Der Fall (Teil 1)

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Der Schnee fiel lautlos auf die Severinsbrücke.

Dr. Frederic Sander saß im Fond des Taxis und starrte auf sein Handy. Eine Mail von Katharina: Bin heute später. OP-Besprechung mit Prof. Mehring. Iss ohne mich. Keine Grußformel. Kein Emoji. Sie schickten sich Nachrichten wie Geschäftspartner, die eine Firmenübernahme abwickelten.
Mitte Fünfzig. Dreiundzwanzig Jahre davon verheiratet. Partner bei BPS einer der größten Versicherungskanzleien westlich des Rheins. Villa in Marienburg mit Blick auf den alten Baumbestand. Ein Leben wie aus einem Werbespot.

Und diese Leere.

Das Taxi bewegte sich im Schritttempo über die Brücke. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Sander hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, warum eine Witwe keinen Anspruch auf die Lebensversicherung ihres Mannes hatte. Technisch gesehen hatte der Verstorbene seine Vorerkrankung nicht korrekt angegeben. Technisch gesehen war der Fall klar.

Er würde gewinnen. Er gewann immer.

Sein Spiegelbild im Fenster zeigte einen Mann in einem Anzug von Kiton – achttausend Euro, handgenäht in Neapel. Die Krawatte von Hermès, Manschettenknöpfe Cartier. Alles stimmte. Alles saß. Und trotzdem fühlte er sich an wie eine leere Hülle.
"Stau", murmelte der Taxifahrer.

Sander sah auf. Vorne, wo die Brücke in die Südstadt mündete, blinkten blaue Lichter. Polizei. Krankenwagen. Der Verkehr stand.
"Wie lange wird das dauern?"

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. "Unfall. Kann eine halbe Stunde werden. Vielleicht länger."

Sander sah auf die Uhr. Kurz nach sieben. Zu Hause wartete niemand. Die Villa würde dunkel sein, leer, kalt trotz der Fußbodenheizung. Er bezahlte und stieg aus.

Die Kälte schlug ihm ins Gesicht wie eine Faust. Minus zehn Grad. So ein Wetter war in Köln praktisch unmöglich. Der Schnee fiel dichter jetzt, legte sich auf seinen Burberry-Mantel, schmolz auf seinen dichten, schwarzblauen Haaren, die bereits von grauen Strähnen durchzogen wurden. Sander ging zu Fuß weiter, die Loro Piana-Aktentasche aus weichem Kalbsleder in der Hand. Seine Church's-Schuhe – rahmengenäht, fünfzehn Hundert Euro – waren für Schnee nicht gemacht. Er spürte die Kälte durch die Sohlen.

Aber er ging weiter.

Die blauen Lichter wurden heller. Näher. Menschen drängten sich hinter Absperrungen, Smartphones gezückt, filmten. Als wäre der Tod Unterhaltung. Als wäre er nicht real, solange man ihn nur durch einen Bildschirm sah.
Sander blieb stehen.

Der Mercedes, ein GLA, mattschwarz, neuestes Modell. Er lag auf dem Dach wie ein umgestürztes Insekt, die Räder noch langsam drehend. Die Windschutzscheibe hatte sich in tausend Splitter verwandelt, die jetzt im Schnee glitzerten wie Diamanten auf Samt. Die Fahrertür war aufgerissen – nein, herausgerissen –, hing schräg in den Scharnieren. Metall, verbeult und verdreht, ragte in Winkeln hervor, die der Physik zu widersprechen schienen.
Der andere Wagen war ein Transporter. Weiß, alt, mit einem zerborstenen Firmenlogo an der Seite: “Fix und Fertig. Haushaltsauflösungen”. Er hatte die Leitplanke durchbrochen, stand halb über dem Gehweg. Der Motor rauchte. Benzingeruch mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Gummi.
Sanitäter bewegten sich zwischen den Wracks. Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern. Polizisten, die Absperrband zogen.
Und dann sah Sander ihn.

Der Mann lag auf der Straße, vielleicht fünf Meter vom Mercedes entfernt. Als hätte die Wucht des Aufpralls ihn aus dem Auto geschleudert. Oder als wäre er geflohen, bevor sein Körper begriffen hatte, dass es zu spät war.

Er trug einen dunklen Anzug. Nicht Kiton – Hugo Boss vielleicht, oder Joop. Der Stoff war zerrissen an der Schulter, und darunter...Sander sah Rot. Zu viel Rot. Es breitete sich aus auf dem Schnee, ein langsam wachsender Kreis, der die weiße Unschuld der Stadt verschluckte.
Das Gesicht des Mannes war zur Seite gedreht. Die Augen waren offen.

Sander konnte sie sehen, auch aus dieser Entfernung. Braun. Leer. Der Blick eines Menschen, der noch vor Sekunden existiert hatte – Gedanken, Pläne, Ängste, Hoffnungen – und jetzt nur noch Materie war. Ein Ding. Eine Hülle.

Ein Sanitäter kniete neben ihm, die Hände auf der Brust des Mannes, drückte im Rhythmus. Eins. Zwei. Drei. Mechanisch. Hoffnungslos. Ein anderer schob eine Beatmungsmaske über das Gesicht, aber die Bewegungen waren zu langsam. Zu routiniert. Sie wussten es bereits.
Sander starrte.

Der Mann war ungefähr in seinem Alter. Fünfzig vielleicht, oder knapp darunter. Die Haare waren kurz, grau an den Schläfen. An der linken Hand glänzte ein Ehering – Gold, klassisch, wie der, den Sander selbst trug. In der Anzugtasche ragte ein Smartphone heraus, ein iPhone, das Display gesprungen.
Das könnte ich sein.

Der Gedanke kam nicht langsam. Er schlug ein wie ein Blitz, ohne Vorwarnung, ohne Gnade. Sander fühlte, wie seine Knie weich wurden. Wie sein Atem stockte. Wie etwas in seiner Brust sich zusammenzog, schmerzhaft, erstickend.
Das könnte ich sein.

Der Mann hatte heute Morgen wahrscheinlich gefrühstückt. Kaffee getrunken. Vielleicht hatte seine Frau ihm eine Nachricht geschickt: Bin später. Vielleicht hatte er im Auto gesessen und an die Arbeit gedacht, an Termine, an den Stress. Vielleicht hatte er geplant, heute Abend noch ins Fitnessstudio zu gehen, oder einfach nur auf die Couch zu fallen und Fernsehen zu schauen.

Vielleicht hatte er geglaubt, er hätte noch Zeit.

Und dann – was? Eine Sekunde Unaufmerksamkeit? Ein Moment, in dem die Welt sich verschob? Ein rutschender Reifen, ein zu schneller Fahrer, eine Verkettung von Kleinigkeiten, die sich zu etwas Unvermeidlichem verdichteten?
Und jetzt lag er da.

Tot.

Sander konnte nicht wegsehen. Seine Augen waren an den Körper gefesselt, an das Rot auf dem Schnee, an die offenen Augen, die nichts mehr sahen. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Seine Hände zitterten.
Er war fünfzig Jahre alt. Fünfzig. Die Hälfte seines Lebens war vorbei, vielleicht mehr. Wie viel Zeit hatte er noch? Zwanzig Jahre? Zehn? Weniger?
Und was hatte er getan mit den letzten dreißig Jahren?

Er hatte gearbeitet. Er hatte Geld verdient. Er hatte eine Villa in Marienburg gekauft und sie mit Poltrona Frau-Möbeln eingerichtet, mit einem B&B Italia-Sofa für zwanzigtausend Euro, mit einem Boffi-Küche, in der niemand mehr kochte. Er hatte einen Porsche 911 S/T in der Garage stehen, einen Patek Philippe an seinem Handgelenk – fünfundsiebzigtausend Euro, die ihm nicht einmal auffielen, wenn er morgens die Uhr anlegte.
Er hatte eine Frau, die neben ihm schlief wie eine Fremde in einem teuren Hotel.
Und er hatte... was?

Nichts.

Der Sanitäter hörte auf zu drücken. Er sah zu seinem Kollegen. Schüttelte den Kopf. Langsam, fast unmerklich. Dann griff er nach einer Plane – grau, wasserabweisend – und breitete sie über den Körper aus.

Die Bewegung war so endgültig, dass Sander einen Laut ausstieß. Kein Wort. Nur ein ersticktes Keuchen, als hätte jemand ihm in den Magen geschlagen.
Ein Polizist drehte sich zu ihm um. "Geht es Ihnen gut?"

Sander antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Zunge fühlte sich an wie Blei. Seine Kehle war zugeschnürt.
Der Polizist trat näher. "Kannten Sie den Verstorbenen? Kannten Sie den Verstorbenen?"

Nein. Sander hatte ihn nie gesehen. Kannte nicht seinen Namen, nicht sein Leben, nicht seine Geschichten. Aber in diesem Moment kannte er ihn besser als sich selbst.

"Nein", brachte er heraus. Seine Stimme klang fremd. Brüchig.

"Dann bitte ich Sie weiterzugehen. Das ist ein Unfallort."

Sander nickte mechanisch. Seine Beine bewegten sich, obwohl er nicht wusste, wie. Er ging. Einen Schritt. Noch einen. Die Plane hinter ihm wurde langsam mit Schnee bedeckt. Weiß auf Grau. Als wollte die Stadt den Tod verstecken, ihn unsichtbar machen, so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber etwas war geschehen.

Etwas in Sander hatte sich verschoben. Ein Riss, der sich durch sein Inneres zog wie ein Sprung in einem gefrorenen See. Man konnte ihn nicht sehen. Noch nicht. Aber er war da.

Die Villa lag im Dunkeln.

Sander stand vor dem schmiedeeisernen Tor und starrte auf das Gebäude, das er "Zuhause" nannte. Drei Stockwerke, klassische Gründerzeitfassade, saniert vor fünf Jahren für eineinhalb Millionen. Die Fenster waren schwarz. Keine Lichter. Keine Wärme.

Er schloss auf und trat ein.

Der Flur roch nach nichts. Keine Essensgerüche, kein Parfum, keine Spuren menschlicher Existenz. Nur die sterile Kühle aus Carrara-Marmor unter seinen Füßen und der leise Summen der Lüftungsanlage. An der Wand hing ein Rothko – hundertzwanzigtausend Euro auf einer Auktion ersteigert. Sander hatte nie verstanden, was es darstellen sollte. Rote und schwarze Rechtecke auf Leinwand. Katharina hatte gesagt, es sei "essentiell für die Sammlung".
Welche Sammlung? Sie besaßen nur acht Gemälde.

"Katharina?"

Seine Stimme hallte durch die leeren Räume. Keine Antwort.

