Heinrich VII
Mitglied
Teil 1
Ich sah sie beim Stadtfest zum ersten Mal. Ein Bekannter, dessen frühere Arbeitskollegin sie gewesen war, stellte sie mir vor. Wir schüttelten uns die Hände, holten uns Bier, und es dauerte nicht lange, bis wir mitten in einer intensiven Unterhaltung steckten. Nachdem wir Steak mit Gemüse auf einer der Festbänke verzehrt hatten, fragte sie plötzlich: „Hast du Lust, noch woanders hinzugehen?“
„Wohin denn? Gefällt es dir hier nicht?“ Sie lächelte. „Doch schon, aber die Musik könnte besser sein.“ Da musste ich ihr recht geben. Wir wechselten den Ort und landeten in einem Club, in dem eine Rockband ihr Bestes gab. Wir tranken weiteres Bier und versuchten, der Lautstärke zum Trotz, das Gespräch fortzuführen. Was das betraf, war es auf dem Stadtfest entschieden besser gewesen; dort konnte man sich ohne Schreien verständigen. Als ich vorschlug, einen ruhigeren Ort aufzusuchen, sah sie auf die Uhr. „Nein, das geht nicht. „Ich muss nach Hause und ins Bett. Ich habe morgen früh einen wichtigen Termin. Es war schön mit dir, aber ich muss jetzt.“
Nachdem sie gegangen war, trank ich mein Bier leer, beschloss, die Rockband doch nicht so gut zu finden, und stand auf. Sie hatte mir ihre Nummer mit Lippenstift auf einen Bierdeckel geschrieben. Ich knickte ihn vorsichtig in der Mitte und drückte die Hälften zusammen, um meine Jacke nicht zu beschmieren. „Ruf mich auf jeden Fall mal an“, hatte sie ausdrücklich betont. Dabei meinte ich, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben.
Es war ein Samstagmittag, zwei Wochen später. Ehrlich gesagt, hatte ich die Sache inzwischen so gut wie vergessen. Da war mal ein Mädchen, wir hatten geredet, Bier getrunken …, es fühlte sich an, als sei es ewig her. Plötzlich entdeckte sie mich in der Fußgängerzone. „Hey, Charlie, hey!“, rief sie und kam mit strahlenden Gesichtsausdruck auf mich zu. Langer Mantel, kurzer Rock, Stiefel, die Sonnenbrille hoch geschoben. Ihr schwarzes, langes Haar glänzte in der Sonne wie polierte Metallfäden.
„Das ist ja eine Freude. Warum hast du denn nicht angerufen?“ Die Frage war rein rhetorischer Natur. Sie hakte mich unter und wir liefen los, ohne dass sie weiter darauf einging. Wir landeten in einem Café im oberen Stockwerk, das einen Panoramablick über die Stadt bot. Trotz des Andrangs ergatterten wir einen Platz. Irgendwann zauberte sie eine silberne Spitze aus ihrer Handtasche, steckte eine Zigarette hinein und ließ sich von mir Feuer geben. Dann rauchte sie und wirkte wie eine neuzeitliche Marlene Dietrich. Dieser Stil gefiel mir. Diese Frau hatte etwas, das meine Fantasie beflügelte – das war wohl der Moment, in dem mein Interesse ernsthaft erwachte.
Da ich mit der S-Bahn gekommen war, bot sie an: „Soll ich dich fahren?“ Ich nickte. Es ersparte mir den unerquicklichen Trip mit den Öffentlichen und es bescherte mir mehr Zeit mit ihr. Sie fuhr einen silbergrauen Jaguar E mit grüngetönten Scheiben und auffallend viel Chrom. Und was noch schlimmer war: Sie beherrschte diesen Wagen perfekt. Ich ordnete sie sofort als eine dieser Karrierefrauen ein, die für Weltkonzerne arbeiten und ständig in Privatjets unterwegs sind.
Bei mir zu Hause wurde es kurz: „Ich muss noch Vorbereitungen treffen. Ich fliege morgen für zwei Wochen geschäftlich nach New York“, sagte sie.
