Dereinst

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Und dann ist da noch die Frage nach dem zutreffenden Zeitpunkt: die öffentliche Erklärung der Führbarkeit oder eine frühere konkrete Vorbereitung darauf, sei es auch nur im Sinne einer Inkaufnahme?

Formal erinnert mich der erratische kleine Text dunkel an etwas Ähnliches, Älteres. Ich komme nur nicht darauf, was es gewesen sein könnte. Steht es bewusst in einer Traditionslinie, Petra?

Liebe Grüße
Arno
 

trivial

Mitglied
Vor kurzem sah ich eine Talkshow, in der Ole Nymoen zur Rechenschaft gezogen wurde, da er es wagte, ein Buch herauszubringen, in dem er sagt, er möchte nicht für sein Land in den Krieg ziehen.
Ich war etwas erschrocken – auch wenn es offensichtlich ist, wie sich die Mentalität geändert hat. Immer mit der Begründung: Die Lage hat sich halt geändert.
Als ob eine pazifistische Grundeinstellung nur ein Abfallprodukt einer friedlichen Zeit gewesen wäre.

Die Lage hat sich halt geändert – da muss man auch mal wieder töten dürfen.
Vielleicht auch Frauen das Wahlrecht entziehen, wenn es die Lage halt erfordert.
Kinder in die Mine schicken.
Und ein paar Menschen die Menschlichkeit absprechen – dann können die bis zum Tod für uns arbeiten. Ohne Lohn, ohne Rente, ohne Rechte.
Ist doch naiv und illusorisch, das abzustreiten.

Entschuldige, ich habe mich etwas hinreißen lassen – aber ja, ich denke auch:
Kriege sind keine Naturgewalten, die einfach ausbrechen. Sie sind kalkulierte Eskalation nach Interessenlage.
 

petrasmiles

Mitglied
Formal erinnert mich der erratische kleine Text dunkel an etwas Ähnliches, Älteres. Ich komme nur nicht darauf, was es gewesen sein könnte. Steht es bewusst in einer Traditionslinie, Petra?
Lieber Arno,

vielen Dank für Deinen vielfältigen Zuspruch.
Mit Deiner Frage erwischst Du mich auf dem falschen Fuß - ich bin nicht so ein 'Planer' von Texten, sondern er wird geboren, wenn er mir in den Sinn kommt. Es kann also gut sein, dass ich an einer oder einer anderen Stelle etwas Ähnlich zugespitztes geschrieben habe, es könnte aber auch von Dichter Erdling - oder sogar Dir - sein, wobei Du es sicher genauer wüßtest :)

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Entschuldige, ich habe mich etwas hinreißen lassen
Gar nicht nötig, das sehe ich genauso und gehört auch in diesen Kontext.
Das muss man sich klar machen.

Heute sah ich in einer Tageszeitung das Ergebnis einer Umfrage, wonach 72% dafür seien, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt würde. Mal wieder wurden ca. 1.500 zufällige Personen befragt. So stellt man auch 'Akzeptanz' her - wenn doch 'alle' der Meinung sind?

Danke für Deine Zustimmung!

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Petra,

es war nicht so, dass ich mich gestern bei deinem Text an einen bestimmten Inhalt erinnert gefühlt hätte, schon gar nicht an konkrete Texte von einem von uns, Es war nur der eigentümliche Klang, die Stimmung. Inzwischen wurde mir auch bewusst, woran es für mich anklingt - an den Typus Weissagung. Beispiel: "Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören. (Krösus). Ähnlich die bekannte Indianer-Prophezeiung darüber, wann man feststellen wird, dass man Geld nicht essen kann. - Nennen wir also das von den zwei Zeilen in meinem Kopf zunächst Ausgelöste eine atmosphärische Assoziation (Traditionslinie Pythia).