Natürlich nicht. Sie war bei ihrer Besprechung. Mit Prof. Mehring, dem Chefarzt der Privatklinik, wo sie ihre betuchten Patienten behandelte. Borderline-Störungen. Narzissmus. Angststörungen der Oberschicht. Menschen, die zu viel Geld und zu wenig Sinn im Leben hatten.
Wie ironisch.

Sander ging ins Wohnzimmer. Die Minotti-Sessel standen perfekt arrangiert um den Lema-Couchtisch aus geöltem Nussbaum. Kein Staub. Kein Krümel. Die Putzfrau kam fünf Mal die Woche und hinterließ ein Haus, das aussah wie ein Showroom.

Er setzte sich auf das B&B Italia-Sofa – zwanzigtausend Euro für etwas, das nicht einmal bequem war – und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Dort hing ein weiteres Gemälde. Ein Gerhard Richter. Klein, aber wertvoll. siebenhunderttausend. Er hatte den Künstler einmal persönlich besucht im Hahnwald. Das war vor zehn Jahren.

Wie viel war ein Menschenleben wert?

Die Frage kam aus dem Nichts, bohrte sich in seinen Schädel. Er kannte die Antwort aus seiner Arbeit. Versicherungen berechneten das. Humankapital. Verdienstausfall. Schmerzensgeldsummen. Sie reduzierten Leben auf Zahlen in Spreadsheets.

Und er half ihnen dabei.

Sander stand auf. Seine Hände zitterten immer noch. Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten, maßgefertigt für achtzigtausend Euro – und öffnete den Kühlschrank. Viele Flaschen Wein, einen angebrochenen Chablis, halb getrunken, eine Schale mit Oliven, Parmesan und Sant'Ilario 60 Monate, Svalbarði Eisbergwasser, Shine Muscat Trauben, Le Beurre Bordier, ein paar unbenutzte Ozempic Pens. Katharina brauchte sie nicht. Er auch nicht. Sie waren trotzdem da.

Er nahm die Weinflasche heraus. Schenkte sich ein Glas ein. Trank.
Der Wein schmeckte nach nichts.
Alles schmeckte nach nichts.

Er ging zurück ins Wohnzimmer. Sein Blick fiel auf den Spiegel über der Kommode – ein venezianischer Spiegel, antik, fünfzehntausend Euro. Er sah sich selbst darin.

Mitte Fünfzig. Leberflecken auf der Stirn. Falten um die Augen, tiefer geworden in den letzten Jahren. Haut, die schlaff wurde am Hals, trotz der teuren Cremes, die Katharina ihm kaufte. Haare, die dünner wurden, sorgfältig frisiert von einem Friseur in der Innenstadt, der zweihundert Euro pro Schnitt verlangte.

Ein Mann, der alterte.
Ein Mann, der starb.
Langsam, unmerklich, aber unaufhaltsam.

Wie viel Zeit habe ich noch?

Die Frage war so überwältigend, dass er sich wieder setzen musste. Das Weinglas glitt ihm fast aus der Hand. Zwanzig Jahre? Fünfzehn? Zehn?
Und was würde er damit tun?

Weitere Fälle gewinnen? Weitere Millionen für Versicherungskonzerne herausholen? Weitere Abende in diesem sterilen Mausoleum verbringen, in dem er mit einer Frau lebte, die er nicht mehr kannte?

Der Mann auf der Straße hatte auch geglaubt, er hätte Zeit.

Sander trank das Glas leer. Dann noch eines. Und noch eines.
Aber der Wein half nicht. Nichts half. Die Leere blieb. Nur dass sie jetzt einen Namen hatte.
Angst.

Um Mitternacht hörte er die Haustür.


Katharina. Ihre Schritte auf dem Marmor, leicht schwankend. Sie war betrunken, aber kontrolliert betrunken. Die Art von Betrunkenheit, die man mit dreißig Jahren Übung perfektionierte.
Sie erschien in der Tür zum Wohnzimmer. Ihr Prada-Mantel war makellos, ihre Haare perfekt – sie ging einmal im Monat zu Udo Walz' Nachfolger in Köln. Ihr Gesicht war glatt, zu glatt. Botox alle sechs Monate, Hyaluron alle drei. Sie war achtundvierzig und sah aus wie vierzig.
Aber ihre Augen waren tot.

"Du bist noch wach", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.

"Ja."

Sie ging zur Hausbar – eine Poltrona Frau-Einheit in Leder und Walnuss, zwölftausend Euro – und schenkte sich ein Glas Gin ein. Bombay Sapphire. Sie trank nie Wein in seiner Gegenwart. Nur Gin. Als wäre das weniger offensichtlich.

"Wie war dein Tag?", fragte sie, ohne ihn anzusehen.

"Jemand ist gestorben."

"Mmh." Sie trank. "Das tun Menschen."

Sander starrte sie an. Diese Fremde. Diese schöne, kalte Fremde, die er einmal geliebt hatte. Oder hatte er das nur geglaubt? Hatten sie sich jemals wirklich gekannt?

"Hast du gehört, was ich gesagt habe?"

"Ja." Katharina drehte sich um. Ihr Blick war unscharf, aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos. "Jemand ist gestorben. Das ist traurig. Aber Menschen sterben jeden Tag, Frederic. Das weißt du. Das weiß ich. Das ist... normal."

Normal.

Das Wort hing zwischen ihnen wie eine Klinge.

"Ich gehe hoch", sagte Sander leise.

Katharina nickte. "Gute Nacht."

Er stand auf und ging zur Treppe. An der Tür drehte er sich noch einmal um. Sie stand am Fenster, das Gin-Glas in der Hand, und starrte hinaus in die Dunkelheit. Ihr Spiegelbild im Glas sah aus wie ein Geist.

Sander stieg die Treppe hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er tiefer sinken.

Im Schlafzimmer – Hästens-Bett für dreißigtausend Euro, Frette-Bettwäsche, Minotti-Nachttische – setzte er sich auf die Bettkante und starrte auf seine Hände.

Der Ehering glänzte matt im Mondlicht.
Dreiundzwanzig Jahre.
Und er fühlte nichts.
Sein Handy vibrierte. Eine Mail. Die Versicherung wollte morgen früh noch Änderungen für die mündliche Verhandlung vor dem BGH besprechen.
Sander starrte auf das Display. Die Worte verschwammen.

Er dachte an den Mann auf der Straße. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
 
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marcm200

Mitglied
Hoffnungslosigkeit - das war das Wort, das mir im Laufe des Lesens immer öfters einfiel.

Persönlich mag ich das Stilmittel der abgehackten, unvollständigen Sätze wie "Feuerwehrleute mit hydraulischen Spreizern.", "Polizisten, die Absperrband zogen." überhaupt nicht. Es macht aus einer Geschichte eine Ansammlung von Gedankenfetzen. Aber es addiert hier zur Hoffnungslosigkeit. Ich würde es nur nicht so häufig einsetzen, ebenso würde ich etwas weniger explizite Geldangaben bringen. Es wird schnell klar, dass Ufer materiell reich ist, seelisch aber sich selbst als "leer" sieht.

Warum erklärst du zweimal, welche Küche vorhanden ist? Wurde die Geschichte in Portionen geschrieben, und das war dir nicht mehr präsent?
"Möbeln eingerichtet,...mit einem Boffi-Küche,"
"Er ging in die Küche – eine Boffi-Traumküche mit Gaggenau-Geräten,"

Auch die 20000 für das Sofa werden zweifach erwähnt.

Ebenso die Frage "Wieviel Zeit bleibt noch?" Und beide Male wird von 20 Jahren, 10 usw gesprochen.

Das klingt mir zu kopiert. Ich würde diese Dinge umformulieren oder explizit darauf eingehen, dass sie schonmal genannt worden sind.

z.B. "Er lachte hohl auf, als er an den Preis des Sofas dachte. 20 Mille! Und es ist noch nicht einmal bequem."
"Noch einmal schoss ihm die Frage nach der verbleibenden Zeit durch den Kopf, und das Bild des Unfalls baute sich vor seinem inneren Auge auf."

Ufers Alter ist etwas unsauber genannt. Einmal ist er "Knapp über fünfzig", dann später "Mitte fünfzig".

Ich verstehe nicht ganz, warum die Frage nach "Wieviel Zeit bleibt" erst beim zweiten Mal so überwältigend für Ufer ist. Am Unfallort - ja, da hätte es gepasst. Später aber darf er nicht mehr davon überrascht sein, dass die Frage in sein Bewusstsein drängt.

Ufer ist am Unfallort, dann plötzlich "Die Villa lag im Dunkeln". Ich würde entweder einen *-Trenner einbauen, oder kurz anmerken, dass er seinen Weg fortsetzt.

Weitere Kapitel in dieser Depressivitätstiefe würde ich persönlich aber nicht lesen.
 

Anders Tell

Mitglied
Das Märchen vom reichen Mann, der auch nicht glücklich ist. Ein stereotype Darstellung, ohne Erkenntnis oder Läuterung. Es mag auch ein armer Mensch die Sinnlosigkeit seines Daseins erkennen. Alles bleibt in der Spekulation stecken. Das sind keine Bekenntnisse, sondern Zuschreibungen. So etwas könnte in einem Magazin stehen, in welchem die Besitzlosen über den Lebensstil der Reichen und Berühmten informiert werden. Das ist verbaler Schund.
 
Teil 2: Die Verhandlung

Der Verhandlungssaal 2.14 des Landgerichts Köln roch nach Bohnerwachs und altem Holz. Ufer saß am Anwaltstisch, die Akten vor sich aufgeschlagen, und beobachtete, wie die Klägerin den Saal betrat.
Marlene Hoffman war siebenundfünfzig. Ihr Gesicht war blass, fast durchscheinend, die Augen rot umrändert von zu vielen schlaflosen Nächten. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, das an den Schultern zu weit war – sie hatte Gewicht verloren. Neben ihr ging ihre Tochter, vielleicht Anfang dreißig, die Hand auf dem Arm ihrer Mutter, stützend.

Rechts von Ufer saßen drei Referendare der Kanzlei. Zwei junge Männer in identischen dunkelgrauen Anzügen, deren Namen er nicht kannte. Und eine Frau – Anfang dreißig, blonde Haare straff zurückgebunden, Brille mit randlosem Gestell. Sie hatte sich als Referendarin Lena Meisner vorgestellt, mit einem Lächeln, das zu professionell war. Als hätte sie es geübt.

Ufer hatte genickt und sie sofort wieder vergessen.

Was er nicht wusste: Lena Meisner kannte ihn. Sie hatte ihm bei drei Kanzleivorträgen zugehört. Hatte jedes Wort protokolliert. Studierte seine Technik wie andere Menschen Partituren studierten.
Für sie war das hier kein Fall.
Es war eine Meisterklasse.

