Der Fall (Teil 1)

Der Schnee fiel lautlos auf die Severinsbrücke.

Dr. Frederic Sander saß im Fond des Taxis und starrte auf sein Handy. Eine Mail von Katharina: Bin heute später. OP-Besprechung mit Prof. Mehring. Iss ohne mich. Keine Grußformel. Kein Emoji. Sie schickten sich Nachrichten wie Geschäftspartner, die eine Firmenübernahme abwickelten.
Mitte Fünfzig. Dreiundzwanzig Jahre davon verheiratet. Partner bei BPS einer der größten Versicherungskanzleien westlich des Rheins. Villa in Marienburg mit Blick auf den alten Baumbestand. Ein Leben wie aus einem Werbespot.

Und diese Leere.

Das Taxi bewegte sich im Schritttempo über die Brücke. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Sander hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, warum eine Witwe keinen Anspruch auf die Lebensversicherung ihres Mannes hatte. Technisch gesehen hatte der Verstorbene seine Vorerkrankung nicht korrekt angegeben. Technisch gesehen war der Fall klar.

Er würde gewinnen. Er gewann immer.

Sein Spiegelbild im Fenster zeigte einen Mann in einem Anzug von Kiton – achttausend Euro, handgenäht in Neapel. Die Krawatte von Hermès, Manschettenknöpfe Cartier. Alles stimmte. Alles saß. Und trotzdem fühlte er sich an wie eine leere Hülle.
"Stau", murmelte der Taxifahrer.

Sander sah auf. Vorne, wo die Brücke in die Südstadt mündete, blinkten blaue Lichter. Polizei. Krankenwagen. Der Verkehr stand.
"Wie lange wird das dauern?"

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. "Unfall. Kann eine halbe Stunde werden. Vielleicht länger."

Sander sah auf die Uhr. Kurz nach sieben. Zu Hause wartete niemand. Die Villa würde dunkel sein, leer, kalt trotz der Fußbodenheizung. Er bezahlte und stieg aus.

Die Kälte schlug ihm ins Gesicht wie eine Faust. Minus zehn Grad. So ein Wetter war in Köln praktisch unmöglich. Der Schnee fiel dichter jetzt, legte sich auf seinen Burberry-Mantel, schmolz auf seinen dichten, schwarzblauen Haaren, die bereits von grauen Strähnen durchzogen wurden. Sander ging zu Fuß weiter, die Loro Piana-Aktentasche aus weichem Kalbsleder in der Hand. Seine Church's-Schuhe – rahmengenäht, fünfzehn Hundert Euro – waren für Schnee nicht gemacht. Er spürte die Kälte durch die Sohlen.

Aber er ging weiter.

Die blauen Lichter wurden heller. Näher. Menschen drängten sich hinter Absperrungen, Smartphones gezückt, filmten. Als wäre der Tod Unterhaltung. Als wäre er nicht real, solange man ihn nur durch einen Bildschirm sah.
Sander blieb stehen.

Der Mercedes, ein GLA, mattschwarz, neuestes Modell. Er lag auf dem Dach wie ein umgestürztes Insekt, die Räder noch langsam drehend. Die Windschutzscheibe hatte sich in tausend Splitter verwandelt, die jetzt im Schnee glitzerten wie Diamanten auf Samt. Die Fahrertür war aufgerissen – nein, herausgerissen –, hing schräg in den Scharnieren. Metall, verbeult und verdreht, ragte in Winkeln hervor, die der Physik zu widersprechen schienen.
Der andere Wagen war ein Transporter. Weiß, alt, mit einem zerborstenen Firmenlogo an der Seite: “Fix und Fertig. Haushaltsauflösungen”. Er hatte die Leitplanke durchbrochen, stand halb über dem Gehweg. Der Motor rauchte. Benzingeruch mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Gummi.
Sanitäter bewegten sich zwischen den Wracks. Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern. Polizisten, die Absperrband zogen.
Und dann sah Sander ihn.

Der Mann lag auf der Straße, vielleicht fünf Meter vom Mercedes entfernt. Als hätte die Wucht des Aufpralls ihn aus dem Auto geschleudert. Oder als wäre er geflohen, bevor sein Körper begriffen hatte, dass es zu spät war.

Er trug einen dunklen Anzug. Nicht Kiton – Hugo Boss vielleicht, oder Joop. Der Stoff war zerrissen an der Schulter, und darunter...Sander sah Rot. Zu viel Rot. Es breitete sich aus auf dem Schnee, ein langsam wachsender Kreis, der die weiße Unschuld der Stadt verschluckte.
Das Gesicht des Mannes war zur Seite gedreht. Die Augen waren offen.

Sander konnte sie sehen, auch aus dieser Entfernung. Braun. Leer. Der Blick eines Menschen, der noch vor Sekunden existiert hatte – Gedanken, Pläne, Ängste, Hoffnungen – und jetzt nur noch Materie war. Ein Ding. Eine Hülle.

Ein Sanitäter kniete neben ihm, die Hände auf der Brust des Mannes, drückte im Rhythmus. Eins. Zwei. Drei. Mechanisch. Hoffnungslos. Ein anderer schob eine Beatmungsmaske über das Gesicht, aber die Bewegungen waren zu langsam. Zu routiniert. Sie wussten es bereits.
Sander starrte.

Der Mann war ungefähr in seinem Alter. Fünfzig vielleicht, oder knapp darunter. Die Haare waren kurz, grau an den Schläfen. An der linken Hand glänzte ein Ehering – Gold, klassisch, wie der, den Sander selbst trug. In der Anzugtasche ragte ein Smartphone heraus, ein iPhone, das Display gesprungen.
Das könnte ich sein.