Da hatten wir´s: die moderne Superfrau. Eigentlich wollte ich das Glitzern in ihren Augen näher erforschen - ein Kuss, ein wenig Tuchfühlung.
Doch dazu kam es nicht. „Ich muss wirklich ins Bett“, sagte sie, landete einen Abschiedsschmatzer auf meiner Wange und stieg aus.
„Bis in zwei Wochen!“, rief ich ihrem davonrauschenden Wagen hinterher.
Zwei Wochen später empfing ich sie am Flughafen. Sie kam mir lächelnd entgegen: elegantes Kostüm, die Sonnenbrille im Haar, den Koffer nahm ich ihr sofort ab. Wir küssten uns flüchtig zur Begrüßung. „Hattest du einen guten Flug?“ Sie nickte und schenkte mir ein Tausend-Dollar-Lächeln. „Ich habe mir die ganze Zeit Woody-Allen-Filme angesehen.“
Oh Gott, dachte ich, wenn das mal kein schlechtes Omen ist.
„Nach was ist dir?“, fragte ich im Auto. „Essen, Kino, Disko?“ Sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. „Ich will nur nach Hause und mich entspannen.
Du glaubst gar nicht, wie anstrengend New York geschäftlich ist.“
Vor dem Haus, in dem sie im zweiten Stock wohnte, wurde es im Auto plötzlich still. Würde sie mich mit nach oben nehmen?
„Ich heiße Charlie“, sagte ich in die Stille, wohl nur um zu zeigen, dass ich da war. Sie schenkte mir ihr unbezahlbares Lächeln.
„Rosalie ist auch da", antwortete sie. Dann fügte sie hinzu: „Hör mal Charlie, ich muss jetzt allein nach oben. Ich habe Jetlag und wäre zu nichts zu gebrauchen.“ Sie drückte mir eine Visitenkarte in die Hand. „Ruf mich an - aber erst in zwei Tagen.“ Ein Kuss auf die Wange, sie stieg aus, und kurz darauf verschwand sie hinter der Haustür.
Ich startete den Wagen und fuhr in die Stadtmitte zu meiner Stammkneipe. Der Wirt begrüßte mich und zapfte mir das übliche Pils. Hinterher trank ich noch eins und noch eins, während ich mich mit meinem Thekennachbar unterhielt: „Was soll Mann machen, wenn Frau keine Zeit hat?“ klagte ich ihm mein Leid. Er sah mich eine ganze Weile prüfend an und erwiderte: „Ich habe das auch schon erlebt. Im Grunde gibt es einen einfachen Trick.“ Ich wurde hellhörig und er verriet ihn mir. Besser gesagt, er übergab mir ein Fläschchen mit einer harmlos aussehenden Flüssigkeit. Ein Freundschaftsdienst unter Männern, wie er sagte. „Die Essenz des wahren Lebens“ stand auf dem Etikett.
Zwei Tage später wollte ich Rosalie anrufen. Doch ich legte auf, bevor das Freizeichen ertönte. Ich hatte von diesem Fläschchen probiert. Erst geschah nichts, doch dann setzte eine Wirkung ein, die ich nie zuvor gespürt hatte. Der Beipackzettel schien nicht zu lügen: „Sie werden nichts mehr brauchen, wenn sie täglich einen Schluck davon trinken. Sie werden niemanden mehr brauchen, keinen Bedürfnissen mehr hinterherrennen. Sie werden sich selbst genügen.“ Angesichts dessen beschloss ich, Rosalie erst einmal auf Eis zu legen. Ich wollte wissen, ob ich tatsächlich ohne andere auskomme. Der Gedanke ist fantastisch, oder?
Teil 2
Die erste Woche verging in einer seltsamen, etwas steril anmutenden Ruhe. Ich saß auf meinem Balkon und beobachtete die Welt da draußen wie einen Film, in dem ich nicht mitspielte. Kein Hunger nach Anerkennung, kein Ziehen in der Brust, wenn ich an Rosalie und ihren silbernen Jaguar dachte. Es war herrlich. Ich las Bücher, die seit Jahren in meinem Regal verstaubten, trank meinen Kaffee schwarz und spürte eine Zufriedenheit, die so glatt und undurchdringlich war wie die Windschutzscheibe eines Neuwagens.
