Ein ungewöhnliches Erlebnis

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ThomasQu

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Ein ungewöhnliches Erlebnis

Ich öffnete die Tür und betrat die kleine Bar. Dort hinten im Eck saß er, zusammengekauert hinter seinem Bierglas - mein älterer Bruder, von dem ich seit vielen Jahren nichts mehr gehört hatte.
Ich ging auf ihn zu, wir reichten uns die Hände und ich setzte mich zu ihm an den Tisch.
„Schön, dass du gekommen bist“, ergriff Norbert das Wort, „bin froh, dass ich diese Telefonnummer von dir gefunden hab.“ Er trank aus und bestellte per Handzeichen zwei weitere Gläser Bier. „Ich hab dich um dieses Treffen gebeten, weil mir was auf der Seele brennt, das ich keinem anderen erzählen kann.“
„Na, da bin ich neugierig. Aber - wie geht´s dir denn eigentlich? Was hast du denn gemacht in all der Zeit?“
„Na ja …“, er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Seitdem das vor ein paar Jahren mit Elke zu Ende gegangen war, lebe ich nur noch im Wohnmobil, ständig unterwegs. Und du? Bist du noch mit Bettina verheiratet?“
„Natürlich, ja. Wir haben drei Kinder, Reihenhäuschen, Job passt auch, wir können nicht klagen. Aber warum wolltest du denn nicht zu uns nach Hause kommen? Warum in diese Kneipe?“
„Weil es ein Vieraugengespräch sein soll. Also, pass auf, vor einigen Wochen war ich auf einem Campingplatz im Bayerischen Voralpenland, du erinnerst dich, als wir diese Hitzewelle hatten. Eines Morgens, gleich nach Sonnenaufgang, bin ich hinaus auf den See geschwommen. Plötzlich wurde mir übel und ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Ufer im Gras auf einer Trage, ´ne Menge Leute um mich herum. Der Notarzt erzählte mir später, dass er ´ne dreiviertel Stunde verzweifelt versucht hatte, mich zu reanimieren und dass er überhaupt nicht begreifen kann, dass ich noch lebe. Die Sanis hatten schon ein Tuch über mein Gesicht gezogen und wollten mich abtransportieren, als sie bemerkten, dass sich darunter plötzlich was bewegte und sich mein Brustkorb zu heben begann.“
„Oh Gott, was für eine Geschichte. Da hast du ja wirklich Glück gehabt. Hättest doch mal Bescheid geben können.“
„Ja, aber das ist es nicht, was mich so aufwühlt, sondern das, was ich während meiner Ohnmacht erlebt habe.“
Die Bedienung kam und stellte uns mit einem „Zum Wohl“ das bestellte Bier auf den Tisch.
Wir nahmen die Gläser und stießen an.
„Du hast doch bestimmt schon von Erzählungen über Nahtoderfahrungen gehört“, fuhr er fort und betrachtete mit zusammengekniffenen Lippen sein halb ausgetrunkenes Glas. „So ähnlich war das auch bei mir. Zuerst schwebte ich drei Meter über meinem leblosen Körper, der mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb. Dann stieg ich immer höher auf und eine seltsame Ruhe erfasste mich.“ Er machte eine kurze Pause und massierte sich Gesicht und Schläfen. „Dann plötzlich dieses Licht, auf das ich zusteuerte. Ich fühlte mich federleicht und glücklich. Die Farbe des Lichtes änderte sich nun von einem dunklen Orange in ein sehr helles Grau, als würde ich in Wolken schweben. Als die sich auflösten, stand ich plötzlich in einer Säulenhalle. Vor mir ein altes Männchen, vielleicht einen Meter groß. Schlohweißes Haar, langer weißer Bart … Verdammt noch mal, ich weiß selber, wie idiotisch das klingt.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wie im Märchenfilm, der volle Kitsch, aber - ich werd´ bald wahnsinnig, es war so!“
Norbert hatte sich richtig in Rage geredet und versuchte, ein paarmal durchzuschnaufen und sich zu beruhigen.
„Das Männchen hatte diamantene Augen und sah mich böse an. `Soso, also wieder versagt!´ Er stieß seinen Stock so zornig auf den Boden, dass der zerbrach. `Du hast die Gesetze nicht befolgt! Wieder nicht!´ Ich wollte wissen, welche Gesetze denn … aber er schrie `Die Gesetze, die in euren alten Büchern stehen! Du wirst jetzt in einem anderen Körper ein neues Leben führen müssen, und das so oft, bis du die Gesetze einhältst!´ Ja, und dann bin ich aufgewacht. In meinem alten Körper. Irgendwas muss da schiefgelaufen sein, ich kann es mir nicht anders erklären.“
„Noch ein Bier?“ Die Bedienung riss uns aus unseren Gedanken. Wir bestellten nickend und ich versuchte, das Erzählte ein wenig in mir wirken zu lassen.
Nach einer Weile meinte Norbert: „Was sind denn das für Aussichten, wenn man jedes Mal nach dem Tod irgendein neues Leben führen muss? Man weiß ja nicht, als was man wiederkommt. Die halbe Menschheit lebt in Armut und ob ich nochmal das Glück habe, Mitteleuropäer sein zu dürfen? Oder Mensch? Vielleicht bin ich dann Ratte, Stinktier oder Mistkäfer. Und was war das für ein Männchen? Soll das Gott gewesen sein? Oder einer seiner Stellvertreter? Und von welchem Buch ist die Rede? Vom Koran? Der Bibel? Oder dem Talmud?“
Norbert ließ resigniert die Hände auf den Tisch fallen und griff erneut nach seinem Glas.
„Sag mal, könnte es nicht sein, dass du bei der Lösung der ältesten Menschheitsfrage einen Schritt weitergekommen bist? Was geschieht mit uns nach dem Tod?“
„Aber wer glaubt mir denn das? Die halten mich doch alle für einen religiösen Spinner? Ich bin der Meinung, dass wir hier in so einer Art Hölle leben. Die ach so schöne Welt, von wegen! Die Natur ist unerbittlich. Denk nur an die panische Angst der Beutetiere vor ihren Räubern - und auch diese finden ein unrühmliches, schmerzhaftes Ende. Warum muss das so sein? All die Angst, all die Qual? Ist das nicht ein grausamer Gott, der sich das ausgedacht hat? Dabei ist es nicht mal die Angst vor dem Sterben oder dem Tod, sondern die Angst vor der Wiedergeburt, die mich belastet.“
Wir bestellten noch einige Runden und Norberts Stimmung wandelte sich von Verzweiflung hin zum Sarkasmus. „Wäre interessant zu wissen, ob es bei den Mistkäfern auch alte Bücher gibt, an deren Regeln sie sich halten müssen.“
Erst als die Bedienung anfing, die Stühle hochzustellen, wurde uns bewusst, wie spät es schon war. Wir verabredeten uns für den nächsten Abend, wieder in dieser Kneipe. Norbert bestellte ein Taxi, das ihn zu seinem Wohnmobil bringen sollte und ich erwischte die letzte Straßenbahn.

