Der lange Weg in die neue Heimat

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molly

Mitglied
Vaters Geschichte

Wenn Vater erzählte, fingen seine Geschichten stets gleich an. Er holte seine Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Wenn er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, begann er zu erzählen:
"Vor einiger Zeit fragte mich unser Nachbar, woher ich komme, wir würden nicht schwäbisch sprechen. Da erzählte ich ihm meine Geschichte, die ihr nun auch kennen lernt.“
Vater zog an seiner Pfeife, lächelte uns zu und sprach weiter.
"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zu Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte. Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt. Es waren fremde Menschen, wir verstanden ihre Sprache nicht. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er zuletzt war und ob er über¬haupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere Mutti war zierlich und klein, sie sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir mussten früh schlafen gehen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinder¬wagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir her¬geben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wert¬vollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Last¬autos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlaf¬platz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot war, wenn es bei uns ankam, steinhart und schimmlig, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. ¬Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwaben¬land. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.“
Vaters Pfeife war längst leer gebrannt. Er legte sie auf den Aschenbecher und sagte zum Schluss:

„Ich möchte noch einmal in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

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Vaters Geschichte

Wenn Vater erzählte, fingen seine Geschichten stets gleich an. Er holte seine Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Wenn er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, begann er zu erzählen:
"Vor einiger Zeit fragte mich unser Nachbar, woher ich komme, wir würden nicht schwäbisch sprechen. Da erzählte ich ihm meine Geschichte, die ihr nun auch kennen lernt.“
Vater zog an seiner Pfeife, lächelte uns zu und sprach weiter.
"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zu Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. ¬Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwaben¬land. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.“
Vaters Pfeife war längst leer gebrannt. Er legte sie auf den Aschenbecher und sagte zum Schluss:

„Ich möchte noch einmal in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 
R

Rehcambrok

Gast
Es ist eine Lebensgeschichte, da passt Erzählungen.
Hat mir gut gefallen (8) .
Straight und ohne Schnörkel, wirklich gut.
 

molly

Mitglied
Danke, Rehcambrok, für Deinen freundlichen Kommentar und die sehr gute Bewertung. Ich werde die Geschichte zum Wochenende zu den Erzählungen umsetzen lassen.

Viele Grüße

Ano
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.“

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erzählte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Wenn er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, lächelte uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erzählte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Als er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, lächelte uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erzählte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Als er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, lächelte er uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erzählte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Als er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, lächelte er uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete und ich versteckte mich hinter ihrem Rücken. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit, er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

HelenaSofie

Mitglied
Ja Monika,

so ist der Anfang des Textes einfacher zu verstehen. Gelungen finde ich auch den Beginn und den Schluss durch den Bezug zur Gegenwart. Für mich ein gut geschriebener informativer Text, der auch für größere Kinder geeignet wäre.
"Der lange Weg in die neue Heimat" passt einmal zu dem geografischen Weg, aber auch zu einem Angekommen sein, einem daheim sein.

Liebe Grüße und viele bunte leuchtende Herbstblätter schickt dir

HelenaSofie
 

molly

Mitglied
Liebe HelenaSofie,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar und Deine Hilfe schon "Hinter den Kulissen". Ich freue mich auch einfach nur, Dich in der LL wieder einmal zu treffen.

Liebe Grüße

Monika
 

Wipfel

Mitglied
Hi,

mich reißt der Text nicht so sehr vom Hocker. Mir fehlt etwas lebendiges. Ich brauche nicht die chronologische Auflistung des Lebenslaufs. In diesem Text verstecken sich soviele Geschichten. Wie war das mit der Lehrerin, die schlesisch nicht mochte? War das eine Ex-BDM-Frau? Hatten die Jungs schon lange Hosen? Mit was wurden die Aufsätze geschrieben? Mit echter Tinte oder Bleistift? Und wie kam es, dass die Lehrerin aufhörten mit den Nörgelei? Und gab es da ein Mädchen, das auf dem Pausenbrot Wurst hatte? Gab es das überhaupt? War die Schule geheizt?

Weißt du was ich meine? Statt in den paar Zeilen einen ganzen Epos unterzubringen, würde ich lieber eine der vielen Geschichten schmecken, fühlen, riechen...

