Ein Engel

4,20 Stern(e) 5 Bewertungen

Languedoc

Mitglied
Die aktuelle Version findet sich hier.

Die Besprechung hatte lange gedauert, länger als geplant und weit über die normalen Öffnungszeiten einer Notarkanzlei hinaus, aber dann war das Testament aufgesetzt und Frau Moll zufrieden: Endlich hatte sie ihre letztwilligen Anordnungen rechtsgültig getroffen. Sie verabschiedete sich durchaus warmherzig vom Notar, einem gewissen Doktor Richter, den sie im Übrigen nicht näher kannte, und verließ die angenehm klimatisierten Räume der Kanzlei.

Jetzt brauch ich eine Zigarette, dachte sie und eilte leichtfüßig zum Ausgang des Gebäudes, ein prächtiges innerstädtisches Bürgerpalais, riss einen Portalflügel auf und prallte gegen eine Wand aus heißer Luft. Augenblicklich perlten Schweißtropfen in den Achselhöhlen von Frau Moll.

Ich will meine Zigarette, dachte sie und steuerte eine jener Bänke an, die die Stadtverwaltung in der Fußgängerzone aufgestellt hatte. Die Bank lehnte am Stamm einer jungen Linde und war behütet von einer kleinen Laubkrone, die willkommenen Schatten spendete; noch schien die Abendsonne dieses Hochsommertages und sie schien mit aller Macht.

Niemand saß auf der Bank, was verwunderlich war, schließlich schlenderten Massen von Menschen die hübsche Straße entlang, doch offenbar hatte niemand ein Verlangen, sich zu setzen und auszurasten.

Manchmal hab ich eben Glück, dachte Frau Moll und glitt auf die freie Bank. Sie zog ein Zigarettenetui aus ihrer Handtasche und zündete sich einen Sargnagel an ‒ Sargnagel, so nannte sie ihr Laster, irgendwann hatte sie dieses Wort aufgeschnappt und übernommen, es passte gut, viel Zeit habe sie nicht mehr, hatte ihr Onkologe gemeint, ein Fachexperte, der es wissen muss; er hieß Doktor Ominus.

Frau Moll rauchte für ihr Leben gerne, selbst dann, wenn die Zigarette nicht recht schmecken wollte, wie heute, es musste an dieser Höllenhitze liegen. Trotzdem rauchte sie. Allein die sachte Bewegung des Armes und die Haltung der Hand wirkten beruhigend, und seltsamerweise taten dies auch all die Leute, die sich dicht an dicht gemächlich auf dem Straßenpflaster voranschoben. In Eile waren nur jene Menschen, die in den Lidl-Supermarkt huschten für letzte Besorgungen vor Ladenschluss. Dessen Eingang befand sich einen Steinwurf von der Parkbank entfernt, auf der Frau Moll saß und rauchte und geradeaus hinüberstarrte zu diesem klinischen, rechteckigen Schluckloch des Shoppingtempels, das unentwegt Menschen einsaugte und wieder ausspuckte.

Auf einmal stach ihr eine junge Frau ins Auge. Sie stand dort drüben nahe an der Hausmauer, als wolle sie den Menschenstrom nicht behindern. Zwei vollgepackte Lidltüten lagen neben ihr auf dem Boden und in der Hand hielt sie den Lenker eines Fahrrades, das wohl ihr gehörte. Warum lädt sie die Tüten nicht in den Korb des Fahrrades? Wartete sie auf etwas oder jemanden? Brauchte sie Hilfe?

Nein, danach sah es eigentlich nicht aus, die junge Frau schien jemanden abpassen zu wollen; sie schaute suchend auf den Ein- und Ausgang des Supermarktes, und wie sie ihren Kopf reckte und drehte und die blonde Mähne in den Nacken flippte, dachte Frau Moll plötzlich, Du liebe Güte, ist das Lisa? Dieser Schmiss des langen Haares, diese Figur und die Art, die Hüfte kokett zu knicken, das muss doch Lisa sein?