Die Vorsitzende Richterin, Dr. Sabine Völler, eine Frau Mitte fünfzig mit scharfen Zügen und grauen Haaren, nahm ihren Platz ein. Die Beisitzer ließen sich schneller nieder.
"Das Gericht eröffnet die Verhandlung", sagte Völler. Ihre Stimme war klar, präzise. "Klägerin Marlene Hoffman gegen die Beklagte, Maxlife Lebensversicherungs-AG. Es geht um die Zahlung aus einer Risikolebensversicherung in Höhe von 500.000 Euro."
Die Beweislast lag bei der Versicherung. Sie musste nachweisen, dass der Verstorbene vorsätzlich getäuscht hatte.

Ufer hatte es schon beim ersten durchforsten der Akten gefunden. Nicht zwischen den medizinischen Gutachten und dem Obduktionsbericht. Aber im Anlagenkonvolut, das die Klägerin zur Berechnung der Bestattungskosten und sonstigen Kosten bei der Versicherung eingereicht hatte. Hunderte von Seiten. Rechnungen. Quittungen. Kontoauszüge.
Ufer hatte jede einzelne Zeile gelesen und in den Auszügen von Februar 2017 hatte er sie gefunden: Eine Überweisung über 850 Euro an Dr. med. Werner Schäfer. Das Schäfer Kardiologe war hatte dann eine schnelle Internetrecherche ergeben. Dass Dr. Schäfer ansonsten in den Akten nirgendwo Erwähnung fand, nicht einmal im Arztbericht des Hausarztes, den die Versicherung aufgrund der Abfrage bei Antragstellung der Versicherung eingeholt hatte, machte die Sache dann rund.

"Frau Hoffman", begann die Richterin, "die Beklagte möchte Sie als Zeugin vernehmen. Ich muss Sie zunächst über Ihre Rechte belehren."
Marlene Hoffman nickte nervös.

"Sie haben als Witwe des Verstorbenen ein Zeugnisverweigerungsrecht gemäß § 383 Absatz 1 Nummer 2 der Zivilprozessordnung. Sie müssen nicht aussagen, wenn Sie das nicht möchten. Verstehen Sie das?"

"Ja."

"Wenn Sie aussagen, sind Sie zur Wahrheit verpflichtet. Sie stehen nicht unter Eid, aber eine vorsätzlich falsche Aussage kann rechtliche Konsequenzen haben. Ist Ihnen das klar?"

"Ja."

"Möchten Sie von Ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen?"

Marlene Hoffman sah zu ihrem Anwalt – Rechtsanwalt JUDr. Michael Sander, ein Mann um die vierzig mit zu viel Emotion in den Augen und zu wenig Erfahrung in der Stimme. Der “kleine” Doktor, den man sich ohne Talent aber gegen Geld in der Slowakei erkaufen konnte, war etwas zum Fremdschämen. Ufer hatte bei Lieb promoviert. Seine Dissertation hatte den Wissenschaftspreis gewonnen. Sie wurde leicht abgewandelt als Standardwerk zu Obliegenheitsverletzungen in der Krankenversicherung immer noch verlegt.

"Meine Mandantin wird aussagen", sagte Sander fest. "Sie hat nichts zu verbergen."

"Frau Hoffman?"

"Ja. Ich sage aus."

Ufer unterdrückte ein Lächeln.

"Rechtsanwalt Dr. Ufer", sagte Völler. "Sie haben das Wort."

Ufer stand auf. Langsam, bedächtig. Er knöpfte sein Jackett zu – eine Geste, die er vor Gericht immer machte. Die schwarze Robe raschelte, als er sich aufrichtete.

Lena Meisner beugte sich vor. Das Ipad auf dem Schoß und schrieb mit.

"Guten Morgen, Frau Hoffman", begann Ufer. Seine Stimme war ruhig. Fast freundlich. "Ich danke Ihnen, dass Sie heute aussagen. Ich weiß, das ist nicht leicht für Sie."

Marlene Hoffman nickte steif.

"Ich möchte mit Ihnen über den 12. März 2019 sprechen. Den Tag, an dem Ihr Mann die streitgegenständliche Versicherung beantragt hat. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?"

"Ja. Wir haben das zu Hause gemacht. Zusammen."

"Sie waren dabei?"

"Ja. Am Küchentisch."

"Gut." Ufer nickte. "Hat Ihr Mann die Fragen im Antrag laut vorgelesen?"

"Ja. Er hat jede Frage gelesen, und wir haben darüber gesprochen."

"Sie haben über die Fragen gesprochen. Das heißt, Sie haben gemeinsam entschieden, was angekreuzt wird?"

"Ja."

"Erinnern Sie sich an die Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen?"

"Ja."

"Was haben Sie bei dieser Frage angekreuzt?"

"Nein."

"Sie haben 'Nein' angekreuzt. Warum?"

"Weil Klaus keine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatte."

Ufer nickte langsam. "Verstehe. Frau Hoffman, wie würden Sie den Gesundheitszustand Ihres Mannes im März 2019 beschreiben?"

"Gut. Er war gesund für sein Alter."

"Gesund für sein Alter." Ufer ging ein paar Schritte. "Ging Ihr Mann regelmäßig zum Arzt?"

"Ja. Einmal im Jahr zur Vorsorge."

"Zu welchem Arzt?"

"Dr. Meier in Zollstock. Unser Hausarzt."

"Nur zu Dr. Meier? Oder auch zu anderen Ärzten?"

"Nur zu Dr. Meier."

"Frau Hoffman, war Ihr Mann in den Jahren vor dem Versicherungsantrag bei einem Facharzt? Einem Spezialisten?”

"Nein."

Die Antwort kam fest. Klar.

Ufer nickte. "Sie sind sicher?"

"Ja."

"Ganz sicher?"

"Ja."

"Gut." Ufer ging zu seinem Tisch. Nahm einen Ordner. "Frau Hoffman, Sie haben zusammen mit der Klage ein Anlagenkonvolut eingereicht. Zur Berechnung der Bestattungskosten und anderer Aufwendungen. Erinnern Sie sich?"

"Ja."

"In diesem Konvolut waren auch Kontoauszüge. Von Ihrem gemeinsamen Konto?"

"Ja."

"Haben Sie diese Kontoauszüge selbst zusammengestellt?"

"Ja. Mein Anwalt hat uns gebeten das alles für die Klage zusammenzustellen."

"Verstehe." Ufer öffnete den Ordner. Nahm ein Blatt heraus. "Frau Hoffman, ich zeige Ihnen jetzt einen Kontoauszug von Februar 2017. Sehen Sie diese Überweisung hier?"

Er hielt ihr das Blatt hin. Marlene Hoffman sah darauf.

"Ja."

"Können Sie vorlesen, an wen diese Überweisung ging?"

Marlene Hoffman schwieg.

"Frau Hoffman?"

"Dr. Werner Schäfer."

"Dr. Werner Schäfer." Ufer nickte. "Und welcher Betrag wurde überwiesen?"

"850 Euro."

"850 Euro. Frau Hoffman, wer ist Dr. Werner Schäfer?"

Stille.

"Frau Hoffman?"

"Ein Arzt."

"Was für ein Arzt?"

"Ich weiß es nicht mehr. Vermutlich einer der Zahnärzte. Klaus hat oft den Arzt gewechselt."

"Nein Frau Hoffmann. Herr Dr. Schäfer ist ein Kardiologe." Ufer ließ die Worte wirken. "Aber Sie haben vorhin gesagt, Ihr Mann war nie bei einem Spezialisten."

"Ausforschung!", rief Sander. "Die Zeugin hat nicht gesagt–"

"Ich zitiere", unterbrach Ufer und griff nach seinem Notizblock. "'War Ihr Mann bei einem Facharzt?' Antwort der Zeugin: 'Nein.'"
Sander setzte sich wieder.

Ufer wandte sich an Marlene Hoffman. "Was stimmt denn nun, Frau Hoffman? War Ihr Mann bei Dr. Schäfer oder nicht? Denken Sie bitte daran, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie erneut falsch aussagen."

"Ich... ja. Er war dort."

"Wann?"

"2017. Anfang 2017."

"Warum haben Sie vorhin gesagt, er war bei keinem Spezialisten?"

"Ich... ich habe nicht daran gedacht."

"Sie haben nicht daran gedacht." Ufer nickte. "An eine Überweisung von 850 Euro haben Sie nicht gedacht?"

"Die Frage ist unzulässig!", rief Sander. "Die Zeugin wird unter Druck gesetzt!"

"Die Zeugin hat gelogen", sagte Ufer ruhig. "Ich weise sie nur darauf hin."

Die Richterin hob die Hand. "Herr Dr. Ufer, bleiben Sie bei den Fragen. Herr Sander, setzen Sie sich."

Ufer nickte. "Frau Hoffman, 850 Euro ist viel Geld. Warum hat Ihr Mann so viel bezahlt?"

"Ich... ich weiß nicht."

"Sie wissen es nicht." Ufer kam näher. "Frau Hoffman, 850 Euro bezahlt man nicht für ein einfaches Gespräch. Das ist eine Summe für eine spezielle Untersuchung. Was für eine Untersuchung wurde gemacht?"

"Ich... ich war nicht dabei."

"Aber Sie wissen, dass Ihr Mann dort war?"

"Ja."

"Und Sie wissen, dass er 850 Euro bezahlt hat?"

"Ja."

"Hat Ihr Mann Ihnen erzählt, warum er zu Dr. Schäfer gegangen ist?"

Marlene Hoffman schwieg.

"Frau Hoffman, ich muss auf einer Antwort bestehen."

"Er hatte... er hatte Schmerzen."

"Was für Schmerzen?"

"In der Brust."

Die Worte fielen leise. Aber im stillen Saal hörte sie jeder.

Lena Meisner schrieb schneller.

"Schmerzen in der Brust." Ufer nickte. "Und deshalb ist er zu einem Kardiologen gegangen?"

"Ja."

"Hat Dr. Schäfer eine Untersuchung gemacht?"

"Ja."

"Was für eine Untersuchung?"

"Ich... ich kenne die Fachbegriffe nicht."

"Beschreiben Sie es mit Ihren Worten."

"Unzulässige Ausforschung!", rief Sander. "Die Zeugin wird–"

"Die Zeugin wird gebeten, eine einfache Frage zu beantworten", sagte Ufer kalt.

Die Richterin nickte. "Weiter."

"Frau Hoffman, für was bezahlt man 850 Euro bei einem Kardiologen?"

"Für eine... für eine Untersuchung des Herzens."

"Was für eine Untersuchung?"