Und handwerklich gibt es auch einige Stellen, die du sicher selbst findest. Eine nur:
Sie war meine einzige Freundin, denn Vati hatte nicht viel Zeit
Und hätte er Zeit gehabt, wäre dann Vati die einzige Freundin? Oder warum hätte sie dann mehr Freundinnen?

Grüße von wipfel
 

molly

Mitglied
Damals, vor langer Zeit

Bevor Vater seine Geschichte erzählte, holte er die Pfeife und stopfte sie sorgfältig mit Tabak. Als er diesen angezündet und einmal genüsslich an der Pfeife gesogen hatte, lächelte er uns zu und begann:


"Ich bin in Liegnitz geboren, so hieß die Stadt bis nach dem Krieg. Jetzt wird sie Legnica genannt und ist eine polnische Stadt.
Ich wohnte dort mit den Eltern und den Geschwistern Ruth, Iris und Toni in der Nähe eines Flusses. Daran erinnere ich mich genau, denn wir durften nie allein zum Fluss, Mutti und Vati sagten, es wäre zu gefährlich. Wir konnten noch nicht schwimmen. Unser Vati arbeitete bei der Eisenbahn. Wenn er frei hatte, erzählte er uns die schönsten Geschichten. Wir durften auch oft auf seinem Rücken reiten. Beim Spaziergang setzte er uns abwechselnd auf seine Schultern. Mit Vati gab es für uns immer viel zu lachen. Noch bevor ich zur Schule kam, hörten die fröhlichen Spiele auf. Der Krieg begann und Vati wurde, wie die anderen Männer auch, Soldat, und musste kämpfen. Er lebte nun weit weg von uns. Wenn er Urlaub hatte und nach Hause kam, war unser Vati müde und traurig, ein Fremder, den wir erst wieder kennen lernen mussten. Leider durfte er nie lange bleiben, der Abschied war jedes Mal schlimm. Wir erlebten, wie unsere Mutti weinte.
Der Krieg war zu Ende und immer mehr Menschen strömten in unsere Stadt, fremde Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden. Schon lange hatten wir keine Nachricht mehr von unserem Vati erhalten. Mutti wusste nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte und ob er überhaupt noch lebte. Jeden Abend beteten wir mit Mutti das gleiche Gebet: „Lieber Gott, beschütze uns und unseren Vati, Amen".
Eines Tages kamen Soldaten in unsere Wohnung. Sie befahlen Mutti, in zwei Stunden die Wohnung zu verlassen. Unsere Mutti hatte schon längst die Rucksäcke gepackt. Wortlos legte sie den größten in Tonis Kinderwagen, an Ruth, Iris und mich verteilte sie drei kleine Rucksäcke. Dann setzt sie Toni in den Kinderwagen, nahm den letzten Rucksack auf ihren Rücken und so verließen wir unser Heim.
Mutti brachte uns zu ihrer Freundin Lena und ging zum Bahnhof. Wir wollten so schnell wie möglich zu unserer Oma nach Bad Landeck reisen. Sie bewirtschaftete dort eine kleine Gästepension und war eine große und starke Frau. Die Oma würde uns beschützen, davon war ich überzeugt. Unsere zierliche Mutti sah schwach aus, aber das täuschte. Die Maulschellen, die sie manchmal an uns verteilte, waren kräftig.“