Der Gedanke kam nicht langsam. Er schlug ein wie ein Blitz, ohne Vorwarnung, ohne Gnade. Sander fühlte, wie seine Knie weich wurden. Wie sein Atem stockte. Wie etwas in seiner Brust sich zusammenzog, schmerzhaft, erstickend.
Das könnte ich sein.

Der Mann hatte heute Morgen wahrscheinlich gefrühstückt. Kaffee getrunken. Vielleicht hatte seine Frau ihm eine Nachricht geschickt: Bin später. Vielleicht hatte er im Auto gesessen und an die Arbeit gedacht, an Termine, an den Stress. Vielleicht hatte er geplant, heute Abend noch ins Fitnessstudio zu gehen, oder einfach nur auf die Couch zu fallen und Fernsehen zu schauen.

Vielleicht hatte er geglaubt, er hätte noch Zeit.

Und dann – was? Eine Sekunde Unaufmerksamkeit? Ein Moment, in dem die Welt sich verschob? Ein rutschender Reifen, ein zu schneller Fahrer, eine Verkettung von Kleinigkeiten, die sich zu etwas Unvermeidlichem verdichteten?
Und jetzt lag er da.

Tot.

Sander konnte nicht wegsehen. Seine Augen waren an den Körper gefesselt, an das Rot auf dem Schnee, an die offenen Augen, die nichts mehr sahen. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Seine Hände zitterten.
Er war fünfzig Jahre alt. Fünfzig. Die Hälfte seines Lebens war vorbei, vielleicht mehr. Wie viel Zeit hatte er noch? Zwanzig Jahre? Zehn? Weniger?
Und was hatte er getan mit den letzten dreißig Jahren?

Er hatte gearbeitet. Er hatte Geld verdient. Er hatte eine Villa in Marienburg gekauft und sie mit Poltrona Frau-Möbeln eingerichtet, mit einem B&B Italia-Sofa für zwanzigtausend Euro, mit einem Boffi-Küche, in der niemand mehr kochte. Er hatte einen Porsche 911 S/T in der Garage stehen, einen Patek Philippe an seinem Handgelenk – fünfundsiebzigtausend Euro, die ihm nicht einmal auffielen, wenn er morgens die Uhr anlegte.
Er hatte eine Frau, die neben ihm schlief wie eine Fremde in einem teuren Hotel.
Und er hatte... was?

Nichts.

Der Sanitäter hörte auf zu drücken. Er sah zu seinem Kollegen. Schüttelte den Kopf. Langsam, fast unmerklich. Dann griff er nach einer Plane – grau, wasserabweisend – und breitete sie über den Körper aus.

Die Bewegung war so endgültig, dass Sander einen Laut ausstieß. Kein Wort. Nur ein ersticktes Keuchen, als hätte jemand ihm in den Magen geschlagen.
Ein Polizist drehte sich zu ihm um. "Geht es Ihnen gut?"

Sander antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Zunge fühlte sich an wie Blei. Seine Kehle war zugeschnürt.
Der Polizist trat näher. "Kannten Sie den Verstorbenen? Kannten Sie den Verstorbenen?"

Nein. Sander hatte ihn nie gesehen. Kannte nicht seinen Namen, nicht sein Leben, nicht seine Geschichten. Aber in diesem Moment kannte er ihn besser als sich selbst.

"Nein", brachte er heraus. Seine Stimme klang fremd. Brüchig.

"Dann bitte ich Sie weiterzugehen. Das ist ein Unfallort."

Sander nickte mechanisch. Seine Beine bewegten sich, obwohl er nicht wusste, wie. Er ging. Einen Schritt. Noch einen. Die Plane hinter ihm wurde langsam mit Schnee bedeckt. Weiß auf Grau. Als wollte die Stadt den Tod verstecken, ihn unsichtbar machen, so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber etwas war geschehen.

Etwas in Sander hatte sich verschoben. Ein Riss, der sich durch sein Inneres zog wie ein Sprung in einem gefrorenen See. Man konnte ihn nicht sehen. Noch nicht. Aber er war da.

Die Villa lag im Dunkeln.

Sander stand vor dem schmiedeeisernen Tor und starrte auf das Gebäude, das er "Zuhause" nannte. Drei Stockwerke, klassische Gründerzeitfassade, saniert vor fünf Jahren für eineinhalb Millionen. Die Fenster waren schwarz. Keine Lichter. Keine Wärme.

Er schloss auf und trat ein.

Der Flur roch nach nichts. Keine Essensgerüche, kein Parfum, keine Spuren menschlicher Existenz. Nur die sterile Kühle aus Carrara-Marmor unter seinen Füßen und der leise Summen der Lüftungsanlage. An der Wand hing ein Rothko – hundertzwanzigtausend Euro auf einer Auktion ersteigert. Sander hatte nie verstanden, was es darstellen sollte. Rote und schwarze Rechtecke auf Leinwand. Katharina hatte gesagt, es sei "essentiell für die Sammlung".
Welche Sammlung? Sie besaßen nur acht Gemälde.

"Katharina?"

Seine Stimme hallte durch die leeren Räume. Keine Antwort.

Natürlich nicht. Sie war bei ihrer Besprechung. Mit Prof. Mehring, dem Chefarzt der Privatklinik, wo sie ihre betuchten Patienten behandelte. Borderline-Störungen. Narzissmus. Angststörungen der Oberschicht. Menschen, die zu viel Geld und zu wenig Sinn im Leben hatten.
Wie ironisch.

Sander ging ins Wohnzimmer. Die Minotti-Sessel standen perfekt arrangiert um den Lema-Couchtisch aus geöltem Nussbaum. Kein Staub. Kein Krümel. Die Putzfrau kam fünf Mal die Woche und hinterließ ein Haus, das aussah wie ein Showroom.

