Endlich setzte sie sich, und es tat ihr gut. Nach dem Lauf durch die nächtlichen Straßen der Stadt mit ihrem seufzenden, blassen Mann, dessen Hände schienen, zu seinem Bauch angewachsen zu sein, und dem Gespräch mit einer verschlafenen Krankenschwester in der Notaufnahme, kam ihr die harte Bank im Wartezimmer des Krankenhauses wie ein Schlosssofa vor. Erst jetzt bemerkte Edita die Menschen im Wartezimmer besser. Ihr Blick traf auf den einer Frau mit blonden Strähnen über einem dunkleren Gesicht. Sie war ziemlich groß, modisch gekleidet, ihre schlanken Hüften rankte ein Lederrock um, die Füße steckten in Turnschuhen. Die Frau lehnte sich an dem ehemaligen inneren Pförtnerraum auf, der nun eher eine hölzerne Bude ohne Glas war. Von ihrer Stelle aus schien sie das ganze Wartezimmer und auch den weißen Flur vor ihr, aus dem man in die Ambulanzen eintrat, zu kontrollieren. Am anderen Ende des Raumes saßen noch zwei Männer und eine Frau, alle überdurchschnittlich genährt. Die Frau starrte in die Luft, die Männer, in zerrissenen Jeans, schienen zu schlummern.
Die Stille im Warteraum wurde durch ein paar Worte in einer für Edita unbekannten Sprache. Es fiel ihr ein, dass es die Zigeunersprache (Romani) war. Es lag auf der Hand, alle vier gehörten zusammen und die Frau im Lederrock hatte unter ihnen das Sagen.
Es war halb drei früh. Edita begann auf der Bank zu schlummern. Ihr Mann erschien immer noch nicht, es war fast sicher, dass er in der Ambulanz eine Infusion bekam. Die Ankunft einer jungen Krankenschwester unterbrach die allgemeine schläfrige Stimmung. Sie blieb bei den sitzenden Zigeunern stehen und reichte einem von ihnen ein Formular. Sanft erklärte sie dazu: „Wissen Sie, ihr Bekannter bekommt jetzt eine Infusion. Sein Zustand ist kritisch, sein Blutzuckerwert beträgt 35. Selbst der Arzt hat so etwas noch nie erlebt. Er sollte im Krankenhaus bleiben, aber er weigert sich. Hier ist ein Formular, füllen Sie es aus und unterschreiben Sie, dass Sie den Patienten auf eigenes Risiko mit nach Hause nehmen.“ Der junge Zigeuner schaute das Papier einen Moment an und begann es in den Händen umzudrehen.
Halb im Schlaf fragte sich Edita, wann sie zuletzt von jemandem im weißen Mantel so freundlich und einfühlsam angesprochen worden war. Zugleich fiel es Ihr ein, dass sie schon seit gut dreiviertel Stunden hier saß und niemand deutete ihr an, was mit ihrem Mann los war. Die Krankenschwester eilte in die Ambulanz zurück.
Die resolute blonde Zigeunerin begann jetzt Tschechisch zu sprechen. Edita begriff, dass sie sie in das Gespräch verwickeln wollte. Sie griff nach dem Papier, besichtigte es und sagte zu Edita: „Na, sehen Sie, dieses hier ist eine Patientenverfügung. Aber was ist da eigentlich zu wundern? Der Mann würde ständig nur selber Kekse, Bonbons und Kuchen essen, und jetzt hat er diesen Zuckerwert.“ „Fünfunddreißig,“ wiederholte sie nach der Schwester.
Edita erwiderte: „Ach was, lassen Sie den Patienten einfach im Krankenhaus. Hier wird man ihm helfen und seinen Blutzucker ganz sicher senken. Natürlich muss man dann Diät halten, Medikamente einnehmen und die Ratschläge der Ärzte befolgen. Diabetes ist eine heimtückische Krankheit. Man sollte sie den Ärzten zur Behandlung überlassen.“
„Na ja, aber er ist erwachsen, wir können ihm keine Befehle geben“, sagte die Zigeunerin.