Ohne Brille seh’ ich das nicht richtig, dachte Frau Moll, ich könnte die Gläser aus meiner Tasche holen, ja, das könnte ich … aber nein – und die Dame straffte ihre knochigen Schultern – nein, dachte sie, ich will es nicht wissen, nichts mehr davon. Nie mehr!

Sie schloss ihre Lider, rauchte blind und dachte an Lisa, eine ihrer Nichten, die jüngste und ihr Patenkind, gesegnet mit einem engelsgleichen Gesicht und Augen so blau wie der Himmel in den Tagen des Föhns. Ach süße Lisa, dachte Frau Moll, die Tante, und tupfte mit der einen Zeigefingerspitze eine Schweißperle von der Stirn, Lisa, nun bist du auch schon über dreißig, und du wirst ewig strahlen als jenes reizende Geschöpf, das alle anschauen, begehren und beneiden um das schöne Gesicht. Wenn die wüßten! Wenn’s drauf ankommt nämlich, nicht wahr, Lisa, dann bist du ein Luder, ein ausgekochter Teufelsbraten, wickelst jedes Mannsbild um die Finger, lutschst die Kerle aus und ziehst die Leine, du falsches Biest, feige bist du und verbogen, und ich allein hab dich durchschaut ...

Frau Moll sog den letzten Zug aus ihrer Zigarette und dachte an den Notar Herrn Doktor Richter, der vorhin in den kühlen Räumen seiner Kanzlei mit sichtlichem Genuss das Testament beglaubigt hatte, in dem sie, Frau Moll, eine Stiftung für krebskranke Kinder mit ihrem durch drei Ehen erheirateten Millionenvermögen beerbte, Immobilien, Schmuck, Wertpapierdepots. Gut gemacht, dachte Frau Moll, löschte den glimmenden Stummel auf der Unterseite der Banklehne aus und warf die Kippe in den wespenumschwirrten Abfallkorb, der am Stamm der Linde befestigt war und überquoll von Verpackungszeugs. Sie zupfte ihre eisgrauen Haarlocken akkurat zurecht, nahm ihre Hermès Kelly, erhob sich und ging davon.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Ji Rina

Mitglied
Hallo Languedoc,

Ach, welch ein Genuss, so eine schöne Sprache zu lesen. :)Bin beeindruckt über dein Können. Der Text ist so schön ausgeglichen, dass mir ein einziger Satz “komisch” vorkam. Aber vielleicht rede ich hier Blödsinn; obwohl, erwähnen möchte ich es trotzdem, da mich deine Meinung interessiert.

"""""""Jetzt brauch ich (Frau Moll ist gemeint) eine Zigarette, dachte sie (also, Frau Moll) und (Frau Moll) eilte leichtfüßig zum Ausgang des Gebäudes, ein prächtiges innerstädtisches Bürgerpalais, riss einen Portalflügel auf (Frau Moll, riss die Tür auf) und prallte gegen eine Wand (Frau Moll prallte gegen die Wand) aus heißer Luft."""""""""

Und dann:

"""""""Augenblicklich perlten Schweißtropfen in den Achselhöhlen von Frau Moll."""""""

Für mich klang diese Zeile ein wenig aus der Reihe, da ja die ganze Zeit sowieso nur Frau Moll gemeint ist. Da klingt die nochmalige Erwähnung ihres Namens beinahe so, als handele es sich um jemand anderes.

Diese nach Kritik klingende Äusserung, ist wirklich auf hochstem Niveau, da der gesamte Text so gut geschrieben ist.:rolleyes:

Sehr gelungen fand ich die Beschreibung der Frau Moll, die ihre Millionen einer Stiftung hinterlässt und nichts ihrer Nichte. Eigentlich nichts aussergewöhnliches…Vielleicht hätte man da ein stärkeres Motiv, irgendetwas raffiniertes einbauen können?

Alles nur meine Meinung.

Languedoc… ist der Ort bei Montpellier gemeint?

