Die Essenz des wahren Lebens

Heinrich VII

Mitglied
Teil 1
Ich sah sie beim Stadtfest zum ersten Mal. Ein Bekannter, dessen frühere Arbeitskollegin sie gewesen war, stellte sie mir vor. Wir schüttelten uns die Hände, holten uns Bier, und es dauerte nicht lange, bis wir mitten in einer intensiven Unterhaltung steckten. Nachdem wir Steak mit Gemüse auf einer der Festbänke verzehrt hatten, fragte sie plötzlich: „Hast du Lust, noch woanders hinzugehen?“
„Wohin denn? Gefällt es dir hier nicht?“ Sie lächelte. „Doch schon, aber die Musik könnte besser sein.“ Da musste ich ihr recht geben. Wir wechselten den Ort und landeten in einem Club, in dem eine Rockband ihr Bestes gab. Wir tranken weiteres Bier und versuchten, der Lautstärke zum Trotz, das Gespräch fortzuführen. Was das betraf, war es auf dem Stadtfest entschieden besser gewesen; dort konnte man sich ohne Schreien verständigen. Als ich vorschlug, einen ruhigeren Ort aufzusuchen, sah sie auf die Uhr. „Nein, das geht nicht. „Ich muss nach Hause und ins Bett. Ich habe morgen früh einen wichtigen Termin. Es war schön mit dir, aber ich muss jetzt.“

Nachdem sie gegangen war, trank ich mein Bier leer, beschloss, die Rockband doch nicht so gut zu finden, und stand auf. Sie hatte mir ihre Nummer mit Lippenstift auf einen Bierdeckel geschrieben. Ich knickte ihn vorsichtig in der Mitte und drückte die Hälften zusammen, um meine Jacke nicht zu beschmieren. „Ruf mich auf jeden Fall mal an“, hatte sie ausdrücklich betont. Dabei meinte ich, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben.

Es war ein Samstagmittag, zwei Wochen später. Ehrlich gesagt, hatte ich die Sache inzwischen so gut wie vergessen. Da war mal ein Mädchen, wir hatten geredet, Bier getrunken …, es fühlte sich an, als sei es ewig her. Plötzlich entdeckte sie mich in der Fußgängerzone. „Hey, Charlie, hey!“, rief sie und kam mit strahlenden Gesichtsausdruck auf mich zu. Langer Mantel, kurzer Rock, Stiefel, die Sonnenbrille hoch geschoben. Ihr schwarzes, langes Haar glänzte in der Sonne wie polierte Metallfäden.
„Das ist ja eine Freude. Warum hast du denn nicht angerufen?“ Die Frage war rein rhetorischer Natur. Sie hakte mich unter und wir liefen los, ohne dass sie weiter darauf einging. Wir landeten in einem Café im oberen Stockwerk, das einen Panoramablick über die Stadt bot. Trotz des Andrangs ergatterten wir einen Platz. Irgendwann zauberte sie eine silberne Spitze aus ihrer Handtasche, steckte eine Zigarette hinein und ließ sich von mir Feuer geben. Dann rauchte sie und wirkte wie eine neuzeitliche Marlene Dietrich. Dieser Stil gefiel mir. Diese Frau hatte etwas, das meine Fantasie beflügelte – das war wohl der Moment, in dem mein Interesse ernsthaft erwachte.
Da ich mit der S-Bahn gekommen war, bot sie an: „Soll ich dich fahren?“ Ich nickte. Es ersparte mir den unerquicklichen Trip mit den Öffentlichen und es bescherte mir mehr Zeit mit ihr. Sie fuhr einen silbergrauen Jaguar E mit grüngetönten Scheiben und auffallend viel Chrom. Und was noch schlimmer war: Sie beherrschte diesen Wagen perfekt. Ich ordnete sie sofort als eine dieser Karrierefrauen ein, die für Weltkonzerne arbeiten und ständig in Privatjets unterwegs sind.

