Der Tod im Chat

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anemone

Mitglied
für herb, meinem auch-Chatfreund (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin)
nach einer wahren Begebenheit:

Der Tod im Chat

Es ist einer dieser langweiligen Tage, wo selbst die Geschichten im Internet mich nicht richtig aufheitern können. Ich sehe mir mal an, was so im Chat los ist!

Da sehe ich den Eintrag: „Der Tod“
Zuerst erschrecke ich.
Dann reagier ich mit Humor.

„Warum der Tod?“

„Wegen der Stimmung“

„Kann ich den Tod denn etwas aufheitern?“

„Vielleicht“
Der Tod reagiert einsilbig

„Fährt denn der Tod in Urlaub?“

„Kein Geld“
der Tod scheint arm zu sein.

Ich höre ein Geräusch.

„Moment mal, da muss etwas passiert sein!“
Ich laufe vor die Haustür.

Dort steht ein leichter LKW mit Anhänger.
Der Fahrer begibt sich zurück hinter das Fahrzeug.
Ich begebe mich zurück zum Tod.

„Unfall?“
steht schon da.

„harmlos“ mein Kommentar.

Der Tod wünscht sich ein paar Verse.

Ich beginne:
„Der Tod ist heute hier im Chat“

Vor dem Fenster wird es unruhig,
es laufen immer mehr Menschen herbei.

„Ich muss noch mal nachsehen“.

Der Tod wartet wieder.
Ich laufe über die Straße, die gesperrt wurde.

Die Sanitäter versuchen einen Menschen mit Herzmassage zurück ins Leben zu holen.

Es ist eine Fahrradfahrerin, die auf die Straße fiel und von dem LKW überfahren wurde.
Ihr linker Fuß ist völlig überfahren worden.

Erfolglos war der Versuch, sie ins Leben zurück zu holen, wie sich später herausstellt.
Ich teile es dem Tod mit.
Das wollte er aber nicht, versicherte er.

Er versprach mir, sich nie mehr unter „Der Tod“ einloggen zu lassen.
Ich schrieb nicht: Aufwiederlesen.

Auch wenn uns jetzt das Herz fast bricht, Mörder sind wir trotzdem nicht!
 

Chris Hunter

Mitglied
mmh liest sich ein bischen kantig die storie. evtl. kannste sie ja noch ein wenig ausführlicher schreiben. Und bekommt man n Herzschocker wegen überfahrenem Fuß?
 

Zefira

Mitglied
Liebe anemone,

mir hat der Text sehr gefallen - gerade wegen der drögen Sprache.

Wobei ich Chris Hunter recht geben muß - den Satz mit dem linken Fuß könntest Du streichen, er verwirrt nur, denn an einem kaputten Fuß stirbt man ja nicht gleich ...

Für meinen persönlichen Geschmack fände ich es interessanter, die letzten beiden Absätze wegzulassen und mit "Dies wollte er aber nicht, versichert er" zu enden. Dann würde die Geschichte offenlassen, ob es sich nur um einen makabren Zufall oder doch um eine echte Horrorvision handelt ... So erweckst Du aber den Eindruck, daß es letztlich doch ein ganz normaler Chatpartner war, der gerade seine nekrophilen fünf Minuten hatte und dann zu Tode erschrocken war über die Allgegenwart des Todes ... für mich profaniert das die Geschichte, die ohne dieses Ende mehr Spielraum für die Phantasie ließe.

Trotzdem: gut gemacht. Lieben Gruß an herb :D
Zefira
 

anemone

Mitglied
hallo Chris Hunter und Zefira,

ich habe diese Geschichte unter Horror gesetzt, da sie mir als solche erscheint und ich betrachte sie als Horror des Lebens. Nichts, aber auch gar nichts daran ist frei erfunden
und ich bitte sie als Tatsache einfach so hinzunehmen.

Tagebuch - tägliche Aufzeichnung jener Teile eines Lebens,
die man sich selbst ohne zu erröten anvertrauen kann. Ambrose Bierce
 
H

HerZPiraT

Gast
nun, anemone,
und was wäre so schlimm, wenn der tod im chat mitreden würde?
und wenn er tatsächlich mit dir spräche?
wovor hast du angst?
der tod klopft irgendwann an unser aller tür.
er nickt uns freundlich zu und bedeutet uns, ihm zu folgen.
wohin auch immer.
natürlich werden die meisten von uns sagen:
nein, halt, noch nicht, irrtum!
dann wird der tod uns mitleidig ansehen
und wir werden wissen, das wir ihm folgen müssen.
also? wovor hast du angst?

in wirklichkeit hast du angst vor den mördern, nicht vor dem tod.
du fürchtest dich vor schmerzen, leid, verstümmelung, dahinsiechen, aber nicht vor dem tod.

vielleicht solltest du eine zweite geschichte schreiben, einen brief an den tod, in dem du ihn rehabilitierst.

gruss

der
PiraT

ps: die form deiner geschichte gefällt mir sehr gut, drei geschichten in einer.
 

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