Am achten Tag vibrierte mein Handy auf dem Küchentisch. Eine Nachricht war da: „Hey Charlie, lebst du noch? New York ist verdaut. Lust auf einen Drink heute Abend? Rosalie.“ Früher hätte mein Herz einen Satz gemacht. Ich hätte wahrscheinlich sofort geantwortet, hätte mir überlegt was ich anziehe und ob ich sie diesmal endlich küssen würde. Jetzt starrte ich nur auf das Display. Die Buchstaben kamen mir seltsam zweidimensional vor. Warum sollte ich antworten? Ich hatte doch alles, was ich brauchte – mich selbst. Dennoch tippte ich mechanisch ein knappes „Okay“ ein und nannte den Namen einer Bar, die weniger laut war als die Rock-Spelunke vom ersten Mal.
Sie kam pünktlich. Dieses Mal trug sie ein tiefblaues Kleid, das perfekt zu den Schatten unter ihren Augen passte – sie sah müde aus, aber auf eine zerbrechliche, faszinierende Art. Als sie mich sah, hellte sich ihr Gesicht auf. Sie kam auf mich zu, legte die Hände auf meine Schultern und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ich roch ihr Parfum – schwer, blumig und teuer. „Du hast dich gar nicht bei mir gemeldet“, sagte sie und sah mir tief in die Augen. „Ich dachte schon, ich hätte dich mit meinem Jetlag-Drama verschreckt.“
„Gar nicht“, antwortete ich und wunderte mich über die absolute Emotionslosigkeit in meiner Stimme.
„Ich hatte nur viel zu tun.“
Wir bestellten Wein. Sie erzählte von Manhatten, von Meetings in Glaspalästen und davon, wie sehr sie sich nach jemandem zum Reden gesehnt hatte. Sie wirkte nahbar, fast schon verletzlich. Das Glitzern in ihren Augen war wieder da, dieses Mal deutlicher, fast wie eine Einladung. Doch in mir passierte so gut wie nichts. Es war, als stünde eine dicke Glaswand zwischen uns. Ich sah ihre Lippen, die sich bewegten, ich sah die Art, wie sie ihr Haar zurückwarf, aber es löste keinen Impuls in mir aus. Keine Fantasie geriet in Wallung.
„Charlie?“, fragte sie plötzlich leise und legte ihre Hand auf meine. Ihre Haut war warm. „Ist alles okay? Du wirkst so... weit weg.“
„Ich bin ganz bei mir“, sagte ich, und in diesem Moment erkannte ich die grausame Wahrheit hinter diesem Satz. Ich war so sehr bei mir, dass für niemand anderen mehr Platz war. Sie zog ihre Hand langsam zurück. Das strahlende Lächeln verblasste. „Es ist seltsam“, murmelte sie. „In New York habe ich die ganze Zeit an unser Treffen gedacht. Aber jetzt habe ich das Gefühl, ich sitze hier mit einer Statue.“
Nach eine Stunde verabschiedeten wir uns vor der Bar. Es gab kein „Bis in zwei Wochen“. Sie stieg in ihren Jaguar, der Motor heulte kurz auf, und dann verschwand das silbergraue Heck in der Dunkelheit. Ich sah ihr nach und wartete auf den vertrauten Stich der Melancholie, auf das Gefühl des Vermissens. Aber da war nur gleichgültige Stille. Ich griff in meine Tasche und umschloss das kleine Fläschchen. Die Essenz des wahren Lebens, hatte der Fremde gesagt. Ich fragte mich, ob das wahre Leben nicht gerade aus dem Schmerz bestand, jemanden zu brauchen.