"Sie haben... sie haben etwas ins Herz geschoben. Einen Schlauch."

"Eine Herzkatheteruntersuchung?"

"Ja."

Ufer ließ die Worte im Raum stehen. Ging zurück zu seinem Tisch.

"Frau Hoffman, eine Herzkatheteruntersuchung macht man nicht zum Spaß. Die macht man, wenn ein Verdacht auf eine Erkrankung besteht. Wissen Sie, was bei dieser Untersuchung herauskam?"

"Der Arzt hat gesagt... es sei nicht so schlimm."

"Was war nicht so schlimm?"

"Die... die Verengung."

"Welche Verengung?"

"Erneute Unterdrucksetzung!", brüllte Sander. "Die Zeugin wird dazu gebracht–"

"Die Zeugin hat gerade von einer 'Verengung' gesprochen", unterbrach Ufer. "Ich frage nur nach, was sie damit meint."

Die Richterin nickte. "Bitte antworten Sie, Frau Hoffman."

"Die Adern. Die Herzkranzgefäße. Sie waren ein bisschen eng."

"Ein bisschen eng." Ufer griff nach einem anderen Dokument. "Frau Hoffman, ich zeige Ihnen jetzt den Obduktionsbericht Ihres Mannes. Darin steht: 'Hochgradige Koronarsklerose mit Stenosen bis zu 80 Prozent.' Das bedeutet, die Herzkranzgefäße Ihres Mannes waren zu 80 Prozent verengt. Das nennen Sie 'ein bisschen'?"

Marlene Hoffman begann zu zittern.

"Frau Hoffman, diese Verengung entwickelt sich nicht über Nacht. Der Gerichtsmediziner schreibt: 'langjährig bestehende Erkrankung'. Das bedeutet, Ihr Mann hatte diese Erkrankung schon 2017, als er bei Dr. Schäfer war. Und das Entscheidende: Er wusste es. Korrekt?"
"Ich... ich bin keine Ärztin."

"Das müssen Sie nicht sein." Ufer kam näher. "Hat Dr. Schäfer Ihrem Mann gesagt, dass seine Herzkranzgefäße verengt sind?"

"Ja."

"Hat er ihn behandelt?"

"Ja. Er hat Tabletten verschrieben."

"Was für Tabletten?"

"Ich... ich weiß die Namen nicht. Für das Herz."

"Für das Herz." Ufer nickte. "Wie lange hat Ihr Mann diese Tabletten genommen?"

Stille.

"Frau Hoffman, wie lange?"

"Bis er gestorben ist."

"Bis er gestorben ist." Ufer ließ eine lange Pause. "Das bedeutet, als Sie gemeinsam am Küchentisch saßen und den Versicherungsantrag ausgefüllt haben, nahm Ihr Mann täglich Medikamente wegen einer Herzerkrankung?"

"Ja."

"Und bei der Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben Sie gemeinsam 'Nein' angekreuzt?"

"Ja."

"Warum?"

Marlene Hoffman weinte jetzt. Leise. Ihre Schultern bebten.

"Frau Hoffman, warum haben Sie 'Nein' angekreuzt, obwohl Sie wussten, dass Ihr Mann krank war?"

"Unzulässig!", schrie Sander und sprang auf. "Die Zeugin wird massiv unter Druck–"

"Die Zeugin hat unter Wahrheitspflicht zunächst gelogen!", sagte Ufer laut. "Sie hat behauptet, ihr Mann war nie bei einem Spezialisten. Erst als ich ihr die Überweisung vorgehalten habe – eine Überweisung aus den Unterlagen, die sie selbst eingereicht hat –, die Sie -er wandte sich nun direkt an seinen Kollegen- vor Einreichung offenbar nicht geprüft haben, hat sie die Wahrheit zugegeben. Und jetzt frage ich: Warum?"

Die Richterin klopfte scharf. "Herr Dr. Ufer! Herr Sander! Ruhe!"

Sie wandte sich an Marlene Hoffman. "Frau Hoffman, ich muss Sie daran erinnern, dass Sie zur Wahrheit verpflichtet sind. Die Frage lautet: Warum haben Sie bei der Frage nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen 'Nein' angekreuzt, obwohl Ihr Mann in Behandlung war?"

Marlene Hoffman schluchzte. "Weil... weil Klaus gesagt hat... wenn wir das angeben, kriegen wir die Versicherung nicht."

Die Worte fielen wie Steine in einen stillen Teich.

Der Gerichtssaal war totenstill.

"Und deshalb haben Sie gelogen?"

"Ja." Ein Flüstern. "Ja."

Ufer drehte sich zur Kammer. "Hohes Gericht, die Zeugin hat zunächst behauptet, ihr Mann sei nie bei einem Facharzt gewesen. Diese Lüge konnte ich nur aufdecken, weil ich die von der Klägerin selbst eingereichten Kontoauszüge geprüft habe. Die Überweisung von 850 Euro an einen Kardiologen, zusammen mit dem Obduktionsbefund, der eine langjährige Herzerkrankung bestätigt, beweist zweifelsfrei: Der Verstorbene wusste von seiner Erkrankung. Er war in Behandlung. Er nahm täglich Medikamente. Und er hat es bewusst verschwiegen."
Er setzte sich.

Marlene Hoffman brach zusammen. Ihre Tochter eilte zu ihr, umarmte sie.
Lena Meisner starrte auf ihre Notizen. Sie hatte gerade gesehen, wie man eine Lüge durch minutiöses Aktenstudium entlarvt. Wie man einen Menschen systematisch in die Enge treibt, bis die Wahrheit keine andere Wahl hat, als ans Licht zu kommen.
Ufer starrte auf seine Hände. Seine Gedanken wanderten.

Das könnte ich sein.

Die Gedanken kamen wieder. Der Mann auf der Brücke. Das Rot im Schnee. Die offenen Augen.

Was bleibt von mir?

Ufer stand auf den Stufen vor dem Eingang zum Gericht, eine Zigarette zwischen den Fingern.
Es schneite immer noch.

"Dr. Ufer?"

Er drehte sich um. Lena Meisner stand neben ihm. Ihre Augen glänzten vor Bewunderung.

"Das war... unglaublich", sagte sie atemlos. "Diese Überweisung. Sie haben jeden einzelnen Kontoauszug durchgesehen?"
Ufer nickte.

"850 Euro. Niemand sonst hätte das bemerkt. Niemand sonst hätte die Bedeutung erkannt. Aber Sie..." Sie schüttelte den Kopf. "Sie haben sie mit ihren eigenen Unterlagen überführt. Das ist... das ist Genialität."

"Das ist Fleiß und .. Die notwendige Anspannung und der Respekt vor jedem einzelnen Fall", sagte Ufer leise.

"Nein." Lena trat näher. "Das ist mehr als Fleiß. Das ist... Sie haben gewusst, wonach Sie suchen. Sie haben die Verbindung gesehen zwischen der Überweisung und dem Obduktionsbericht. Sie haben sie Schritt für Schritt in die Falle geführt. Erst die Lüge, dann der Beweis, dann der Zusammenbruch. Das war perfekt."

Ufer drückte die Zigarette aus. "Wissen Sie, was ich gerade getan habe?"

"Sie haben gewonnen."

"Nein." Ufer sah sie an. "Ich habe ein Leben zerstört."

"Aber sie hat gelogen!"

"Ja." Ufer nickte. "Aus Angst. Aus Verzweiflung. Ihr Mann hatte Todesangst, dass seine Familie nach seinem Tod nichts hat. Also hat er gelogen. Und jetzt zahlt sie den Preis."

"Aber das Gesetz–"

"Das Gesetz ist auf meiner Seite." Ufer unterbrach sie. "Das macht es zwar richtig, aber nicht unbedingt gerechter."

Er ging zurück in den Saal.

Lena blieb stehen. Verstand nicht.

Für sie war das ein Triumph.

Das Stuhlurteil kam um 16 Uhr.

"Im Namen des Volkes", begann die Richterin. Ihre Stimme war kühl. Distanziert. "Das Gericht weist die Klage ab, Setzen Sie sich bitte"
Marlene Hoffman sank in den Stuhl, saß da wie eine Statue.

"Der Verstorbene hat bei Vertragsschluss eine gefahrerhebliche Tatsache vorsätzlich verschwiegen. Das ergibt sich zweifelsfrei aus der Beweisaufnahme. Die Zeugin hat zunächst versucht, die Behandlung beim Kardiologen zu verschweigen. Erst als ihr die Überweisung aus den selbst eingereichten Unterlagen vorgehalten wurde, hat sie die Wahrheit eingeräumt. Der Obduktionsbericht bestätigt eine langjährige, schwere Herzerkrankung. Die Beklagte war berechtigt, den Versicherungsvertrag anzufechten. Die Kosten des Verfahrens trägt die Klägerin. Die ausführliche Begründung erhalten Sie wie üblich mit dem schriftlichen Urteil."

Das Urteil war gesprochen.

Ufer packte seine Akten zusammen. Methodisch. Sorgfältig.

Lena Meisner strahlte. "Glückwunsch, Dr. Ufer. Das war sehr inspirierend.”

Ufer nickte. Sagte nichts.

Er verließ den Saal. Im Flur stand Marlene Hoffman, gestützt von ihrer Tochter.

Als Ufer an ihr vorbeiging, hob sie den Kopf.

"Sie haben jede Seite gelesen", flüsterte sie. "Hunderte von Seiten. Nur um... um das zu finden."

Ufer blieb stehen.

"Es tut mir leid", sagte er.

Ufer ging weiter. Die Treppe hinunter. Durch die Eingangshalle. Hinaus in die Kälte.
Der Schnee fiel immer noch.
Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von der Versicherung Außerordentliche Leistung, Dr. Ufer. Die Analyse der Kontoauszüge war brillant. Bonus: 50.000 €.
Fünfzigtausend Euro..
Ufer starrte auf die Nachricht. Dann dachte er an den Mann auf der Brücke. An die offenen Augen. An das Rot im Schnee.
An die Frage, die ihn nicht losließ: Was bleibt von mir?
Er löschte die Nachricht.
Dann ging er in die Kälte hinaus.
Allein.
 
Zuletzt bearbeitet:

Anders Tell

Mitglied
Lieber Dionysius,
mit der Fortsetzung bin ich sehr einverstanden. Vor allem gefällt mir, dass das Ende über die Selbstreflektion nicht hinausgeht. Ich bin ein Fan Deiner Texte und konnte zunächst nicht glauben, dass der Anfang die ganze Geschichte sein sollte.
Anders
 
Hallo

erst einmal ein frohes neues Jahr in die Runde der literarisch aktiven KollegInnen. Ich wünsche allen Luperianern Gesundheit, viel Schaffenskraft und immer das nötige bisschen Glück für 2026.