Er setzte sich auf das B&B Italia-Sofa – zwanzigtausend Euro für etwas, das nicht einmal bequem war – und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein weiteres Gemälde. Ein Gerhard Richter. Klein, aber wertvoll. siebenhunderttausend. Er hatte den Künstler einmal persönlich besucht im Hahnwald. Das war vor zehn Jahren.

Wie viel war ein Menschenleben wert?

Die Frage kam aus dem Nichts, bohrte sich in seinen Schädel. Er kannte die Antwort aus seiner Arbeit. Versicherungen berechneten das. Humankapital. Verdienstausfall. Schmerzensgeldsummen. Sie reduzierten Leben auf Zahlen in Spreadsheets.

Und er half ihnen dabei.

Sander stand auf. Seine Hände zitterten immer noch. Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten, maßgefertigt für achtzigtausend Euro – und öffnete den Kühlschrank. Viele Flaschen Wein, einen angebrochenen Chablis, halb getrunken, eine Schale mit Oliven, Parmesan und Sant'Ilario 60 Monate, Svalbarði Eisbergwasser, Shine Muscat Trauben, Le Beurre Bordier, ein paar unbenutzte Ozempic Pens. Katharina brauchte sie nicht. Er auch nicht. Sie waren trotzdem da.

Er nahm die Weinflasche heraus. Schenkte sich ein Glas ein. Trank.
Der Wein schmeckte nach nichts.
Alles schmeckte nach nichts.

Er ging zurück ins Wohnzimmer. Sein Blick fiel auf den Spiegel über der Kommode – ein venezianischer Spiegel, antik, fünfzehntausend Euro. Er sah sich selbst darin.

Mitte Fünfzig. Leberflecken auf der Stirn. Falten um die Augen, tiefer geworden in den letzten Jahren. Haut, die schlaff wurde am Hals, trotz der teuren Cremes, die Katharina ihm kaufte. Haare, die dünner wurden, sorgfältig frisiert von einem Friseur in der Innenstadt, der zweihundert Euro pro Schnitt verlangte.

Ein Mann, der alterte.
Ein Mann, der starb.
Langsam, unmerklich, aber unaufhaltsam.

Wie viel Zeit habe ich noch?

Die Frage war so überwältigend, dass er sich wieder setzen musste. Das Weinglas glitt ihm fast aus der Hand. Zwanzig Jahre? Fünfzehn? Zehn?
Und was würde er damit tun?

Weitere Fälle gewinnen? Weitere Millionen für Versicherungskonzerne herausholen? Weitere Abende in diesem sterilen Mausoleum verbringen, in dem er mit einer Frau lebte, die er nicht mehr kannte?

Der Mann auf der Straße hatte auch geglaubt, er hätte Zeit.

Sander trank das Glas leer. Dann noch eines. Und noch eines.
Aber der Wein half nicht. Nichts half. Die Leere blieb. Nur dass sie jetzt einen Namen hatte.
Angst.

Um Mitternacht hörte er die Haustür.


Katharina. Ihre Schritte auf dem Marmor, leicht schwankend. Sie war betrunken, aber kontrolliert betrunken. Die Art von Betrunkenheit, die man mit dreißig Jahren Übung perfektionierte.
Sie erschien in der Tür zum Wohnzimmer. Ihr Prada-Mantel war makellos, ihre Haare perfekt – sie ging einmal im Monat zu Udo Walz' Nachfolger in Köln. Ihr Gesicht war glatt, zu glatt. Botox alle sechs Monate, Hyaluron alle drei. Sie war achtundvierzig und sah aus wie vierzig.
Aber ihre Augen waren tot.

"Du bist noch wach", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.

"Ja."

Sie ging zur Hausbar – eine Poltrona Frau-Einheit in Leder und Walnuss, zwölftausend Euro – und schenkte sich ein Glas Gin ein. Bombay Sapphire. Sie trank nie Wein in seiner Gegenwart. Nur Gin. Als wäre das weniger offensichtlich.

"Wie war dein Tag?", fragte sie, ohne ihn anzusehen.

"Jemand ist gestorben."

"Mmh." Sie trank. "Das tun Menschen."

Sander starrte sie an. Diese Fremde. Diese schöne, kalte Fremde, die er einmal geliebt hatte. Oder hatte er das nur geglaubt? Hatten sie sich jemals wirklich gekannt?

"Hast du gehört, was ich gesagt habe?"

"Ja." Katharina drehte sich um. Ihr Blick war unscharf, aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos. "Jemand ist gestorben. Das ist traurig. Aber Menschen sterben jeden Tag, Frederic. Das weißt du. Das weiß ich. Das ist... normal."

Normal.

Das Wort hing zwischen ihnen wie eine Klinge.

"Ich gehe hoch", sagte Sander leise.

Katharina nickte. "Gute Nacht."

Er stand auf und ging zur Treppe. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Sie stand am Fenster, das Gin-Glas in der Hand, und starrte hinaus in die Dunkelheit. Ihr Spiegelbild im Glas sah aus wie ein Geist.

Sander stieg die Treppe hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er tiefer sinken.

Im Schlafzimmer – Hästens-Bett für dreißigtausend Euro, Frette-Bettwäsche, Minotti-Nachttische – setzte er sich auf die Bettkante und starrte auf seine Hände.

Der Ehering glänzte matt im Mondlicht.
Dreiundzwanzig Jahre.
Und er fühlte nichts.
Sein Handy vibrierte. Eine Mail. Die Versicherung wollte morgen früh noch Änderungen für die mündliche Verhandlung vor dem BGH besprechen.
Sander starrte auf das Display. Die Worte verschwammen.

Er dachte an den Mann auf der Straße. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
 
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marcm200

Mitglied
Hoffnungslosigkeit - das war das Wort, das mir im Laufe des Lesens immer öfters einfiel.

