Ein Banause

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Ein Banause


© Rolf-Peter Wille


Ich wandelte entrückt, in dichterischer Stimmung,
Inmitten frühlingssüchtiger Natur.
Und, ach, es öffneten sich Aug’ und Ohr
In leis’ poetischer Gesinnung;
Ich lauschte schon verzückt dem Chor,
[ 7]dem engelsgleichen!

Mein Geist jedoch, befangen in Verdummung,
Versank im Nu in trüben Schattenreichen
Der einsam dunklen Geistesleichen.
Und aus den müden Teichen der Verstummung
Trieb kaum ein dumpfes Wort empor.

So schritt, betrübt, ich denn nach Hause,
Mein Sinn verstrickt in die Ungeistigkeit
Von meiner dichterischen Pause.
Verzückter Drang nur, ein Banause,
Mag wandeln in der Ewigkeit.
 
K

Klopfstock

Gast
Hallo, Rolf-Peter,

man merkt, daß Du ein Musiker bist. Wenn man
erst einmal die Melodie erfaßt in diesem Gedicht,
merkt man, welch eine feine und zarte Musik
es ausströmt - nichts für ein flüchtiges Lesen.
Dazu die Poesie, mit ganz feiner Ironie
durchwoben. Rolf-Peter, Du bist ein POET
und ich würde Dich sehr gerne mit der höchsten
Punktzahl bestücken - werde es aber nicht tun,
weil ich angemahnt worden bin, mich mit meinen
sehr guten Beurteilungen zurückzuhalten.
So kann ich meine Bewunderung nur schriftlich
ausdrücken.

Sende Dir liebe Grüße
 
B

Bruno Bansen

Gast
Banause

... und da packt natürlich gleich der Satiriker zu: "Verzückter Drang nur, ein Banause,
Mag wandeln in der Ewigkeit."

nämlich die letzten beidn Zeilen: "Banause" = griech. "Handwerker" jetzt wird mir klar, warum die immer so spät kommen - die wandeln in der Ewigkeit und bis sie dann hier sind und die Waschmaschin repariert haben, das kann natürlich dauern!

aber im Ernst. klassisch schön!

Viele Grüßße!

Bruno
 
Punkten

Hallo, Klopfstock,

eine schriftliche Beurteilung ist sicher sehr viel wertvoller als eine puenktliche (punktuelle). Dieses Punkten kenne ich von den "grossartigen" internationalen Klavierwettbewerben. Die Veranstalter dieser Wettbewerbe behaupten immer, ein toller Kulturaustausch faende dort statt, aber die Kandidaten sind nervoes, und die Jury uebermuedet. Keiner diskutiert irgendetwas. Es gibt nur Punkte und Preise. Also wenn das nicht Scharlatanerie (Banauserie?) ist: Auf der einen Seite ein geniales Musikwerk, vom Kandidaten teilweise verdaut und teilweise zu eitlen Zwecken missbraucht und von der Jury mit "Punkten" versehen. Was fuer eine kuenstlerische Qualitaet steckt in Punkten, frage ich mich?

(Sorry, jetzt hat's mich erwischt. Ich sollte nicht von meinem Fach reden...)

Vielen Dank wie immer und viele Gruesse,
RP
 
banausos

Lieber Bruno,

Banause = Handwerker? ...das ist interessant... In der Etymologie fehlt mir noch das rechte Banausentum, denn ich wusste es nicht. Ich haett's mir allerdings denken koennen, da auch hier die Banausen immer einen Monat zu spaet erscheinen.

Viele Gruesse,
RP
 

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