Der Pitch

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Nick

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“Du hast Blut auf den Zähnen”, sagte Bea.
Clara vergrößerte das Bild ihrer Webcam. “Das ist Lippenstift. Ich hab’ nachgezogen, als ich mit Benni draußen war.” Sie nahm ein Papiertaschentuch aus der Box auf dem Schreibtisch und tupfte die Flecken weg.
“Sieh zu, dass das nachher nicht vor dem Kunden passiert. Es kommt nicht gut, wenn unsere Projektleiterin aussieht, als hätte sie gerade ihr Kind gefressen.”
“Klar.”
“... ni … ert”, sagte Bea. Ihr Gesicht zerfiel zu einer pixeligen Fratze. Ein kreisendes Ladesymbol erschien über dem Videochat.
Clara fluchte leise und öffnete die oberste Schreibtischschublade. Alle vier Kontrollleuchten am Router blinkten rot. Scheiße, dachte sie und zog den Stecker, während sie mit der anderen Hand nach ihrem Smartphone griff. “Router zickt”, tippte sie. “Mache Neustart - bin in 1 min wieder da.“ Ein paar Sekunden später erschien Beas Antwort: “Willst du mich verarschen? WIR BRAUCHEN DICH! PITCH STARTET IN 3MIN”
Während der Router hochfuhr, ging Clara ins Schlafzimmer und sah nach Benni. Er lag auf dem Bett und schlief. Sie fühlte seine Stirn und prüfte die Windel. Alles in Ordnung. Das Fieber war fort.

Eine Minute später blinkte der Router wieder grün. Neben Bea waren jetzt auch Christina und Robert im Videochat.
„Wo bist du denn?“, fragte Robert. „Das ist doch nicht dein Arbeitszimmer?“
Clara grinste. „Wir sind bei meinen Eltern im Taunus, in der Einliegerwohnung. Die sind eine Woche in Kärnten. Ich dachte, das tut Benni vielleicht ganz gut.“
“Was war eben los?”, fragte Bea.
“Keine Ahnung. Die Verbindung war auf einmal weg. Hab’ den Router neu gestartet.”
“Okay”, sagte Bea. “Wie geht’s Benni?”
“Alles super, er schläft. Sorry, dass er während der Generalprobe reingelaufen ist. Er hatte Hunger.“
Beas Lachen ratterte aus den Lautsprechern. “Der kleine Mann frisst dich noch auf!”
“Sechzehn Monate. Seine Welt besteht aus essen, rumlaufen, schlafen.”
“Glaub mir, bald wirst du dir wünschen, dass es wieder so wäre!”, sagte Christina. “Aber mach dir keine Sorgen. Wenn mal ein Kind durchs Bild läuft, das finden die bestimmt sogar gut. Vereinbarkeit von Beruf und Familie und so.”
Während Christina sprach, summte etwas in Beas Chat. Sie beugte sich vor und griff nach etwas außerhalb des Bildschirms. “SMS von Schelle”, sagte sie. “Wir sind in zwei Minuten dran.”
Clara zog ihre Bluse zurecht, setzte sich aufrecht hin und strich über ihre Frisur. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die anderen drei sich ebenfalls bereit machten.
“Ich muss euch nicht sagen, wie wichtig dieser Pitch für uns ist”, sagte Bea. “Wir brauchen einen neuen Auftrag. Eine Ausschreibung wie diese bekommt man nicht alle Tage. Deshalb holen wir uns den Job. Wir sind ein geiles Team! Wir sind verdammt gut vorbereitet! Wir wer-”
Die Videostreams wurden schwarz.

