Die letzte Reise der Cannonball, 2. Abschnitt

1. Abschnitt


Die letzte Reise der Cannonball, 2. Abschnitt

Gut gelandet. Reparatur des Raumschiffs. Treffen mit einem alten Kumpel und moralisch zweifelhafte Angebote.


Ein paar Tage drauf

War durch die Ereignisse ein paar Türchen im Adventskalender im Rückstand. Es gab nur Sprüche, und zwar ausgesucht heftige. Was für ein Idiot und elender Trottel ich doch sei, mich diesem ganzen Scheiß noch mal auszusetzen, wo ich doch eigentlich jetzt gemütlich mit ihr und Waldi spazieren gehen könnte. Ines muss es gut getan haben, das alles hinzuschreiben. Und, das Schlimmste: Sie hatte ja Recht.

Habe wie geplant die große Leinwand aufgespannt und das Bild begonnen. Male wie Michelangelo auf dem Rücken liegend. Ist eine recht bequeme Haltung, habe aber leider niemanden, der mir die Farben anreicht. Ich denke, dass ich bis zur Landung fertig sein werde und das Gemälde dann schön zusammenrollen kann. Eventuell beim Rückflug doch noch einen Badeanzug draufmalen.

So circa plusminus drei Tage nach der geplanten Ankunftszeit

Die Landung auf der Plattform verlief problemlos. Die Beteigeuze brodelt wie immer friedlich am künstlichen Horizont vor sich hin. Keine Spur von Supernova. Eigentlich müsste ich ja sofort den Zuständigen von den Ereignissen im Hyperchannel Bericht erstatten, damit sie eine Warnung vor dem wild gewordenen Raumraubtier aussprechen können. Aber würde mir altem Zausel überhaupt geglaubt werden? Wichtiger war jetzt der Kontakt mit der Reparaturwerkstatt. Die sind dort gut ausgestattet und können die gesamte Steuer- und Ortungstechnik neu justieren. Aber was das kostet! Wer soll das bezahlen? Im aktiven Dienst habe ich mich nie um Reparaturrechnugen kümmern müssen, und der Chartervertrag sagt darüber nichts aus. Ich habe dann dem Werkstattleiter ganz beiläufig gesagt: „Die Rechnung geht direkt an Treidelmeister.”

Würde ja nun meine heiße Ladung gerne schnell los werden, aber der Supercargo ist nicht erreichbar. Selber ausladen kommt nicht in Frage. Je weniger ich mich mit dem Kram befasse, um so besser. Habe dann eine Unterkunft gesucht, mit anständiger Dusche und einem guten Bett, vielleicht einem schönen Aussichtsfester auf die nächstgelegene Milchstraße. Klar, Appartements gibt es, aber der Preis! Und die einfachen Absteigen – da habe ich es in meinem Schiffchen besser.

Bin dann ins etwas großspurig „Space-Lounge” genannte Hafenrestaurant gegangen. Ich hatte mich sehr auf Charly, den Barkeeper und Pächter des Lokals gefreut. Er ist damals mit guter Abfindung aus dem aktiven Pilotendienst ausgeschieden ist (warum auch immer, vielleicht hatten sie gerade zu viele Piloten – jetzt haben sie anscheinend zu wenige) und hat seine Berufung in seinem neuen Job gefunden. Leider war er nicht da. Stattdessen saßen an einem runden Tisch ein halbes Dutzend leise kichernder Damen, eine sprach mich sofort an. Ich wollte erst höflich antworten, dann erkannte ich es: Irgendein Automatenaufsteller hatte hier seine Sexpuppen positioniert. Also beachtete ich sie gar nicht, holte mir einen Automaten-Cappuccino, der gar nicht mal so schlecht war, und schwang mich auf einen Barhocker. Als dann eine mit „Hallo Süßer” ankam, zeigte ich ihr die rote Karte und sie trollte sich. In meinem Alter fange ich bestimmt nichts mehr mit einer Gumminutte an. Als der Kaffee getrunken und Charly immer noch nicht erschienen war, ging ich wieder zu meinem Schiffchen und legte mich in die Koje, was solls.

Kaum zwei Stunden später

Krach. Das Team der Werkstatt hat vom Schiff Besitz ergriffen und mit dem Ausbeulen der Triebwerks-Auslasstrichter begonnen. Ich stand auf und sagte ihnen, dass sie das lassen sollten. „Also nicht glatt schleifen und neu lackieren?”, fragten sie. Hätte mir eigentlich egal sein können, wenn Treidelmeister zahlt, aber ich wollte meine Ruhe. Sie mögen einfach Steuerungs- und Navigationsanlage komplett durchprüfen und nötigenfalls neu justieren, fertig, das mache wenigstens keinen Lärm. Ich brauche keine Schönheitsreparaturen. Nur meinen Schönheitsschlaf, das lag mir noch auf der Zunge, aber ich ließ es liegen. Diese Typen haben für so etwas kein Verständnis und es untergräbt die Autorität.