Bei mir zu Hause wurde es kurz: „Ich muss noch Vorbereitungen treffen. Ich fliege morgen für zwei Wochen geschäftlich nach New York“, sagte sie.
Da hatten wir´s: die moderne Superfrau. Eigentlich wollte ich das Glitzern in ihren Augen näher erforschen - ein Kuss, ein wenig Tuchfühlung.
Doch dazu kam es nicht. „Ich muss wirklich ins Bett“, sagte sie, landete einen Abschiedsschmatzer auf meiner Wange und stieg aus.
„Bis in zwei Wochen!“, rief ich ihrem davonrauschenden Wagen hinterher.

Zwei Wochen später empfing ich sie am Flughafen. Sie kam mir lächelnd entgegen: elegantes Kostüm, die Sonnenbrille im Haar, den Koffer nahm ich ihr sofort ab. Wir küssten uns flüchtig zur Begrüßung. „Hattest du einen guten Flug?“ Sie nickte und schenkte mir ein Tausend-Dollar-Lächeln. „Ich habe mir die ganze Zeit Woody-Allen-Filme angesehen.“
Oh Gott, dachte ich, wenn das mal kein schlechtes Omen ist.
„Nach was ist dir?“, fragte ich im Auto. „Essen, Kino, Disko?“ Sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. „Ich will nur nach Hause und mich entspannen.
Du glaubst gar nicht, wie anstrengend New York geschäftlich ist.“
Vor dem Haus, in dem sie im zweiten Stock wohnte, wurde es im Auto plötzlich still. Würde sie mich mit nach oben nehmen?
„Ich heiße Charlie“, sagte ich in die Stille, wohl nur um zu zeigen, dass ich da war. Sie schenkte mir ihr unbezahlbares Lächeln.
„Rosalie ist auch da", antwortete sie. Dann fügte sie hinzu: „Hör mal Charlie, ich muss jetzt allein nach oben. Ich habe Jetlag und wäre zu nichts zu gebrauchen.“ Sie drückte mir eine Visitenkarte in die Hand. „Ruf mich an - aber erst in zwei Tagen.“ Ein Kuss auf die Wange, sie stieg aus, und kurz darauf verschwand sie hinter der Haustür.

Ich startete den Wagen und fuhr in die Stadtmitte zu meiner Stammkneipe. Der Wirt begrüßte mich und zapfte mir das übliche Pils. Hinterher trank ich noch eins und noch eins, während ich mich mit meinem Thekennachbar unterhielt: „Was soll Mann machen, wenn Frau keine Zeit hat?“ klagte ich ihm mein Leid. Er sah mich eine ganze Weile prüfend an und erwiderte: „Ich habe das auch schon erlebt. Im Grunde gibt es einen einfachen Trick.“ Ich wurde hellhörig und er verriet ihn mir. Besser gesagt, er übergab mir ein Fläschchen mit einer harmlos aussehenden Flüssigkeit. Ein Freundschaftsdienst unter Männern, wie er sagte. „Die Essenz des wahren Lebens“ stand auf dem Etikett.

Zwei Tage später wollte ich Rosalie anrufen. Doch ich legte auf, bevor das Freizeichen ertönte. Ich hatte von diesem Fläschchen probiert. Erst geschah nichts, doch dann setzte eine Wirkung ein, die ich nie zuvor gespürt hatte. Der Beipackzettel schien nicht zu lügen: „Sie werden nichts mehr brauchen, wenn sie täglich einen Schluck davon trinken. Sie werden niemanden mehr brauchen, keinen Bedürfnissen mehr hinterherrennen. Sie werden sich selbst genügen.“ Angesichts dessen beschloss ich, Rosalie erst einmal auf Eis zu legen. Ich wollte wissen, ob ich tatsächlich ohne andere auskomme. Der Gedanke ist fantastisch, oder?



 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten