben Tagen im 'China Paradise' zum Essen, und weisst du, was er gegessen hat?“
Das 'Tsingtao' war fast leer, als Zhong sich freudenstrahlend auf die Stirn schlug und beinahe schrie: „Huhn!“
Freiholz hielt triumphierend die Karte mit den orientalischen Schriftzeichen in die Höhe.
Da schlug sich Chen erneut auf die Stirn: „Da, schauen im Spiegel, ich kann lesen jetzt, Zeichen verkehrt geschrieben. Typisch Konfuzius!“
Freiholz wurde hellhörig. „Das ist eine konfuzianische Weisheit? Was heisst es?“
„Durch Nichtstun alles erreichen. Stimmt bei ihnen haargenau.“
 

jon

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Hallo Toni Saller, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq


Viele Grüße von jon

Redakteur in diesem Forum
 

jon

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Ganz schnell ein kurzes Feedback:

Das ist mir etwas zu rasch runtererzählt, aber das ist Geschmackssache.
Die Zeitabläufe sind unklar - du wechselst zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber ich sehe nicht, warum.
Absätze immer mit oder immer ohne Leerzeile.

Wieso arbeiten drei voneinander unabhängige Kommissare an einem Fall? Gibt es zu wenige Fälle, so dass die sich um Arbeit streiten müssen? Jaja, ich weiß, die Ausschreibung – nur: Suchen sich die KripoLeute in Zürich ihre Fälle immer selbst aus?
 

Toni Saller

Mitglied
Vielen Dank für die Kritik, die ich so eigentlich nur akzeptieren kann, sie stimmt. Nur ganz kurz dazu:
- Mein Anliegen wäre an sich, kurze, schnelle Krimis zu schreiben.
- Man fällt eigentlich automatisch in die 'Vergangenheit', das ist wie natürlich für eine kurze Geschichte. Ich finde eigentlich, 'Gegenwart' bewirkt eine grössere Spannung, darum zwinge ich mich manchmal, in der 'Gegenwart' zu schreiben. Aber richtig: Wenn schon, dann nicht wechseln!
- Dass gleich 3 Kommissare unabhängig am Fall arbeiten, liegt an dem Wettbewerb, den das chinesische Konsulat ausgeschrieben hat. Die wollten bewusst die Konkurrenz anspornen, um den Fall voranzutreiben. Darum sind auch die beiden hyperaktiven Kommissare verunfallt. Aber richtig, das kommt zuwenig klar heraus.

Nochmals Danke für das Feedback
Beste Grüsse Toni Saller
 

jon

Mitglied
Keine Panik: Dass die wegen des Wettbewerbs losarbeiten, ist verständlich. Ich hab mich nur gewundert, dass die das dürfen. Wird bei der Kripo nicht ganz klar festgelegt, wer was für einen Fall hat? Und wenn zufällig zwei Leute/Teams auf zwei Wegen (z. B. zwei Leichen) zum selben Tatkomplex stoßen, dann arbeiten sie gemeinsam oder einer bekommt alles. Oder? Ich glaube nicht, dass Ressourcen verschwendet werden, indem man wissentlich drei Leute am selben Fall arbeiten lässt. – Aber bei einem schnellen Kurzkrimi (den du ja absichtlich gemacht hast) kann man das vielleicht auch so stehen lassen und muss sich nicht erst lange Erklärungen ausdenken.

Zu "Gegenwart erzeugt mehr Spannung": Nicht zwangsläufig. Meist wirkt es (auf mich) nur ungeschmeidig.
 

Toni Saller

Mitglied
Hallo Jon, ich lese jetzt gerade wieder einen Sjöwall/Wahlöö, 'Endstation für neun', viele Ermittler arbeiten da intuitiv und ohne grosse Kontrolle am selben Fall. Ich glaube, das ist nicht nur bei dem Klassiker so, viele modernen Kommissare sind ja gerade so erfolgreich, weil sie sich den Anweisungen der Obrigkeit widersetzen.
Bei einem anderen Sjöwall/Wahlöö ist es auch so, dass die Ermittler zu wenig Arbeit haben, und dann gibt es eine Initiative, dass jeder sich einen alten, ungelösten Fall wieder vornimmt.
Also so abwegig ist die Idee nicht, dass auch die Mordkommission unterbeschäftigt ist und sich gleich mehrere Ermittler auf einen Fall stürzen.

Ich hätte noch ein Frage: Ich schreibe eine Serie mit Kurzkrimis mit dem Titel 'Kottan in Zürich'. Das sind ganz abstruse und anarchistische Fälle, die viel lokal Kolorit und Schweizer Prominenz enthalten. Die Ermittler sind die Originalbesetzung aus der Kultserie 'Kottan ermittelt'.
Kann ich dir allenfalls mal einen zur Begutachtung schicken?

Vielen Dank und Gruss Toni Saller
 

Choricillo

Mitglied
Verwechslung des Namens am Ende

Hallo Toni!
Mir gefällt die Idee und auch die Darstellung von Hans F. sehr gut. Das mit den Zeiten (Geenwart/Vergangenheit) hat Jon ja schon erwähnt. Wenn dir die Geenwartsform mehr zusagt, dann ist das OK. Es soll nur innerhalb des Textes einheitlich sein. So wirkt das. Ganze für mich wie der allererste Rohentwurf, wo die einzelnen Absätze zu unterschiedlichen Zeiten un in unterschiedlichen Situationen geschrieben wurden (wenigstens sehen so meine Rohentwürfe aus, haha)!

Wie auch immer, zwei Dinge will ich anmerken:
1. Im letzten Absatz schlägt sich Zhong auf die Stirn. Aber Zhong ist das Opfer. Es sollte also eher Chen, der Eigentümer des Lokals, den Geistesblitz haben.
2. Warum werden Hühner aus China importiert? Gibt es in Deutschland, der Schweiz oder irgendeinem anderen Land keine Hühner?

Und da gibt irgendwo einen Rechtsxhreibfhler, da ich aber grad mit Menem microHandy am Werk bin, finde ich den wohl nicht (auch der Grund,warum ich kein Zitateingefügthabe).

Gruss
Choricillo
 



 
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