Dionysos von Enno
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Der Schnee fiel lautlos auf die Severinsbrücke.
Dr. Frederic Sander saß im Fond des Taxis und starrte auf sein Handy. Eine Mail von Katharina: Bin heute später. OP-Besprechung mit Prof. Mehring. Iss ohne mich. Keine Grußformel. Kein Emoji. Sie schickten sich Nachrichten wie Geschäftspartner, die eine Firmenübernahme abwickelten.
Mitte Fünfzig. Dreiundzwanzig Jahre davon verheiratet. Partner bei BPS einer der größten Versicherungskanzleien westlich des Rheins. Villa in Marienburg mit Blick auf den alten Baumbestand. Ein Leben wie aus einem Werbespot.
Und diese Leere.
Das Taxi bewegte sich im Schritttempo über die Brücke. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Sander hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, warum eine Witwe keinen Anspruch auf die Lebensversicherung ihres Mannes hatte. Technisch gesehen hatte der Verstorbene seine Vorerkrankung nicht korrekt angegeben. Technisch gesehen war der Fall klar.
Er würde gewinnen. Er gewann immer.
Sein Spiegelbild im Fenster zeigte einen Mann in einem Anzug von Kiton – achttausend Euro, handgenäht in Neapel. Die Krawatte von Hermès, Manschettenknöpfe Cartier. Alles stimmte. Alles saß. Und trotzdem fühlte er sich an wie eine leere Hülle.
"Stau", murmelte der Taxifahrer.
Sander sah auf. Vorne, wo die Brücke in die Südstadt mündete, blinkten blaue Lichter. Polizei. Krankenwagen. Der Verkehr stand.
"Wie lange wird das dauern?"
Der Fahrer zuckte mit den Schultern. "Unfall. Kann eine halbe Stunde werden. Vielleicht länger."
Sander sah auf die Uhr. Kurz nach sieben. Zu Hause wartete niemand. Die Villa würde dunkel sein, leer, kalt trotz der Fußbodenheizung. Er bezahlte und stieg aus.
Die Kälte schlug ihm ins Gesicht wie eine Faust. Minus zehn Grad. So ein Wetter war in Köln praktisch unmöglich. Der Schnee fiel dichter jetzt, legte sich auf seinen Burberry-Mantel, schmolz auf seinen dichten, schwarzblauen Haaren, die bereits von grauen Strähnen durchzogen wurden. Sander ging zu Fuß weiter, die Loro Piana-Aktentasche aus weichem Kalbsleder in der Hand. Seine Church's-Schuhe – rahmengenäht, fünfzehn Hundert Euro – waren für Schnee nicht gemacht. Er spürte die Kälte durch die Sohlen.
Aber er ging weiter.
Die blauen Lichter wurden heller. Näher. Menschen drängten sich hinter Absperrungen, Smartphones gezückt, filmten. Als wäre der Tod Unterhaltung. Als wäre er nicht real, solange man ihn nur durch einen Bildschirm sah.
Sander blieb stehen.
Der Mercedes, ein GLA, mattschwarz, neuestes Modell. Er lag auf dem Dach wie ein umgestürztes Insekt, die Räder noch langsam drehend. Die Windschutzscheibe hatte sich in tausend Splitter verwandelt, die jetzt im Schnee glitzerten wie Diamanten auf Samt. Die Fahrertür war aufgerissen – nein, herausgerissen –, hing schräg in den Scharnieren. Metall, verbeult und verdreht, ragte in Winkeln hervor, die der Physik zu widersprechen schienen.
Der andere Wagen war ein Transporter. Weiß, alt, mit einem zerborstenen Firmenlogo an der Seite: “Fix und Fertig. Haushaltsauflösungen”. Er hatte die Leitplanke durchbrochen, stand halb über dem Gehweg. Der Motor rauchte. Benzingeruch mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Gummi.
Sanitäter bewegten sich zwischen den Wracks. Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern. Polizisten, die Absperrband zogen.
Und dann sah Sander ihn.
Der Mann lag auf der Straße, vielleicht fünf Meter vom Mercedes entfernt. Als hätte die Wucht des Aufpralls ihn aus dem Auto geschleudert. Oder als wäre er geflohen, bevor sein Körper begriffen hatte, dass es zu spät war.