Kurz zum Projekt und was noch kommen wird:

"Der Fall" wird eine Erzählung von ca. 70k Wortlänge werden. Es geht neben meinen üblichen Themen: Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Sinnfindung und Spiritualität mir hier vor allem darum, das Thema der sexuellen Abhängigkeit möglichst präzise auszuleuchten und zu entwickeln. Wege hinein und hinaus zu erforschen und Grenzerfahrungen anzuknüpfen an die ganz großen Themen, die uns alle betreffen. Dabei kann es schon mal etwas detaillierter werden. Das will ich nur schonmal voranstellen.

Auch mag mir das am Ende vielleicht nicht gut gelingen. Dann bitte iich um Nachsicht. Auch ist das hier kein ambitioniertes Verlagsprojekt, sondern ein "ins Regal stellen in den Workshop des Forums". Das soll keine Entschuldigung für Schludrigkeit sein. Ich gebe mir natürlich Mühe, das Projekt handwerklich gut abzuliefern.

@marcm200

danke dir für dein Feedback. Man merkt sofort den sorgfältigen Vielleser. Es freu tmich, dass Du den Text kommentiert hast und mit einigen Dingen, vor allem den Wiedrholungen, hast du auch Recht. Ich wollte bezüglich der Marken, Namen und Preise natürlich eine möglichst schnelle Anbindung an die Welt des Luxus und hier auch eine gewisse emotionale Reaktion hervorrufen. Das ist vermutlich etwas zu viel des Guten gewesen. Die handwerklichen Mängel habe ich auf deinen Hinweis im Originaltext schon korrigiert. Hier -unter Kollegen und Gleichgesinnten- lasse ich es in der "Arbeitsatmosphäre" so stehen. Die geneigte Leserin möge es verzeihen.

Bezüglich des Stakkato-Stils führst du Möglichkeiten und Grenzen aus und erlaubst dem Text am Ende doch die Rechtfertigung für diese Art des Schreibens. Das empfinde ich auch so. Ich möchte den ganzen Text ein bisschen im Stil des "film noir" halten. Ich finde, da passt es gut hin. Es nimmt die LeserIn gut mit.

Bezüglich der Bewußtwerdung möchte ich widersrpechen: Ich glaube, dass gerade so existentielle Dinge nachwirken, in uns arbeiten, bevor sie bewußt werden. Man könnte sogar darüber streiten, ob es nicht zu schnell bewußt geworden ist. Diese Frage auszusprechen und zu fühlen: "Wieviel Zeit bleibt" - das sind ja nochmal ganz verschiedene Welten.

@Anders Tell

danke für deine ungefilterte Rückmeldung zum ersten Teil. Ich hätte deutlicher machen sollen, dass es ein längerer Text wird. Ich dachte aufgrund der Kategorie (Erzählung) und Benennung als Teil 1 wäre das deutlich geworden aber ich gebe zu, das wurde nicht ganz klar. "Erkenntnis und Läuterung" - gefällt mir! Es wäre schön, wenn am Ende eine organische Entwicklung dahin stattfinden würde.

merci

mes compliments

Dio
 

Codecdiva

Mitglied
Diese Besprechung ist für den ersten Teil, lieber Dionysos...

Nicht schlecht, Dear Dionysos, aber gut auch nicht. Ich habe mehrere Beanstandungen zum ersten Absatz.

"Der Schnee fiel lautlos auf die Severinsbrücke."
Der erste Satz ist irgendwie ein Autschie. Klar fällt Schnee lautlos. Mit Schnee kann man viel mehr machen, wie dir jeder Eskimoschriftsteller bestätigen wird. Besonders, wenn man im heimeligen Taxi sitzt. Bist du schon mal Taxi gefahren, während es geschneit hat? Erinnere dich...
"Ruhig schneiten erste Flocken auf die Brücke. Ruhig war es auch im Taxi, und gemütlich. Bis Katharinas Mail eintraf." So irgendwie.

"OP-Besprechung mit Prof. Mehring. Iss ohne mich."
Sehr okay, diese Nachricht, obwohl mein Stil wäre diese Kürze auch nicht. (Wurde als Kind auf der Datenerfassungsgaleere nach Anschlägen bezahlt. Merkt man heute noch. :) )

"Keine Grußformel. Kein Emoji."
Sehr brav. Nicht gerade üblich bei Damen. Ich als Leser darf urteilen über Figuren.

"Sie schickten sich Nachrichten wie Geschäftspartner, die eine Firmenübernahme abwickelten."
Das ist am wirklichen Leben vorbei. Ich sehe, was du hier tun wolltest. Auf einmal sind wir in der Welt von Big Business, aber Verfasser war es selbst nie, würde ich sagen. Firmenübernahmen gehen nicht mit "50 Mios überwiesen. Besteige jetzt Monika, dann Privatjet." Tut mir leid. Außerdem wäre "Sie schickten EINANDER Nachrichten" germanischer.

"Mitte Fünfzig. Dreiundzwanzig Jahre davon verheiratet. Partner bei BPS einer der größten Versicherungskanzleien westlich des Rheins. Villa in Marienburg mit Blick auf den alten Baumbestand. Ein Leben wie aus einem Werbespot."
Was soll das? Ist das seine erlebte Rede in diesem Moment? Nicht sehr glaubwürdig, dass es das ist. Bin auch Mitte Fünfzig. Ich sitze vor meinem Computer und hämmere in eine Model M-Tastatur, aber ich denke mir nicht gerade "Mitte Fünfzig. Nie verheiratet. Schläft im Gewand. Arbeitet auf Baustelle in Bergen."

Was du hier lieferst, ist ein Leselupe.de-Profil als Hörbuch im Off. Wirkt verreiht. Vielleicht ist es ja fürs Erste egal, wer oder wie Dr. Frederic Ufer ist.

"Und diese Leere." Was ist mit der Mail? Ist ihm egal? Mich würde weniger die Laus interessieren, die Dr Ufer möglicherweise chronisch über die Leber läuft, sondern was er vorhat.

Der nächste Absatz ist VIEL besser.

"Das Taxi bewegte sich im Schritttempo [genau; ttt; so schreibt man das jetzt leider] über die Brücke. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Ufer hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, wieso entgegen der Würdigung des Landgerichts kein Anspruch auf die Versicherungsleistung bestand. Er würde gewinnen. Er gewann immer."

Warum hälst du dich und mich mit dem Leselupe.de-Profilhörbuch auf, wenn ich fragen darf? Der Schnee im ersten Satz soll ein Stimmungsbild liefern, aber man weiß nicht einmal, ob Tag oder Nacht ist, bevor sich Dr Ufer vollkommen unmotiviert auf seine Biografie besinnt, noch dazu eine, die ihn mehr zum Popanz macht. Wenigstens für mich. Daher hier ein Serviervorschlag für deine Eröffnung:

"Ruhig schneiten erste Flocken auf die Brücke, auf der das Taxi im Stau steckte. Der Rhein darunter war schwarz, nur die Lichter der Altstadt spiegelten sich auf der Oberfläche wie ertrinkendes Gold. Ufer hatte heute vier Stunden in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts verbracht und argumentiert, wieso entgegen der Würdigung des Landgerichts kein Anspruch auf die Versicherungsleistung bestand. Er würde gewinnen. Er gewann immer."

Ist doch was. Wir sind nächtens oder abends im Taxi, starren sinnend beim Fenster hinaus, weil eh nichts weitergeht, sind passenderweise unterwegs vom Prozess und beruhigen uns damit, Siegen gewohnt zu sein. "Ertrinkendes Gold" halte ich für misslungen, ein Rohrkrepierer von literarischem Anspruch, aber bitte sehr. Ich empfehle, sich etwas besseres einfallen zu lassen oder ganz weg damit. Beeindruckt niemanden, würde ich sagen.

Jetzt geht es dahin. Du bist ein VIEL besserer Schriftsteller als nach dem ersten Absatz ersichtlich wurde. Der erste Absatz übermittelt einen falschen Eindruck von dir. Hier kommt:

"Sein Spiegelbild im Fenster zeigte einen Mann in einem Anzug von Kiton – achttausend Euro, handgenäht in Neapel. Die Krawatte von Hermès, Manschettenknöpfe Cartier. Alles stimmte. Alles saß. Und trotzdem fühlte er sich an wie eine leere Hülle."

PRIMA. Ein Reichschwein von einem Anwalt. Wegen des Staus hat er Zeit für Reflexion. Spiegelbild = Reflexion. Wie ich höre, ist die literarische Behandlung des Spiegelbildes abgedroschen, aber erstens mache ich das auch so und zweitens geht es bei dir mehr um die Reflexion im übertragenen Sinn. (Das ist etwas anderes als Reflexion im konkreten Sinn, um die Figur durch ihre Anmutung, darunter Outfit, zu charakterisieren.)

"'Stau', murmelte der Taxifahrer.
Ufer sah auf. Vorne, wo die Brücke in die Südstadt mündete, blinkten blaue Lichter. Polizei. Krankenwagen. Der Verkehr stand.
'Wie lange wird das dauern?'"

Verdammt und herzliches Beileid. Was wir jetzt nicht haben, ist Katharinas Mail. Das Tolle bei Mails ist: Sie können jederzeit eintreffen, um erlebte Rede, sogar Dialoge! zu unterbrechen, sogar mitten im SATZ der Handlung eine neue Wendung geben! Ideal für Schriftsteller! Was ist mit Katharinas Nachricht?

An dieser Stelle eine Aufmunterung, um die Kritik von den anderen Teilnehmern im Garn zu entschärfen. Ich verstehe nicht, wie einem Autor wie dir der erste Absatz passieren konnte, aber das ist fürs Erste fast alles. Die nächsten Absätze sind passabel konstruiert, besser als das meiste, das mir als Anfänger gelingt. Weiß nicht, wie viel du schon hinter dir hast literarisch, aber eine passable Konstruktion, die passabel geschrieben ist (nochmal: Küble den ersten Absatz und schreib den Satz mit den Schneeflocken neu), braucht nicht originell zu sein oder Erfindungshöhe zu haben.

Marcm200 würde ich ernst nehmen, auch wenn ich seine Einwände nicht nachgeprüft habe.

Den geschätzten Anders Tell in geschätzter Weise einstweilen ignorieren, vielleicht bedanken für sein Feedback. Vorrausgesetzt, du bist Anfänger und willst noch nicht einen Bestseller schreiben oder einen Literaturpreis gewinnen.

"Ein stereotype Darstellung, ohne Erkenntnis oder Läuterung."