„Nach Stunden kam Mutti endlich vom Bahnhof zurück. Sie hatte Fahrkarten für den nächsten Tag mitgebracht und wir gingen früh schlafen. Die beiden Frauen legten Strohsäcke auf den Boden, wir kuschelten uns hinein und wurden mit kratzenden Wolldecken zugedeckt. Wir beteten mit Mutti, danach umarmte sie uns, löschte das Licht und ging in die Küche. Ein leises Murmeln drang bis zu uns. Ich lauschte den Stimmen, die mich sanft in den Schlaf wiegten. Im Morgengrauen standen wir auf. Mutti hatte Geldscheine unter den Sohlen in unseren Schuhen versteckt. Lena begleitete uns zum Bahnhof. Unterwegs hielt uns eine fremde Frau an, sie sprach mit Mutti, ich verstand kein Wort. Da befahl uns Mutti, die Schuhe auszuziehen. Die Frau holte das Geld heraus und verschwand. Ich war empört. Wieso durfte diese Frau unser Geld stehlen? Mutti erklärte, dass jetzt nach dem Krieg die meisten Menschen in Not wären und manche würden dann vergessen, was richtig und was falsch war, wir sollten nicht mehr daran denken, sondern uns auf Oma freuen.
Auf dem Bahnhof warteten schon viele Menschen und es dauerte lang, bis Lena und Mutti einen Platz im Zug fanden. Lena lud mit Mutti den Kinderwagen ein, umarmte uns ein letztes Mal und half beim Einsteigen. Viele Menschen drängten nach und Lena hatte große Mühe aus der Menschenmasse heraus zu kommen. Wir standen dicht gedrängt im Flur und konnten uns nach keiner Seite bewegen. Der Zug hielt an jeder Bahnstation und immer stiegen Menschen ein. Ich überlegte mir, wo sie wohl in dem überfüllten Zug noch einen Platz finden würden. Kurz vor unserem Ziel fuhr der Zug langsamer, blieb dann stehen, ruckelte los, hielt wieder an und blieb endgültig stehen. Eine Achse an der Lokomotive war gebrochen und es würde Stunden dauern, bis sie wieder in Ordnung war. Solange wollte Mutti nicht warten. Sie kannte sich in dieser Gegend aus und bat die Mitreisenden, ihr beim Aussteigen zu helfen. Mutti bedankte sich, setzte Toni wieder in den Kinderwagen und gemeinsam schoben wir ihn über die Gleise die Böschung hinunter. Frohgemut marschierten wir auf einem Feldweg weiter und hatten den Zug bald hinter uns gelassen. Im Nu standen wir vor Omas Haus und begrüßten sie stürmisch. Im Hause waren keine Gäste mehr und wir durften in allen Zimmern spielen.