Teil 3
Ich stand noch lange vor der Bar, die Rücklichter des Jaguars waren längst in der Dunkelheit verglüht. In meiner Tasche fühlte sich das Fläschchen plötzlich zentnerschwer an. Es war keine Freiheit, die ich da spürte; es war eine totale Anästhesie der Seele. Ich zog das Glas heraus. Die Flüssigkeit schimmerte im Licht der Straßenlaternen harmlos und klar. „Zum Teufel damit“, murmelte ich. Ich ging zum nächsten Gully und goss den Rest hinein. Ein winziges Gluckern, dann war die „Essenz des wahren Lebens“ weg, verloren in der Kanalisation der Stadt.
Zuerst passierte nichts. Ich ging nach Hause, legte mich hin und schlief so traumlos wie eine Maschine. Doch gegen vier Uhr morgens geschah es. Mein Herz, das tagelang wie ein präzises Uhrwerk ruhig vor sich hin getickt hatte, schlug mir plötzlich bis zum Hals. Die Glaswand in meinem Kopf zersplitterte. Mit einem Mal fluteten mich die Erinnerungen an den Abend: Rosalies enttäuschter Blick, die Wärme ihrer Hand, dich ich einfach ignoriert hatte, und die furchtbare Kälte meiner eigenen Stimme. Der Schutzschild war weg, und der Schmerz über meine eigene Gleichgültigkeit traf mich wie ein physischer Schlag in die Magengrube. Ich brauchte sie. Ich brauchte das Gespräch, das Lächeln, sogar die Unsicherheit – ich brauchte all das, was das Fläschchen mir genommen hatte.
Ich zögerte nicht länger. Um halb sieben saß ich in meinem Wagen und fuhr zu ihrer Wohnung. Mein Verstand wollte mir weis machen, dass ich wie ein Wahnsinniger wirkte, aber das war mir egal. Die Selbstgenügsamkeit war einer verzweifelten Dringlichkeit gewichen. Ich klingelte. Einmal, zweimal. Nichts. Beim dritten Mal knackte die Sprechanlage. „Wer ist denn da? Was ist denn los, dass ich um die Zeit...“
„Rosalie, hier ist Charlie, ich muss mit dir reden“, unterbrach ich sie. „Es tut mir leid wegen gestern. Ich war nicht ich selbst.“
Die Tür summte. Ich rannte die Treppen hoch in den zweiten Stock. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit, in einen Morgenmantel gehüllt.
Misstrauisch beäugte sie mich.
„Ich habe etwas Dummes getan, platzte ich heraus. „Ich dachte, ich könnte mir selbst genug sein, aber jetzt weiß ich, dass das nicht geht.“ Sie sah mich an. Das anfängliche Misstrauen in ihrem Blick hatte sich gewandelt. Sie öffnete die Tür ganz und ließ mich herein. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und sie sagte: „Du hast also auch davon probiert“, und deutete auf ein kleines, leeres Glasfläschchen, das auf ihrem Sideboard stand. Es sah genau so aus wie meines.
„Du auch?“, fragte ich.
Sie lachte kurz auf, doch es klang freudlos. „Glaubst du, man hält das Leben in den Jets und den Glaspalästen aus, wenn man ständig jemanden vermisst? Wenn man sich nach Nähe sehnt, während man in Manhatten Verträge unterzeichnet? Ich nehme es seit zwei Jahren. Nur so funktioniert man in dieser Welt.“
Sie stand auf und trat einen Schritt auf mich zu. „Aber gestern Abend... gestern Abend habe ich zum ersten Mal nichts mehr davon genommen. Ich wollte sehen, ob ich noch etwas fühle. Und du Charlie, hast dich wie ein Eisblock verhalten.“
Wir sahen uns an – zwei Gescheiterte, die versucht hatten, ihre Menschlichkeit gegen sterile Unempfindlichkeit zu tauschen, und nun vor den Trümmern ihrer Bemühung standen. „Und jetzt?“, fragte ich.