Mit Gruss, Ji
 

Languedoc

Mitglied
Hallo Ji,

Danke für die Blumen und die Sternchen, freue mich natürlich.

Bei dem von Dir erwähnten Satz:

"Augenblicklich perlten Schweißtropfen in den Achselhöhlen von Frau Moll." weiß ich jetzt auch nicht, wie geschickter tun. Schriebe ich:
"Augenblicklich perlten Schweißtropfen aus ihren Achselhöhlen", hätte ich das Gefühl, dieses ihre stünde grammatisch zu nahe den unmittelbar vorangehenden Wörtern: die heiße Luft, die Wand, die Portalflügel.

Sähe das runder aus: "Jetzt brauch ich eine Zigarette, dachte sie und eilte leichtfüßig zum Ausgang des Gebäudes, ein prächtiges innerstädtisches Bürgerpalais, riss einen Portalflügel auf und prallte gegen eine Wand aus heißer Luft: Augenblicklich perlten Schweißtropfen aus ihren Achselhöhlen." Ich bin mir momentan nicht schlüssig.

Tja, warum hat Frau Moll ihre Nichte enterbt? Darin steht nichts im Text und die Autorin Languedoc kann sich nur herausreden damit, es sei der Fantasie des Lesers überlassen, sich auszumalen, wieso eine stinkreiche Erbtante und dreifache Witwe ihre Blutsverwandten im Testament ausschließt. Bös gesagt, die Autorin war zu faul, sich was Raffiniertes auszudenken. Languedoc lebt eben in Südfrankreich und ist träge geworden. Savoir-vivre oblige!

Ich müsste googeln, ob es bei Montpellier einen Ort namens Languedoc gibt. Mir ist Languedoc nur als Weinbaugebiet und als historische französische Provinz bekannt. Als Nickname schien mir der Begriff passend wegen der Worte langue und doc (und das auszufantaisieren überlasse ich wiederum den geschätzten Lesern).

Et maintenant, une petite sieste

Languedoc
P.S. Vielleicht ist Frau Moll eine Claire Zachanassian-Mutatantin?
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo nochmal Languedoc,

Augenblicklich perlten Schweißtropfen aus ihren Achselhöhlen. Ich will meine Zigarette, dachte sie und steuerte eine jener Bänke an, die die Stadtverwaltung in der Fußgängerzone aufgestellt hatte.


Also für mich klingt das jetzt richtig geschmeidig! Ein starker Text.
Tja, warum hat Frau Moll ihre Nichte enterbt? Darin steht nichts im Text und die Autorin Languedoc kann sich nur herausreden damit, es sei der Fantasie des Lesers überlassen, sich auszumalen, wieso eine stinkreiche Erbtante und dreifache Witwe ihre Blutsverwandten im Testament ausschließt. Bös gesagt, die Autorin war zu faul, sich was Raffiniertes auszudenken. Languedoc lebt eben in Südfrankreich und ist träge geworden. Savoir-vivre oblige!
Okay :) Während Languedoc ihrem Savoir-Vivre nachgegangen ist, habe ich mir überlegt, dass Frau Moll ihre Nichte enterbt hat, weil diese fünfzehn Jahre zuvor, einen ihrer potentiellen Liebhaber entführt hat (dieses Luder, dieser ausgekochte Teufelsbraten ) Das hat Frau Moll ihr nie verziehen. Sie haben nie darüber gesprochen. Aber jetzt hat Frau Moll die letzte Karte gezogen. Und die Nichte hat das was zu knabbern...;)

Languedoc als Ort, war Quatsch. Ich dachte tatsächlich, es gäbe da einen Ort gleichen Namens.

Et maintenant, une petite sieste
Die petit sieste ist für mich der grösste Luxus!