Weihnachten kam, wieder ein Fest ohne Vati, er fehlte uns sehr. Mutti hatte noch keine Nachricht von ihm. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern, wusste auch nicht mehr, wie seine Stimme klang. Aber die lustigen Spiele hatte ich nicht vergessen.
An einem Frühlingstag kam unser Nachbar, Herr Plisch, in die Küche gestürzt. Wir saßen gerade beim Essen und er berichtete, dass im Nachbarort die Vertreibung begann. Die Miliz würde sicher bald hier sein. Ich fragte, was Miliz sei und Mutti sagte, das hieße Militärpolizei. Was vertreiben bedeutete wusste ich. Wir vertrieben Mücken aus der Schlafkammer, Wespen und Fliegen aus der Küche und Enten und Hühner aus Omas Garten. Nun sollten wir vertrieben werden, aber warum und wohin? Würde Vati uns jemals wieder finden?
Mutti erklärte, wenn er noch lebt, würde er uns überall finden. Aber das dauerte eben eine Weile. Ich hätte lieber hier bei Oma auf Vati gewartet und wollte fragen, ob wir trotz Vertreibung nicht doch hier bleiben konnten. Aber Oma saß zusammengekrümmt am Tisch und murmelte, dass der Krieg uns jetzt auch noch die Heimat nehme. Mutti tröstete sie und sagte, wir würden ganz bestimmt einen neuen und guten Platz zum Leben finden.
Am nächsten Morgen wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Im Hof brüllten Soldaten in fremder Sprache und polterten ungestüm an die Haustüre. Oma öffnete und ich versteckte mich hinter ihrem Rücken. Ein Soldat las einen Brief vor, in dem stand, dass wir in zwei Stunden auf dem Güterbahnhof von Bad Landeck sein müssten. Alles, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.
Ruth freute sich auf die neue Reise und lief fröhlich voran. Iris hatte ihre Puppe im Arm und hielt sich an Oma fest. Ich drängte mich an Mutti und Toni saß wie immer im Kinderwagen auf dem Rucksack. Am Bahnhof erwarteten uns viele Soldaten. Sie durchwühlten die Rucksäcke und nahmen heraus was ihnen gefiel. Alle Hosen und Jackentaschen wurden nach Schmuckstücken durchsucht, auch bei uns Kindern. Tonis Wagen mussten wir hergeben, ein Mann verlangte Muttis Jacke. Ein anderer Soldat griff sich Iris Puppe, schlitzte ihr den Bauch auf und schaute nach, ob er da vielleicht ein Schmuckstück fand. Aber er fand nichts und so warf er die Puppe enttäuscht auf einen Stapel. Iris weinte bitterlich und dicke Tränen liefen über ihr Gesicht. Das wertvollste das uns noch übrig blieb, war Omas Milchkanne. Wir brauchten sie auf der Reise als unseren Nachttopf.
Nach der Kontrolle wurden wir in einen Güterwagen geschoben. Bevor Iris einstieg, trat einer der fremden Soldaten zu ihr. Sie weinte noch immer. Der Soldat legte den Finger auf den Mund und blinzelte ihr freundlich zu. Dann gab er Iris die Puppe wieder zurück und entfernte sich schnell.
In unserem Wagon saßen wir dicht zusammen auf dem Boden und von außen schlossen die Soldaten die Türen zu. Die Fahrt dauerte drei oder vier Tage. Unser Zug hielt nicht oft, doch wenn die Wagontür auf war, sahen wir nur zerstörte Städte, verbrannte Wälder und verlassene Bauernhöfe.
So viele Menschen saßen im Wagon, doch alle waren leise, niemand lärmte. Wir hatten Hunger und Durst und wir hatten Angst, denn keiner wusste, wohin uns der Zug bringen würde. Aber auch diese Reise ging zu Ende und wir durften aussteigen. Mit Lastautos wurden wir in ein Lager gebracht. Unser Lager bestand aus verschiedenen Holzbaracken. Hier lebten viele Menschen, die wie wir, ihre Heimat verlassen mussten. Dort gab es auch Helfer, die uns zu essen und zu trinken gaben und die uns zu einem Schlafplatz führten.
Doch zuerst kamen wir in die Entlausungsbaracke. Ein Mann stäubte uns mit weißem Puder von Kopf bis Fuß ein. Toni brüllte dabei entsetzlich, bis Mutti ihm eine leichte Maulschelle gab. Wenn sich eine Laus bei uns versteckt hatte, so war sie nach dieser Behandlung mit dem Pulver sicher tot.
Eine Frau brachte uns zur Schlafbaracke. Viele dreistöckige Betten standen nebeneinander. Ruth und ich schliefen ganz oben. Das mittlere Bett belegten Iris und Mutti und ganz unten schlummerte Oma mit Toni. Das war der beste Platz für die beiden. Oma wollte nicht hinauf klettern und Toni pinkelte manchmal noch ins Bett, ihn wollten wir nicht über uns haben. Im Lager erfuhren wir auch, dass Vati noch lebte. Er wohnte bei einem Bäcker in der Lüneburger Heide. Das war ein Freudentag für uns! Wir blieben nicht mehr lange im Lager, wir zogen in eine Wohnung bei Leipzig ein.
Viel lieber wäre ich gleich in die Lüneburger Heide zu Vati gefahren, doch Mutti erklärte, dass wir nicht herumziehen konnten, wie wir wollten. Das ginge jetzt allen Menschen so, sie glaubte aber, dass Vati uns bald zu sich holen würde.
Unsere neue Wohnung war schön, wir hatten zwei Zimmer und durften mit der Eigentümerin die Küche benutzen, nur Holz und Essen mussten wir uns selber besorgen. Wir fanden wenig Holz, um den Herd anzufeuern, aber wir hatten auch kaum etwas, was wir auf dem Herd hätten kochen können.
Vormittags gingen Ruth und ich zur Schule, nachmittags sammelten wir mit Oma Holz im nahen Wald. Mutti streifte mit dem Rucksack durch die Gegend, sie bettelte um Essen für ihre Kinder. An einem Nachmittag begleitete ich sie und erlebte, wie sie ausgelacht, beschimpft und verspottet wurde. Ein Mann sagte, wir wären fremdes, unerwünschtes Pack und sollten so schnell wie möglich verschwinden. Ich hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, doch Mutti klopfte unbeirrt weiter an jede Haustür. Sie meinte, dass nicht alle Menschen hartherzig wären, es gäbe auch noch Leute, die etwas für die Armen übrig hätten. Doch um diese zu finden, müsste man an die Türen klopfen.