Bin dann wieder in die Space-Lounge gegangen. Die kichernden Plastikgirls waren fort, nur unbekannte Gesichter, mäßiger Betrieb, und keiner hinter dem Tresen. Ich zog mir etwas aus dem Automaten und hockte mich hin, starrte relativ trübsinnig auf meine Automatenflasche. Da stand plötzlich, ich sah ihn nicht kommen, Charly vor mir. „Mensch, alter Junge”, rief er herzlich wie eh und je, „dass ich dich hier noch mal zu sehen kriege! Jetzt lass uns mal ein bisschen klönen. Ich mix` dir erst mal `n guten Drink! Nun erzähl doch mal!”

Er nahm seinen angestammten Platz ein, stellte zwei Gläser auf den Tresen – das ging natürlich aufs Haus – und füllte eine gelbliche Flüsssigkeit ein. „Echter Multivitaminsaft, der echteste, den du hier je zu sehen bekommst”, sagte er. Dann holte er unter dem Tresen eine dickwandige Flasche hervor – den Donnergurgler! Er öffnete sie, sagte: „für jeden einen halben Zentimeter”, und ich erschrak. Wie ich da wohl mit Anstand raus kam? Aber es wurde nicht so schlimm. Er tunkte vorsichtig einen roten Glasstab in die Flasche, zog ihn heraus und rührte damit den Saft um. Es brodelte und zischte ein wenig, ein Nebelwölkchen stieg auf, und der Drink war fertig. „Siehst du”, sagte er und zeigte mir den Glasstab, „für jeden einen halben Zentimeter.” „Da bin ich aber froh”, sagte ich, „ich fürchtete schon, du willst mich umbringen.” Er wäre schon lägst tot ohne das Stäbchen, meinte er und hielt es mir vor die Augen. Es war am unteren Ende ganz milchig-weiß. „Weggeätzt, die Farbe”, sagt er, „sind halt die gleichen Ausgangsstoffe wie beim Superkaputin.”

Der Drink schmeckte nicht schlecht und wir erzählten. Meine Geschichte kommentierte er mit den Worten: „Typisch Treidelmeister, zu geizig, dir eine reguläre Verlängerung anzubieten, schickt er dich mit so einer Nussschale auf die Reise. Klar, dass du damit irgendwo anrammelst. War überhaupt alles korrekt justiert und von Grund auf durchgetestet worden oder nur mal kurz drübergeputzt? Und glaub ja nicht, dass der dir die Werkstatt bezahlt. Wozu sonst hat er dich outgesourced?” – „Das wollen wir doch mal sehen”, sagte ich grimmig, aber ein bisschen flau war mir schon dabei. Wenn Treidelmeister nicht zahlt, dann habe ich die Reise für umsonst gemacht.

Bei Charly gab es wenig Neues. Ja, es mache schon noch Spaß, weil manchmal alte Kumpels auftauchten. Aber sonst? Die Schiffe hätten immer weniger Besatzung, und dann waren es oft nur Androiden. Die Andis seien inzwischen so perfekt, dass er sie manchmal erst erkennen könne, wenn sie einen Maschinenöl-Coktail bestellten, da zöge er sich halt immer mehr zurück und überließe den Umsatz seinen Automaten. Er lese jetzt viel, so erzählte er. Das sei zwar eine völlig anachronistische Beschäftigung, aber er liebe nun mal die gute alte SF-Literatur, wo noch plötzlich Raumungeheuer auftauchen und wo es Schiffe mit messinggefassten Bullaugen gibt und wo die Künstliche Intelligenz noch als Elektronengehirn bezeichnet wird.

Inzwischen waren alle Plätze am Tresen besetzt. Ein echter Bartender ist eben auch eine echte Attraktion. Als er alle Bestellungen abgearbeitet hatte, verschwand er ebenso plötzlich wie er erschienen war. Nach und nach gingen die Gäste, nur ich blieb, hatte mir das dritte Automatenbier geholt und fühlte mich merkwürdig leer, wie schwerelos schwebend, obwohl sie doch hier eine fast echte künstliche Schwerkraft haben. Froh und melancholisch gleichzeitig. Würde wohl bald in meine Koje kriechen. Diese Raumstationen sind eben doch ziemlich öde.

Wie gesagt, ich war gewissermaßen schon am Aufbrechen, da erschien sie. Eine absolut bemerkenswerte Erscheinung, eine Wahnsinnsfrau. Ich fragte mich einen Augenblick, ob meine Wahrnehmung vielleicht durch den pangalaktischen Donnergurgler induziert sei, aber der Bruchteil eines Milliliters konnte das selbst bei diesem mörderischen Gesöff kaum bewirken, und die drei kleinen Automatenbierchen auch nicht. Es musste ihre Ausstrahlung sein. Nicht jung, nicht alt, nicht elegant, nicht schlampig, einfach perfekt. Aber wenn ich jetzt ihr Gesicht beschreiben sollte, ich könnte es nicht. Ihre Bewegungen waren fließend, sanft, elastisch, kraftvoll und katzengleich, dieses Wort fiel mir ein. Sie treibe Sport, turne und tanze, hat sie mir später verraten.