Persönlich mag ich das Stilmittel der abgehackten, unvollständigen Sätze wie "Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern.", "Polizisten, die Absperrband zogen." überhaupt nicht. Es macht aus einer Geschichte eine Ansammlung von Gedankenfetzen. Aber es addiert hier zur Hoffnungslosigkeit. Ich würde es nur nicht so häufig einsetzen, ebenso würde ich etwas weniger explizite Geldangaben bringen. Es wird schnell klar, dass Ufer materiell reich ist, seelisch aber sich selbst als "leer" sieht.

Warum erklärst du zweimal, welche Küche vorhanden ist? Wurde die Geschichte in Portionen geschrieben, und das war dir nicht mehr präsent?
"Möbeln eingerichtet,...mit einem Boffi-Küche,"
"Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten,"

Auch die 20000 für das Sofa werden zweifach erwähnt.

Ebenso die Frage "Wieviel Zeit bleibt noch?" Und beide Male wird von 20 Jahren, 10 usw gesprochen.

Das klingt mir zu kopiert. Ich würde diese Dinge umformulieren oder explizit darauf eingehen, dass sie schonmal genannt worden sind.

z.B. "Er lachte hohl auf, als er an den Preis des Sofas dachte. 20 Mille! Und es ist noch nicht einmal bequem."
"Noch einmal schoss ihm die Frage nach der verbleibenden Zeit durch den Kopf, und das Bild des Unfalls baute sich vor seinem inneren Auge auf."

Ufers Alter ist etwas unsauber genannt. Einmal ist er "Knapp über fünfzig", dann später "Mitte fünfzig".

Ich verstehe nicht ganz, warum die Frage nach "Wieviel Zeit bleibt" erst beim zweiten Mal so überwältigend für Ufer ist. Am Unfallort - ja, da hätte es gepasst. Später aber darf er nicht mehr davon überrascht sein, dass die Frage in sein Bewusstsein drängt.

Ufer ist am Unfallort, dann plötzlich "Die Villa lag im Dunkeln". Ich würde entweder einen *-Trenner einbauen, oder kurz anmerken, dass er seinen Weg fortsetzt.

Weitere Kapitel in dieser Depressivitätstiefe würde ich persönlich aber nicht lesen.
 

Anders Tell

Mitglied
Das Märchen vom reichen Mann, der auch nicht glücklich ist. Ein stereotype Darstellung, ohne Erkenntnis oder Läuterung. Es mag auch ein armer Mensch die Sinnlosigkeit seines Daseins erkennen. Alles bleibt in der Spekulation stecken. Das sind keine Bekenntnisse, sondern Zuschreibungen. So etwas könnte in einem Magazin stehen, in welchem die Besitzlosen über den Lebensstil der Reichen und Berühmten informiert werden. Das ist verbaler Schund.
 
Teil 2: Die Verhandlung

Der Verhandlungssaal 2.14 des Landgerichts Köln roch nach Bohnerwachs und altem Holz. Ufer saß am Anwaltstisch, die Akten vor sich aufgeschlagen, und beobachtete, wie die Klägerin den Saal betrat.
Marlene Hoffman war siebenundfünfzig. Ihr Gesicht war blass, fast durchscheinend, die Augen rot umrändert von zu vielen schlaflosen Nächten. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, das an den Schultern zu weit war – sie hatte Gewicht verloren. Neben ihr ging ihre Tochter, vielleicht Anfang dreißig, die Hand auf dem Arm ihrer Mutter, stützend.

Rechts von Ufer saßen drei Referendare der Kanzlei. Zwei junge Männer in identischen dunkelgrauen Anzügen, deren Namen er nicht kannte. Und eine Frau – Anfang dreißig, blonde Haare straff zurückgebunden, Brille mit randlosem Gestell. Sie hatte sich als Referendarin Lena Meisner vorgestellt, mit einem Lächeln, das zu professionell war. Als hätte sie es geübt.

Ufer hatte genickt und sie sofort wieder vergessen.

Was er nicht wusste: Lena Meisner kannte ihn. Sie hatte ihm bei drei Kanzleivorträgen zugehört. Hatte jedes Wort protokolliert. Studierte seine Technik wie andere Menschen Partituren studierten.
Für sie war das hier kein Fall.
Es war eine Meisterklasse.

Die Vorsitzende Richterin, Dr. Sabine Völler, eine Frau Mitte fünfzig mit scharfen Zügen und grauen Haaren, nahm ihren Platz ein. Die Beisitzer ließen sich schneller nieder.
"Das Gericht eröffnet die Verhandlung", sagte Völler. Ihre Stimme war klar, präzise. "Klägerin Marlene Hoffman gegen die Beklagte, Maxlife Lebensversicherungs-AG. Es geht um die Zahlung aus einer Risikolebensversicherung in Höhe von 500.000 Euro."
Die Beweislast lag bei der Versicherung. Sie musste nachweisen, dass der Verstorbene vorsätzlich getäuscht hatte.

Ufer hatte es schon beim ersten durchforsten der Akten gefunden. Nicht zwischen den medizinischen Gutachten und dem Obduktionsbericht. Aber im Anlagenkonvolut, das die Klägerin zur Berechnung der Bestattungskosten und sonstigen Kosten bei der Versicherung eingereicht hatte. Hunderte von Seiten. Rechnungen. Quittungen. Kontoauszüge.
Ufer hatte jede einzelne Zeile gelesen und in den Auszügen von Februar 2017 hatte er sie gefunden: Eine Überweisung über 850 Euro an Dr. med. Werner Schäfer. Das Schäfer Kardiologe war hatte dann eine schnelle Internetrecherche ergeben. Dass Dr. Schäfer ansonsten in den Akten nirgendwo Erwähnung fand, nicht einmal im Arztbericht des Hausarztes, den die Versicherung aufgrund der Abfrage bei Antragstellung der Versicherung eingeholt hatte, machte die Sache dann rund.