Er trug einen dunklen Anzug. Nicht Kiton – Hugo Boss vielleicht, oder Joop. Der Stoff war zerrissen an der Schulter, und darunter...Sander sah Rot. Zu viel Rot. Es breitete sich aus auf dem Schnee, ein langsam wachsender Kreis, der die weiße Unschuld der Stadt verschluckte.
Das Gesicht des Mannes war zur Seite gedreht. Die Augen waren offen.
Sander konnte sie sehen, auch aus dieser Entfernung. Braun. Leer. Der Blick eines Menschen, der noch vor Sekunden existiert hatte – Gedanken, Pläne, Ängste, Hoffnungen – und jetzt nur noch Materie war. Ein Ding. Eine Hülle.
Ein Sanitäter kniete neben ihm, die Hände auf der Brust des Mannes, drückte im Rhythmus. Eins. Zwei. Drei. Mechanisch. Hoffnungslos. Ein anderer schob eine Beatmungsmaske über das Gesicht, aber die Bewegungen waren zu langsam. Zu routiniert. Sie wussten es bereits.
Sander starrte.
Der Mann war ungefähr in seinem Alter. Fünfzig vielleicht, oder knapp darunter. Die Haare waren kurz, grau an den Schläfen. An der linken Hand glänzte ein Ehering – Gold, klassisch, wie der, den Sander selbst trug. In der Anzugtasche ragte ein Smartphone heraus, ein iPhone, das Display gesprungen.
Das könnte ich sein.
Der Gedanke kam nicht langsam. Er schlug ein wie ein Blitz, ohne Vorwarnung, ohne Gnade. Sander fühlte, wie seine Knie weich wurden. Wie sein Atem stockte. Wie etwas in seiner Brust sich zusammenzog, schmerzhaft, erstickend.
Das könnte ich sein.
Der Mann hatte heute Morgen wahrscheinlich gefrühstückt. Kaffee getrunken. Vielleicht hatte seine Frau ihm eine Nachricht geschickt: Bin später. Vielleicht hatte er im Auto gesessen und an die Arbeit gedacht, an Termine, an den Stress. Vielleicht hatte er geplant, heute Abend noch ins Fitnessstudio zu gehen, oder einfach nur auf die Couch zu fallen und Fernsehen zu schauen.
Vielleicht hatte er geglaubt, er hätte noch Zeit.
Und dann – was? Eine Sekunde Unaufmerksamkeit? Ein Moment, in dem die Welt sich verschob? Ein rutschender Reifen, ein zu schneller Fahrer, eine Verkettung von Kleinigkeiten, die sich zu etwas Unvermeidlichem verdichteten?
Und jetzt lag er da.
Tot.
Sander konnte nicht wegsehen. Seine Augen waren an den Körper gefesselt, an das Rot auf dem Schnee, an die offenen Augen, die nichts mehr sahen. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Seine Hände zitterten.
Er war fünfzig Jahre alt. Fünfzig. Die Hälfte seines Lebens war vorbei, vielleicht mehr. Wie viel Zeit hatte er noch? Zwanzig Jahre? Zehn? Weniger?
Und was hatte er getan mit den letzten dreißig Jahren?
Er hatte gearbeitet. Er hatte Geld verdient. Er hatte eine Villa in Marienburg gekauft und sie mit Poltrona Frau-Möbeln eingerichtet, mit einem B&B Italia-Sofa für zwanzigtausend Euro, mit einem Boffi-Küche, in der niemand mehr kochte. Er hatte einen Porsche 911 S/T in der Garage stehen, einen Patek Philippe an seinem Handgelenk – fünfundsiebzigtausend Euro, die ihm nicht einmal auffielen, wenn er morgens die Uhr anlegte.
Er hatte eine Frau, die neben ihm schlief wie eine Fremde in einem teuren Hotel.
Und er hatte... was?
Nichts.
Der Sanitäter hörte auf zu drücken. Er sah zu seinem Kollegen. Schüttelte den Kopf. Langsam, fast unmerklich. Dann griff er nach einer Plane – grau, wasserabweisend – und breitete sie über den Körper aus.
Die Bewegung war so endgültig, dass Sander einen Laut ausstieß. Kein Wort. Nur ein ersticktes Keuchen, als hätte jemand ihm in den Magen geschlagen.
Ein Polizist drehte sich zu ihm um. "Geht es Ihnen gut?"