Das ist richtig, aber meine erste Fräsarbeit in der Werkstatt war ein Spielwürfel aus Aluminium, auf Drittelmillimeter genau. Und genau, was die Welt noch gebraucht hat. Anders gesagt: Stereotype Darstellung ohne Erkenntnis oder Läuterung ist überhaupt nicht genant, für jemanden, der zur eigenen Belehrung schreibt.

"Es mag auch ein armer Mensch die Sinnlosigkeit seines Daseins erkennen."

Der eine früher, der andere später. Aber Reichschweine bringen Glamor und Flair in so eine Geschichte. Weibliches Fotomodell wäre noch besser gewesen, aber eine Frauenfigur ist schwierig zu schreiben für einen Mann.

"Alles bleibt in der Spekulation stecken. Das sind keine Bekenntnisse, sondern Zuschreibungen. So etwas könnte in einem Magazin stehen, in welchem die Besitzlosen über den Lebensstil der Reichen und Berühmten informiert werden."

Dionysos könnte Propaganda als Beruf anstreben. Schlumpfi zu hypnotisieren für Geld, damit sie sich nicht erheben. Ich wäre sofort dabei. (Bin sicher käuflich, weiß jedoch nichts darüber, weil es noch niemand versucht hat.)

"Das ist verbaler Schund."

Leider noch am Massenmarkt vorbei, aber man muss ja nicht gleich mit Beast Romance anfangen.

Alle Angaben ohne Gewähr, weil ich niemandes Zielgruppe bin und mich noch plage mit Literatur. Ich finde alles passabel außer den ersten Absatz.
 
Teil 3 "die Begegnung"

KAPITEL DREI

Die Skybar des 25hours Hotel lag im zwölften Stock, und Sander saß an der Bar und trank eine Bloody Mary und fragte sich, wann genau er zu einem Mann geworden war, der drei-, viermal die Woche allein in einer Hotelbar saß.

Es gab eine Antwort auf diese Frage, natürlich gab es die, es gab immer eine Antwort, man musste nur bereit sein, sie zu hören, und Sander war nicht bereit, er war nie bereit, er trank lieber und sah aus dem Fenster, durch die bodentiefen Scheiben, auf den Dom und die Lichter der Altstadt und den Rhein, der im Schneetreiben lag wie ein schwarzes Tier, und dachte: Das ist mein Leben. Das hier. Ein Mann auf einem Barhocker. Allein. Fünfundfünfzig. Mit einer Bloody Mary, die besser schmeckt als alles, was zu Hause auf ihn wartet.

Der Barkeeper — ein junger Mann mit Undercut und einem Bart, der aussah, als hätte ein Komitee über seine Form abgestimmt — hatte ihn erkannt. Man erkannte Dr. Sander hier. Er kam regelmäßig. Immer allein. Immer zwei, drei Drinks. Nie mehr. Die Selbstdisziplin eines Mannes, der wusste, dass drei Drinks Einsamkeit waren und vier Drinks ein Problem, und der sich einredete, dieser Unterschied mache ihn überlegen, als sei die kontrollierte Selbstzerstörung eine Tugend und nicht einfach nur eine langsamere Form des Zusammenbruchs.

„Das Übliche, Dr. Sander?"

„Ja."

Er sah zu, wie der Junge den Wodka abmaß, den Tomatensaft, die Worcestershire-Sauce, den Tabasco. Die Bloody Mary war perfekt hier. Nicht zu scharf, nicht zu mild. Genau richtig. Anders als alles andere in seinem Leben, das entweder zu viel war oder zu wenig oder einfach nur falsch.
Auf dem Handy eine Nachricht an Katharina, vor zwei Stunden geschickt: Verhandlung vorbei. Bin noch unterwegs. Komme später. Zwei graue Haken. Gelesen. Ignoriert. Sie hatte nicht einmal ein Ok zurückgeschickt, nicht einmal das, nicht einmal dieses eine, armselige, nichtssagende Wort, das unter Eheleuten das absolute Minimum menschlicher Kommunikation darstellte, das Äquivalent eines Lebenszeichens, ein Signal, das besagte: Ich existiere noch, du existierst noch, wir sind noch nicht tot, obwohl — und das war der Witz, der kein Witz war — obwohl sie natürlich tot waren, längst, beide, nur dass niemand die Höflichkeit hatte, ihnen die Plane überzuziehen.

Sander trank. Der Geschmack war scharf, salzig, komplex. Er schmeckte nach etwas. Nicht wie der Wein zu Hause, der nach nichts schmeckte, nach dreiundzwanzig Jahren und Fußbodenheizung und Rothko und Stille. Hier schmeckte er. Hier, auf diesem Barhocker, im zwölften Stock, über einer Stadt, die langsam im Schnee versank, hier war er ein Mensch, der etwas schmeckte, und das war erbärmlich, natürlich war es das, ein Mann, der eine Hotelbar brauchte, um sich lebendig zu fühlen, ein Mann, der —

Sander starrte in sein Glas. Das Rot.

Das Rot erinnerte ihn an etwas.

An das Rot auf der Brücke. An das Rot im Schnee. An den Kreis, der sich ausbreitete, langsam, unaufhaltsam.
Und plötzlich — ohne Vorwarnung, ohne dass er es kontrollieren konnte, als hätte jemand in seinem Kopf eine Tür aufgestoßen, die seit Jahrzehnten verschlossen war — war er wieder acht Jahre alt.

****​

Lech am Arlberg. Weihnachten.
Sein Vater hatte eine Suite im Kristiania gebucht, weil sein Vater immer alles buchte, was teuer war und gut aussah und den Eindruck erweckte, dass die Sanders dazugehörten, zu diesen Familien, die Weihnachten in Lech verbrachten, als wäre das normal, als würden nicht neunundneunzig Prozent der Menschheit Weihnachten in Wohnzimmern verbringen, die kleiner waren als die Lobby dieses Hotels, in der ein Kaminfeuer brannte und Menschen in Moncler-Jacken dieses Lachen lachten, das klang wie Champagner in Kristallgläsern — dieses Lachen der Reichen, das Sander auch mit acht bereits erkannt hatte, dieses Lachen, das sagte: Wir können es uns leisten, glücklich zu sein.

Der dritte Tag. Blauer Himmel. Sein Vater war vorausgefahren — er fuhr immer voraus, schnell, elegant, als verschmelze er mit dem Berg, als sei Skifahren keine Sportart, sondern eine Eigenschaft, die man erbte wie Geld oder Haarfarbe. Sander hatte versucht, ihm zu folgen. Acht Jahre alt, kurze Beine, zu große Skier, und dieses Gefühl, das ihn sein ganzes Leben begleiten würde, dieses Gefühl, einem Mann hinterherzufahren, den man nie einholen konnte, egal wie schnell man fuhr, egal wie sehr man sich anstrengte.

Und dann die Kurve. Ein anderer Skifahrer, von rechts, zu schnell. Sander wich aus. Zu weit. Zu plötzlich. Die präparierte Piste verschwand unter seinen Skiern, und da war Tiefschnee, und der Tiefschnee nahm ihn, zog ihn hinein, und die Skier kreuzten sich, und seine Beine verdrehten sich, und er fiel, kopfüber, und der Schnee verschluckte ihn.

Das Erste, was verschwand, war das Licht. Der blaue Himmel wurde weiß, dann grau, wurde zu nichts. Und der Schnee — der Schnee war nicht wie in den Filmen, nicht weich und flauschig, nicht dieses Zeug, in das sich Kinder in Weihnachtsfilmen lachend fallen ließen. Dieser Schnee war dicht und schwer und kalt und er drückte von allen Seiten, füllte seinen Mund, seine Nase, seine Augen, und Sander — der kleine Frederic, acht Jahre alt, dünne Arme, dünne Beine, das Gesicht seines Vaters in Miniatur — versuchte sich zu bewegen und konnte nicht, versuchte die Arme zu finden und konnte nicht, versuchte zu schreien und der Schnee verschluckte den Schrei, als hätte er ihn nie gegeben.

Keine Luft. Nur Schnee. Kalt und schwer und drückend.

Er kämpfte. Trat mit den Beinen — nichts. Die Skier hielten ihn fest wie ein Anker. Er versuchte die Arme zu bewegen — nichts. Der Schnee gab nicht nach. Er war wie Beton.

Und dann kam die Panik. Nicht die Angst, die man kannte, wenn man eine Klassenarbeit verhaute oder vom Lehrer ausgeschimpft wurde. Das hier war etwas anderes. Das hier war das Tier — dasselbe Tier, das er fünfundvierzig Jahre später in einer Gerichtsverhandlung wiedererkennen würde, dasselbe alte, dumme, unkontrollierbare Tier, nur dass es damals nicht sabberte, sondern schrie, lautlos, in den Schnee hinein.
Ich sterbe.
Seine Lungen brannten. Er brauchte Luft. Jetzt. Sofort. Aber es gab keine Luft. Er versuchte zu atmen und inhalierte Schnee, und es fühlte sich an, als stieße jemand Nadeln in seine Lunge, und er hustete, und der Husten ging nirgendwohin, und der Schnee war überall, in ihm, um ihn, er war der Schnee, er war Teil davon geworden, und die Welt verengte sich, die Ränder seiner Wahrnehmung wurden dunkel, und seine Arme wurden schwer, und seine Beine hörten auf zu kämpfen, und er dachte — klar, erschreckend klar, klarer als alles, was er in den nächsten fünfundvierzig Jahren denken würde:
So fühlt es sich also an.
Sterben. Es war nicht dramatisch. Nicht schmerzhaft. Es war nur Stille. Die Welt verschwand. Und er mit ihr.
Und dann — Hände. Starke Hände, die ihn packten, die ihn hochrissen, die ihn aus der Dunkelheit zerrten zurück ins Licht, und der erste Atemzug brannte so sehr, dass er schrie, und die Luft war das Schönste, was er je gefühlt hatte, und sein Vater hielt ihn, sein Vater, der immer vorausfuhr, der unerreichbare Mann auf dem Berg, hielt seinen Sohn und sagte: Ich hab dich, alles gut, ich hab dich, und sein Gesicht war rot vor Anstrengung und weiß vor Angst, und es war das einzige Mal, dass Sander seinen Vater ängstlich gesehen hatte, das einzige Mal in siebzig Jahren, bis der Herzinfarkt kam und die Zeitung auf dem Schoß und die Brille auf der Nase und der Kaffee, der noch warm war.
Zwei Tage hatte der Junge nicht gesprochen. Saß auf dem Bett in der Suite und starrte auf den Schnee draußen. Seine Mutter sagte, er stehe unter Schock. Sein Vater sagte, so etwas passiere eben beim Skifahren. Niemand fragte, woran er dachte. Und woran er dachte, war: Wie es sich anfühlt zu sterben. Wie die Welt sich auflöst. Wie alles einfach aufhört. Und er dachte: Es war nicht schlimm. Das ist das Schlimme. Es war nicht schlimm.
Er hatte das siebenundvierzig Jahre lang mit sich herumgetragen. Wie eine Münze in der Hosentasche, die man manchmal herausholte und betrachtete und wieder wegsteckte. Die Erkenntnis, dass Sterben einfach war. Dass Sterben nur Stille war. Dass das Schwierige nicht das Sterben war, sondern das, was davor kam — das Leben. Das endlose, erschöpfende, banale Leben, in dem man Versicherungsanwalt wurde und eine Psychiaterin heiratete und eine Villa kaufte und Bloody Marys trank und sich fragte, warum einen das alles so kaltließ.
Sander trank sein Glas leer. Bestellte ein zweites.
Draußen fiel der Schnee dichter. Weiß auf Schwarz. Wie damals.