“Bea?”, sagte Clara. “Christina? Robert?” Keine Antwort. Sie riss die Schublade auf. Die Kontrollleuchten blinkten rot. Bitte nicht bitte nicht bitte nicht, dachte sie und zog den Stecker zum zweiten Mal. Sie spürte kalten Schweiß im Nacken. 30 Sekunden warten und wieder reinstecken. Sie stand auf und ging zur Schlafzimmertür. Benni hatte sich umgedreht. Sein aschblonder Kopf lag jetzt auf Pferdinand Pferd. Vor der Terrassentür lagen die Äste, die ihr Vater abgesägt, aber noch nicht kleingemacht hatte. Auf dem Plastiktisch standen sieben blasse Gartenzwerge, die neu bemalt werden sollten, und zwei leere Bierkästen. Oettinger. Wenn der Alte nicht immer das Billigste vom Billigsten kaufen würde, könnte ich gescheit pitchen, dachte sie. Sie drehte sich um, kehrte zurück an den Schreibtisch und steckte den Router wieder ein.
Einen Moment lang tat sich nichts. Dann öffnete sich ein neues Fenster: VERBINDUNG VERLOREN. ERNEUT VERSUCHEN? Ja, dachte Clara, was denn sonst, und klickte auf VERBINDEN.
Der Ton kam zuerst: “... gespannt auf ihre Vorstellung”, sagte eine Frauenstimme. Kurz darauf erschienen elf Video-Streams im Anwendungsfenster. Neben Bea, Christina und Robert waren jetzt acht weitere Männer und Frauen im Chat. Bea hatte ihnen nicht zu viel versprochen: Der komplette Vorstand wollte sich den Pitch anhören. Wir haben hier eine echte Chance.

“Vielen Dank, Frau Schelle”, sagte Bea. “Wir freuen uns sehr, dass wir Ihnen heute unser Konzept vorstellen dürfen. Es hat ja in der Vergangenheit bereits den einen oder anderen Berührungspunkt zwischen unseren Häusern gegeben, wir haben auch schon ein paar kleinere Projekte für Sie durchgeführt, und wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn wir Sie in diesem Transformationsprozess in den nächsten Jahren ebenfalls begleiten dürften. Oh, und ich sehe gerade, unsere Kollegin Clara König ist jetzt auch da.”
“Hallo”, sagte Clara. “Bitte entschuldigen Sie, dass ich verspätet dazustoße. Ich sitze bei meinen Eltern im Taunus und unsere Internetverbindung flattert. Mein Name ist Clara König, ich wäre Ihre Projektleiterin und werde Sie gemeinsam mit unserer Geschäftsführerin Bea Stockmann durch unsere Präsentation führen.” Acht von elf Köpfen auf ihrem Bildschirm lächelten und nickten in ihre Webcams.
“Willkommen, Frau König”, sagte die Frau, die Bea mit “Frau Schelle” angesprochen hatte. “Wir freuen uns, dass Sie dabei sind. Und machen Sie sich keine Sorge wegen der Verbindung. Vor unserem Wochenendhaus in Königstein haben sie letztes Jahr die Straße aufgerissen. Drei Wochen lang ging nichts mehr und irgendwie hat es dann doch geklappt.”
Clara lächelte. “Ich hoffe, es wird nicht so schlimm.”
“Bevor Sie dazu kamen, haben wir schon eine kleine Vorstellungsrunde gemacht. Vielleicht stellen wir uns nochmal ganz kurz vor, mit Namen und Funktion. Mein Name ist Bianca Schelle und ich leite den Einkauf bei WMSB.”
“Hans Getschmer, IT.”
“Frank Kunz, Personalwesen.”
“Yasmin Yildiz, Produktentwicklung.”
“Natalie Bauer, Buchhaltung.”
“Friedrich Jakob, Vorstand.”
“Annika Saint-Catherine, Vorstand.”
“Robert Ligeaux, Vorstand.”
Clara nickte in die Webcam. Sie war froh, dass sie sich für die helle Bluse und den Blazer entschieden hatte. Konservativ trumpft. Dass sie keine Hose trug, musste ja niemand wissen.
“Dann wollen wir mal loslegen!”, sagte Bea und öffnete die erste Folie im Präsentationsmodus. “Die WMSB ist eines der größten und erfolgreichsten Bankhäuser der Welt”, begann sie. “Aber die Herausforderungen der Gegenwart machen auch vor Ihnen nicht halt. Vor allem die Digitalisierung fordert von Banken ein ganz neues Denken …” Die folgenden fünf Folien konnte Clara mehr oder weniger mitsprechen. Die Veränderungen im Privat- und Geschäftskundenbereich, die Erschütterungen auf den Finanzmärkten, neue Wettbewerber und so weiter und so fort. Sie wollte sich gerade zurücklehnen, als elf Videostreams erneut schwarz wurden und elf kleine Ladesymbole ihr unterbrochenes Tänzchen wieder aufnahmen.