"Frau Hoffman", begann die Richterin, "die Beklagte möchte Sie als Zeugin vernehmen. Ich muss Sie zunächst über Ihre Rechte belehren."
Marlene Hoffman nickte nervös.

"Sie haben als Witwe des Verstorbenen ein Zeugnisverweigerungsrecht gemäß § 383 Absatz 1 Nummer 2 der Zivilprozessordnung. Sie müssen nicht aussagen, wenn Sie das nicht möchten. Verstehen Sie das?"

"Ja."

"Wenn Sie aussagen, sind Sie zur Wahrheit verpflichtet. Sie stehen nicht unter Eid, aber eine vorsätzlich falsche Aussage kann rechtliche Konsequenzen haben. Ist Ihnen das klar?"

"Ja."

"Möchten Sie von Ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen?"

Marlene Hoffman sah zu ihrem Anwalt – Rechtsanwalt JUDr. Michael Sander, ein Mann um die vierzig mit zu viel Emotion in den Augen und zu wenig Erfahrung in der Stimme. Der “kleine” Doktor, den man sich ohne Talent aber gegen Geld in der Slowakei erkaufen konnte, war etwas zum Fremdschämen. Ufer hatte bei Lieb promoviert. Seine Dissertation hatte den Wissenschaftspreis gewonnen. Sie wurde leicht abgewandelt als Standardwerk zu Obliegenheitsverletzungen in der Krankenversicherung immer noch verlegt.

"Meine Mandantin wird aussagen", sagte Sander fest. "Sie hat nichts zu verbergen."

"Frau Hoffman?"

"Ja. Ich sage aus."

Ufer unterdrückte ein Lächeln.

"Rechtsanwalt Dr. Ufer", sagte Völler. "Sie haben das Wort."

Ufer stand auf. Langsam, bedächtig. Er knöpfte sein Jackett zu – eine Geste, die er vor Gericht immer machte. Die schwarze Robe raschelte, als er sich aufrichtete.

Lena Meisner beugte sich vor. Das Ipad auf dem Schoß und schrieb mit.

"Guten Morgen, Frau Hoffman", begann Ufer. Seine Stimme war ruhig. Fast freundlich. "Ich danke Ihnen, dass Sie heute aussagen. Ich weiß, das ist nicht leicht für Sie."

Marlene Hoffman nickte steif.

"Ich möchte mit Ihnen über den 12. März 2019 sprechen. Den Tag, an dem Ihr Mann die streitgegenständliche Versicherung beantragt hat. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?"

"Ja. Wir haben das zu Hause gemacht. Zusammen."

"Sie waren dabei?"

"Ja. Am Küchentisch."

"Gut." Ufer nickte. "Hat Ihr Mann die Fragen im Antrag laut vorgelesen?"

"Ja. Er hat jede Frage gelesen, und wir haben darüber gesprochen."

"Sie haben über die Fragen gesprochen. Das heißt, Sie haben gemeinsam entschieden, was angekreuzt wird?"

"Ja."

"Erinnern Sie sich an die Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen?"

"Ja."

"Was haben Sie bei dieser Frage angekreuzt?"

"Nein."

"Sie haben 'Nein' angekreuzt. Warum?"

"Weil Klaus keine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatte."

Ufer nickte langsam. "Verstehe. Frau Hoffman, wie würden Sie den Gesundheitszustand Ihres Mannes im März 2019 beschreiben?"

"Gut. Er war gesund für sein Alter."

"Gesund für sein Alter." Ufer ging ein paar Schritte. "Ging Ihr Mann regelmäßig zum Arzt?"

"Ja. Einmal im Jahr zur Vorsorge."

"Zu welchem Arzt?"

"Dr. Meier in Zollstock. Unser Hausarzt."

"Nur zu Dr. Meier? Oder auch zu anderen Ärzten?"

"Nur zu Dr. Meier."

"Frau Hoffman, war Ihr Mann in den Jahren vor dem Versicherungsantrag bei einem Facharzt? Einem Spezialisten?”

"Nein."

Die Antwort kam fest. Klar.

Ufer nickte. "Sie sind sicher?"

"Ja."

"Ganz sicher?"

"Ja."

"Gut." Ufer ging zu seinem Tisch. Nahm einen Ordner. "Frau Hoffman, Sie haben zusammen mit der Klage ein Anlagenkonvolut eingereicht. Zur Berechnung der Bestattungskosten und anderer Aufwendungen. Erinnern Sie sich?"

"Ja."

"In diesem Konvolut waren auch Kontoauszüge. Von Ihrem gemeinsamen Konto?"

"Ja."

"Haben Sie diese Kontoauszüge selbst zusammengestellt?"

"Ja. Mein Anwalt hat uns gebeten das alles für die Klage zusammenzustellen."

"Verstehe." Ufer öffnete den Ordner. Nahm ein Blatt heraus. "Frau Hoffman, ich zeige Ihnen jetzt einen Kontoauszug von Februar 2017. Sehen Sie diese Überweisung hier?"

Er hielt ihr das Blatt hin. Marlene Hoffman sah darauf.

"Ja."

"Können Sie vorlesen, an wen diese Überweisung ging?"

Marlene Hoffman schwieg.

"Frau Hoffman?"

"Dr. Werner Schäfer."

"Dr. Werner Schäfer." Ufer nickte. "Und welcher Betrag wurde überwiesen?"

"850 Euro."

"850 Euro. Frau Hoffman, wer ist Dr. Werner Schäfer?"

Stille.

"Frau Hoffman?"

"Ein Arzt."

"Was für ein Arzt?"

"Ich weiß es nicht mehr. Vermutlich einer der Zahnärzte. Klaus hat oft den Arzt gewechselt."