Edita bereute, etwas überhaupt gesagt zu haben, und schloss erneut ihre Augen zu. Nach einem Moment registrierte sie in ihrer Nähe eine Bewegung. Es erschien der Zuckerrekordmann und setzte sich auf die Bank neben sie. Es war ein älterer, imposanter Mann, etwa siebzig Jahre alt, mit einer scharfkantigen Adlernase in seinem dunklen Gesicht. Sein stattlicher Bauch wölbte sich über einem breiten Ledergürtel. Edita schätzte ab, dass der Umfang seiner Taille sicher seine Körpergröße übertraf. Ihr Blick wanderte zu den eleganten ockerfarbenen Schuhen des Patienten. Vor einiger Zeit hatte sie ähnliche im Schaufenster einer Boutique auf der Hauptstraße gesehen; sie hatten ungefähr hundertfünfzig Euro gekostet. Na, dieser da scheint die höchste Etage des Roma-Ethnie zu sein, vielleicht sogar der Wajda (der Wojwoda der Zigeuner) selbst, fiel Edita ein.
Dann begann alles schnell wie in einem Film zu laufen. Der Patient richtete einen kurzen, knappen Befehl an dien auf ihn Wartende, woraufhin einer der Zigeuner blitzschnell aufstand und hinter der Glastür in der Dunkelheit verschwand. Eine Minute später erschien eine große, dunkle Limousine direkt vor der Tür auf der Rampe, wo normalerweise nur Krankenwagen halten. Alle Zigeuner, einschließlich des Patienten sprangen innerhalb der nächsten Minute ins Auto und verschwanden in der schwindenden Dunkelheit. Sie machten sich so schnell aus dem Staub, als wären sie nie da gewesen. Wäre die nicht ausgefüllte Patientenverfügung nicht auf der Bank gelegen, hätte Edita gedacht, sie habe geträumt.
Ihr Mann war noch immer beim Arzt. Edita stand auf und spazierte im Raum herum. Ihre Schritte führten auch zu der Stelle, wo die blonde Zigeunerin, die das Sagen hatte, stand. Auf dem Holzregal lag ein Taschenbuch. Der schäbige Umschlag und die teilweise abgerissenen Kanten zeugten vom Alter des Buches und einer nicht gerade schonenden Behandlung. Edita nahm das Buch in die Hand, und ihr Herz sprang vor Freude. Es war „Der Zigeunerbaron“ von dem berühmten ungarischen Schriftsteller Mór Jókai! In ihrer Jugend hatte sie alle Werke dieses großen ungarischen Prosaautors gelesen, trotzdem beschloss sie, dieses Buch mitzunehmen, denn ein solches Juwel wird heutzutage nur noch selten verlegt. Sie schlug das Buch auf, und gleich auf der ersten Seite, unter dem Titel, prangte eine handgeschriebene Handynummer. Teils aus Neugier, teils aus Langeweile wählte sie die Nummer. Sie wollte gerade auflegen, als eine heisere Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte: „Hallo, hier spricht Feri Farkaš, der Zigeunerbaron. Was wünschen Sie?“
Die Stille im Warteraum wurde durch ein paar Worte in einer für Edita unbekannten Sprache. Es fiel ihr ein, dass es die Zigeunersprache (Romani) war. Es lag auf der Hand, alle vier gehörten zusammen und die Frau im Lederrock hatte unter ihnen das Sagen.
Es war halb drei früh. Edita begann auf der Bank zu schlummern. Ihr Mann erschien immer noch nicht, es war fast sicher, dass er in der Ambulanz eine Infusion bekam. Die Ankunft einer jungen Krankenschwester unterbrach die allgemeine schläfrige Stimmung. Sie blieb bei den sitzenden Zigeunern stehen und reichte einem von ihnen ein Formular. Sanft erklärte sie dazu: „Wissen Sie, ihr Bekannter bekommt jetzt eine Infusion. Sein Zustand ist kritisch, sein Blutzuckerwert beträgt 35. Selbst der Arzt hat so etwas noch nie erlebt. Er sollte im Krankenhaus bleiben, aber er weigert sich. Hier ist ein Formular, füllen Sie es aus und unterschreiben Sie, dass Sie den Patienten auf eigenes Risiko mit nach Hause nehmen.“ Der junge Zigeuner schaute das Papier einen Moment an und begann es in den Händen umzudrehen.
Halb im Schlaf fragte sich Edita, wann sie zuletzt von jemandem im weißen Mantel so freundlich und einfühlsam angesprochen worden war. Zugleich fiel es Ihr ein, dass sie schon seit gut dreiviertel Stunden hier saß und niemand deutete ihr an, was mit ihrem Mann los war. Die Krankenschwester eilte in die Ambulanz zurück.