C'était un plaisir,

Mit Gruss, Ji
 

Languedoc

Mitglied
Salut Ji,

Danke für die nette Rückmeldung und Deinen Einfall zum Motiv der Tante: um Liebesdinge geht's, eh klar ;), und die verknüpft mit Geldangelegenheiten ergäben eine Familiensaga mit den üblichen bösen Ingredienzien: Eifersucht, Raffgier, Rache usw, und schon wäre ich mitten in einem Plot mit engelsgleich scheinenden Frauen und Männern, die sich zu sehr auf patriarchale Strukturen verlassen ... so in etwa?

Schönen Sommertag
wünscht Langudoc
 

juliawa

Mitglied
Hallo Languedoc,

Es hat mir echt Spaß gemacht, deine Geschichte zu lesen, dein Schreibstil ist ausgezeichnet !
Ich finde einen Ausdruck komisch:
doch offenbar hatte niemand ein Verlangen, sich zu setzen und auszurasten.
Sagt man das so, "ausrasten" ?
Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich die "Botschaft" deiner Geschichte richtig interpretiere, aber das ist ja eine andere Frage.
Viele Grüße,
juliawa
 

Languedoc

Mitglied
Hallo Juliawa,

"sich ausrasten" sagt man in Bayern und Österreich, wenn man "sich ausruhen" meint und da ich muttersprachlich in Österreich sozialisiert wurde, hat das '"Ausrasten" zugeschlagen und ich merke erst jetzt nach Deinem Hinweis, dass die deutsche Sprache damit noch was ganz anderes meint.

o_O

Liebe Juliawa, den Text interpretieren darfst Du nach freiem Belieben, da gibt es kein richtig / nicht richtig, und eine explizite Botschaft hatte ich beim Schreiben gar nicht im Sinn. Ich freu mich, wenn ein Leser seinen Genuss an einer Geschichte hat und dessen Phantasie angefacht wird.

Liebe Grüße

Languedoc
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Languedoc,

da es ein Werbeverbot auf der Leselupe gibt, müsstest Du den Namen des Discounters und den des Handtaschenherstellers durch Fantasienamen ändern ...

Ansonsten ist die Geschichte gut geschrieben. Wenn auch das Ende etwas vorhersehbar war - dass die Nichte nicht bedacht wird. Zuvor hast Du die Personen und Umgebung sehr genau beschrieben, dass konnte sich der Leser wirklich vorstellen!

Viele Grüße

DS
 

Languedoc

Mitglied
Hallo DocSchneider,

ändere ich gerne, aber wie lösche ich die besagten Worte raus und stelle den neuen Text ein?
Sorry, bin mit der neuen Leselupe noch nicht vertraut. Werd mich mal in den FAQs umsehen ...
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Du kannst den Text verändern und als Kommentar neu einstellen. Dann verlinke ich diese Version ganz oben, so dass man sie direkt aufrufen kann!
 

Languedoc

Mitglied
Die Besprechung hatte lange gedauert, länger als geplant und weit über die normalen Öffnungszeiten einer Notarkanzlei hinaus, aber dann war das Testament aufgesetzt und Frau Moll zufrieden: Endlich hatte sie ihre letztwilligen Anordnungen rechtsgültig getroffen. Sie verabschiedete sich durchaus warmherzig vom Notar, einem gewissen Doktor Richter, den sie im Übrigen nicht näher kannte, und verließ die angenehm klimatisierten Räume der Kanzlei.

Jetzt brauch ich eine Zigarette, dachte sie und eilte leichtfüßig zum Ausgang des Gebäudes, ein prächtiges innerstädtisches Bürgerpalais, riss einen Portalflügel auf und prallte gegen eine Wand aus heißer Luft. Augenblicklich perlten Schweißtropfen in den Achselhöhlen von Frau Moll.

Ich will meine Zigarette, dachte sie und steuerte eine jener Bänke an, die die Stadtverwaltung in der Fußgängerzone aufgestellt hatte. Die Bank lehnte am Stamm einer jungen Linde und war behütet von einer kleinen Laubkrone, die willkommenen Schatten spendete; noch schien die Abendsonne dieses Hochsommertages und sie schien mit aller Macht.