****
„Entschuldigen Sie."

Die Stimme war leise. Fast ein Flüstern. Aber sie durchschnitt die Luft wie etwas, das schärfer war als höflich.

Sander drehte sich um.

Eine Frau. Nicht neben seinem Barhocker — näher. So nah, dass er ihr Parfum riechen konnte, etwas Dunkles, Schweres, Tuberose vielleicht oder Amber, das Parfum einer Frau, die wusste, dass Parfum eine Waffe war, und die diese Waffe mit einer Selbstverständlichkeit trug, die Sander sofort alarmierte und sofort erregte, und er hasste sich für beides, für den Alarm und für die Erregung, weil beides dasselbe war, weil sein Körper nicht zwischen Gefahr und Begehren unterscheiden konnte, weil — und das wusste er, mit fünfundfünfzig wusste man das, mit fünfundfünfzig hatte man genug Fehler gemacht, um die Anatomie des eigenen Versagens zu kennen — weil Gefahr und Begehren für Männer wie ihn dasselbe waren.

Sie war Ende dreißig, vielleicht Anfang vierzig. Schwarze Haare, die in weichen Wellen über ihre Schultern fielen. Haut wie Porzellan — nicht kränklich, sondern so, als hätte sie beschlossen, dass Sonnenlicht etwas für geringere Menschen war. Augen so dunkel, dass man die Pupillen nicht von der Iris unterscheiden konnte, als hätte jemand ein Loch in ihr Gesicht geschnitten und dahinter war nichts als Schwärze. Und ihr Mund — zu voll, zu rot, auch ohne Lippenstift — hatte etwas, das Sander nur mit einem Wort beschreiben konnte, das er sofort unterdrückte und das trotzdem da war, unter dem Schädeldach, pochend.

Sie trug ein schwarzes Kleid, Seide, die sich an ihren Körper schmiegte, und der Ausschnitt war genau so tief, dass er nicht hätte hinsehen müssen und trotzdem hinsah, und er dachte: Natürlich. Natürlich siehst du hin. Du bist ein Klischee, du bist das Klischee aller Klischees, der alternde Mann auf dem Barhocker, dem eine Frau das Parfum unter die Nase hält, und du reagierst wie Pawlows Hund auf die Glocke, speichelnd, gehorsam, erbärmlich. Und dann sah er an ihrem Handgelenk eine Uhr und erkannte sie — Patek Philippe Calatrava, Roségold — und er registrierte, dass sie am Ringfinger nichts trug, und er registrierte, dass er es registrierte, und das Tier in ihm hob den Kopf und witterte.

Aber Sander war Anwalt. Sander las Menschen wie er Kontoauszüge las — Zeile für Zeile, Buchung für Buchung. Und irgendetwas an dieser Frau stimmte nicht. Irgendetwas war zu perfekt, zu choreographiert, zu genau. Die Nähe, die nicht zufällig war. Das Parfum, das nicht zufällig war. Der Zeitpunkt, der nicht zufällig war. Sie war kein Zufall. Sie war ein Auftritt. Und Sander wusste genug über Auftritte — er inszenierte selbst welche, jeden Tag, im Gerichtssaal, das Jackett-Zuknöpfen, die Leichenhausstimme, die freundliche Frage vor dem tödlichen Beweis — um einen zu erkennen, wenn er vor ihm stand.
Und trotzdem. Das Tier. Das verdammte Tier.

„Dr. Sander?", sagte sie.

Ihre Stimme war tief, heiser, als hätte sie gerade geraucht oder geweint oder etwas anderes getan, das die Stimmbänder strapazierte, und es war die Art Stimme, die man nicht nur hörte, sondern in der Brust spürte, wie einen Bass, der zu tief war für die Ohren.
Sander nickte.

Sie lächelte. Aber es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln von jemandem, der das Ergebnis kannte, bevor die Verhandlung begann. Er kannte dieses Lächeln. Er trug es selbst. Jeden Tag.

„Ihre Sekretärin hat mir gesagt, ich finde Sie hier." Sie setzte sich auf den Barhocker neben ihm. Nicht höflich. Nicht bittend. Sie nahm den Platz ein, als stünde er ihr zu, und Sander dachte: So mache ich das auch. So betrete ich Gerichtssäle. Als gehörte mir der Raum. Und er dachte: Wer bist du?
Der Barkeeper kam. Sie sah ihn nicht an.

„Wodka Martini. Ketel One. Sehr trocken. Sehr kalt. Keine Olive. Eine Zitronenzeste. Abgeflammt."

Eine Frau, die ihren Drink kannte. Die ihn nicht bestellte, sondern anordnete. Die den Barkeeper nicht ansah, weil der Barkeeper keine Rolle spielte, weil in diesem Moment, auf diesen zwei Barhockern, nur zwei Menschen existierten, und einer davon war sie, und der andere war Sander, und Sander spürte — gegen seinen Willen, gegen seinen Verstand, gegen alles, was er über Manipulation wusste und über Frauen und über sich selbst — wie sich etwas in ihm verschob. Wie der Riss, der seit der Brücke durch ihn hindurchging, sich ein wenig weiter öffnete.

„Sie erinnern sich nicht an mich", sagte sie. Keine Frage. Feststellung.

„Sollte ich?"

„Universität zu Köln. Lehrstuhl Zivilrecht, Professor Lieb. Sie waren wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ich war in Ihren Tutorien." Sie legte den Kopf schräg. Eine Strähne fiel über ihr Gesicht, und Sander wusste — er wusste es, mit der Gewissheit eines Mannes, der sein ganzes Berufsleben damit verbracht hatte, Gesten zu lesen und Lügen zu erkennen — er wusste, dass auch diese Strähne kein Zufall war, dass sie geübt war, einstudiert, wie alles an dieser Frau einstudiert war, und trotzdem funktionierte sie, die Strähne, sie funktionierte, wie alles funktionierte, was diese Frau tat. „Versicherungsrecht. Wintersemester."

Sander blinzelte. Das war Jahre her. Ein anderes Leben. Er hatte damals an seiner Dissertation gearbeitet, nebenbei Tutorien gegeben, zu viele Studenten, Gesichter, die verschwammen.

Aber diese Augen.

„Claire", sagte er. „Claire Stein."

„Von Brandt", korrigierte sie. Ihr Lächeln wurde breiter. „Inzwischen. Aber ja."

Der Martini kam. Sie nahm ihn, ohne den Barkeeper anzusehen. Ihre Finger waren lang, blass, makellos, und an ihrem linken Handgelenk, unter der Uhr, sah Sander etwas — eine feine, weiße Narbe, wie von einem Schnitt oder von mehreren Schnitten, und er registrierte es und sagte nichts, weil Sander nie etwas sagte über die Dinge, die er sah, weil das Sehen und das Schweigen seine beiden größten Talente waren, gleich nach dem Gewinnen.
Sie trank. Langsam. Ihre Lippen umschlossen das Glas, und Sander konnte nicht wegsehen, und er hasste sich dafür, und das Hassen änderte nichts.

„Sie erinnern sich also", sagte sie.

„Vage", log er.

Er erinnerte sich genau. Claire Stein. Immer letzte Reihe. Sagte nie etwas, aber ihre Klausuren waren brillant — nicht die unauffällige Brillanz der Fleißigen, sondern die beunruhigende Brillanz der Leute, die verstanden hatten, dass Recht nichts mit Gerechtigkeit zu tun hatte und alles mit Sprache, mit Konstruktion, mit der Fähigkeit, aus Worten Waffen zu machen. Und da war dieser eine Abend gewesen, nach einer Sprechstunde, spät, die Bibliothek fast leer, und sie war geblieben. Hatte nach seiner Dissertation gefragt. Über vorvertragliche Anzeigepflichten. Hatte Fragen gestellt, die zu klug waren, zu persönlich, Fragen, die die Oberfläche durchbrachen und auf etwas zielten, das darunter lag.

Sie schreiben über Lügen, hatte sie gesagt. Über Menschen, die lügen, um zu überleben. Das muss einsam machen.

Und er hatte geantwortet — warum, wusste er bis heute nicht, warum ausgerechnet ihr, warum ausgerechnet damals, warum ausgerechnet diese Worte:
Ja. Das macht es.

Und sie hatte ihn angesehen. Mit diesen Augen. Und er hatte ihr von Lech erzählt, vom Schnee, vom Ersticken, und sie hatte ihm von ihrem Unfall erzählt, und sie hatten bis Mitternacht geredet, und dann war sie gegangen, und er hatte sie nie wiedergesehen.

Das war — wie viele Jahre her? Fünfundzwanzig? Dreißig? Er konnte sich an das Gesicht jedes Richters erinnern, vor dem er je verhandelt hatte, an jede Aktennummer, an jede Verfahrensnummer, aber er konnte nicht sagen, ob es fünfundzwanzig oder dreißig Jahre waren, seit er mit einer Studentin bis Mitternacht in einer leeren Bibliothek gesessen und ihr von Lech erzählt hatte, und was sagte das über ihn, was sagte das über sein Verhältnis zu den Dingen, die zählten, und den Dingen, die nicht zählten?

Nichts Gutes.

„Ich habe Sie gesucht", sagte Claire. „Nach dem Studium. Aber Sie waren verschwunden. Promotion, Kanzlei, Ehe."

„Woher wissen Sie das?"

„Ich beobachte Menschen." Sie lächelte. „Besonders Menschen, die mich interessieren."

