dichten im Stile von ...

HerbertH

Mitglied
im Stile von Hölderlin! Hölderlin!

O Leser! Leser! die ihr so treu mich lest!
Was trübet meine einsame Wörter so?
Was zwingt mein armes Hirn in diese
Müsliumnachtete Totenstille?

Ich fliehe euren herzlichen Kommentar,
Den Selenvollen, amtlichen Bruderkuß.
O straft mich nicht, daß ich ihn fliehe!
Schaut mir ins Kleingedruckte! Prüft und dichtet! -

Ists Bestrebung nach dichtender Vollkommenheit?
Ists leises Geizen um die Reime ob der Fron?
Ists schwacher Tand von Amazon? ists
Kämpfendes Streben nach Werk des Monats?

Ach Leser! welcher Winkel im Netz kann
Mich decken, daß ich ewig in Acht gehüllt
Dort weine? Ich erreich' ihn stets, den
Weltummeilenden Flug ins Unbekannt.

Doch nein! hinauf den Trampelpfad, zur Ehre! Ehre!
Hinauf! hinauf! im glühenden Haufenreim.
Sie zu erreichen; muß auch ich einst
Röchelnd stammeln: Vergeßt mich nicht, Ihr Leser

--
Vgl. http://www.textlog.de/16970.html
 

Mondnein

Mitglied
alkäische Strophen?

Die erste Strophe ist noch richtig. Dann sah ich die zu lang geratene Verszeile:
Schaut mir ins Kleingedruckte! Prüft und dichtet! -
und folgte dem angegebenen link: Da sah ich den echten Hölderlin, saubere alkäische Strophen nach dem Horaz-Muster "vides ut alta stet nive candidum".
Um Hölderlin zu kopieren, zu parodieren, zu persiflieren oder schlicht weiterzudichten (why not) muß man auf allerstrengste Weise seine antiken Strophenformen mitnehmen. Wenn ich einen Van Gogh fälsche, muß ich seinen Pinselstrichrhythmus nachvollziehen; wenn ich eine Bachfuge versuche, muß ich duces und comites formgerecht bauen; wenn ich Horaz eindeutsche, muß ich seiner Form gerecht werden.
Eigentlich ist Hölderlin der dritte deutsche Klassiker nach Goethe und Schiller, aber da die Deutschlehrer seine Strophenformen nicht kennen geschweige beherrschen (denn sie haben keinen Horaz in ihren Schulzeiten gelesen, wie es für Gymnasiasten des 18. und 19 Jahrhunderts Standard war), lesen (in allen Bedeutungen des Wortes) sie ihn nicht in den Schulen - und die Schüler kennen ihn nicht mehr. Hast Du Horaz noch im Lateinunterricht gelesen, lieber Herbert? Ich vermute nein.
Langer Rede kurzer Sinn: Die Hölderlin-Vorlage hat alkäische Strophen.
 

HerbertH

Mitglied
Lieber Mondnein,

Du hast recht - oder doch nicht so ganz?

Lese ich http://de.wikipedia.org/wiki/Alkäische_Strophe ,
so ist es mir kaum möglich, die alkäische Strophe in einer Reinform bei Hölderlin zitiertem Gedicht zu entdecken. Ich will natürlich nicht behaupten, dass man hier nicht noch Nebenformen kennt, die in jenem Link nicht behandelt werden, oder dass ich gar ein Experte für die Alkäische Strophe wäre ... Horaz stand bei uns nicht auf dem Lehrplan, trotz großem Latinum...

Es ging mir auch nicht um eine Feste Form - schließlich steht das Ganze unter Ungereimtes.

Mir ging es mehr um den sprachlichen Hölderlin-Duktus des Gedichtes, den ich natürlich übertrieben habe. Es gibt ja nicht nur die Metrik, sondern auch Sprachfiguren, Emphase, etc.

Das eigene Experimentieren mit Varianten ist für mich reizvoll. Eine Art "Imitat" wollte ich nie, eher eine Art "Kommentar" aus meiner Sicht und in meiner - sicherlich nicht in die Höhen der Klassiker reichenden - Art zu schreiben.


Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
im Stile von Hölderlin! Hölderlin!?

O Leser! Leser! die ihr so treu mich lest!
Was trübet meine einsame Wörter so?
Was zwingt mein armes Hirn in diese
Müsliumnachtete Totenstille?

Ich fliehe euren herzlichen Kommentar,
Den Selenvollen, amtlichen Bruderkuß.
O straft mich nicht, daß ich ihn fliehe!
Schaut mir ins Kleingedruckte! Prüft und dichtet! -

Ists Bestrebung nach dichtender Vollkommenheit?
Ists leises Geizen um die Reime ob der Fron?
Ists schwacher Tand von Amazon? ists
Kämpfendes Streben nach Werk des Monats?

Ach Leser! welcher Winkel im Netz kann
Mich decken, daß ich ewig in Acht gehüllt
Dort weine? Ich erreich' ihn stets, den
Weltummeilenden Flug ins Unbekannt.

Doch nein! hinauf den Trampelpfad, zur Ehre! Ehre!
Hinauf! hinauf! im glühenden Haufenreim.
Sie zu erreichen; muß auch ich einst
Röchelnd stammeln: Vergeßt mich nicht, Ihr Leser

--
Vgl. http://www.textlog.de/16970.html
 

Mondnein

Mitglied
antike Strophenformen

Ich lese Horaz mit meinen Lateinschülern, und zwar die "Paradeoden" vom Anfang des ersten Buchs der "carmina". Wir haben eine lateinische Schulhymne von 1565 (Gründung unseres Gymnasiums), die in sapphischer Strophenform geschrieben ist. Insgesamt stehe ich aber alleine da mit diesem alten Kram, das interessiert keinen Kollegen, deshalb wird die Schulhymne, dieses Schätzchen, auch nicht gesungen, weder zu den Jubiläumsfeiern (Ende dieses Schuljahres das 450.) noch zum Abitur oder sonstwann. Und Hölderlin muß ich in Latein lesen, denn in Deutsch liest man ihn (wie bereits begründet) nicht.
Ich verstehe schon, daß Du eher auf den Sprachduktus von Hölderlin gezielt hast, ja. Aber der ist weitgehend von der antiken Form mit-bestimmt, und er kommt in den Merkwürdigkeiten seines Satzbaus von der freien Wortstellung der Horazischen "Architekturen" her. Die weitgespannten Hyperbatha bei Horaz, auch die bei Ovid, kann man ja im Deutschen kaum nachgestalten. In dem Punkt ist die antike Dichtung überaus kühn.
Das Architektonische, der Blick ins Ganze einer Strophe und deren Gefüge - das ist schon erstaunlich bei Horaz, und so auch bei Hölderlin.
Aber das weißt Du selbst, deshalb hat es Dich ja auch gereizt.
 

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