„Hallo Jungens, wollte ich schon rufen, aber es ist ja nur einer da!” so klang ihre glockenhelle Stimme durch die Lounge. „Gnädige Frau, sie schmeicheln mir, mich alten Zausel unter ‚Jungens‘ zu subsummieren”, antwortete ich, und sie ließ ein leises, beiläufiges Lachen hören.

Ich darf mich doch neben Sie setzten ... freilich, bei so unerwarteter, netter Gesellschaft … soll ich ihnen ein Bierchen … bla bla bla ... so ging das.

Sie hatte irgendeine Funktion als Koordinator, den Pilotenschein hatte sie auch und stellte das mit einer pointierten Auswahl berufsüblicher Sprüche unter Beweis. Bald waren wir weg von der Raumfahrerei, landeten bei der Malerei. Sie wusste anscheinend alles über Keilrahmen, Grundierungen, Farben, Pinsel, Spachtel, Firnis usw., und natürlich auch über Künstler und deren Marotten. Sie habe auch mal ein bisschen Kunst gemacht, erzählte sie. Ich weiß nicht warum, aber bald plapperte ich ganz vertrauensselig von mir und fühlte mich auch noch wohl dabei, obwohl sie wenig von sich erzählte. Ist aber egal, dachte ich, man trifft sich sowieso nicht wieder.

Schließlich kam sogar meine Fracht zur Sprache. „Auf den Supercargo kannst du lange warten”, sagte sie, „der hat nämlich abgeheuert. Charly hat das mit übernommen. Aber ich wette, die Sendung ist für IHR Schiff bestimmt.” Ich wunderte mich, dass Charly nichts davon erwähnt hatte, aber es war ihm wohl unwichtig gewesen. Außerdem fiel mir die besondere Betonung auf, mit der sie ‚IHR Schiff‘ sagte. Mir war kein besonderes Schiff aufgefallen. Schließlich zog sie mich zu dem kleinen Seitenfenster der langgestreckten Lounge, durch das man auf eine Art von Hinterhof sah, wo allerlei Schrott und altes Zeug herumlag, und zeigte mir das Schiff. Normalerweise parkt da keiner. Aber jetzt stand da ein Raumkreuzer. Es war eine der merkwürdigsten Konstruktionen, die ich je gesehen habe. Nicht nur, dass der Pott in einem tiefen Kardinalsrot lackiert war; die blendend weiße Spitze hatte die Form eines spätbarocken Zwiebelturms, und obenauf streckte sich eine viel zu große Antenne wie ein Kreuz gen Himmel. „Und da bringst du morgen einfach deine Sachen hin, fertig!”, sagte sie.

Wir kamen wieder auf die Kunst zu sprechen; ob sie nicht mal ein paar Bilder von mir sehen könne, fragte sie. Warum auch nicht, antwortete ich und dachte: Was soll schon passieren, und musste innerlich lachen. Ja, was konnte denn passieren?

Als wir vor meinem Schiff standen, wies sie auf die Kampfspuren, auf einen besonders tiefen Kratzer und sagte: „Das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht, dass du dir so einen Quatsch aufs Schiff malst. Am Ende bist du auch noch tätowiert?” Sie zog ein Taschentuch hervor, rieb sich damit fest die Augen aus, drückte das Tüchlein dann auf den Kratzer und wischte ihn einfach weg. Ich erschrak gleich zwei mal. Eine Androidin! Die technische Evolution nimmt bekanntlich selten zurück, was sich bewährt hat. Und die kristallinen Androidenaugen, oder sollte ich besser Kameras sagen, haben sich selbst unter widrigsten Bedingungen bewährt, wie sie etwa in den Staubwolken ferner Wüstenplaneten herrschen. Warum sollte man das für irgendwelche Salon-Andies ändern? Nur die Sache mit der Tränenflüssigkeit funktioniert nicht. Sie könnten einen Hochdruckreiniger nehmen. Lieber wischen sie sich mit einem unauffälligen Tüchlein mit eingearbeiter, korundbeschichteter Stahlwolle die künstlichen Glubscher sauber. Wollte ich mit solch einem weiblichen Androiden in meine Rakete steigen? Auf keinen Fall. Erst recht nicht, wenn es sich anscheinend doch um eine gehobene, sagen wir mal: Dienstleisterin handelte. Und ich hatte mich von ihrem eingespeicherten Lexikonwissen über die Malerei einwickeln lassen! Der zweite Schreck: Wieso waren die Kampfspuren, die Risse und Kratzer nur aufgemalt? Was war bei dem wilden Tanz im Kanal wirklich passiert?

Ich bedankte ich mich kühl und höflich für die Begleitung und verschwand hastig in der Einstiegsluke.


3. Abschnitt
 
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