Sander spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog. Nicht unangenehm. Aber gefährlich. Und der Anwalt in ihm — der Teil, der nicht sabbernd auf dem Barhocker saß, sondern nüchtern im Hinterzimmer seines Schädels und Akten las — der Anwalt sagte: Vorsicht. Sie sagt, sie habe dich gesucht. Sie sagt, sie beobachte dich. Sie taucht auf, ausgerechnet heute, ausgerechnet hier, ausgerechnet nach der Verhandlung. Das ist kein Zufall. Das ist eine Inszenierung. Du weißt das. Du erkennst das. Die Frage ist: Ist dir das egal?

„Was wollen Sie?", fragte er.

Claire stellte ihr Glas ab. Drehte es langsam zwischen den Fingern. Der Duft der abgeflammten Zitronenzeste hing in der Luft.

„Mein Mann ist gestorben." Keine Emotion in der Stimme. Als spräche sie über das Wetter. Und Sander, der sein Leben damit verbracht hatte, Menschen zuzuhören, die über den Tod sprachen — über Tod als Versicherungsfall, als Schadensregulierung, als Posten in einer Tabelle —, Sander hörte in diesem Satz etwas, das er nicht einordnen konnte. Nicht Trauer. Nicht Erleichterung. Etwas dazwischen. Etwas, das keinen Namen hatte.

„Graf Maximilian von Brandt. Kennen Sie den Namen?"

Sander nickte. Alte Familie. Altes Geld. Schloss in der Eifel, Stadtvilla in Düsseldorf, Sitze in Aufsichtsräten, die Art von Reichtum, der so alt war, dass er nicht mehr nach Geld roch, sondern nach Moos und Stein und Jahrhunderten.

„Er hatte eine Lebensversicherung", sagte Claire. „Zwölf Millionen Euro."

Zwölf Millionen. Sander pfiff leise, und er tat es nicht, weil er beeindruckt war — er hatte in seiner Karriere mit größeren Summen gearbeitet —, sondern weil man bei zwölf Millionen pfiff, weil das Pfeifen eine angemessene Reaktion war und weil alles bei ihm angemessene Reaktion war, alles Performance, alles Rolle, selbst das Pfeifen.

„Die Versicherung zahlt nicht." Claire sah ihn direkt an. „Sie behaupten, es war Suizid."

„War es Suizid?"

Claire lächelte. Aber es war kein echtes Lächeln. Es war etwas Dunkleres, etwas, das Sander hätte einordnen können, wenn er nicht gleichzeitig damit beschäftigt gewesen wäre, ihr Gesicht anzustarren und sich dafür zu verachten und ihr Parfum einzuatmen und sich dafür zu verachten und sich zu fragen, wie sich ihre Haut anfühlte, und sich dafür zu verachten.

„Was denken Sie?", fragte sie.

Sein Anwaltsinstinkt meldete sich. Laut. Warnend. Minenfeld. Nicht hineingehen. Geh nicht hinein, Frederic, du weißt, wie das endet, du weißt genau, wie das endet, du hast dein ganzes Berufsleben damit verbracht, die Minen zu legen, die andere in die Luft sprengten, und jetzt stehst du selbst vor einem Feld, und das Tier in dir sagt: Lauf, und der Verstand sagt: Bleib stehen, und du wirst auf das Tier hören, weil du immer auf das Tier hörst, weil der Verstand nur die Illusion ist, die das Tier sich leistet, um sich zivilisiert zu fühlen.

„Ich denke", sagte er langsam, „die Versicherung muss es beweisen. Nicht Sie."

„Genau." Sie beugte sich näher. Das Parfum wurde stärker. „Deshalb brauche ich Sie. Den besten Versicherungsrechtler in Köln. Den Mann, der heute Marlene Hoffman zerstört hat."

Sander erstarrte. „Woher —"

„Ich war da", sagte Claire. „Im Publikum. Ich wollte Sie sehen. Bevor ich Sie frage."

Sie hatte ihn beobachtet. Sie hatte im Gerichtssaal gesessen und zugesehen, wie er eine Witwe zerlegte, Stück für Stück, und sie hatte es gesehen — nicht den Sieg, nicht die Technik, sondern das, was dahinter lag, die Kälte, die Präzision, die Fähigkeit, einen Menschen zu zerstören und dabei eine Stimme zu benutzen, die klang wie Mitgefühl. Und sie war hergekommen. Sie hatte seine Sekretärin angerufen und nach ihm gefragt und sich in diese Bar gesetzt und gewartet, und Sander dachte: Entweder ist diese Frau die gefährlichste Person, die ich je getroffen habe. Oder die einzige ehrliche. Oder beides. Wahrscheinlich beides.

„Und?"

„Sie waren brillant." Ihre Augen glitzerten. „Sie haben sie zerlegt. Schritt für Schritt. Gnadenlos. Das war —" Sie suchte nach dem Wort, und Sander wusste, dass sie nicht suchte, dass sie das Wort längst hatte und dass das Suchen Teil der Inszenierung war, und er wartete trotzdem, weil er wissen wollte, welches Wort sie wählen würde. „Das war erotisch."

Es gab Worte, die man hören konnte und die nichts auslösten. Und es gab Worte, die wie Haken waren, die sich in das Fleisch bohrten und nicht mehr losließen, und erotisch war so ein Wort, gesprochen von dieser Stimme, in dieser Bar, an diesem Abend, nach diesem Tag, an dem er einen Mann auf einer Brücke hatte sterben sehen und eine Witwe um eine halbe Million gebracht und auf die Schlüsselbeine einer Referendarin gestarrt hatte — erotisch, sagte diese Frau, und meinte damit: Deine Zerstörungskraft ist das, was mich anzieht. Und Sander wusste, dass das die perverseste Form des Kompliments war, die es gab, und dass er es trotzdem hören wollte, dass er es brauchte, dass es ihn traf dort, wo der Riss war, dort, wo alles offen lag.
Lena Meisner hatte ihn inspirierend genannt. Claire nannte ihn erotisch. Der Unterschied war der Unterschied zwischen einem Mädchen, das einem Rockstar einen Brief schrieb, und einer Frau, die ihm das Hotelzimmer bezahlte.

„Ich arbeite für Versicherungen", sagte Sander. „Nicht gegen sie."

„Noch nicht." Claire legte ihre Hand auf seine. Ihre Haut war kalt. Eiskalt. Wie der Schnee in Lech. Wie der Schnee auf der Brücke. Und die Berührung brannte trotzdem, oder gerade deshalb, weil die Kälte einer fremden Haut auf der eigenen etwas auslöste, das älter war als Vernunft, älter als Moral, älter als alles, was Sander in dreißig Berufsjahren über die Beherrschung von Impulsen gelernt hatte.

„Aber Sie werden es tun", sagte sie. „Für mich."

„Warum sollte ich?"

Claire beugte sich so nah heran, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht spüren konnte, und er roch den Wodka und die Zitrone und darunter sie selbst, und sie flüsterte: „Weil Sie sich tot fühlen. Weil Sie in einer Villa leben, die sich anfühlt wie ein Grab. Weil Sie jeden Abend hierherkommen und trinken, in der Hoffnung, dass der Wodka Sie etwas fühlen lässt. Weil Sie heute eine Witwe zerstört haben und nichts dabei gefühlt haben."

Sie nahm ihre Hand weg. Sander fühlte die Kälte sofort. Wie eine Amputation.

Und er dachte — klar, nüchtern, mit der analytischen Schärfe, die sein Beruf ihm geschenkt und sein Leben ihm genommen hatte — er dachte: Sie hat recht. In allem. In jedem einzelnen Wort. Und genau deshalb ist es Manipulation. Weil die beste Manipulation immer die Wahrheit benutzt. Weil die gefährlichsten Lügen die sind, die keine Lügen sind.

Und er dachte, im selben Atemzug: Das ist mir egal.

„Ich kann Sie etwas fühlen lassen", sagte Claire. „Ich verspreche es Ihnen."

Sie stand auf. Legte eine Visitenkarte auf die Bar. Schwarz. Silberne Schrift.

„Morgen. Zwanzig Uhr. Schloss Brandt in der Eifel. Kommen Sie." Sie lächelte. „Wenn Sie den Mut haben."

Sie ging. Ihre Bewegungen waren langsam, fließend, und jeder Mann in der Bar sah ihr nach, und Sander dachte: Natürlich sehen sie ihr nach. Natürlich. Wir sind alle dasselbe Tier. Alle. Der Barkeeper mit dem Hipster-Bart und der Geschäftsmann am Fenstertisch und ich, Frederic Sander, fünfundfünfzig, Partner bei BPS, verheiratet seit dreiundzwanzig Jahren, wir starren alle auf denselben Ausgang und denken alle denselben Gedanken, und der Unterschied zwischen uns ist nicht Moral, sondern Gelegenheit.

An der Tür drehte sie sich um.

„Übrigens", sagte sie. „Erinnern Sie sich noch an die Sprechstunde? Damals, im Winter? Es war spät. Wir haben über mehr als Versicherungsrecht gesprochen."

Sanders Herz setzte einen Schlag aus. Was bei einem fünfundfünfzigjährigen Mann, dessen Vater mit siebzig am Herzinfarkt gestorben war, keine Metapher war, sondern ein medizinisches Ereignis.

„Sie haben mir von Lech erzählt. Von dem Schnee. Von dem Gefühl zu sterben." Ihre Augen fixierten ihn durch den Raum. „Und Sie haben gesagt: Das Schlimmste ist nicht zu sterben. Das Schlimmste ist zu leben und sich tot zu fühlen."
Sie lächelte.

„Ich werde Sie lebendig machen, Frederic."

Dann war sie weg.

Sander saß da. Das Glas vor sich. Die Visitenkarte auf der Bar. Schwarz. Silber.

Claire Gräfin von Brandt. Schloss Brandt, Eifel.

Seine Hände zitterten. Sein Herz raste. Und er wusste — er wusste es mit der Gewissheit, mit der er wusste, dass er morgen die Versicherung anrufen und den Bonus bestätigen und die Akten ablegen und seinen Anzug anziehen und seinen Rücken spüren und nachts neben Katharina liegen würde — er wusste, dass er hinfahren würde. Dass er morgen Abend in sein Auto steigen und in die Eifel fahren würde, zu einem Schloss, das einer Frau gehörte, die er nicht kannte, die ihn beobachtet hatte, die seinen Namen kannte und seine Schwächen und seine Geschichte, und die ihm versprochen hatte, ihn lebendig zu machen.

Er wusste, dass es eine Falle war. Er wusste, dass er hineingehen würde. Er wusste, dass das Wissen nichts änderte.
Das hatte es noch nie.
Er steckte die Karte ein. Bestellte noch einen Drink.
Der dritte. Nicht der vierte. Selbstdisziplin. Die letzte Bastion eines Mannes, der dabei war, alles andere aufzugeben.
Draußen fiel der Schnee. Wie in Lech. Wie auf der Brücke.
 



 
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