Durchs Kapellgerippe hat der Frost

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wüstenrose

Mitglied
Hallo Patrick,

über ein gelöschtes Werk von dir schrieb unlängst ein User: das holpert ganz schön.
Ich greife das nochmal auf, da ich beim Lesen deiner Gedichte schon öfters vor der Frage stand: Steht dem Gedicht die gewisse Holprigkeit / Sperrigkeit gut zu Gesicht oder sollte hier eine betonungskosmetische Behandlung erfolgen?

Bezogen auf vorliegendes Gedicht:

Durchs Kapellgerippe hat der Frost
Die Holzmaria angegriffen
Ein Moosbart sintert um den Rost
Der Eisenkreuze, die geschliffen

Wie Zähne um die Gräber blecken
Die Silbergrau aus Schwarzem linsen
Vergessen ducken sich die Hecken
Nur der Mond hat Grund zu grinsen
Die erste und die letzte Zeile fallen bezüglich der Betonung am Zeilenanfang aus dem Rahmen, den die anderen Zeilen vorgeben.
Nachdem ich es etwas auf mich wirken ließ, würde ich sagen: Es ist gut so, rund und stimmig bzw.: Gerade dieses gewisse "gegen-den-Strich-gebürstet-Sein" fügt sich atmosphärisch und klanglich gut ins morbide, schaurig-frostige Gesamtbild ein.

Die ersten beiden Zeilen, das hier benutzte Bild, finde ich sehr ungewöhnlich und stark! Hier kommt rüber: das Innerste droht zu zerbrechen, die schützende Hülle hält nicht mehr stand, geht den Bach runter. Auch der weitere Verlauf bietet keinen Hinweis auf Trost und Zuflucht. Das Grinsen am Ende ist ein sardonisches, eine häßliche Grimasse angesichts der aussichtslosen Szenerie.

Große Klasse!

lg wüstenrose
 
Durchs Kapellgerippe hat der Frost
Die Holzmaria angegriffen
Ein Moosbart sintert um den Rost
Der Eisenkreuze, die geschliffen

Wie Zähne um die Gräber blecken
Die Silbergrau aus Schwarzem linsen
Vergessen ducken sich die Hecken
Nur der Mond hat Grund zu grinsen
 
Hallo wüstenrose

Durch meine unbändige Liebe zum Expressionismus lese ich oft sperrige, düstere, auch gewollt holprige, oft sogar in freien Versen abgefasste Gedichte. Ich denke ich habe diese Vorliebe einfach übernommen.

Außerdem bin ich ein fauler Hund, und ungeduldig noch dazu :D
Ich schreibe zu schnell und gebe meinen Texten zu wenig Zeit.

Ich hoffe ich bekomme das irgendwann in den Griff. :)

Zum Text:
Ja, es fängt alles mit der Hoffnungslosigkeit an.
Maria, die Schutz bieten soll, beginnt zu brökel, der Rest ist diese Hoffnungslosigkeit.

Ganz liebe Grüße
Patrick
 

wüstenrose

Mitglied
Durch meine unbändige Liebe zum Expressionismus lese ich oft sperrige, düstere, auch gewollt holprige, oft sogar in freien Versen abgefasste Gedichte. Ich denke ich habe diese Vorliebe einfach übernommen.
ja, danke für die Antwort, ich hatte auch das unklare Gefühl: Selbst bei deinen Gedichten, die ich überarbeitungswürdig empfand (wie z.B. das gelöschte "An Fenstern..."), hatte die Holprigkeit / Sperrigkeit doch auch was Kühnes, Urwüchsiges. Ich spürte den Impuls zu kommentieren: hier solltest du glätten, das Ungehobelte fein machen etc. - - - aber ich glaube, es geht bei deiner Schreibe nicht darum, diese zu "domestizieren", sondern mehr um ein inneres Abwägen: Welche Worte / Wortfolgen können das abbilden, was "raus" will? Da geht es dann nicht immer harmonisch zu und ich glaube: Das ist auch gut so!
 
O

orlando

Gast
Kühnheit her oder hin,
dem Endvers stellte ich ein "und" voraus:

Vergessen ducken sich die Hecken
Und nur der Mond hat Grund zu grinsen.
Das ist klanglich und inhaltlich einfach besser.

Der Gedichtsanfang hingegen ist ok. Nicht nur, weil es durchaus üblich ist, sich bzgl. eines Auftaktes (oder eben keines) Freiheiten herauszunehmen ...

Ansonsten ein gelungenes, schönes Gedicht.

Lieben Gruß, Patrick,
orlando
 

wüstenrose

Mitglied
Ich empfinde es so, dass mit der letzten Zeile ein schroffer Perspektivwechsel eintritt. Plötzlich wird das Ganze aus ungeheurer Distanz und mit einer völlig teilnahmslosen Kühlheit betrachtet. Von daher fände ich eine Verknüpfung mit und nicht angemessen und favorisiere den gewissen Bruch, den die vorliegende Version mit sich bringt.
 

molly

Mitglied
Hallo zusammen,

ein sehr kritischer, aber guter Dichter hat mir hier in der Lupe geraten, in der letzten Zeile eines Gedichts kein und zu schreiben.

Mir fehlt es auch nicht in Deinem schönen Gedicht, Patrick.

Liebe Grüße

molly
 
O

orlando

Gast
Alternativ ginge m. E.
Durchs Kapellgerippe hat der Frost
Die Holzmaria angegriffen
Ein Moosbart sintert um den Rost
Der Eisenkreuze, die geschliffen

Wie Zähne um die Gräber blecken
Die Silbergrau aus Schwarzem linsen
Vergessen ducken sich die Hecken,
[blue]Doch[/blue] der Mond hat Grund zu grinsen

Das "doch" klänge stiller als ein "nur" und fände deshalb einen Schulterschluss mit dem 1. Vers.

Im Übrigen macht Patrick eh was er will, was wiederum sein gutes Recht ist ... ;)

Grüße
orlando
 
Ich denke orlandos Einwurf ist durchaus berechtigt

Nachdem ich ein wenig überlegt habe, auch die Sicht von wüstenrose mit einbezogen habe, entscheide ich mich für Jote's Allein.

Das passt sowohl inhaltlich als auch von der Silbenbetonung her.

Thanatos ist mir übrigens zu deftig. Der Text ist schon von der Sprache sehr rau, ich denke ein Totengott (ich hoffe, ich hab das richtig in Erinerung) wäre zu viel des ..ähm Bösen :)

Lieben Gruß und Dank euch allen
Patrick
 
Durchs Kapellgerippe hat der Frost
Die Holzmaria angegriffen
Ein Moosbart sintert um den Rost
Der Eisenkreuze, die geschliffen

Wie Zähne um die Gräber blecken
Die Silbergrau aus Schwarzem linsen
Vergessen ducken sich die Hecken
Allein der Mond hat Grund zu grinsen
 
O

orlando

Gast
Recht getan, Patrick,
das ist die eleganteste Lösung.

Jetzt wird es hoffentlich 8erles regnen; ich gehe mal mit gutem Beispiel voran. ;)
 

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