"Nein Frau Hoffmann. Herr Dr. Schäfer ist ein Kardiologe." Ufer ließ die Worte wirken. "Aber Sie haben vorhin gesagt, Ihr Mann war nie bei einem Spezialisten."

"Ausforschung!", rief Sander. "Die Zeugin hat nicht gesagt–"

"Ich zitiere", unterbrach Ufer und griff nach seinem Notizblock. "'War Ihr Mann bei einem Facharzt?' Antwort der Zeugin: 'Nein.'"
Sander setzte sich wieder.

Ufer wandte sich an Marlene Hoffman. "Was stimmt denn nun, Frau Hoffman? War Ihr Mann bei Dr. Schäfer oder nicht? Denken Sie bitte daran, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie erneut falsch aussagen."

"Ich... ja. Er war dort."

"Wann?"

"2017. Anfang 2017."

"Warum haben Sie vorhin gesagt, er war bei keinem Spezialisten?"

"Ich... ich habe nicht daran gedacht."

"Sie haben nicht daran gedacht." Ufer nickte. "An eine Überweisung von 850 Euro haben Sie nicht gedacht?"

"Die Frage ist unzulässig!", rief Sander. "Die Zeugin wird unter Druck gesetzt!"

"Die Zeugin hat gelogen", sagte Ufer ruhig. "Ich weise sie nur darauf hin."

Die Richterin hob die Hand. "Herr Dr. Ufer, bleiben Sie bei den Fragen. Herr Sander, setzen Sie sich."

Ufer nickte. "Frau Hoffman, 850 Euro ist viel Geld. Warum hat Ihr Mann so viel bezahlt?"

"Ich... ich weiß nicht."

"Sie wissen es nicht." Ufer kam näher. "Frau Hoffman, 850 Euro bezahlt man nicht für ein einfaches Gespräch. Das ist eine Summe für eine spezielle Untersuchung. Was für eine Untersuchung wurde gemacht?"

"Ich... ich war nicht dabei."

"Aber Sie wissen, dass Ihr Mann dort war?"

"Ja."

"Und Sie wissen, dass er 850 Euro bezahlt hat?"

"Ja."

"Hat Ihr Mann Ihnen erzählt, warum er zu Dr. Schäfer gegangen ist?"

Marlene Hoffman schwieg.

"Frau Hoffman, ich muss auf einer Antwort bestehen."

"Er hatte... er hatte Schmerzen."

"Was für Schmerzen?"

"In der Brust."

Die Worte fielen leise. Aber im stillen Saal hörte sie jeder.

Lena Meisner schrieb schneller.

"Schmerzen in der Brust." Ufer nickte. "Und deshalb ist er zu einem Kardiologen gegangen?"

"Ja."

"Hat Dr. Schäfer eine Untersuchung gemacht?"

"Ja."

"Was für eine Untersuchung?"

"Ich... ich kenne die Fachbegriffe nicht."

"Beschreiben Sie es mit Ihren Worten."

"Unzulässige Ausforschung!", rief Sander. "Die Zeugin wird–"

"Die Zeugin wird gebeten, eine einfache Frage zu beantworten", sagte Ufer kalt.

Die Richterin nickte. "Weiter."

"Frau Hoffman, für was bezahlt man 850 Euro bei einem Kardiologen?"

"Für eine... für eine Untersuchung des Herzens."

"Was für eine Untersuchung?"

"Sie haben... sie haben etwas ins Herz geschoben. Einen Schlauch."

"Eine Herzkatheteruntersuchung?"

"Ja."

Ufer ließ die Worte im Raum stehen. Ging zurück zu seinem Tisch.

"Frau Hoffman, eine Herzkatheteruntersuchung macht man nicht zum Spaß. Die macht man, wenn ein Verdacht auf eine Erkrankung besteht. Wissen Sie, was bei dieser Untersuchung herauskam?"

"Der Arzt hat gesagt... es sei nicht so schlimm."

"Was war nicht so schlimm?"

"Die... die Verengung."

"Welche Verengung?"

"Erneute Unterdrucksetzung!", brüllte Sander. "Die Zeugin wird dazu gebracht–"

"Die Zeugin hat gerade von einer 'Verengung' gesprochen", unterbrach Ufer. "Ich frage nur nach, was sie damit meint."

Die Richterin nickte. "Bitte antworten Sie, Frau Hoffman."

"Die Adern. Die Herzkranzgefäße. Sie waren ein bisschen eng."

"Ein bisschen eng." Ufer griff nach einem anderen Dokument. "Frau Hoffman, ich zeige Ihnen jetzt den Obduktionsbericht Ihres Mannes. Darin steht: 'Hochgradige Koronarsklerose mit Stenosen bis zu 80 Prozent.' Das bedeutet, die Herzkranzgefäße Ihres Mannes waren zu 80 Prozent verengt. Das nennen Sie 'ein bisschen'?"

Marlene Hoffman begann zu zittern.

"Frau Hoffman, diese Verengung entwickelt sich nicht über Nacht. Der Gerichtsmediziner schreibt: 'langjährig bestehende Erkrankung'. Das bedeutet, Ihr Mann hatte diese Erkrankung schon 2017, als er bei Dr. Schäfer war. Und das Entscheidende: Er wusste es. Korrekt?"
"Ich... ich bin keine Ärztin."

"Das müssen Sie nicht sein." Ufer kam näher. "Hat Dr. Schäfer Ihrem Mann gesagt, dass seine Herzkranzgefäße verengt sind?"

"Ja."

"Hat er ihn behandelt?"

"Ja. Er hat Tabletten verschrieben."

"Was für Tabletten?"

"Ich... ich weiß die Namen nicht. Für das Herz."