Rosalie lächelte, aber nicht ihr Tausend-Dollar-Lächeln. Es war ein echtes, trauriges, menschliches Lächeln. „Jetzt“, sagte sie und nahm meine Hand,
„müssen wir erst mal wieder lernen, wie man das alles ohne aushält.“
Ich sah sie beim Stadtfest zum ersten Mal. Ein Bekannter, dessen frühere Arbeitskollegin sie gewesen war, stellte sie mir vor. Wir schüttelten uns die Hände, holten uns Bier, und es dauerte nicht lange, bis wir mitten in einer intensiven Unterhaltung steckten. Nachdem wir Steak mit Gemüse auf einer der Festbänke verzehrt hatten, fragte sie plötzlich: „Hast du Lust, noch woanders hinzugehen?“
„Wohin denn? Gefällt es dir hier nicht?“ Sie lächelte. „Doch schon, aber die Musik könnte besser sein.“ Da musste ich ihr recht geben. Wir wechselten den Ort und landeten in einem Club, in dem eine Rockband ihr Bestes gab. Wir tranken weiteres Bier und versuchten, der Lautstärke zum Trotz, das Gespräch fortzuführen. Was das betraf, war es auf dem Stadtfest entschieden besser gewesen; dort konnte man sich ohne Schreien verständigen. Als ich vorschlug, einen ruhigeren Ort aufzusuchen, sah sie auf die Uhr. „Nein, das geht nicht. „Ich muss nach Hause und ins Bett. Ich habe morgen früh einen wichtigen Termin. Es war schön mit dir, aber ich muss jetzt.“
Nachdem sie gegangen war, trank ich mein Bier leer, beschloss, die Rockband doch nicht so gut zu finden, und stand auf. Sie hatte mir ihre Nummer mit Lippenstift auf einen Bierdeckel geschrieben. Ich knickte ihn vorsichtig in der Mitte und drückte die Hälften zusammen, um meine Jacke nicht zu beschmieren. „Ruf mich auf jeden Fall mal an“, hatte sie ausdrücklich betont. Dabei meinte ich, ein kurzes Aufleuchten in ihren Augen gesehen zu haben.
Es war ein Samstagmittag, zwei Wochen später. Ehrlich gesagt, hatte ich die Sache inzwischen so gut wie vergessen. Da war mal ein Mädchen, wir hatten geredet, Bier getrunken …, es fühlte sich an, als sei es ewig her. Plötzlich entdeckte sie mich in der Fußgängerzone. „Hey, Charlie, hey!“, rief sie und kam mit strahlenden Gesichtsausdruck auf mich zu. Langer Mantel, kurzer Rock, Stiefel, die Sonnenbrille hoch geschoben. Ihr schwarzes, langes Haar glänzte in der Sonne wie polierte Metallfäden.
„Das ist ja eine Freude. Warum hast du denn nicht angerufen?“ Die Frage war rein rhetorischer Natur. Sie hakte mich unter und wir liefen los, ohne dass sie weiter darauf einging. Wir landeten in einem Café im oberen Stockwerk, das einen Panoramablick über die Stadt bot. Trotz des Andrangs ergatterten wir einen Platz. Irgendwann zauberte sie eine silberne Spitze aus ihrer Handtasche, steckte eine Zigarette hinein und ließ sich von mir Feuer geben. Dann rauchte sie und wirkte wie eine neuzeitliche Marlene Dietrich. Dieser Stil gefiel mir. Diese Frau hatte etwas, das meine Fantasie beflügelte – das war wohl der Moment, in dem mein Interesse ernsthaft erwachte.
Da ich mit der S-Bahn gekommen war, bot sie an: „Soll ich dich fahren?“ Ich nickte. Es ersparte mir den unerquicklichen Trip mit den Öffentlichen und es bescherte mir mehr Zeit mit ihr. Sie fuhr einen silbergrauen Jaguar E mit grüngetönten Scheiben und auffallend viel Chrom. Und was noch schlimmer war: Sie beherrschte diesen Wagen perfekt. Ich ordnete sie sofort als eine dieser Karrierefrauen ein, die für Weltkonzerne arbeiten und ständig in Privatjets unterwegs sind.
Bei mir zu Hause wurde es kurz: „Ich muss noch Vorbereitungen treffen. Ich fliege morgen für zwei Wochen geschäftlich nach New York“, sagte sie.
