Die unsichtbare Grenze

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juliawa

Mitglied
Die Grenze, die ich meine,
verläuft durch Berlin und durch Istanbul;
im Osten ist man echt,
im Westen ist man cool.


Der Osten liebt das Unbestimmte,
das wabernde Geheimnis,
der Westen das Erbauliche,
die Botschaft und das Gleichnis.


Der Westen liebt den Lauten,
der sich zu präsentieren weiß.
Der Osten liebt den Leisen,
den Weisen und den Greis.


Der Osten liebt den Winter,
den Nebel und den Wald.
Der Westen liebt den Sommer,
die Form und die Gestalt.


Ali liebt die Mutter;
die Verstehende, die Zarte,
Alex seine Freundin;
die Kritische, die Harte.


Michail liebt Gedichte,
Michael das Geschäft.
Michael wird befördert,
Michail; der hat Pech.
 

Mondnein

Mitglied
Natürlich, liebe Juliawa,

ist die Gefahr, hier in die Phrasenfettnäpfchen zu treten, unvermeidlich groß. Dann wärst Du mutig. Aber ich finde, es ist fein und sorgfältig, es trifft schon auf "genaue" Trennlinien.

Der Osten liebt den Leisen,
den Weisen und den Greis.
Das hat vielleicht oft etwas von Griesgrämigkeit - nicht Deine Verse meine ich, sondern den "Osten".
Vor ein paar Monaten hat irgendein sächischer Dichter in der Sächsischen Zeitung einen Verriß über Jan Wagner eingebracht. Das war eine der überaus seltenen Wortmeldungen zur Dichtung "anderer" Dichter in der Tagespresse. Da war Jan Wagner schon Büchnerpreisträger, als Krönung der vielen Ehrungen, die er früher schon eingeheimst hat. Ich schrieb einen längeren Brief an die Zeitung - "wenn das schon am grünen Holze geschieht ...", der nicht als Leserbrief veröffentlicht wurde und auch ohne Antwort des Artikel-Autors blieb. Die leitende Redakteurin gab auf mein Nachfragen kurz und freundlich Antwort, aber der "professionelle" Dichter des Verrisses schwieg weiter, obwohl es bei so seltenen Korrespondenz-Versuchen eigentlich üblich ist, daß der Autor auf seinen (wahrscheinlich einzigen) Leserbrief-Korrespondenten antwortet.

Genauso läuft es hier im Osten mit dem "Poetenladen". Nicht anschreibbar, stumm, eine kalte Betonwand. Das ist die Adresse, die mir von einem Kleinverleger in Görlitz, mit dem ich bekannt bin (aber der macht nicht in Dichtung) empfohlen worden ist. Und von einer Deutschkollegin. Und und. Der Poetenladen. Sehr leise, weise und vergreist.

Es laufen einem die Schauder über den Rücken. Es erinnert mich an Trakl: "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung".

grusz, hansz
 
Mit meinen Alltagserfahrungen deckt sich das überhaupt nicht. Ich habe seit 1990 viele Monate auf Reisen quer durch Ostdeutschland verbracht, auch viele Menschen und Biographien kennengelernt und wohne seit Jahren selbst im "Beitrittsgebiet". Gewiss gibt es "Trennlinien", doch diese ziehen sich, jedenfalls in der Gegenwart von 2020, eher wie ein feines Netz über das ganze Land. Ich finde die Verse undifferenziert tendenziös. Und diese Tendenz wird, wiederum nach meinen Erfahrungen, nicht einmal der Literaturszene gerecht. Ich bewerte allein aufgrund formaler Qualitäten statt mit "1" mit "2".
 

Walther

Mitglied
Mit meinen Alltagserfahrungen deckt sich das überhaupt nicht. Ich habe seit 1990 viele Monate auf Reisen quer durch Ostdeutschland verbracht, auch viele Menschen und Biographien kennengelernt und wohne seit Jahren selbst im "Beitrittsgebiet". Gewiss gibt es "Trennlinien", doch diese ziehen sich, jedenfalls in der Gegenwart von 2020, eher wie ein feines Netz über das ganze Land. Ich finde die Verse undifferenziert tendenziös. Und diese Tendenz wird, wiederum nach meinen Erfahrungen, nicht einmal der Literaturszene gerecht. Ich bewerte allein aufgrund formaler Qualitäten statt mit "1" mit "2".
Hi, nicht nur dort sieht der text aus wie eine seltsame vers-strophen-klebearbeit, bei der wenig hält - und nicht, was es verspricht. lg W.
Natürlich, liebe Juliawa,

ist die Gefahr, hier in die Phrasenfettnäpfchen zu treten, unvermeidlich groß. Dann wärst Du mutig. Aber ich finde, es ist fein und sorgfältig, es trifft schon auf "genaue" Trennlinien.



Das hat vielleicht oft etwas von Griesgrämigkeit - nicht Deine Verse meine ich, sondern den "Osten".
Vor ein paar Monaten hat irgendein sächischer Dichter in der Sächsischen Zeitung einen Verriß über Jan Wagner eingebracht. Das war eine der überaus seltenen Wortmeldungen zur Dichtung "anderer" Dichter in der Tagespresse. Da war Jan Wagner schon Büchnerpreisträger, als Krönung der vielen Ehrungen, die er früher schon eingeheimst hat. Ich schrieb einen längeren Brief an die Zeitung - "wenn das schon am grünen Holze geschieht ...", der nicht als Leserbrief veröffentlicht wurde und auch ohne Antwort des Artikel-Autors blieb. Die leitende Redakteurin gab auf mein Nachfragen kurz und freundlich Antwort, aber der "professionelle" Dichter des Verrisses schwieg weiter, obwohl es bei so seltenen Korrespondenz-Versuchen eigentlich üblich ist, daß der Autor auf seinen (wahrscheinlich einzigen) Leserbrief-Korrespondenten antwortet.

Genauso läuft es hier im Osten mit dem "Poetenladen". Nicht anschreibbar, stumm, eine kalte Betonwand. Das ist die Adresse, die mir von einem Kleinverleger in Görlitz, mit dem ich bekannt bin (aber der macht nicht in Dichtung) empfohlen worden ist. Und von einer Deutschkollegin. Und und. Der Poetenladen. Sehr leise, weise und vergreist.

Es laufen einem die Schauder über den Rücken. Es erinnert mich an Trakl: "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung".

grusz, hansz
lb hansz, dein schmerz ist verständlich, tut hier aber nichts zur sache. lg W,
 

anbas

Mitglied
Hallo Juliawa,

wenn das Gedicht satirisch gemeint ist, so kommt das nicht rüber. Sollte es ernst gemeint sein, so empfinde ich es im wahrsten Sinne des Wortes furchtbar klischeehaft.

Handwerklich holpert es außerdem an einigen Stellen bei der Metrik.

Tut mir leid, aber ich finde den Text komplett misslungen.

Liebe Grüße

Andreas
 

juliawa

Mitglied
Hallo an Alle,

ok, trotzdem vielen Dank für eure Rückmeldungen.
Mir ist bewusst, dass das Gedicht klischeehaft geworden ist. Ich habe hier unreflektiert persönliche Eindrücke wiedergegeben. Natürlich ist die Wirklichkeit komplizierter.
Wegen mir kann der Text von der Redaktion auch gerne wieder gelöscht werden :)

Viele Grüße,
juliawa
 

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