Die resolute blonde Zigeunerin begann jetzt Tschechisch zu sprechen. Edita begriff, dass sie sie in das Gespräch verwickeln wollte. Sie griff nach dem Papier, besichtigte es und sagte zu Edita: „Na, sehen Sie, dieses hier ist eine Patientenverfügung. Aber was ist da eigentlich zu wundern? Der Mann würde ständig nur selber Kekse, Bonbons und Kuchen essen, und jetzt hat er diesen Zuckerwert.“ „Fünfunddreißig,“ wiederholte sie nach der Schwester.
Edita erwiderte: „Ach was, lassen Sie den Patienten einfach im Krankenhaus. Hier wird man ihm helfen und seinen Blutzucker ganz sicher senken. Natürlich muss man dann Diät halten, Medikamente einnehmen und die Ratschläge der Ärzte befolgen. Diabetes ist eine heimtückische Krankheit. Man sollte sie den Ärzten zur Behandlung überlassen.“
„Na ja, aber er ist erwachsen, wir können ihm keine Befehle geben“, sagte die Zigeunerin.
Edita bereute, etwas überhaupt gesagt zu haben, und schloss erneut ihre Augen zu. Nach einem Moment registrierte sie in ihrer Nähe eine Bewegung. Es erschien der Zuckerrekordmann und setzte sich auf die Bank neben sie. Es war ein älterer, imposanter Mann, etwa siebzig Jahre alt, mit einer scharfkantigen Adlernase in seinem dunklen Gesicht. Sein stattlicher Bauch wölbte sich über einem breiten Ledergürtel. Edita schätzte ab, dass der Umfang seiner Taille sicher seine Körpergröße übertraf. Ihr Blick wanderte zu den eleganten ockerfarbenen Schuhen des Patienten. Vor einiger Zeit hatte sie ähnliche im Schaufenster einer Boutique auf der Hauptstraße gesehen; sie hatten ungefähr hundertfünfzig Euro gekostet. Na, dieser da scheint die höchste Etage des Roma-Ethnie zu sein, vielleicht sogar der Wajda (der Wojwoda der Zigeuner) selbst, fiel Edita ein.
Dann begann alles schnell wie in einem Film zu laufen. Der Patient richtete einen kurzen, knappen Befehl an dien auf ihn Wartende, woraufhin einer der Zigeuner blitzschnell aufstand und hinter der Glastür in der Dunkelheit verschwand. Eine Minute später erschien eine große, dunkle Limousine direkt vor der Tür auf der Rampe, wo normalerweise nur Krankenwagen halten. Alle Zigeuner, einschließlich des Patienten sprangen innerhalb der nächsten Minute ins Auto und verschwanden in der schwindenden Dunkelheit. Sie machten sich so schnell aus dem Staub, als wären sie nie da gewesen. Wäre die nicht ausgefüllte Patientenverfügung nicht auf der Bank gelegen, hätte Edita gedacht, sie habe geträumt.
Ihr Mann war noch immer beim Arzt. Edita stand auf und spazierte im Raum herum. Ihre Schritte führten auch zu der Stelle, wo die blonde Zigeunerin, die das Sagen hatte, stand. Auf dem Holzregal lag ein Taschenbuch. Der schäbige Umschlag und die teilweise abgerissenen Kanten zeugten vom Alter des Buches und einer nicht gerade schonenden Behandlung. Edita nahm das Buch in die Hand, und ihr Herz sprang vor Freude. Es war „Der Zigeunerbaron“ von dem berühmten ungarischen Schriftsteller Mór Jókai! In ihrer Jugend hatte sie alle Werke dieses großen ungarischen Prosaautors gelesen, trotzdem beschloss sie, dieses Buch mitzunehmen, denn ein solches Juwel wird heutzutage nur noch selten verlegt. Sie schlug das Buch auf, und gleich auf der ersten Seite, unter dem Titel, prangte eine handgeschriebene Handynummer. Teils aus Neugier, teils aus Langeweile wählte sie die Nummer. Sie wollte gerade auflegen, als eine heisere Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte: „Hallo, hier spricht Feri Farkaš, der Zigeunerbaron. Was wünschen Sie?“