Das kann doch nicht wahr sein. Sie riss die Schublade auf. Der Router blinkte rot. “Scheißteil!”, brüllte sie und zog den Stecker. Nach dem Pitch fahre ich zu Media Markt und hole einen neuen. 30 Sekunden, dann wieder einstecken. Sie stand auf, lief in die Küche, schenkte sich eine Tasse kalten Kaffee vom Morgen ein, schaute nach Benni, der eine weitere Vierteldrehung auf dem Bett gemacht hatte, kehrte zurück an den Schreibtisch — und erstarrte. Der Router blinkte immer noch rot.
Obwohl er keinen Strom hatte.
Clara kicherte nervös. Ich weiß nicht, in welcher Kindersklavenkolonie sie dich zusammengeklebt haben, aber du bist das beschissenste Stück Plastik, das ich je gesehen habe. Als sie den Stecker in die Steckdose drückte, schalteten die Leuchten auf Grün. Zehn Sekunden später war die Verbindung wieder da.
“... begleiten wir Ihre Teams über mehrere Wochen, um die konkreten Bedürfnisse vor Ort kennenzulernen. Wir denken uns nicht irgendwelche Leistungen aus, die möglicherweise überhaupt nicht zu Ihnen passen, sondern leiten alle unsere Vorschläge aus dieser dreimonatigen Bestandsaufnahme ab.”
Sie atmete auf und nippte an ihrem kalten Kaffee. Bea war erst auf Folie 5.
“Danke, Bea”, sagte Robert, als die nächste Folie erschien. “Mein Name ist Robert Kiehn, ich bin Projektleiter im Future Success Team in Dortmund. An dieser Stelle möchte ich Ihnen kurz schildern, wie ich in den vergangenen zwei Jahren mit Ihren Teams gearbeitet habe. Damit will ich Ihnen einen Eindruck davon geben, wie wir auch in diesem Projekt zusammenarbeiten können.”
Clara ließ ihren Blick nach unten wandern, über die Notizzettel und die Tischkante bis zur offenstehenden Schublade. Der Router blinkte jetzt wieder grün. Und das bleibt auch so, dachte sie, als ihr Handy vibrierte: NEUE NACHRICHT VON BEA.
Mach einen Hotspot mit dem Handy! Wir BRAUCHEN diesen Auftrag!
Clara klickte auf ANTWORTEN: Ich mache House-Sitting bei meinen Eltern, schon vergessen? Ziemlich schlechter Empfang hier.
“... zweiwöchentliche Meet-Ups, in denen die Teams sich über ihre Erfahrungen austauschen können. Dabei gestalten sie gemeinsam diese Boards, auf denen sie ihre individuellen Ziele festhalten. Dadurch können sie --”
Roberts Stimme brach ab.

Clara sprang auf. Die Tasse fiel zu Boden und zerbrach. Der Router blinkte rot. “Hurensohn!”, rief sie und zog den Stecker. 30 Sekunden. Sie ging auf die Knie und fing an die Scherben einzusammeln. Als sie nach dem abgebrochenen Henkel griff, fuhr ein scharfer Schmerz durch ihren linken Daumen: Sie hatte sich an der Scherbe geschnitten. Fluchend steckte sie den Finger in den Mund, setzte sich auf den Bürostuhl und beugte sich über den Router, der immer noch blinkte, obwohl er keinen Strom hatte. Sie war im Begriff, den Stecker zu verbinden, als sich ein Bluttropfen von ihrem Daumen löste und auf das Gerät fiel. Der Tropfen schlug auf der Plastikoberfläche des Routers auf und blieb zitternd hängen.
Dann bewegte er sich.
Mit offenem Mund sah Clara, wie ihr Blut in eines der Lüftungslöcher gesaugt wurde.
Die oberste Kontrollleuchte des Routers wechselte von Rot auf Grün.
“Nicht dein Ernst”, murmelte sie.
Sie klemmte ihren Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger und ließ einen weiteren Tropfen auf den Router fallen. Erneut verschwand das Blut im Lüftungsschlitz. Eine weitere Kontrollleuchte schaltete von Rot auf Grün.
“... ist natürlich ein längeres Projekt, das wir in verschiedene Phasen aufteilen würden, in denen die Abteilungen Ihres Hauses nach und nach eingebunden werden. Aber das kann Ihnen meine Kollegin Clara König viel besser erklären - Clara?”
Scheiße, ich bin dran. Sie drehte sich zum Laptop, setzte sich aufrecht hin und knipste ihr Neukunden-Lächeln an.

