Die letzte Reise der Cannonball, 1. Abschnitt

Die letzte Reise der Cannonball, 1. Abschnitt

Endlich pensioniert! Dennoch lässt sich unser Held zu einer letzten Reise überreden. Er bekommt Krach mit seiner Frau. Auf der Reise erwartet ihn ein heftiger Kampf.

Minus 120 Stunden

Treidelmeister hatte sich selber herbemüht. Ich hätte ich ihn nicht so bald wieder erwartet. Nach seiner Ansprache zu meiner Verabschiedung, die wie jede seiner Reden zwischen Pathos und Jovialität hin und her pendelte, hatte er den üblichen Präsentkorb mit Dauerwurst, Pralinen und dem unvermeidlichen pangalaktischen Donnergurgler überreicht. Zusätzlich gab es eine echte Überraschung: die Cannonball! Generalüberholt, frisch lackiert und getüvt, inclusive Stellplatz für soundso lange. „Schließlich kann kaum jemand so perfekt mit dem Ding umgehen wie du!”, meinte er.

„Da – na, er geschenkt hat dir vielleicht was Schönes”, sagte Ines, meine Frau, und zeigte auf das kleine Modell neben dem Präsentkorb. Sie grinste, während ich sie verständnislos anschaute, bis endlich der Groschen rutschte.

„O, sagte ich, da werden doch wohl heute Nacht keine kleinen Aliens rausklettern?”

Eigentlich wollte ich so etwas gar nicht mehr. Wollte mit Waldi spazieren gehen und das neue kleine Kätzchen streicheln. Vielleicht Memoiren schreiben und diesen oder jenen alten Kontakt auffrischen, mich meiner Malerei widmen, dem Hobby, das mir auch im Raum so manches Lichtjahr verkürzt hat. Wollte Zeit für meine Familie, meine Frau haben und all das, was zu kurz kommt, wenn man immer wieder im All unterwegs ist.

Die Cannonball stand bereits ein, zwei Monate ungenutzt herum, als, wie gesagt, Treidelmeister plötzlich an der Tür klingelte. Ich hätte ihm sagen mögen, dass ich lieber das Geld für den Stellplatz gehabt hätte, denn das Leben auf Erden ist verdammt teuer geworden. Und in eine dieser billigen neuen Trabantensiedlungen mit ihren riesigen Raumbahnhöfen und mickrigen Wohnzellen, mit bombastischen Sportstätten und verdorrenden Miniparks, nur durch langsam trüb werdende Kristallkuppeln vom unbarmherzig schwarzen Sternhimmel getrennt, in die will ich ums Verrecken nicht ziehen. Meine Frau schon gar nicht. Aber ehe ich mich räuspern und mein Anliegen äußern konnte, war er schon mit der Tür ins Haus gefallen und hatte ein Angebot gemacht, das ich unmöglich ausschlagen konnte. Was war ich doch so naiv gewesen! Nur darum hatte er mir die Cannonball überlassen: Ich sollte wieder auf Fahrt gehen.

Nur eine kleine Reise, eine einzige, sagte er, und dann hätte ich wirklich ausgesorgt. Sogar Gutscheine über 3000 galaktische Gallonen vom besten Superkaputin sollte es geben – dabei passen in die Tanks der Cannonball nur 1500. Ein fetter Extrabonus bei den Treibstoffpreisen! Wir besiegelten den Vertrag mit einem winzigkleinen Tropfen vom Donnergurgler. Er müsse schließlich diese Woche noch arbeiten, meinte er, und auch für mich ginge es ja nun ans Packen.

Das Reiseziel war die Großstation Beteigeuze, ein bisschen Expressfracht hinbringen. Anfangs vermutete ich, dass es sich bei den Superkonditionen des Chartervertrages um eine Art von Risikozulage handelte, dass sie lieber einen ausgemusterten alten Knochen wie mich riskieren wollten als einen ihrer begabten jungen Piloten, falls es nämlich bei der dort gerade wieder mal erwarteten Supernova mächtig heiße Füße gäbe. Dann las ich die Frachtdokumente und mir wurde klar: Hier ging es um den kreativen Umgang mit gewissen, als einengend empfundenen Ausfuhrbestimmungen. Denn einen kleinen, pensionierten Privatpiloten, noch dazu einen überall als honorig bekannten, den würde man kaum kontrollieren, da würde man nicht groß suchen. Und wenn es Schwierigkeiten gäbe, würde Treidelmeister nie irgendwas gewusst haben.

