Der verschüttelte Dichter

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen
Der verschüttelte Dichter

Rolf-Peter Wille


Frischauf, an meiner Schand gerüttelt!
Schon schien ich, scheint mir, recht verschleimt.
Leis hab ich mich am Rand geschüttelt
Doch leider, fürcht ich, schlecht verreimt.

Ganz ohne Ironie gesagt:
Mein Reim, der sich am Stab vergreift,
Hat an der Poesie genagt,
Die grau vor Gram im Grab versteift.

Da ist mir, ach, beim Bilder Weben
Der Vers aus seiner Zucht geschlittert.
Will auch der Rhythmus wilder beben,
Schlimm ist er durch die Schlucht gezittert.

Zwar sieht man manch Metapher schlau
Aus diesen öden Stanzen winken.
Erkaltet bald, wie schlaffer Tau,
Wird sie nach schnöden Wanzen stinken.

Nun spriessen mir recht bange Klauen;
Die sollen flinke Triller schreiben,
Gewandter dann am Klange bauen,
Es noch rasanter, schriller treiben.

So wachsen mir die Dichterranken
Wie wilder Wein am Rebenstrauch.
Nie wirst Du mir, mein Richter, danken.
Dir scheint solch eitles Streben Rauch.
 

Udogi-Sela

Mitglied
Nein, nein, gar nicht „schlecht verreimt“!
Die Worte des Gedichts strafen dessen Aussage Lügen!
Allerdings: Liegt die Poesie „grau vor Gram im Grab versteift“?
Etwa wegen dieser Verse?
Mitnichten!

Stabreimen ist bekanntermaßen nicht leicht; deshalb bleibt zu sagen:
Ich wünschte mir „solch eitles Streben (für mich) auch“.

Herzlichst
Udo
 
K

Klopfstock

Gast
Hallo, Rolf-Peter,
was mich an Deinem Gedicht echt beeindruckt hat, das sind die raffinieten Reime:

Frischauf, an meiner Schand gerüttelt!
Schon schien ich, scheint mir, [blue]recht verschleimt[/blue].
Leis hab ich mich am Rand geschüttelt
Doch leider, fürcht ich, [blue]schlecht verreimt[/blue].


Daß sich die erste Zeile auf die dritte reimt und die zweite auf die vierte - das ist nichts Neues,aber
daß sich diese Zeilen gleich mit jeweils zwei Worten
aufeinander reimen , das ist schon bemerkenswert.
Hat diese Technik einen speziellen Namen oder ist es Deine persönliche Erfindung???

Der Fett- und Blaudruck soll es nur verdeutlichen -
hat sonst nichts zu bedeuten (man korrigiert ja sonst mit blau;))

Liebe Grüße
Klopfstock:)
 
Hallo Udo,

vielen Dank! Aber streb' lieber nicht nach diesen Eitelkeiten. Wenn das Hirn erstmal mit diesen Spielereien anfaengt, kann man es kaum wieder ausschalten... ;)

Herzliche Gruesse,
Rolf-Peter
 
Hallo Klopfstock,

ja, das sind Schuettelreime (daher der "verschuettelte" Dichter). Beliebt bei Pianisten, offensichtlich. Beruehmt und beruechtigt waren die Schuetteleien von Arthur Schnabel (Am Anfang war der Schnabel nur/ Am Ende einer Nabelschnur). Die meisten Schuettelgedichte sind aber nur Zweizeiler. Wenn man mehrere Schuettelreime aufeinander folgen laesst, ist es fast unmoeglich ueberhaupt noch einen Sinn in das Gedicht zu bringen. Aber wenn man hier mit dem Gruebeln anfaengt, kann man gar nicht mehr aufhoeren damit und schuettelt noch im Traum...

Liebe Gruesse,
Rolf-Peter
 

Herr Müller

Mitglied
Lieber Wolf-Peter Pille

das ist eine Form der Reimkunst, an die ich mich noch nicht gewagt habe, in Anbetracht dieser Meisterhaftigkeit werde ich es auch noch verschieben, um nicht in Gegenwart dieser Zeilen zu verblassen. Genug geschleimrüttelt :)

Henrik
 
Hallo Henrik,

es ist leicht, Schuettelreime zu fangen (die Tinte mit dem Fueller mischen; so kannst Du sie, Herr Mueller, fischen).

Dank und Gruesse,
RP
 

Oben Unten