“Hallo”, sagte sie und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu beherrschen. “Mein Name ist Clara König und ich bin Ihre designierte Projektleiterin.“
Oh, und mein Router trinkt Blut.
„Nachdem Robert Ihnen geschildert hat, wie wir an Projekte herangehen und welche Erfahrungen wir in Ihrem Haus bereits gesammelt haben, möchte ich Ihnen jetzt unseren ganz konkreten Vorschlag unterbreiten. Wir schlagen einen Prozess vor, der sich durch zwei zentrale Eigenschaften auszeichnet. Erstens, wir möchten alle Mitarbeitenden Ihres Hauses einbinden, und zwar aktiv. Das heißt, dass sie den Prozess - oder die Teilprozesse - selbst gestalten sollen. Wir wollen, dass die anstehende Veränderung Ihre Veränderung ist, beziehungsweise die Veränderung Ihrer Mitarbeitenden, und keine von außen initiierte Entwicklung.”
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass eine der grünen Leuchten auf Rot umgeschaltet hatte. Wie in Trance tastete sie nach dem abgebrochenen Henkel der Porzellantasse.
“Zweitens …”, sagte sie, fasste den Henkel und schnitt tief in ihren Daumen. Ein brennender Schmerz schoss durch ihren Finger. Du bist verrückt, dachte sie, während sie die Tränen wegblinzelte. Sie musste ihren linken Arm am Ellenbogen festhalten, damit er nicht zitterte.
“Zweitens?”, fragte eine Stimme aus ihrem Laptop - der Mann, der sich als Friedrich Jakob vorgestellt hatte. Clara presste ihren blutverschmierten Daumen auf den Router.
“Zweitens ...”, sagte sie und räusperte sich. Dein Job hängt von diesem Pitch ab. Reiss dich zusammen. “Zweitens setzen wir einen adaptiven Prozess mit vielen Feedbackschleifen auf. Wir überprüfen unser Vorgehen in regelmäßigen Abständen und sind imstande, es schnell an neue Anforderungen anzupassen.”
Sie spürte etwas Warmes unter ihrem Daumen. Etwas Lebendiges.
Schau nicht hin.
Bea hatte die nächste Folie aufgerufen. “Wir beginnen mit Ihnen, dem Vorstand und den Bereichsleitern”, sagte Clara. “In mehreren Workshops erarbeiten wir das Leitbild Ihres Veränderungsvorhabens …”
Sie hatte diesen Teil so oft geübt, dass sie ihn auswendig kannte. Muskelgedächtnis, dachte sie, während der Router das warme Blut von ihrem Daumen saugte, das ist bloßes Muskelgedächtnis. Für einen Moment stellte sie sich vor, was für ein Bild sie abgeben würde, wenn jemand in die Wohnung käme: Sie saß am Schreibtisch, in Bluse und Blazer und Slip und Strümpfen, sprach zu elf Gesichtern in ihrem Laptop und ließ dabei den Router ihr Blut trinken, damit die Verbindung stabil blieb. Ich bin total durchgedreht, dachte sie.

Die nächsten beiden Folien schaffte sie im Autopilot. Als zwischendurch das zweite Lämpchen rot wurde, riss sie die Wunde in ihrem Daumen weiter auf. Das Saugen wurde stärker. Gieriger.
“Mama ..?”
Bennis Kopf tauchte neben ihren Knien auf. Er hielt Pferdinand Pferd am Schwanz.
“Psssst …!”, machte sie und schaltete ihr Mikro stumm. “Mami muss arbeiten!”
Benni blickte seine Mutter an, dann den Laptop, dann den blutbefleckten Router. “Ah-ah”, sagte er. Die Windel war voll.
“Gleich.” Sie strich ihm mit der Rechten durch die Haare. “Gleich kümmere ich mich um dich, okay? Ich muss nur noch ganz kurz arbeiten.” Dann wandte sie sich den elf wartenden Gesichtern in ihrem Laptop zu.
“Entschuldigen Sie”, sagte sie, nachdem sie das Mikro wieder eingeschaltet hatte. “Ich bin heute allein mit meinem einjährigen Sohn. Er ist ein bisschen krank. Ich soll Sie aber alle ganz herzlich grüßen von … von Benni und Pferdinand!”
Neun von elf Gesichtern lächelten.
“Es gibt schlimmere Unterbrechungen!”, sagte die Frau, die sich als Natalie Bauer vorgestellt hatte. “Aber fahren Sie doch bitte fort.”
Clara nickte. Ihr war schwindelig. “In der dritten Phase möchten wir mit einem hybriden Modell arbeiten, das Präsenz-Veranstaltungen mit virtuellen Veranstaltungen verbindet. Außerdem laden wir alle Mitarbeitenden ein, die wöchentlichen Online-Surveys auszufüllen, um ihren individuellen Fortschritt zu dokumentieren. Es ist natürlich klar, dass Ihre Mitarbeitenden ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Diejenigen, die schon mit meinem Kollegen Robert gearbeitet haben, werden mit anderem Wissen und anderer Motivation an das Projekt herangehen als, sagen wir, jemand in der Entwicklung, die bislang noch nie Teil eines größeren Veränderungsvorhabens war ...”