Minus 96 Stunden

Ich hätte es ahnen können. Ines ist nach einem Riesenkrach mit Pauken und Trompeten ausgezogen. Nun gut, solcheTrennungsübungen haben wir immer wieder durchexerziert, eigentlich vor jeder größeren Reise. Vor allem, wenn ich vorher versprochen hatte, mir endlich einen ruhigen Job in der Verwaltung zu suchen. Sie hatte ja auch dort gearbeitet, in der Personalabteilung, es hätte alles prima gepasst. Sie war dort mit Computern beschäftigt, verwaltete Papiere mit unfälschbaren Fingerprints, erfand supersichere Plausibiltätstests für Daten und andere cryptische Sachen, wovon ich gar nichts verstehe.

Und dann bin ich doch immer wieder auf Fahrt gegangen. Diesmal kam es besonders dick. Sie arbeite ja auch immer noch stundenweise, da könne ich doch wohl auch noch mal `ne kleine Reise ..., so versuchte ich mich zu rechtfertigen. – Das sei doch was ganz ganz anderes. – Ja? Wieso denn?? Und so weiter.

Sie hatte ja geglaubt, ich würde endgültig zu Hause bleiben. Ich hatte das ja selbst gelaubt! Somit war die Enttäuschung groß. Wer weiß, ob das jemals wieder heilbar ist. Die Cannonball war vielleicht doch ein Danaergeschenk gewesen.

Wenigstens kann ich jetzt in Ruhe packen, aber es herrscht eine traurige Stimmung.

Minus 72 Stunden

Alles verstaut. Habe die Frachtpapiere noch einmal durchgeschaut. Mir ist wirklich nicht klar, ob ich nun Neutronenschilder für den Strahlenantrieb oder Neuronenschilder für den telekinetischen Antrieb geladen habe. Vermutlich ist es von beidem etwas. Ach ja, das mit der Telelportation auf zerebraler Basis: Einen Kumpel hatten sie zu mal zu einem Kurs ins Marinehospital geschickt. Da sitzen dann gestandene Raumpiloten im Schneidersitz (sie nennen es „Lotussitz”, aber die meisten kriegen die Füße nicht nach oben) im Kreis und murmeln: „Om, om, om, kleines Raumschiff, komm.” Das wär‘ nun wirklich nicht mein Fall. Mein Kumpel sah das auch so. Er wurde wegen unernsten Verhaltens aus dem Fortbildungskurs entfernt und fragte mich ganz ernsthaft, ob er das nun als Gewinn oder Verlust verbuchen solle.

Dem Vernehmen nach funktioniert es tatsächlich. Allerdings verbrauchen sich die geistigen Kräfte und regenerieren sich oft nicht schnell genug, so dass der wackere Raumfahrer zwar sein Ziel erreicht, aber nicht mehr weiß, wie er die Ausstiegsluke aufbekommt. Dann hat das Marinehospital einen neuen Kunden.

Minus 48 Stunden

Komisch, dieses Lampenfieber vor jedem Start. Ist halt immer wieder aufregend, auch wenn es im Grunde ein ganz ausgetretener Pfad ist, dieser Hyperchannel zur Beteigeuze. Habe alle Daten übermittelt, der Start auf der Armbrust ist reserviert. Finde es immer noch witzig, dass Astronauten und Techniker diese gewaltige Startrampe Armbrust nennen, obwohl die bestimmt keiner schultert. Aber es ist das gleiche Prinzip. Es ist natürlich gut, wenn Raumschiffe mit der Kraft riesiger Stahlfedern hoch und fast bis zum jeweils zuständigen Hyperchannel katapultiert werden. Denn das Superkaputin ist wirklich ein Teufelszeug, das man besser nicht in der Atmosphäre, am besten überhaupt nicht in Erdnähe abbrennt. Das Gerede von der Nachhaltigkeit bei Raketenstarts allerdings ist reine Augenwischerei, denn für die wirklich großen Pötte ist der Federmechanismus viel zu schwach, die müssen ordentlich feuern wie eh und je. Und sowieso: Bei jeder Landung muss jedes Schiff kräftig Bremsschub geben.

Minus 24 Stunden

Ich bin gerührt. Heute war Post von Ines im Briefkasten. Das stimmt mich froh. Ein Adventskalender. So nennen wir diese Kalender, wo man, je nach dem, täglich oder wöchentlich ein Türchen aufmacht und dahinter einen netten Spruch oder eine andere Kleinigkeit von seinen Liebsten findet.

Wegen der Zeitverschiebung und dem ganzen relativistischen Kram ist es ja nicht möglich, normale Nachrichten durch den Hyperchannel zu funken. Gut, man kann das schon machen, aber die kommen dann alle fast auf einen Schlag kurz hintereinander auf der Rückreise an. Der Effekt des guten alten Herrn Doppler. Und Hypernachrichten sind so energieaufwendig, dass sich die Raumbehörde diese für wirklich dringende Fälle vorbehält.