Sander antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Zunge fühlte sich an wie Blei. Seine Kehle war zugeschnürt.
Der Polizist trat näher. "Kannten Sie den Verstorbenen? Kannten Sie den Verstorbenen?"
Nein. Sander hatte ihn nie gesehen. Kannte nicht seinen Namen, nicht sein Leben, nicht seine Geschichten. Aber in diesem Moment kannte er ihn besser als sich selbst.
"Nein", brachte er heraus. Seine Stimme klang fremd. Brüchig.
"Dann bitte ich Sie weiterzugehen. Das ist ein Unfallort."
Sander nickte mechanisch. Seine Beine bewegten sich, obwohl er nicht wusste, wie. Er ging. Einen Schritt. Noch einen. Die Plane hinter ihm wurde langsam mit Schnee bedeckt. Weiß auf Grau. Als wollte die Stadt den Tod verstecken, ihn unsichtbar machen, so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber etwas war geschehen.
Etwas in Sander hatte sich verschoben. Ein Riss, der sich durch sein Inneres zog wie ein Sprung in einem gefrorenen See. Man konnte ihn nicht sehen. Noch nicht. Aber er war da.
Die Villa lag im Dunkeln.
Sander stand vor dem schmiedeeisernen Tor und starrte auf das Gebäude, das er "Zuhause" nannte. Drei Stockwerke, klassische Gründerzeitfassade, saniert vor fünf Jahren für eineinhalb Millionen. Die Fenster waren schwarz. Keine Lichter. Keine Wärme.
Er schloss auf und trat ein.
Der Flur roch nach nichts. Keine Essensgerüche, kein Parfum, keine Spuren menschlicher Existenz. Nur die sterile Kühle aus Carrara-Marmor unter seinen Füßen und der leise Summen der Lüftungsanlage. An der Wand hing ein Rothko – hundertzwanzigtausend Euro auf einer Auktion ersteigert. Sander hatte nie verstanden, was es darstellen sollte. Rote und schwarze Rechtecke auf Leinwand. Katharina hatte gesagt, es sei "essentiell für die Sammlung".
Welche Sammlung? Sie besaßen nur acht Gemälde.
"Katharina?"
Seine Stimme hallte durch die leeren Räume. Keine Antwort.
Natürlich nicht. Sie war bei ihrer Besprechung. Mit Prof. Mehring, dem Chefarzt der Privatklinik, wo sie ihre betuchten Patienten behandelte. Borderline-Störungen. Narzissmus. Angststörungen der Oberschicht. Menschen, die zu viel Geld und zu wenig Sinn im Leben hatten.
Wie ironisch.
Sander ging ins Wohnzimmer. Die Minotti-Sessel standen perfekt arrangiert um den Lema-Couchtisch aus geöltem Nussbaum. Kein Staub. Kein Krümel. Die Putzfrau kam fünf Mal die Woche und hinterließ ein Haus, das aussah wie ein Showroom.
Er setzte sich auf das B&B Italia-Sofa – zwanzigtausend Euro für etwas, das nicht einmal bequem war – und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein weiteres Gemälde. Ein Gerhard Richter. Klein, aber wertvoll. siebenhunderttausend. Er hatte den Künstler einmal persönlich besucht im Hahnwald. Das war vor zehn Jahren.
Wie viel war ein Menschenleben wert?
Die Frage kam aus dem Nichts, bohrte sich in seinen Schädel. Er kannte die Antwort aus seiner Arbeit. Versicherungen berechneten das. Humankapital. Verdienstausfall. Schmerzensgeldsummen. Sie reduzierten Leben auf Zahlen in Spreadsheets.
Und er half ihnen dabei.
Sander stand auf. Seine Hände zitterten immer noch. Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten, maßgefertigt für achtzigtausend Euro – und öffnete den Kühlschrank. Viele Flaschen Wein, einen angebrochenen Chablis, halb getrunken, eine Schale mit Oliven, Parmesan und Sant'Ilario 60 Monate, Svalbarði Eisbergwasser, Shine Muscat Trauben, Le Beurre Bordier, ein paar unbenutzte Ozempic Pens. Katharina brauchte sie nicht. Er auch nicht. Sie waren trotzdem da.
Er nahm die Weinflasche heraus. Schenkte sich ein Glas ein. Trank.