Annika Saint-Catherine hob die Hand.
“Dr. Saint-Catherine?”
“Vielen Dank für diese faszinierende Darstellung, Frau König”, sagte Saint-Catherine mit einem starken französischen Akzent. “Ich finde es wunderbar, dass Sie unsere Mitarbeiter einbinden wollen. Aber ich frage mich, wie effizient das ist. Wenn jeder so viel Gestaltungsraum hat - kommen wir dann auch ans Ziel?”
Clara nickte. In einer anderen Welt - in einer Welt, in der Router kein Blut tranken - hatte sie mit der Frage gerechnet und eine Antwort vorbereitet. Der Zettel lag neben dem Laptop, gleich über der offenstehenden Schublade.
“Ja, wir kommen ans Ziel. Offen gesagt, ich bin sogar überzeugt, dass wir schneller ans Ziel kommen als mit einem monolithischen Prozess, der keinen Raum für Individualität lässt”, begann sie.
Alle vier Kontrollleuchten blinkten rot.
“Es gibt gute Argumente dafür, dass Mitarbeitende das größte Kapital eines Unternehmens sind”, fuhr sie fort und griff nach dem Brieföffner ihres Vaters. "Nicht Patente, Maschinen, Immobilien oder dergleichen, sondern Mitarbeitende." Mit einem Ruck stieß sie den Brieföffner unter ihren Daumennagel. Vor Schmerz wurde ihr schlecht. "Weil sie das lebendige Wissen des Unternehmens sind." Sie hob die Klinge an, bis der Nagel sich aus dem Bett löste. "Deshalb sind wir der Überzeugung, dass Veränderungsprozesse maximal inklusiv sein müssen."
Saint-Catherine sah skeptisch in ihre Webcam.
“Lassen Sie es mich anders ausdrücken”, fuhr Clara fort, zupfte ihren blutigen Daumennagel vom Bett und schnippte ihn auf den Router. "Natürlich können Sie Veränderungsprozesse schneller durchziehen. Aber dann verlieren Sie unter Umständen das Wertvollste, was Sie haben."
Der Router war jetzt über und über mit Blut besudelt. Aus den Augenwinkeln sah Clara, wie ihr Daumennagel in einem Lüftungsschlitz verschwand.
Die Leuchten blinkten weiter rot.
“Was willst du?”, murmelte sie.
“Bitte?”, fragte Annika Sainte-Catherine.
“Oh, nein, Entschuldigung, ich habe mit meinem Sohn gesprochen”, antwortete Clara, ohne den Blick zu heben.
“Mama ..?”, sagte Benni.
Der Router blinkte hektischer. Er will mehr, dachte Clara. Aber was?
Dann begriff sie.

Eine Stunde später verabschiedeten sich die Gäste von WMSB. Wie üblich bat Bea ihr Team, für die Nachbesprechung ein paar Minuten im Videochat zu bleiben.
“Was meint ihr?”, fragte sie, während sie sich den ersten Schluck Pitch-Bier genehmigte.
“Ich fand’s gut”, sagte Robert. “Ich glaube, die haben verstanden, worum es geht.”
“Prima abgeliefert”, ergänzte Christina. “Dagegen können die andern nicht anstinken. Und Clara war beeindruckend. So präsent!“
“Schön”, sagte Bea. “Clara, was meinst du?”
Claras Platz war leer.
“Ist sie weg?”, fragte Christina, als Beas Handy summte. Bea entschuldigte sich und ging aus dem Bild. Als sie wiederkam, war sie blass.
Bea schüttelte den Kopf. "Sie sind in der Notaufnahme."
„Oh scheiße. Ist das Fieber zurückgekommen?“
„Benni ... er ist verletzt. Er hat viel Blut verloren. Sie hat --"
Dann brach die Verbindung ab.
 