Liebe Grüße
Arno
 
Ein Text, ebenso lapidar wie zutreffend. Leider.
Ich würde ihn sogar um zwei weitere Wörter kürzen, so:
"Später wird man fragen: Wann begann der Krieg?
Und die Antwort wird lauten: An dem Tag, an dem die Herrschenden ihn für führbar hielten."
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Petra,

ich habe darüber nachgedacht, ob man nicht auch schreiben könnte:

Später wird man fragen: Wann begann der Krieg?
Und die Antwort wird lauten: An dem Tag, an dem wir ihn für führbar hielten.


Dann wäre auch die Verantwort derer, die den Herrschenden ihr Tun erlauben, klarer. Aber dann habe ich bemerkt, dass das ja eigentlich die Quintessenz deines Aphorismus' ist und habe meinen Gedanken wieder verworfen.

Dein kurzer Text lädt also ganz schön zum Nachdenken ein. Aber er hinterlässt auch ein gewissermaßen ohnmächtiges Gefühl. Was tun, sprach Zeus?

Liebe Grüße
Frodomir
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Frodomir,

gerade in den letzten vier Jahren habe ich die Begrenztheit der Einflussmöglichkeiten eines Einzelnen vor Augen geführt bekommen.

Parallel dazu brauchen unsere 'Herrscher' gar keine Claqueure mehr. Ob es eine Mehrheit gut und richtig findet, was sie da machen, ob es überhaupt diese Mehrheiten gibt, und nicht nur geschickte Fragestellungen bei Umfragen Spielraum für das erwünschte Ergebnis sorgen, ob es immer noch zu viele gibt, die an diesem System mit Gewinn partizipieren? Allein die Zahl der Ministerialen ist wieder gewachsen, trotz der Verkleinerung des Bundestages, der öffentliche Dienst wächst, während die Stellen der Bürgerdienste schrumpfen, die, die es zuerst trifft, sind schon an den Rand der Sichtbarkeit gentrifiziert, zudem kann man sie wunderbar mit irgendwelchen Haltungsfragen diffamieren, haben ihr Schicksal also verdient, nicht wahr?
Das alles ficht sie nicht an.

Es gibt genug, die sich hinter diesem 'wir' verstecken können. Ich sage nur: Not in my name! Und ob ich zu einer Demo gehe, meinem Abgeordneten schreibe oder in den Hungerstreikt trete, interessiert niemanden. Und eine Partei, die eine andere Politik machen würde und auch noch gewählt würde, so dass sie eine andere Politik machen könnte, ist nicht vorhanden.
Ich habe das Gefühl, wir leben schon in postdemokratischen Zeiten, und es sind wieder die Kaiser, Fürsten und Generäle, die diese 'Führbarkeit' sehen, die Masse der Menschen kann man höchstens dazu verführen, Parolen zu glauben, aber nicht dazu, einen Krieg für führbar zu halten.
Also nein, kein 'wir'.

Liebe Grüße
Petra
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Petra,

vielen Dank für deine Antwort. Ich kann nur zustimmend nicken, vielleicht auch resignierend. Aber auch in der Resignation liegt gewissermaßen eine Kraft. Wenn einem etwas egaler wird, kann man mit manchen Dingen freier umgehen, aber es ist ein schmaler Grad zwischen "Ich kann eh nichts ändern - mir ist alles egal" und "ich kann nicht viel ändern - aber diese Welt ist mir wichtig". Bei der zweiten Option verliert man den Schmerz nicht vollständig, aber eben auch nicht die Empathie. Deine Ausführungen klingen immer genau so und das finde ich stark.

Liebe Grüße
Frodomir
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Frodomir,

'alles egal' ist tatsächlich keine Option. Ich halte es auch nicht für erstrebenswert, Schmerz zu vermeiden. Wir schrumpfen dabei.
Es ist immer die Auseinandersetzung mit der Realität, die uns wachsen lässt. Und die ist, wie sie ist.

Einen schönen Sonntag noch!

Liebe Grüße
Petra
 



 
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