Eine große Hilfe waren uns die Pakete von Vati, er schickte uns Brot, Zucker und manchmal Speck. Das Brot kam steinhart und schimmlig bei uns an, aber Oma klopfte den Schimmel weg und kochte eine feine Brotsuppe. Wir hatten gerade soviel zu essen, dass wir nicht verhungerten, aber immer zu wenig, um einmal richtig satt zu werden. Wir träumten von herrlichen Honigschnitten, kratzten den Kalk von den Wänden und nagten an unseren Fingernägeln.
Als wir eines Tages aus der Schule kamen, saß ein fremder Mann im Zimmer. Wir starrten den Besucher an, doch Oma rief, wir sollten endlich unseren Vati begrüßen. Wir sahen einen alten und glatzköpfigen Mann vor uns und er sollte unser Vati sein? Wo hatte er seine Haare gelassen? Ich fragte ihn danach. Er sagte, die wären in Russland ausgefallen, doch einige Haare am Hinterkopf hätte er für uns retten können. Er zeigte uns seine letzten Haare, doch ich glaubte noch nicht, dass er unser Vati war. Da trat Mutti ins Zimmer, lief auf ihn zu und umarmte ihn. Er war also doch unser Vati und in drei Tagen musste er zu¬rück in die Heide fahren. Ruth und ich sollten ihn begleiten. Wir konnten zusammen in Bäcker Jansens Stübchen wohnen und im Dorf zur Schule gehen. Bald würden wir dort eine Wohnung finden und dann kämen auch Mutti, Toni, Iris und Oma zu uns. Viel lieber wäre ich bei Mutti geblieben, denn Vati sah so verändert aus und er hinkte.
Wir fuhren mit dem Zug bis Lüneburg, dann mussten wir eine lange Strecke laufen und am Abend kamen wir im Heidedorf an. Die Bäckersfrau hatte einen großen Teller mit Butterbroten für uns und die Bäckergehilfen gerichtet, doch diese waren mit ihrer Arbeit noch nicht fertig und Herr Jansen sprach mit Vati. Wir hatten wie immer Hunger und die Bäckersfrau bat uns, schon einmal mit dem Essen anzufangen. Sie musste noch ihre Hühner füttern.
Butterbrote! Wir lang hatten wir keine mehr gegessen und jetzt lagen so viele vor uns. Wir begannen mit dem Essen, stopften die Brote in uns hinein und konnten einfach nicht mit essen aufhören.
Ich langte mir gerade das letzte Brot, als Frau Jansen wieder in die Küche kam. Sie sah uns kauen, sah den leeren Teller und stöhnte leise. Sie nannte uns "kleine Fresser" und richtete neue Brote. Wir waren endlich wieder einmal satt, als wir schlafen gingen.
In Vatis kleinem Kämmerchen standen ein Schrank, ein Bett und ein Stuhl. Nun hatte er noch einen Strohsack auf den Boden gelegt. Eine Nacht schliefen Ruth und ich im Bett und Vati auf dem Boden, in der nächsten Nacht lagen wir am Boden und Vati schlief im Bett. So wechselten wir uns ab, bis wir in die neue Wohnung zogen.
Der erste Tag in der neuen Schule verlief schrecklich, die Lehrerin sagte, ich könnte nicht richtig deutsch reden. Ich hätte einen schlesischen und sächsischen Dialekt und das müsse sofort aufhören. Sie lachte mich aus wenn ich „Kiche“ anstatt Küche sagte und die Mitschüler lachten lauthals mit. Einer nannte mich "Knödelfresser" und "Habenichts". Die ganze Klasse johlte vor Vergnügen. Ich stürzte mich auf sie und prügelte wild drauf los. Kam die Lehrerin dazu, deuteten sie auf mich und sagten, ich hätte den Streit begonnen. Sie brummte mir eine Strafarbeit auf. Wenn ich mich verteidigen wollte, sagte sie, ich müsse erst richtig reden lernen, sie könne mich nicht verstehen.
So boxte ich mich weiter durch und lernte bei der Bäckersfrau richtig sprechen. Sie half mir bei den Hausaufgaben, denn Vati hatte nicht viel Zeit. Er arbeitete wieder bei der Eisenbahn und half nebenbei Herrn Jansen in der Backstube. Fünf Wochen später verreiste Vati und kam mit Mutti, Oma, Iris und Toni zurück. Wir zogen in die obersten Räume einer Gaststätte und waren alle wieder zusammen.
Nach einem halben Jahr ließen mich meine Klassenkameraden und die Lehrerin in Ruhe, sie lachten mich auch nicht mehr aus. Manchmal durfte ich sogar mitspielen. Nach einem Jahr bewunderten sie mich. Ich lief am schnellsten, schrieb die besten Aufsätze und konnte mit zwei Fingern pfeifen. Das brachte keiner fertig.
Fünf Jahre lebten wir im Heidedorf, dann bekam Vati eine bessere Arbeitstelle und wir zogen wieder fort. Diesmal landeten wir bei Frank¬furt. Mein erster Schultag dort war genau so wie der in der Heide. Die Kinder lachten mich aus, weil ich so vornehm hochdeutsch sprach, weil ich eben nicht "hessisch babbele" konnte. Wieder gab es Prügel und Strafarbeiten, doch diese Kinder gewöhnten sich schnell an mich. Ich half ihnen bei den Aufsätzen und sie zeigten mir die schönsten Wiesen und Tümpel. Wir wurden gute Kameraden, weil wir uns gegenseitig halfen.
Aber nach vier Jahren mussten wir wieder Abschied nehmen. Vati, war Bahnhofsvorsteher einer kleinen Stadt geworden und so kamen wir ins Schwabenland. Oma fühlte sich gleich wohl hier. Sie war müde und alt geworden. Eines Morgens kam sie nicht zum Frühstück. Wir fanden sie tot in ihrem Bett, sie war gestorben, ohne dass wir etwas gemerkt hatten.
In unserer kleinen Stadt erlernte ich meinen Beruf und als ich heiratete, beschlossen wir, ein Haus zu bauen. Hier sind wir nun zu Hause, das ist unsere Heimat.