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Hallo Nick,

eine unterhaltsame, spannende Horrorgeschichte! Und ich habe gelernt, was ein Pitch ist - das wusste ich noch gar nicht :) .

Allerdings ist das Ende in dem Zusammenhang etwas unglaubwürdig: eine liebende Mutter, die das Blut ihres Kindes bzw. viellelcht sogar ihr Kind für einen Auftrag opfert? Ich hätte es besser gefunden, wenn sie sich mit dem Router angelegt hätte und versucht hätte, ihr Kind in Sicherheit zu bringen (ohne dass es Blut verliert und in Lebensgefahr gerät). Oder man muss die Mutter von Anfang an anders darstellen: karrieresüchtig, und zwar so, dass sie über Leichen geht, bereit, notfalls alles zu opfern, aber so wirkt Clara nicht.

Noch ein paar Anmerkungen:

Clara lächelte. “Ich hoffe, es wird nicht so schlimm.”
“Bevor Sie dazu kamen, haben wir schon eine kleine Vorstellungsrunde gemacht. Vielleicht stellen wir uns nochmal ganz kurz vor, mit Namen und Funktion. Mein Name ist Bianca Schelle und ich leite den Einkauf bei WMSB.”
“Hans Getschmer, IT.”
“Frank Kunz, Personalwesen.”
“Yasmin Yildiz, Produktentwicklung.”
“Natalie Bauer, Buchhaltung.”
“Friedrich Jakob, Vorstand.”
“Annika Saint-Catherine, Vorstand.”
“Robert Ligeaux, Vorstand.”
Nicht so wichtig für die Geschichte, wer welche Funktion hat. Finde ich hier eher verwirrend (auch wenn es aus beruflicher Sicht interessant zu lesen ist).

Benni blickte seine Mutter an, dann den Laptop, dann den blutbefleckten Router. “Ah-ah”, sagte er. Die Windel war voll.
Die volle Windel ist auch völlig unerheblich für die Geschichte.

Aber alles in allem hat mich die Geschichte mitgerissen. Du hast erstaunliche Einfälle.

LG SilberneDelfine
 

Nick

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Hi @SilberneDelfine,

vielen Dank für deinen Kommentar! Die Vorstellungen und die Windel kürze ich - da bin ich bei dir. Und auch ein neues / anderes Ende wird's geben. Ich spiele gerade mit verschiedenen Möglichkeiten herum ... Nochmal vielen Dank - und viele Grüße! Nick
 
Bei sehr vielen Geschichten hier denkt man: okay, könnte 1978, 2004 oder 2017 spielen - da ist Dein Text eine echte Wohltat. Diesen typischen Video-Call-Präsentations-Sound, unter dem viele von uns echt leiden inzwischen, hast Du wirklich perfekt getroffen. Das ist ganz stark! Der Horrorteil, ich weiß nicht. Ich mag so etwas prinzipiell nicht, was dann ja eher mein Problem ist. Als Metapher für die Bedingungslosigkeit, mit der man sich heute durchsetzen muss (dabei klingt ja alles immer so wahnsinnig nett, genderesk und agile), ist ja vielleicht sogar stark - aber für mich ist vor allem das Ende einfach drüber. Und viel zu krass und blutig...
 

Nick

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Hallo @Jürgen Hoffmann! Vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich sehr, dass das Setting der Story funktioniert. Ich will Horror schreiben und dabei auch mal mit unverbrauchten Ideen experimentieren. Wenn diese Ideen dann funktionieren, freut mich das natürlich sehr. (In die Klischeefalle tappe ich aber auch mal, siehe meine Story “Das Nest”).

Was den zweiten Teil der Story betrifft, den Horror, das Groteske, den Splatter und das gemeine Ende: Naja, es soll halt nicht nur gesellschaftskritisch und satirisch sein, sondern auch eine Geisterbahnfahrt. Dass das Geschmacksache ist, da stimme ich dir völlig zu, und sicher ist das Ende als Ganzes nochmal bearbeitenswert - das neue Finale ist schon in der Mache. Aber ohne ein paar Gemeinheiten wär doch nix...

Man liest sich!

Lässt nachts das Licht brennen:

Nick
 

juliawa

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Also mir gefällt das neue Ende schon sehr gut. Klar ist es krass, aber die Geschichte ist ja auch in der Horror-Sparte.
 

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