Da hatten wir´s: die moderne Superfrau. Eigentlich wollte ich das Glitzern in ihren Augen näher erforschen - ein Kuss, ein wenig Tuchfühlung.
Doch dazu kam es nicht. „Ich muss wirklich ins Bett“, sagte sie, landete einen Abschiedsschmatzer auf meiner Wange und stieg aus.
„Bis in zwei Wochen!“, rief ich ihrem davonrauschenden Wagen hinterher.
Zwei Wochen später empfing ich sie am Flughafen. Sie kam mir lächelnd entgegen: elegantes Kostüm, die Sonnenbrille im Haar, den Koffer nahm ich ihr sofort ab. Wir küssten uns flüchtig zur Begrüßung. „Hattest du einen guten Flug?“ Sie nickte und schenkte mir ein Tausend-Dollar-Lächeln. „Ich habe mir die ganze Zeit Woody-Allen-Filme angesehen.“
Oh Gott, dachte ich, wenn das mal kein schlechtes Omen ist.
„Nach was ist dir?“, fragte ich im Auto. „Essen, Kino, Disko?“ Sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. „Ich will nur nach Hause und mich entspannen.
Du glaubst gar nicht, wie anstrengend New York geschäftlich ist.“
Vor dem Haus, in dem sie im zweiten Stock wohnte, wurde es im Auto plötzlich still. Würde sie mich mit nach oben nehmen?
„Ich heiße Charlie“, sagte ich in die Stille, wohl nur um zu zeigen, dass ich da war. Sie schenkte mir ihr unbezahlbares Lächeln.
„Rosalie ist auch da", antwortete sie. Dann fügte sie hinzu: „Hör mal Charlie, ich muss jetzt allein nach oben. Ich habe Jetlag und wäre zu nichts zu gebrauchen.“ Sie drückte mir eine Visitenkarte in die Hand. „Ruf mich an - aber erst in zwei Tagen.“ Ein Kuss auf die Wange, sie stieg aus, und kurz darauf verschwand sie hinter der Haustür.
Ich startete den Wagen und fuhr in die Stadtmitte zu meiner Stammkneipe. Der Wirt begrüßte mich und zapfte mir das übliche Pils. Hinterher trank ich noch eins und noch eins, während ich mich mit meinem Thekennachbar unterhielt: „Was soll Mann machen, wenn Frau keine Zeit hat?“ klagte ich ihm mein Leid. Er sah mich eine ganze Weile prüfend an und erwiderte: „Ich habe das auch schon erlebt. Im Grunde gibt es einen einfachen Trick.“ Ich wurde hellhörig und er verriet ihn mir. Besser gesagt, er übergab mir ein Fläschchen mit einer harmlos aussehenden Flüssigkeit. Ein Freundschaftsdienst unter Männern, wie er sagte. „Die Essenz des wahren Lebens“ stand auf dem Etikett.
Zwei Tage später wollte ich Rosalie anrufen. Doch ich legte auf, bevor das Freizeichen ertönte. Ich hatte von diesem Fläschchen probiert. Erst geschah nichts, doch dann setzte eine Wirkung ein, die ich nie zuvor gespürt hatte. Der Beipackzettel schien nicht zu lügen: „Sie werden nichts mehr brauchen, wenn sie täglich einen Schluck davon trinken. Sie werden niemanden mehr brauchen, keinen Bedürfnissen mehr hinterherrennen. Sie werden sich selbst genügen.“ Angesichts dessen beschloss ich, Rosalie erst einmal auf Eis zu legen. Ich wollte wissen, ob ich tatsächlich ohne andere auskomme. Der Gedanke ist fantastisch, oder?
Teil 2
Die erste Woche verging in einer seltsamen, etwas steril anmutenden Ruhe. Ich saß auf meinem Balkon und beobachtete die Welt da draußen wie einen Film, in dem ich nicht mitspielte. Kein Hunger nach Anerkennung, kein Ziehen in der Brust, wenn ich an Rosalie und ihren silbernen Jaguar dachte. Es war herrlich. Ich las Bücher, die seit Jahren in meinem Regal verstaubten, trank meinen Kaffee schwarz und spürte eine Zufriedenheit, die so glatt und undurchdringlich war wie die Windschutzscheibe eines Neuwagens.