Der Wein schmeckte nach nichts.
Alles schmeckte nach nichts.
Er ging zurück ins Wohnzimmer. Sein Blick fiel auf den Spiegel über der Kommode – ein venezianischer Spiegel, antik, fünfzehntausend Euro. Er sah sich selbst darin.
Mitte Fünfzig. Leberflecken auf der Stirn. Falten um die Augen, tiefer geworden in den letzten Jahren. Haut, die schlaff wurde am Hals, trotz der teuren Cremes, die Katharina ihm kaufte. Haare, die dünner wurden, sorgfältig frisiert von einem Friseur in der Innenstadt, der zweihundert Euro pro Schnitt verlangte.
Ein Mann, der alterte.
Ein Mann, der starb.
Langsam, unmerklich, aber unaufhaltsam.
Wie viel Zeit habe ich noch?
Die Frage war so überwältigend, dass er sich wieder setzen musste. Das Weinglas glitt ihm fast aus der Hand. Zwanzig Jahre? Fünfzehn? Zehn?
Und was würde er damit tun?
Weitere Fälle gewinnen? Weitere Millionen für Versicherungskonzerne herausholen? Weitere Abende in diesem sterilen Mausoleum verbringen, in dem er mit einer Frau lebte, die er nicht mehr kannte?
Der Mann auf der Straße hatte auch geglaubt, er hätte Zeit.
Sander trank das Glas leer. Dann noch eines. Und noch eines.
Aber der Wein half nicht. Nichts half. Die Leere blieb. Nur dass sie jetzt einen Namen hatte.
Angst.
Um Mitternacht hörte er die Haustür.
Katharina. Ihre Schritte auf dem Marmor, leicht schwankend. Sie war betrunken, aber kontrolliert betrunken. Die Art von Betrunkenheit, die man mit dreißig Jahren Übung perfektionierte.
Sie erschien in der Tür zum Wohnzimmer. Ihr Prada-Mantel war makellos, ihre Haare perfekt – sie ging einmal im Monat zu Udo Walz' Nachfolger in Köln. Ihr Gesicht war glatt, zu glatt. Botox alle sechs Monate, Hyaluron alle drei. Sie war achtundvierzig und sah aus wie vierzig.
Aber ihre Augen waren tot.
"Du bist noch wach", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.
"Ja."
Sie ging zur Hausbar – eine Poltrona Frau-Einheit in Leder und Walnuss, zwölftausend Euro – und schenkte sich ein Glas Gin ein. Bombay Sapphire. Sie trank nie Wein in seiner Gegenwart. Nur Gin. Als wäre das weniger offensichtlich.
"Wie war dein Tag?", fragte sie, ohne ihn anzusehen.
"Jemand ist gestorben."
"Mmh." Sie trank. "Das tun Menschen."
Sander starrte sie an. Diese Fremde. Diese schöne, kalte Fremde, die er einmal geliebt hatte. Oder hatte er das nur geglaubt? Hatten sie sich jemals wirklich gekannt?
"Hast du gehört, was ich gesagt habe?"
"Ja." Katharina drehte sich um. Ihr Blick war unscharf, aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos. "Jemand ist gestorben. Das ist traurig. Aber Menschen sterben jeden Tag, Frederic. Das weißt du. Das weiß ich. Das ist... normal."
Normal.
Das Wort hing zwischen ihnen wie eine Klinge.
"Ich gehe hoch", sagte Sander leise.
Katharina nickte. "Gute Nacht."
Er stand auf und ging zur Treppe. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Sie stand am Fenster, das Gin-Glas in der Hand, und starrte hinaus in die Dunkelheit. Ihr Spiegelbild im Glas sah aus wie ein Geist.
Sander stieg die Treppe hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er tiefer sinken.
Im Schlafzimmer – Hästens-Bett für dreißigtausend Euro, Frette-Bettwäsche, Minotti-Nachttische – setzte er sich auf die Bettkante und starrte auf seine Hände.
Der Ehering glänzte matt im Mondlicht.
Dreiundzwanzig Jahre.
Und er fühlte nichts.
Sein Handy vibrierte. Eine Mail. Die Versicherung wollte morgen früh noch Änderungen für die mündliche Verhandlung vor dem BGH besprechen.
Sander starrte auf das Display. Die Worte verschwammen.
