Ein kleiner Moment.

meinKopf...

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Ich war auf dem Rückweg von einem Kinder-Geburtstag und hatte gerade erfahren, dass Anna und Gene, die auch auf dem Geburtstag gewesen waren, kurz zu mir nach Hause kommen sollten, bis ihre Eltern sie abholten. Ein Geburtstag und direkt danach noch ein Treffen, das Highlight im Leben eines jeden Kindes … Irgendwie traurig. Ich hatte in der Schule nicht wirklich etwas mit den zwei zu tun, freute mich aber trotzdem, sie näher kennenzulernen! Wie Kinder das so tun, nicht wahr?
Als wir an der Sparkasse ankamen, die nicht weit von meiner Wohnung entfernt ist, sah ich Genes Mutter in einem Auto am Straßenrand warten … So dann nur ich und Anna. Ich hatte das Gefühl, Gene freue sich, keine Zeit mehr mit mir verbringen zu müssen, weshalb ich ganz froh war, als er ging. Ich bin lieber alleine, als unter Menschen, die mich nicht mögen, das war mir schon damals klar.
Wir verabschiedeten uns von der Frau, die und gefahren hatte, und liefen zu meiner Wohnung. Anna begann über den Geburtstag zu reden und betonte, wie toll er gewesen sei, ich stimmte ihr lachend zu. Wenig später standen wir vor meiner Haustür. Ich klingelte und meine Mutter machte uns die Tür auf, „Na, wie war es?“, fragte sie lächelt. Eifrig begannen wir von Ninas coolem Geburtstag zu berichten, während meine Mutter uns zwei Schüsseln mit aufgewärmter Suppe reichte.

Meine Schwester und ich teilten uns zu der Zeit ein Zimmer, das aber durch unsere Schränke getrennt war. Als ich mich auf mein Bett setzte, erinnerte ich mich an den vorherigen Abend, als Louisa mir etwas „vorgeführt“ hatte: sie stellte sich auf einen Stuhl, griff sich das Seil, das von unserer Decke hing und wickelte es sich, wie einen Galgenstrick, um den Hals. Dann tat sie immer wieder so, als erhängte sie sich … amüsant, nicht wahr? Ich fand das merkwürdigerweise sehr lustig und bekam eine Idee. „Anna, guck mal!“, rief ich und schob einen Stuhl unter das Seil, Anna schaute interessiert auf. Ich stieg auf den Stuhl und machte eine Schlaufe in das Seil, ich sah, wie wahrscheinlich auch meine Schwester bei mir gestern Abend, eine Reaktion auf Annas Gesicht. Die volle Aufmerksamkeit. Ich machte es meiner Schwester gleich, tat ein paar mal so, als wolle ich springen und stieg dann lachend vom Stuhl. Anna wandte sich wieder dem Chaos auf ihrem Blatt zu, doch ich hatte noch nicht genug. Ich stieg auf meine Bettkante, die sich, wie bei einem dieser Märchenbetten, vom Rest des Bettes abhob. „Es kann doch nichts passieren?“, fragte Anna plötzlich, während sie sich zu mir umdrehte „Nein“ sagte ich überzeugt, da meiner Schwester ja auch nie etwas geschehen war „außer ich falle“, doch meine Schwester stand nicht auf dieser dünnen Bettkante … Und so fiel ich.
Ich blickte zu meinen Füßen. Sie schwankten einen Meter über dem Boden, ich bekam keine Luft und konnte den Schrank, der doch so nah schien, mit meinen Händen nicht erreichen. Ich war hilflos. Anna sprang auf, zögerte kurz, als überlegte sie, was sie tun sollte und packte dann meine Beine „Ich lass‘ dich nicht los!“, obwohl sie kleiner als ich war, hebte sie mich so hoch, dass ich wieder Luft bekam und erstaunlicherweise trug sie mich zurück zur Bettkante. Ich fühlte mich schwach und konnte meine Arme nicht heben, doch ich sah, wie Anna schon wieder zurücktrat „ich glaube, ich falle wieder“ versuchte ich zu sagen, doch es kam kein Ton aus meinem Mund, also kippte ich nach vorne. Dieses Mal spürte ich einen starken Ruck an meiner Kehle, ich streckte meine Füße, in der kläglichen Hoffnung den Boden berühren zu können, aus. Doch wie erwartet, … Nichts. Anna packte mich erneut und stellte mich auf den kleinen Schrank, den ich vorhin hatte erreichen wollen. Sie hielt mich aufrecht, bis ich das Seil gelöst hatte und half mir zurück auf den Boden.
„Gehen wir deine Eltern suchen?“, fragte Anna leise, „Um … Darüber zu reden“. Ich wollte nicht darüber reden, NIE wieder. Ich wollte mein fünf Minuten altes Ich schlagen und diese Erinnerung löschen. Doch ich nickte nur. Wir gingen durch die Wohnung und ich rief nach meiner Mutter, doch es antwortete niemand. Ich fühlte mich verlassen und malte mir aus, was passiert sei, wenn ich allein gewesen wäre. Hätte ich mich an Louisa erinnert und es alleine versucht? Wäre auch dann keiner da gewesen? Und wenn doch hätte ich überhaupt schreien können? Hätten meine Eltern diesen Schrei ernst genommen?
„Da bringt man sich mal um und die Eltern sind nicht da“, sagte ich zu Anna, die zu lachen begann … Erkennt sie den Ernst dieser Situation nicht? Ist das für sie so schnell vorbei? Oder überspielt sie es nur genauso gut wie ich selbst? Wir gehen wieder rein und setzten uns an den Küchentisch, als meine Mutter hereinkam. Ich fiel ihr in die Arme und fing an zu weinen, das erste Mal vor einer Klassenkameradin, in diesem Moment schämte ich mich Schwäche zu zeigen. Ich stockte … Dieser Gedanke war neu in meinem Kopf.
Ich wollte nie wieder dumm sein, nie wieder schwach, nie wieder hilflos und nie wieder unvorbereitet! Im Nachhinein überlegte ich mir mehr als fünf verschiedene Arten, wie ich mich aus dieser Situation hätte befreien können. Ich bin gut darin geworden, diese Vorgehensweise auch auf andere Sachen zu übertragen. Ich bin auch gut darin geworden, Gefühle abzublocken und zu kontrollieren.
Heute weiß ich, dass dieses Erlebnis, dieses Trauma, etwas in mir verändert hat. Es hat mich kalt werden lassen und ich halte jede unerwünschte Person von meinem Inneren fern, nicht nur von dieser Sache, von allem. Von jeglichen kleinen Dingen, die auch nur ein Stück unter die oberflächliche Haut dringen.
Doch manchmal werde ich schwach und ich lasse andere in mich hineinblicken. Was sie sehen schreckt sie ab oder sie glauben es verstehen oder ändern zu können, doch die Wahrheit ist: das können sie nicht. Selbst ein kleiner Augenblick kann einen verändern. Denn mit den richtigen Stoffen, die davor oder danach hinzugefügt werden, reagiert das Ereignis. Vielleicht entsteht nur eine Salzlösung, doch möglicherweise wurde ich zu Schwefeltrioxid und die Menschen in meiner Gegenwart sind durch meine Hygroskopie immer der Gefahr ausgesetzt, verletzt zu werden. Und mir ist es egal, denn ich brauche den Kick, der mir das Gefühl gibt, lebendig zu sein.
 

lapismont

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Hallo meinKopf..., herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

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