"Für das Herz." Ufer nickte. "Wie lange hat Ihr Mann diese Tabletten genommen?"

Stille.

"Frau Hoffman, wie lange?"

"Bis er gestorben ist."

"Bis er gestorben ist." Ufer ließ eine lange Pause. "Das bedeutet, als Sie gemeinsam am Küchentisch saßen und den Versicherungsantrag ausgefüllt haben, nahm Ihr Mann täglich Medikamente wegen einer Herzerkrankung?"

"Ja."

"Und bei der Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben Sie gemeinsam 'Nein' angekreuzt?"

"Ja."

"Warum?"

Marlene Hoffman weinte jetzt. Leise. Ihre Schultern bebten.

"Frau Hoffman, warum haben Sie 'Nein' angekreuzt, obwohl Sie wussten, dass Ihr Mann krank war?"

"Unzulässig!", schrie Sander und sprang auf. "Die Zeugin wird massiv unter Druck–"

"Die Zeugin hat unter Wahrheitspflicht zunächst gelogen!", sagte Ufer laut. "Sie hat behauptet, ihr Mann war nie bei einem Spezialisten. Erst als ich ihr die Überweisung vorgehalten habe – eine Überweisung aus den Unterlagen, die sie selbst eingereicht hat –, die Sie -er wandte sich nun direkt an seinen Kollegen- vor Einreichung offenbar nicht geprüft haben, hat sie die Wahrheit zugegeben. Und jetzt frage ich: Warum?"

Die Richterin klopfte scharf. "Herr Dr. Ufer! Herr Sander! Ruhe!"

Sie wandte sich an Marlene Hoffman. "Frau Hoffman, ich muss Sie daran erinnern, dass Sie zur Wahrheit verpflichtet sind. Die Frage lautet: Warum haben Sie bei der Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen 'Nein' angekreuzt, obwohl Ihr Mann in Behandlung war?"

Marlene Hoffman schluchzte. "Weil... weil Klaus gesagt hat... wenn wir das angeben, kriegen wir die Versicherung nicht."

Die Worte fielen wie Steine in einen stillen Teich.

Der Gerichtssaal war totenstill.

"Und deshalb haben Sie gelogen?"

"Ja." Ein Flüstern. "Ja."

Ufer drehte sich zur Kammer. "Hohes Gericht, die Zeugin hat zunächst behauptet, ihr Mann sei nie bei einem Facharzt gewesen. Diese Lüge konnte ich nur aufdecken, weil ich die von der Klägerin selbst eingereichten Kontoauszüge geprüft habe. Die Überweisung von 850 Euro an einen Kardiologen, zusammen mit dem Obduktionsbefund, der eine langjährige Herzerkrankung bestätigt, beweist zweifelsfrei: Der Verstorbene wusste von seiner Erkrankung. Er war in Behandlung. Er nahm täglich Medikamente. Und er hat es bewusst verschwiegen."
Er setzte sich.

Marlene Hoffman brach zusammen. Ihre Tochter eilte zu ihr, umarmte sie.
Lena Meisner starrte auf ihre Notizen. Sie hatte gerade gesehen, wie man eine Lüge durch minutiöses Aktenstudium entlarvt. Wie man einen Menschen systematisch in die Enge treibt, bis die Wahrheit keine andere Wahl hat, als ans Licht zu kommen.
Ufer starrte auf seine Hände. Seine Gedanken wanderten.

Das könnte ich sein.

Die Gedanken kamen wieder. Der Mann auf der Brücke. Das Rot im Schnee. Die offenen Augen.

Was bleibt von mir?

Ufer stand auf den Stufen vor dem Eingang zum Gericht, eine Zigarette zwischen den Fingern.
Es schneite immer noch.

"Dr. Ufer?"

Er drehte sich um. Lena Meisner stand neben ihm. Ihre Augen glänzten vor Bewunderung.

"Das war... unglaublich", sagte sie atemlos. "Diese Überweisung. Sie haben jeden einzelnen Kontoauszug durchgesehen?"
Ufer nickte.

"850 Euro. Niemand sonst hätte das bemerkt. Niemand sonst hätte die Bedeutung erkannt. Aber Sie..." Sie schüttelte den Kopf. "Sie haben sie mit ihren eigenen Unterlagen überführt. Das ist... das ist Genialität."

"Das ist Fleiß und .. Die notwendige Anspannung und der Respekt vor jedem einzelnen Fall", sagte Ufer leise.

"Nein." Lena trat näher. "Das ist mehr als Fleiß. Das ist... Sie haben gewusst, wonach Sie suchen. Sie haben die Verbindung gesehen zwischen der Überweisung und dem Obduktionsbericht. Sie haben sie Schritt für Schritt in die Falle geführt. Erst die Lüge, dann der Beweis, dann der Zusammenbruch. Das war perfekt."

Ufer drückte die Zigarette aus. "Wissen Sie, was ich gerade getan habe?"

"Sie haben gewonnen."

"Nein." Ufer sah sie an. "Ich habe ein Leben zerstört."

"Aber sie hat gelogen!"

"Ja." Ufer nickte. "Aus Angst. Aus Verzweiflung. Ihr Mann hatte Todesangst, dass seine Familie nach seinem Tod nichts hat. Also hat er gelogen. Und jetzt zahlt sie den Preis."

"Aber das Gesetz–"

"Das Gesetz ist auf meiner Seite." Ufer unterbrach sie. "Das macht es zwar richtig, aber nicht unbedingt gerechter."

Er ging zurück in den Saal.

Lena blieb stehen. Verstand nicht.

Für sie war das ein Triumph.

Das Stuhlurteil kam um 16 Uhr.

"Im Namen des Volkes", begann die Richterin. Ihre Stimme war kühl. Distanziert. "Das Gericht weist die Klage ab, Setzen Sie sich bitte"
Marlene Hoffman sank in den Stuhl, saß da wie eine Statue.