Er dachte an den Mann auf der Straße. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
Dr. Frederic Sander saß im Fond des Taxis und starrte auf sein Handy. Eine Mail von Katharina: Bin heute später. OP-Besprechung mit Prof. Mehring. Iss ohne mich. Keine Grußformel. Kein Emoji. Sie schickten sich Nachrichten wie Geschäftspartner, die eine Firmenübernahme abwickelten.
Mitte Fünfzig. Dreiundzwanzig Jahre davon verheiratet. Partner bei BPS einer der größten Versicherungskanzleien westlich des Rheins. Villa in Marienburg mit Blick auf den alten Baumbestand. Ein Leben wie aus einem Werbespot.
Und diese Leere.
Das Taxi bewegte sich im Schritttempo über die Brücke. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Sander hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, warum eine Witwe keinen Anspruch auf die Lebensversicherung ihres Mannes hatte. Technisch gesehen hatte der Verstorbene seine Vorerkrankung nicht korrekt angegeben. Technisch gesehen war der Fall klar.
Er würde gewinnen. Er gewann immer.
Sein Spiegelbild im Fenster zeigte einen Mann in einem Anzug von Kiton – achttausend Euro, handgenäht in Neapel. Die Krawatte von Hermès, Manschettenknöpfe Cartier. Alles stimmte. Alles saß. Und trotzdem fühlte er sich an wie eine leere Hülle.
"Stau", murmelte der Taxifahrer.
Sander sah auf. Vorne, wo die Brücke in die Südstadt mündete, blinkten blaue Lichter. Polizei. Krankenwagen. Der Verkehr stand.
"Wie lange wird das dauern?"
Der Fahrer zuckte mit den Schultern. "Unfall. Kann eine halbe Stunde werden. Vielleicht länger."
Sander sah auf die Uhr. Kurz nach sieben. Zu Hause wartete niemand. Die Villa würde dunkel sein, leer, kalt trotz der Fußbodenheizung. Er bezahlte und stieg aus.
Die Kälte schlug ihm ins Gesicht wie eine Faust. Minus zehn Grad. So ein Wetter war in Köln praktisch unmöglich. Der Schnee fiel dichter jetzt, legte sich auf seinen Burberry-Mantel, schmolz auf seinen dichten, schwarzblauen Haaren, die bereits von grauen Strähnen durchzogen wurden. Sander ging zu Fuß weiter, die Loro Piana-Aktentasche aus weichem Kalbsleder in der Hand. Seine Church's-Schuhe – rahmengenäht, fünfzehn Hundert Euro – waren für Schnee nicht gemacht. Er spürte die Kälte durch die Sohlen.
Aber er ging weiter.
Die blauen Lichter wurden heller. Näher. Menschen drängten sich hinter Absperrungen, Smartphones gezückt, filmten. Als wäre der Tod Unterhaltung. Als wäre er nicht real, solange man ihn nur durch einen Bildschirm sah.
Sander blieb stehen.
Der Mercedes, ein GLA, mattschwarz, neuestes Modell. Er lag auf dem Dach wie ein umgestürztes Insekt, die Räder noch langsam drehend. Die Windschutzscheibe hatte sich in tausend Splitter verwandelt, die jetzt im Schnee glitzerten wie Diamanten auf Samt. Die Fahrertür war aufgerissen – nein, herausgerissen –, hing schräg in den Scharnieren. Metall, verbeult und verdreht, ragte in Winkeln hervor, die der Physik zu widersprechen schienen.
Der andere Wagen war ein Transporter. Weiß, alt, mit einem zerborstenen Firmenlogo an der Seite: “Fix und Fertig. Haushaltsauflösungen”. Er hatte die Leitplanke durchbrochen, stand halb über dem Gehweg. Der Motor rauchte. Benzingeruch mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Gummi.
Sanitäter bewegten sich zwischen den Wracks. Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern. Polizisten, die Absperrband zogen.
Und dann sah Sander ihn.
Der Mann lag auf der Straße, vielleicht fünf Meter vom Mercedes entfernt. Als hätte die Wucht des Aufpralls ihn aus dem Auto geschleudert. Oder als wäre er geflohen, bevor sein Körper begriffen hatte, dass es zu spät war.