Minus 1 Stunde

Ich begebe mich jetzt in den Druckwassertank. Da muss jeder rein, damit er beim Start auf der Armbrust die enorme Beschleunigung aushält und nicht platzt wie eine runtergefallene Tomate. In der Startphase wird dann der Druck entsprechend der Beschleunigung abgesenkt und direkt danach wieder hochgeregelt, so dass der Körper konstanten Druckbedingungen ausgesetzt ist. Erst danach wird allmählich dekomprimiert, sonst kriegt der Astronaut die Taucherkrankheit.

Plus 72 Stunden

Langsam geht es mir wieder besser. Irgendwas ist schief gelaufen bei diesem Start. Ich hatte einen schönen sanften Shotup wie für Touristen bestellt, aber anscheinend haben sie voll Stoff auf die kleine Cannonball gepowert. Möglicherweise sind sie von einer zu hohen Masse des Schiffchens ausgegangen. Das ist mir in meiner ganzen Dienstzeit nicht passiert. Aber jetzt, mit so einem Privatflieger, da können sie es ja machen. Glücklicherweise hat die Drucktanksteuerung das Schlimmste verhindert, sonst wäre ich jetzt ziemlich platt.

4. Tag

Komisch, dass ich das Logbuch so lange noch ganz nach Vorschrift, in Stundeneinteilung, geführt habe. Das entspricht dem Reglement, gewiss, war vielleicht ursprünglich sogar sinnvoll, ist aber für mich ganz und gar unwichtig. Vermutlich muss ich nicht mal ein Logbuch führen. Gut, ich tue es, aber nicht für die Raumbehörde. Doch die Stundeneinteilung muss nicht sein. Wer Genaues wissen will, schaue in die automatischen Logs. Das zeigt mal wieder, wie Formen, die sich überlebt haben, funktionslos und hartnäckig dennoch weiter leben.

6. Tag

Die Unterhaltungsmedien der Cannonball ausgetestet. Naja. Werde mich wohl hauptsächlich meiner Malerei widmen.

7. Tag

Heute das erste Türchen des Adventskalenders geöffnet. Es enthielt ein schönes Portraitfoto meiner Frau und die Anregung: „Mal mal wieder!” Genau, das werde ich tun!

Datum egal

Es ist ein wirklich schönes Portrait meiner Frau geworden, interessante Lichteffekte in ihren halblangen, glatten schwarzen Haaren. Ich glaube, ihren ganz typischen Ausdruck getroffen zu haben. Vielleicht macht sie gerade jetzt so ein Gesicht. Wobei der Begriff „jetzt” natürlich, relativistisch gesehen, fast ohne Bedeutung ist. Zu Hause arbeite ich in Öl, in „Essig und Öl”, wie sie immer leicht spöttisch anmerkt, aber hier muss ich Acryl nehmen. Den Terpentingeruch im Sauerstoffsystem – also lieber nicht.

Vielleicht drei Wochen nach dem Start

Langweilig. Habe schöne bunte Sonnenuntergänge, wie man sie auf den Ammoniakplaneten sieht, gemalt, aus dem Gedächtnis. Auch Sonnenfinsternisse, allerlei Mondschattengewächse und so weiter.

Drei Tage später

Immer noch langweilig. Ich dachte immer, als älterer Mensch könne man Langeweile besser ertragen.

Scheint aber nicht so zu sein. Werde noch ein Bild von meiner Frau malen. Der Kopf ist ja schon fertig. Einen Akt in Überlebensgröße. Ich spanne eine Leinwand durch den Hauptgang der Cannonball. Das wären dann 7,8 Meter. Das wäre schon deshalb witzig, weil sie in Wirklichkeit ein zierliches kleines Wesen ist. Aber ein Energiebündel! Kann ich ihr dann aber so nicht schenken, vielleicht vorher einen Bikini drübermalen. Und aufhängen können wir es dann auch nicht, höchstens quer durch den Garten spannen. Wär ihr bestimmt auch nicht recht. Egal, der Sinn der Kunst liegt in ihr selbst.

580 Stunden nach dem Start

Habe etwas völlig Abwegiges gesichtet. Sah fast aus wie unser kleines Kätzchen zu Hause, nur war es von gewaltiger Größe. Die Cannonball ist im Verhältnis dazu so klein wie das Schellenbällchen, mit dem das Kätzchen so gerne und ausdauernd spielt. Ist etwa was dran an den alten Geschichten von den wilden Space-Tigern, die Raumschiffen auflauern? Die mit ihnen spielen, mit ihren mächtigen Krallen die Planken von den Schiffen fetzen, auf ihm herumkauen, bis alles zermatscht und geschrottet ist, und es dann mit wütendem Gefauch wieder ausspucken? Ein Märchen, gewiss, das sich aber so hartnäckig hält wie das vom Klabautermann bei den alten Windjammern.