"Der Verstorbene hat bei Vertragsschluss eine gefahrerhebliche Tatsache vorsätzlich verschwiegen. Das ergibt sich zweifelsfrei aus der Beweisaufnahme. Die Zeugin hat zunächst versucht, die Behandlung beim Kardiologen zu verschweigen. Erst als ihr die Überweisung aus den selbst eingereichten Unterlagen vorgehalten wurde, hat sie die Wahrheit eingeräumt. Der Obduktionsbericht bestätigt eine langjährige, schwere Herzerkrankung. Die Beklagte war berechtigt, den Versicherungsvertrag anzufechten. Die Kosten des Verfahrens trägt die Klägerin. Die ausführliche Begründung erhalten Sie wie üblich mit dem schriftlichen Urteil."

Das Urteil war gesprochen.

Ufer packte seine Akten zusammen. Methodisch. Sorgfältig.

Lena Meisner strahlte. "Glückwunsch, Dr. Ufer. Das war sehr inspirierend.”

Ufer nickte. Sagte nichts.

Er verließ den Saal. Im Flur stand Marlene Hoffman, gestützt von ihrer Tochter.

Als Ufer an ihr vorbeiging, hob sie den Kopf.

"Sie haben jede Seite gelesen", flüsterte sie. "Hunderte von Seiten. Nur um... um das zu finden."

Ufer blieb stehen.

"Es tut mir leid", sagte er.

Ufer ging weiter. Die Treppe hinunter. Durch die Eingangshalle. Hinaus in die Kälte.
Der Schnee fiel immer noch.
Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von der Versicherung Außerordentliche Leistung, Dr. Ufer. Die Analyse der Kontoauszüge war brillant. Bonus: 50.000 €.
Fünfzigtausend Euro..
Ufer starrte auf die Nachricht. Dann dachte er an den Mann auf der Brücke. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
An die Frage, die ihn nicht losließ: Was bleibt von mir?
Er löschte die Nachricht.
Dann ging er in die Kälte hinaus.
Allein.
 
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Anders Tell

Mitglied
Lieber Dionysius,
mit der Fortsetzung bin ich sehr einverstanden. Vor allem gefällt mir, dass das Ende über die Selbstreflektion nicht hinausgeht. Ich bin ein Fan Deiner Texte und konnte zunächst nicht glauben, dass der Anfang die ganze Geschichte sein sollte.
Anders
 
Hallo

erst einmal ein frohes neues Jahr in die Runde der literarisch aktiven KollegInnen. Ich wünsche allen Luperianern Gesundheit, viel Schaffenskraft und immer das nötige bisschen Glück für 2026.

Kurz zum Projekt und was noch kommen wird:

"Der Fall" wird eine Erzählung von ca. 70k Wortlänge werden. Es geht neben meinen üblichen Themen: Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Sinnfindung und Spiritualität mir hier vor allem darum, das Thema der sexuellen Abhängigkeit möglichst präzise auszuleuchten und zu entwickeln. Wege hinein und hinaus zu erforschen und Grenzerfahrungen anzuknüpfen an die ganz großen Themen, die uns alle betreffen. Dabei kann es schon mal etwas detaillierter werden. Das will ich nur schonmal voranstellen.

Auch mag mir das am Ende vielleicht nicht gut gelingen. Dann bitte iich um Nachsicht. Auch ist das hier kein ambitioniertes Verlagsprojekt, sondern ein "ins Regal stellen in den Workshop des Forums". Das soll keine Entschuldigung für Schludrigkeit sein. Ich gebe mir natürlich Mühe, das Projekt handwerklich gut abzuliefern.

@marcm200

danke dir für dein Feedback. Man merkt sofort den sorgfältigen Vielleser. Es freu tmich, dass Du den Text kommentiert hast und mit einigen Dingen, vor allem den Wiedrholungen, hast du auch Recht. Ich wollte bezüglich der Marken, Namen und Preise natürlich eine möglichst schnelle Anbindung an die Welt des Luxus und hier auch eine gewisse emotionale Reaktion hervorrufen. Das ist vermutlich etwas zu viel des Guten gewesen. Die handwerklichen Mängel habe ich auf deinen Hinweis im Originaltext schon korrigiert. Hier -unter Kollegen und Gleichgesinnten- lasse ich es in der "Arbeitsatmosphäre" so stehen. Die geneigte Leserin möge es verzeihen.

Bezüglich des Stakkato-Stils führst du Möglichkeiten und Grenzen aus und erlaubst dem Text am Ende doch die Rechtfertigung für diese Art des Schreibens. Das empfinde ich auch so. Ich möchte den ganzen Text ein bisschen im Stil des "film noir" halten. Ich finde, da passt es gut hin. Es nimmt die LeserIn gut mit.

Bezüglich der Bewußtwerdung möchte ich widersrpechen: Ich glaube, dass gerade so existentielle Dinge nachwirken, in uns arbeiten, bevor sie bewußt werden. Man könnte sogar darüber streiten, ob es nicht zu schnell bewußt geworden ist. Diese Frage auszusprechen und zu fühlen: "Wieviel Zeit bleibt" - das sind ja nochmal ganz verschiedene Welten.

@Anders Tell

danke für deine ungefilterte Rückmeldung zum ersten Teil. Ich hätte deutlicher machen sollen, dass es ein längerer Text wird. Ich dachte aufgrund der Kategorie (Erzählung) und Benennung als Teil 1 wäre das deutlich geworden aber ich gebe zu, das wurde nicht ganz klar. "Erkenntnis und Läuterung" - gefällt mir! Es wäre schön, wenn am Ende eine organische Entwicklung dahin stattfinden würde.

merci

mes compliments

Dio
 



 
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