Am achten Tag vibrierte mein Handy auf dem Küchentisch. Eine Nachricht war da: „Hey Charlie, lebst du noch? New York ist verdaut. Lust auf einen Drink heute Abend? Rosalie.“ Früher hätte mein Herz einen Satz gemacht. Ich hätte wahrscheinlich sofort geantwortet, hätte mir überlegt was ich anziehe und ob ich sie diesmal endlich küssen würde. Jetzt starrte ich nur auf das Display. Die Buchstaben kamen mir seltsam zweidimensional vor. Warum sollte ich antworten? Ich hatte doch alles, was ich brauchte – mich selbst. Dennoch tippte ich mechanisch ein knappes „Okay“ ein und nannte den Namen einer Bar, die weniger laut war als die Rock-Spelunke vom ersten Mal.
Sie kam pünktlich. Dieses Mal trug sie ein tiefblaues Kleid, das perfekt zu den Schatten unter ihren Augen passte – sie sah müde aus, aber auf eine zerbrechliche, faszinierende Art. Als sie mich sah, hellte sich ihr Gesicht auf. Sie kam auf mich zu, legte die Hände auf meine Schultern und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ich roch ihr Parfum – schwer, blumig und teuer. „Du hast dich gar nicht bei mir gemeldet“, sagte sie und sah mir tief in die Augen. „Ich dachte schon, ich hätte dich mit meinem Jetlag-Drama verschreckt.“
„Gar nicht“, antwortete ich und wunderte mich über die absolute Emotionslosigkeit in meiner Stimme.
„Ich hatte nur viel zu tun.“
Wir bestellten Wein. Sie erzählte von Manhatten, von Meetings in Glaspalästen und davon, wie sehr sie sich nach jemandem zum Reden gesehnt hatte. Sie wirkte nahbar, fast schon verletzlich. Das Glitzern in ihren Augen war wieder da, dieses Mal deutlicher, fast wie eine Einladung. Doch in mir passierte so gut wie nichts. Es war, als stünde eine dicke Glaswand zwischen uns. Ich sah ihre Lippen, die sich bewegten, ich sah die Art, wie sie ihr Haar zurückwarf, aber es löste keinen Impuls in mir aus. Keine Fantasie geriet in Wallung.
„Charlie?“, fragte sie plötzlich leise und legte ihre Hand auf meine. Ihre Haut war warm. „Ist alles okay? Du wirkst so... weit weg.“
„Ich bin ganz bei mir“, sagte ich, und in diesem Moment erkannte ich die grausame Wahrheit hinter diesem Satz. Ich war so sehr bei mir, dass für niemand anderen mehr Platz war. Sie zog ihre Hand langsam zurück. Das strahlende Lächeln verblasste. „Es ist seltsam“, murmelte sie. „In New York habe ich die ganze Zeit an unser Treffen gedacht. Aber jetzt habe ich das Gefühl, ich sitze hier mit einer Statue.“
Nach eine Stunde verabschiedeten wir uns vor der Bar. Es gab kein „Bis in zwei Wochen“. Sie stieg in ihren Jaguar, der Motor heulte kurz auf, und dann verschwand das silbergraue Heck in der Dunkelheit. Ich sah ihr nach und wartete auf den vertrauten Stich der Melancholie, auf das Gefühl des Vermissens. Aber da war nur gleichgültige Stille. Ich griff in meine Tasche und umschloss das kleine Fläschchen. Die Essenz des wahren Lebens, hatte der Fremde gesagt. Ich fragte mich, ob das wahre Leben nicht gerade aus dem Schmerz bestand, jemanden zu brauchen.