600 Stunden nach Start

Es ist passiert. Ich saß festgezurrt an der Steuersäule, als der erste gewaltige Schlag erfolgte. Die Cannonball rotierte wie eine mit viel Drall abgeschossene Kanonenkugel, Kätzchen machte einen großen Satz und hatte mich wieder. Dann fielen Schlag auf Schlag und mein Schiff taumelte und rollte und hüpfte wild hin und her. Diese Geräusche erst! Dieses kreischende Kratzen ihrer schrecklichen Krallen über die Titanit-Oberflächen werde ich nie vergessen, und ab und zu musste ich den Kopf einziehen vor meinen Konservendosen, die nicht richtig verstaut waren und nun kreuz und quer durch alle Sektionen schossen.

Gut, dass die Cannonball ein fast perfekte Kugel und damit von Natur aus nicht besonders griffig ist. Ich konzentrierte mich darauf, immer so zu steuern, dass sie ihre Pranken nicht auf die einzige große Schwachstelle, das kristalline Aussichtsfenster, schlagen konnte. Wenn sie das knackte, würde sie mein Schiff zerreißen wie unser Kätzchen zu Hause ein armes Mäuslein.

Weniger gewitzte Piloten hätten vermutlich versucht, dem Desaster durch schnelles, exaktes Gegensteuern zu entgehen. Ich wählte den umgekehrten Weg. Wenn sie zu mir hin sprang, steuerte ich schwungvoll auf sie zu und versuchte, sie möglichst hart zu treffen. Wenn sie mich gepackt hielt, drückte ich das Schiff noch fester in ihre Pfoten. Es machte sie zwar erst recht wütend, dass ihr Fang sich nicht erwartungsgemäß verhielt, aber ich merkte schon, dass sie ermüdete und unkonzentriert wurde.

Dann sah ich meine Chance. Als das Haupttriebwerk genau auf ihre Augen zielte, zündete ich die maximale Menge Superkaputin, diesem Teufelszeug. Das Tierchen heulte schauerlich auf, was durch die dünner werdenden Triebwerksgase auf mein Schiff übertragen wurde, und machte einen gewaltigen Sprung nach hinten, mein Schiff machte einen großen Satz nach vorn und die Gefahr war überstanden. Zunächst jedenfalls.

Am nächsten Tag

Die eigentliche Arbeit fing jetzt erst an. Durch das Herumgetaumel war natürlich der Kurs verloren gegangen. Die Gyratoren waren völlig durcheinander, sie wiesen eine Abweichung von fast einem Grad aus! Was das bedeutet, brauche ich wohl nicht zu erläutern. Mit einer solchen Abweichung würde ich nicht nur mein Ziel um Lichtjahre verfehlen, ich käme glatt im falschen Sternbild an. Ich wusste nicht einmal genau, ob ich vorwärts oder rückwärts flog. Zwar heißt es, man könne im Hyperchannel nicht wenden, aber befand ich mich überhaupt noch in ihm? Die Kurs- Positions- und Geschwindigkeitsbestimmung in einem Hyperchannel ist wahrlich nicht trivial, und außerhalb erst recht nicht möglich. Außerhalb ist und bleibt die unbekannte Parallelwelt. An sich bewegt man sich im Kanal sicher und gleichmäßig wie auf Schienen. Aber was geschieht, wenn man herausfällt, das weiß niemand. Es ist noch keiner zurück gekommen.

Als ich alle meine Sextanten, Interferometer usw. aufgestellt hatte, kam Ratlosigkeit auf. Sie lieferten kein stimmiges Bild. Da spürte ich plötzlich einen ziemlich harten Schlag auf das Schiff, der den Kurs veränderte, und bald darauf gab es den nächsten Stoß aus einer anderen Richtung, und kurz darauf wieder einen. Als ob ich noch nicht genug durchgeschüttelt worden wäre! Die Cannonball wurde wie ein Spielball hin und her geworfen. War das eine Reflexion an den Wänden des Hyperchannels? Es heißt zwar immer, der Kanal habe gar keine Wände, das seien nur gedachte, eine Hypothese damit das Modell stimmt, etwas rein metaphorisches also. Aber wer weiß? Niemand hat je im Kanal Pingpong mit sich spielen lassen. So richtete ich den Kurs nach den Schlägen und Stößen aus, bis das Schiff frei und ungehindert weiter flog und hoffte das Beste. Bin dann ausgestiegen und habe alles gründlich von außen inspiziert. Viele tiefe Kratzer in der Hülle, ein paar verbeulte Triebwerksauslässe, die Hauptantenne hing nur noch an einem Drähtchen. Ich habe sie provisorisch festgeschraubt, der Rest ist eigentlich ziemlich egal.


2. Abschnitt
 
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