Er trug einen dunklen Anzug. Nicht Kiton – Hugo Boss vielleicht, oder Joop. Der Stoff war zerrissen an der Schulter, und darunter...Sander sah Rot. Zu viel Rot. Es breitete sich aus auf dem Schnee, ein langsam wachsender Kreis, der die weiße Unschuld der Stadt verschluckte.
Das Gesicht des Mannes war zur Seite gedreht. Die Augen waren offen.
Sander konnte sie sehen, auch aus dieser Entfernung. Braun. Leer. Der Blick eines Menschen, der noch vor Sekunden existiert hatte – Gedanken, Pläne, Ängste, Hoffnungen – und jetzt nur noch Materie war. Ein Ding. Eine Hülle.
Ein Sanitäter kniete neben ihm, die Hände auf der Brust des Mannes, drückte im Rhythmus. Eins. Zwei. Drei. Mechanisch. Hoffnungslos. Ein anderer schob eine Beatmungsmaske über das Gesicht, aber die Bewegungen waren zu langsam. Zu routiniert. Sie wussten es bereits.
Sander starrte.
Der Mann war ungefähr in seinem Alter. Fünfzig vielleicht, oder knapp darunter. Die Haare waren kurz, grau an den Schläfen. An der linken Hand glänzte ein Ehering – Gold, klassisch, wie der, den Sander selbst trug. In der Anzugtasche ragte ein Smartphone heraus, ein iPhone, das Display gesprungen.
Das könnte ich sein.
Der Gedanke kam nicht langsam. Er schlug ein wie ein Blitz, ohne Vorwarnung, ohne Gnade. Sander fühlte, wie seine Knie weich wurden. Wie sein Atem stockte. Wie etwas in seiner Brust sich zusammenzog, schmerzhaft, erstickend.
Das könnte ich sein.
Der Mann hatte heute Morgen wahrscheinlich gefrühstückt. Kaffee getrunken. Vielleicht hatte seine Frau ihm eine Nachricht geschickt: Bin später. Vielleicht hatte er im Auto gesessen und an die Arbeit gedacht, an Termine, an den Stress. Vielleicht hatte er geplant, heute Abend noch ins Fitnessstudio zu gehen, oder einfach nur auf die Couch zu fallen und Fernsehen zu schauen.
Vielleicht hatte er geglaubt, er hätte noch Zeit.
Und dann – was? Eine Sekunde Unaufmerksamkeit? Ein Moment, in dem die Welt sich verschob? Ein rutschender Reifen, ein zu schneller Fahrer, eine Verkettung von Kleinigkeiten, die sich zu etwas Unvermeidlichem verdichteten?
Und jetzt lag er da.
Tot.
Sander konnte nicht wegsehen. Seine Augen waren an den Körper gefesselt, an das Rot auf dem Schnee, an die offenen Augen, die nichts mehr sahen. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Seine Hände zitterten.
Er war fünfzig Jahre alt. Fünfzig. Die Hälfte seines Lebens war vorbei, vielleicht mehr. Wie viel Zeit hatte er noch? Zwanzig Jahre? Zehn? Weniger?
Und was hatte er getan mit den letzten dreißig Jahren?
Er hatte gearbeitet. Er hatte Geld verdient. Er hatte eine Villa in Marienburg gekauft und sie mit Poltrona Frau-Möbeln eingerichtet, mit einem B&B Italia-Sofa für zwanzigtausend Euro, mit einem Boffi-Küche, in der niemand mehr kochte. Er hatte einen Porsche 911 S/T in der Garage stehen, einen Patek Philippe an seinem Handgelenk – fünfundsiebzigtausend Euro, die ihm nicht einmal auffielen, wenn er morgens die Uhr anlegte.
Er hatte eine Frau, die neben ihm schlief wie eine Fremde in einem teuren Hotel.
Und er hatte... was?
Nichts.
Der Sanitäter hörte auf zu drücken. Er sah zu seinem Kollegen. Schüttelte den Kopf. Langsam, fast unmerklich. Dann griff er nach einer Plane – grau, wasserabweisend – und breitete sie über den Körper aus.
Die Bewegung war so endgültig, dass Sander einen Laut ausstieß. Kein Wort. Nur ein ersticktes Keuchen, als hätte jemand ihm in den Magen geschlagen.
Ein Polizist drehte sich zu ihm um. "Geht es Ihnen gut?"