Teil 3
Ich stand noch lange vor der Bar, die Rücklichter des Jaguars waren längst in der Dunkelheit verglüht. In meiner Tasche fühlte sich das Fläschchen plötzlich zentnerschwer an. Es war keine Freiheit, die ich da spürte; es war eine totale Anästhesie der Seele. Ich zog das Glas heraus. Die Flüssigkeit schimmerte im Licht der Straßenlaternen harmlos und klar. „Zum Teufel damit“, murmelte ich. Ich ging zum nächsten Gully und goss den Rest hinein. Ein winziges Gluckern, dann war die „Essenz des wahren Lebens“ weg, verloren in der Kanalisation der Stadt.
Zuerst passierte nichts. Ich ging nach Hause, legte mich hin und schlief so traumlos wie eine Maschine. Doch gegen vier Uhr morgens geschah es. Mein Herz, das tagelang wie ein präzises Uhrwerk ruhig vor sich hin getickt hatte, schlug mir plötzlich bis zum Hals. Die Glaswand in meinem Kopf zersplitterte. Mit einem Mal fluteten mich die Erinnerungen an den Abend: Rosalies enttäuschter Blick, die Wärme ihrer Hand, dich ich einfach ignoriert hatte, und die furchtbare Kälte meiner eigenen Stimme. Der Schutzschild war weg, und der Schmerz über meine eigene Gleichgültigkeit traf mich wie ein physischer Schlag in die Magengrube. Ich brauchte sie. Ich brauchte das Gespräch, das Lächeln, sogar die Unsicherheit – ich brauchte all das, was das Fläschchen mir genommen hatte.
Ich zögerte nicht länger. Um halb sieben saß ich in meinem Wagen und fuhr zu ihrer Wohnung. Mein Verstand wollte mir weis machen, dass ich wie ein Wahnsinniger wirkte, aber das war mir egal. Die Selbstgenügsamkeit war einer verzweifelten Dringlichkeit gewichen. Ich klingelte. Einmal, zweimal. Nichts. Beim dritten Mal knackte die Sprechanlage. „Wer ist denn da? Was ist denn los, dass ich um die Zeit...“
„Rosalie, hier ist Charlie, ich muss mit dir reden“, unterbrach ich sie. „Es tut mir leid wegen gestern. Ich war nicht ich selbst.“
Die Tür summte. Ich rannte die Treppen hoch in den zweiten Stock. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit, in einen Morgenmantel gehüllt.
Misstrauisch beäugte sie mich.
„Ich habe etwas Dummes getan, platzte ich heraus. „Ich dachte, ich könnte mir selbst genug sein, aber jetzt weiß ich, dass das nicht geht.“ Sie sah mich an. Das anfängliche Misstrauen in ihrem Blick hatte sich gewandelt. Sie öffnete die Tür ganz und ließ mich herein. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und sie sagte: „Du hast also auch davon probiert“, und deutete auf ein kleines, leeres Glasfläschchen, das auf ihrem Sideboard stand. Es sah genau so aus wie meines.
„Du auch?“, fragte ich.
Sie lachte kurz auf, doch es klang freudlos. „Glaubst du, man hält das Leben in den Jets und den Glaspalästen aus, wenn man ständig jemanden vermisst? Wenn man sich nach Nähe sehnt, während man in Manhatten Verträge unterzeichnet? Ich nehme es seit zwei Jahren. Nur so funktioniert man in dieser Welt.“
Sie stand auf und trat einen Schritt auf mich zu. „Aber gestern Abend... gestern Abend habe ich zum ersten Mal nichts mehr davon genommen. Ich wollte sehen, ob ich noch etwas fühle. Und du Charlie, hast dich wie ein Eisblock verhalten.“
Wir sahen uns an – zwei Gescheiterte, die versucht hatten, ihre Menschlichkeit gegen sterile Unempfindlichkeit zu tauschen, und nun vor den Trümmern ihrer Bemühung standen. „Und jetzt?“, fragte ich.
Rosalie lächelte, aber nicht ihr Tausend-Dollar-Lächeln. Es war ein echtes, trauriges, menschliches Lächeln. „Jetzt“, sagte sie und nahm meine Hand,
„müssen wir erst mal wieder lernen, wie man das alles ohne aushält.“
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