Noch einmal möchte in meine alte Heimat nach Schlesien reisen, nicht um dort zu wohnen, sondern um richtig Abschied zu nehmen.“

©1988
 

molly

Mitglied
Hallo wipfel,

danke fürs Lesen, auch wenn Dich die Geschichte nicht vom Hocker gehauen hat, sollte sie auch nicht. Ich habe sie extra etwas zurückhaltend geschrieben.
Was Du mit Deinen lebendigen Geschichten meinst, verstehe ich. Aber so viele Geschichten stecken gar nicht darin.
Dies ist ein kurzer Abschnitt aus dem Jahr 1947. Die Familie war endlich wieder zusammen
Der Pausenhof in der Schule war damals getrennt nach Jungs und Mädels, die Seiten wechseln durfte man nicht und Wurst? Die hatte niemand, auch Pausenbrote waren selten. Über die Kleidung wurde geschwiegen, die Flüchtlingskinder trugen hauptsächlich geflickte Kleider. Lange Hosen damals? Jeder zog an, was es gab. Sie hatten ja auch so gut wie keine Möbel, ebenso sprach niemand von Kälte. Aber allen blieb der entsetzliche Hunger in Erinnerung.
Damals waren fast alle Kinder arm, die Einheimischen wie auch die Flüchtlinge.
Für diesen Jungen spielte es keine Rolle, mit was geschrieben wurde, er wollte anerkannt sein, setzte sich mit Ellenbogen durch, lernte Hochdeutsch.

Danke für den Tipp mit der Lehrerin und Freundin.

Viele Grüße

molly
 

Wipfel

Mitglied
Hallo,

auch wenn Dich die Geschichte nicht vom Hocker gehauen hat, sollte sie auch nicht. Ich habe sie extra etwas zurückhaltend geschrieben.
Klingt wie: ...auch wenn Dir die Suppe nicht geschmeckt hat, sollte sie auch nicht. Ich habe sie extra nicht gesalzen.

Ich wollte keine Antworten auf die vielen Fragen, die ich gestellt habe. Die kann ich mir selbst geben. Ich wollte nur zeigen, wo der Salzstreuer steht.

Grüße von wipfel
 

molly

Mitglied
Hallo wipfel, :)

danke für Deine nette Antwort. Ich werde nun bei den Geschichten stets an Deinen Salzstreuer denken.

Sonniges Herbstwochenende

molly
 

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