Sander antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Zunge fühlte sich an wie Blei. Seine Kehle war zugeschnürt.
Der Polizist trat näher. "Kannten Sie den Verstorbenen? Kannten Sie den Verstorbenen?"
Nein. Sander hatte ihn nie gesehen. Kannte nicht seinen Namen, nicht sein Leben, nicht seine Geschichten. Aber in diesem Moment kannte er ihn besser als sich selbst.
"Nein", brachte er heraus. Seine Stimme klang fremd. Brüchig.
"Dann bitte ich Sie weiterzugehen. Das ist ein Unfallort."
Sander nickte mechanisch. Seine Beine bewegten sich, obwohl er nicht wusste, wie. Er ging. Einen Schritt. Noch einen. Die Plane hinter ihm wurde langsam mit Schnee bedeckt. Weiß auf Grau. Als wollte die Stadt den Tod verstecken, ihn unsichtbar machen, so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber etwas war geschehen.
Etwas in Sander hatte sich verschoben. Ein Riss, der sich durch sein Inneres zog wie ein Sprung in einem gefrorenen See. Man konnte ihn nicht sehen. Noch nicht. Aber er war da.
Die Villa lag im Dunkeln.
Sander stand vor dem schmiedeeisernen Tor und starrte auf das Gebäude, das er "Zuhause" nannte. Drei Stockwerke, klassische Gründerzeitfassade, saniert vor fünf Jahren für eineinhalb Millionen. Die Fenster waren schwarz. Keine Lichter. Keine Wärme.
Er schloss auf und trat ein.
Der Flur roch nach nichts. Keine Essensgerüche, kein Parfum, keine Spuren menschlicher Existenz. Nur die sterile Kühle aus Carrara-Marmor unter seinen Füßen und der leise Summen der Lüftungsanlage. An der Wand hing ein Rothko – hundertzwanzigtausend Euro auf einer Auktion ersteigert. Sander hatte nie verstanden, was es darstellen sollte. Rote und schwarze Rechtecke auf Leinwand. Katharina hatte gesagt, es sei "essentiell für die Sammlung".
Welche Sammlung? Sie besaßen nur acht Gemälde.
"Katharina?"
Seine Stimme hallte durch die leeren Räume. Keine Antwort.
Natürlich nicht. Sie war bei ihrer Besprechung. Mit Prof. Mehring, dem Chefarzt der Privatklinik, wo sie ihre betuchten Patienten behandelte. Borderline-Störungen. Narzissmus. Angststörungen der Oberschicht. Menschen, die zu viel Geld und zu wenig Sinn im Leben hatten.
Wie ironisch.
Sander ging ins Wohnzimmer. Die Minotti-Sessel standen perfekt arrangiert um den Lema-Couchtisch aus geöltem Nussbaum. Kein Staub. Kein Krümel. Die Putzfrau kam fünf Mal die Woche und hinterließ ein Haus, das aussah wie ein Showroom.
Er setzte sich auf das B&B Italia-Sofa – zwanzigtausend Euro für etwas, das nicht einmal bequem war – und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein weiteres Gemälde. Ein Gerhard Richter. Klein, aber wertvoll. siebenhunderttausend. Er hatte den Künstler einmal persönlich besucht im Hahnwald. Das war vor zehn Jahren.
Wie viel war ein Menschenleben wert?
Die Frage kam aus dem Nichts, bohrte sich in seinen Schädel. Er kannte die Antwort aus seiner Arbeit. Versicherungen berechneten das. Humankapital. Verdienstausfall. Schmerzensgeldsummen. Sie reduzierten Leben auf Zahlen in Spreadsheets.
Und er half ihnen dabei.
Sander stand auf. Seine Hände zitterten immer noch. Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten, maßgefertigt für achtzigtausend Euro – und öffnete den Kühlschrank. Viele Flaschen Wein, einen angebrochenen Chablis, halb getrunken, eine Schale mit Oliven, Parmesan und Sant'Ilario 60 Monate, Svalbarði Eisbergwasser, Shine Muscat Trauben, Le Beurre Bordier, ein paar unbenutzte Ozempic Pens. Katharina brauchte sie nicht. Er auch nicht. Sie waren trotzdem da.
Er nahm die Weinflasche heraus. Schenkte sich ein Glas ein. Trank.
Der Wein schmeckte nach nichts.