Niemand saß auf der Bank, was verwunderlich war, schließlich schlenderten Massen von Menschen die hübsche Straße entlang, doch offenbar hatte niemand ein Verlangen, sich zu setzen und auszuruhen.

Manchmal hab ich eben Glück, dachte Frau Moll und glitt auf die freie Bank. Sie zog ein Zigarettenetui aus ihrer Handtasche und zündete sich einen Sargnagel an ‒ Sargnagel, so nannte sie ihr Laster, irgendwann hatte sie dieses Wort aufgeschnappt und übernommen, es passte gut, viel Zeit habe sie nicht mehr, hatte ihr Onkologe gemeint, ein Fachexperte, der es wissen muss; er hieß Doktor Ominus.

Frau Moll rauchte für ihr Leben gerne, selbst dann, wenn die Zigarette nicht recht schmecken wollte, wie heute, es musste an dieser Höllenhitze liegen. Trotzdem rauchte sie. Allein die sachte Bewegung des Armes und die Haltung der Hand wirkten beruhigend, und seltsamerweise taten dies auch all die Leute, die sich dicht an dicht gemächlich auf dem Straßenpflaster voranschoben. In Eile waren nur jene Menschen, die in den Supermarkt huschten für letzte Besorgungen vor Ladenschluss. Dessen Eingang befand sich einen Steinwurf von der Parkbank entfernt, auf der Frau Moll saß und rauchte und geradeaus hinüberstarrte zu diesem klinischen, rechteckigen Schluckloch des Shoppingtempels, das unentwegt Menschen einsaugte und wieder ausspuckte.

Auf einmal stach ihr eine junge Frau ins Auge. Sie stand dort drüben nahe an der Hausmauer, als wolle sie den Menschenstrom nicht behindern. Zwei vollgepackte Plastiktüten lagen neben ihr auf dem Boden und in der Hand hielt sie den Lenker eines Fahrrades, das wohl ihr gehörte. Warum lädt sie die Tüten nicht in den Korb des Fahrrades? Wartete sie auf etwas oder jemanden? Brauchte sie Hilfe?

Nein, danach sah es eigentlich nicht aus, die junge Frau schien jemanden abpassen zu wollen; sie schaute suchend auf den Ein- und Ausgang des Supermarktes, und wie sie ihren Kopf reckte und drehte und die blonde Mähne in den Nacken flippte, dachte Frau Moll plötzlich, Du liebe Güte, ist das Lisa? Dieser Schmiss des langen Haares, diese Figur und die Art, die Hüfte kokett zu knicken, das muss doch Lisa sein?

Ohne Brille seh’ ich das nicht richtig, dachte Frau Moll, ich könnte die Gläser aus meiner Tasche holen, ja, das könnte ich … aber nein – und die Dame straffte ihre knochigen Schultern – nein, dachte sie, ich will es nicht wissen, nichts mehr davon. Nie mehr!

Sie schloss ihre Lider, rauchte blind und dachte an Lisa, eine ihrer Nichten, die jüngste und ihr Patenkind, gesegnet mit einem engelsgleichen Gesicht und Augen so blau wie der Himmel in den Tagen des Föhns. Ach süße Lisa, dachte Frau Moll, die Tante, und tupfte mit der einen Zeigefingerspitze eine Schweißperle von der Stirn, Lisa, nun bist du auch schon über dreißig, und du wirst ewig strahlen als jenes reizende Geschöpf, das alle anschauen, begehren und beneiden um das schöne Gesicht. Wenn die wüßten! Wenn’s drauf ankommt nämlich, nicht wahr, Lisa, dann bist du ein Luder, ein ausgekochter Teufelsbraten, wickelst jedes Mannsbild um die Finger, lutschst die Kerle aus und ziehst die Leine, du falsches Biest, feige bist du und verbogen, und ich allein hab dich durchschaut ...