Alles schmeckte nach nichts.
Er ging zurück ins Wohnzimmer. Sein Blick fiel auf den Spiegel über der Kommode – ein venezianischer Spiegel, antik, fünfzehntausend Euro. Er sah sich selbst darin.
Mitte Fünfzig. Leberflecken auf der Stirn. Falten um die Augen, tiefer geworden in den letzten Jahren. Haut, die schlaff wurde am Hals, trotz der teuren Cremes, die Katharina ihm kaufte. Haare, die dünner wurden, sorgfältig frisiert von einem Friseur in der Innenstadt, der zweihundert Euro pro Schnitt verlangte.
Ein Mann, der alterte.
Ein Mann, der starb.
Langsam, unmerklich, aber unaufhaltsam.
Wie viel Zeit habe ich noch?
Die Frage war so überwältigend, dass er sich wieder setzen musste. Das Weinglas glitt ihm fast aus der Hand. Zwanzig Jahre? Fünfzehn? Zehn?
Und was würde er damit tun?
Weitere Fälle gewinnen? Weitere Millionen für Versicherungskonzerne herausholen? Weitere Abende in diesem sterilen Mausoleum verbringen, in dem er mit einer Frau lebte, die er nicht mehr kannte?
Der Mann auf der Straße hatte auch geglaubt, er hätte Zeit.
Sander trank das Glas leer. Dann noch eines. Und noch eines.
Aber der Wein half nicht. Nichts half. Die Leere blieb. Nur dass sie jetzt einen Namen hatte.
Angst.
Um Mitternacht hörte er die Haustür.
Katharina. Ihre Schritte auf dem Marmor, leicht schwankend. Sie war betrunken, aber kontrolliert betrunken. Die Art von Betrunkenheit, die man mit dreißig Jahren Übung perfektionierte.
Sie erschien in der Tür zum Wohnzimmer. Ihr Prada-Mantel war makellos, ihre Haare perfekt – sie ging einmal im Monat zu Udo Walz' Nachfolger in Köln. Ihr Gesicht war glatt, zu glatt. Botox alle sechs Monate, Hyaluron alle drei. Sie war achtundvierzig und sah aus wie vierzig.
Aber ihre Augen waren tot.
"Du bist noch wach", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.
"Ja."
Sie ging zur Hausbar – eine Poltrona Frau-Einheit in Leder und Walnuss, zwölftausend Euro – und schenkte sich ein Glas Gin ein. Bombay Sapphire. Sie trank nie Wein in seiner Gegenwart. Nur Gin. Als wäre das weniger offensichtlich.
"Wie war dein Tag?", fragte sie, ohne ihn anzusehen.
"Jemand ist gestorben."
"Mmh." Sie trank. "Das tun Menschen."
Sander starrte sie an. Diese Fremde. Diese schöne, kalte Fremde, die er einmal geliebt hatte. Oder hatte er das nur geglaubt? Hatten sie sich jemals wirklich gekannt?
"Hast du gehört, was ich gesagt habe?"
"Ja." Katharina drehte sich um. Ihr Blick war unscharf, aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos. "Jemand ist gestorben. Das ist traurig. Aber Menschen sterben jeden Tag, Frederic. Das weißt du. Das weiß ich. Das ist... normal."
Normal.
Das Wort hing zwischen ihnen wie eine Klinge.
"Ich gehe hoch", sagte Sander leise.
Katharina nickte. "Gute Nacht."
Er stand auf und ging zur Treppe. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Sie stand am Fenster, das Gin-Glas in der Hand, und starrte hinaus in die Dunkelheit. Ihr Spiegelbild im Glas sah aus wie ein Geist.
Sander stieg die Treppe hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er tiefer sinken.
Im Schlafzimmer – Hästens-Bett für dreißigtausend Euro, Frette-Bettwäsche, Minotti-Nachttische – setzte er sich auf die Bettkante und starrte auf seine Hände.
Der Ehering glänzte matt im Mondlicht.
Dreiundzwanzig Jahre.
Und er fühlte nichts.
Sein Handy vibrierte. Eine Mail. Die Versicherung wollte morgen früh noch Änderungen für die mündliche Verhandlung vor dem BGH besprechen.
Sander starrte auf das Display. Die Worte verschwammen.
Er dachte an den Mann auf der Straße. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
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