Frau Moll sog den letzten Zug aus ihrer Zigarette und dachte an den Notar Herrn Doktor Richter, der vorhin in den kühlen Räumen seiner Kanzlei mit sichtlichem Genuss das Testament beglaubigt hatte, in dem sie, Frau Moll, eine Stiftung für krebskranke Kinder mit ihrem durch drei Ehen erheirateten Millionenvermögen beerbte, Immobilien, Schmuck, Wertpapierdepots. Gut gemacht, dachte Frau Moll, löschte den glimmenden Stummel auf der Unterseite der Banklehne aus und warf die Kippe in den wespenumschwirrten Abfallkorb, der am Stamm der Linde befestigt war und überquoll von Verpackungszeugs. Sie zupfte ihre eisgrauen Haarlocken akkurat zurecht, nahm ihre Krokotasche, erhob sich und ging davon.
 

tobys

Mitglied
Hallo Languedoc,
spätestens beim zweiten Absatz hatte ich die Assoziation "noch in der Geschichte passiert es".
Nein, nicht dass ich jemandem den Tod wünschen würde, aber der Einstieg hätte das aus meiner Sicht irgendwie hergegeben oder sogar nahegelegt. Just in time noch zum Notar und dann zack - weg.
-> wäre ein alternatives Ende: Protagonistin stirbt. Die Enterbte versucht sie noch wiederzubeleben. (aus Eigennutz oder auch nicht? Sie weiß ja nicht dass sie enterbt ist!)

"Böse" finde ich den Satz
[...]wickelst jedes Mannsbild um die Finger, lutschst die Kerle aus und ziehst die Leine, du falsches Biest, feige bist du und verbogen, und ich allein hab dich durchschaut ...
und dann zwei Sätze später:
[...]mit ihrem durch drei Ehen erheirateten Millionenvermögen beerbte, Immobilien, Schmuck, Wertpapierdepots. Gut gemacht, dachte Frau Moll, [...]
YES! Die eine nicht besser als die andere, oder etwa doch?
Wer weiß, vielleicht wird Lisa ihr eingewickeltes Vermögen mal auch in eine gemeinnützige Stiftung einbringen?

PS:
aus dem Französischunterricht bei mir hängengeblieben:
"langues d'oc" vs. "langues d'oïl"
einfach mal in Suchmaschinen und den bekannten online-Bibliotheken nachschauen ;-)
 

Languedoc

Mitglied
Hallo tobys,

„YES! Die eine nicht besser als die andere, oder etwa doch?" - Yes, that’s it. Tante Moll ereifert sich über die Begabung ihrer Nichte, Männer auszulutschen, und hat selber drei Männer in den Hafen der Ehe geschoben mit Methoden, die mutmaßlich nicht gerade den unschuldigen Engeln entliehen waren. Sie weiß, wie man „die Kerle“ einwickelt und an deren Vermögen kommt und durchschaut Personen, die das auch können.

So gesehen, @juliawa, könnte eine Botschaft lauten: Hinter einem engelsgleichen Gesicht (Nichte Lisa) oder einer edlen Tat (Beerbung einer gemeinnützigen Stiftung) könnten durchaus niedere persönliche Motive stehen: Ein bösartiger Charakter ist boshaft genug, sich im Kostüm eines Engels zu gerieren.

@tobys:
In meinem Text ist die Figur der Lisa nicht aktiv, sie wird von der Tante Moll nur beobachtet und es bleibt sogar unklar, ob es wirklich die Nichte ist, die da drüben an der Hauswand wartet. Um die Nichte zweifelsfrei zu identifizieren, müsste Frau Moll eine Brille aufsetzten, was sie nicht tut, ihr genügt die gedankliche Vorstellung von „Luder“, um auf Touren zu kommen.
Ich könnte den Text umschreiben und beide Charaktere handelnd auftreten lassen, das heißt, die Perspektive ändern usw. Das ergäbe eine neue Version der Geschichte.

Liebe Grüße
Languedoc

Schön, dass der Nickname Languedoc auch die Assoziation Langues d’Oc auslöst:, die Sprachen Okzitaniens, diese kultur- und sprachgeschichtlich reiche Region.
 

Oben Unten