Bettina lag schon im Bett, als ich zuhause angekommen war und ich umriss ihr kurz, worum es in unserem Gespräch ging.
„Ach, das ist doch alles Quatsch, ich glaub, das Gehirn spiegelt Einem allerhand Nonsens vor, wenn man in so einer Situation ist. Du, Tobi hat mich heute ganz schön auf Trab gehalten. Sein Husten ist noch schlimmer geworden, aber jetzt schläft er, Gott sei Dank. Und ich bin KO.“

Den ganzen nächsten Tag dachte ich darüber nach, wie ich meinem Bruder helfen könnte und als ich am Abend die Bar betrat, hatte ich mir was vorgenommen. Ich sah schon einige Striche auf seinem Bierfilz, als ich an seinen Tisch kam. Er sah müde und abgespannt aus.

„Also, ich hab das alles sacken lassen und mir meine Gedanken gemacht, und – ich finde, du solltest dich mal ein bisschen zusammenreißen. Hast du dir mal überlegt, dass deine Begegnung im “Jenseits“ nur Illusion, nur Phantasie gewesen sein könnte? Nur ein komischer Traum? Bettina vermutet das übrigens auch.“
„Nein! Dafür war das viel zu intensiv und realistisch.“
„Also gut, dann gehen wir davon aus, dass wirklich alles so war, wie du erzählst. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass so ein Möchtegerngott, der irgendetwas Unverständliches von alten Büchern brabbelt, zwar unser Universum erschaffen haben will, aber nicht in der Lage ist, dein Bewusstsein oder dein “Ich“ in den vorgesehenen Körper zu verpflanzen.“
„Sowas lässt sich doch nicht mit menschlicher Logik erklären.“
„Aber bei deinen Schlussfolgerungen in Sachen Wiedergeburt hältst du dich an die menschliche Logik, oder? Egal … Mal angenommen, du hast mit deinen Befürchtungen recht, was kannst du denn machen? Nichts! Und somit hast du für deine unmittelbare Zukunft zwei Möglichkeiten: Entweder schließt du dich für den Rest deiner Tage in eine Klosterzelle ein und durchforstest alle erdenklichen alten Bücher, um an diese ominösen Weisheiten zu gelangen - Bücher, deren Sprache du vermutlich gar nicht mehr richtig verstehst und deren Schrift du nicht lesen kannst. Oder du lässt dich von diesem himmlischen Gesindel am Arsch lecken und genießt dein Leben. Soll doch danach kommen, was will. Du bist kein Verbrecher, der ´ne Menge auf dem Kerbholz hat. Wenn diese göttlichen Gerichtsbarkeiten damit nicht einverstanden sind, so wie du bist und lebst, dann sind sie es mit keinem, vielleicht noch mit Mutter Teresa, mit der aber nur ausnahmsweise.“
Jetzt musste selbst Norbert grinsen und seine Züge entspannten sich ein wenig.
„Denke immer daran, deine Gefühle werden von deinen Gedanken gesteuert. Und wenn du ewig in dieser Verzweiflungsschleife hängst, hast du doch jetzt schon die Hölle auf Erden, nicht erst im nächsten Leben. Darum, genieße dein jetziges und lass dich nicht von solch einem debilen Tattergreis einschüchtern. Am Ende bist du bei deinem Trip ins “Off“ zufällig in der Alzheimerstation des göttlichen Kreiskrankenhauses gelandet, hast einen Patienten getroffen und denkst danach zwanzig Jahre lang über den Sinn seines Geschwafels nach.“
Wir unterhielten uns für den Rest des Abends mehr über die Welt, als über Gott und prosteten uns fleißig zu. Norbert bemerkte, dass er wohl doch den anstehenden Herbst und den Winter in Südspanien verbringen wolle, dort sei es wahrscheinlich wärmer als in der Klosterzelle.

Erst, als die Bedienung fragte, ob sie wieder ein Taxi bestellen soll, wussten wir, dass es Zeit zum Aufbruch war. Norbert und ich umarmten uns und er versprach, in Zukunft häufiger von sich hören zu lassen, ich erwischte gerade noch die letzte Straßenbahn.
Als ich an der Endhaltestelle ausstieg, begann es ein wenig zu nieseln. Ich hatte fünfzehn Minuten Fußmarsch vor mir und mein Weg führte durch einen Park mit uraltem Baumbestand. Plötzlich schoss ein Blitz vom Himmel und spaltete mit ohrenbetäubendem Krachen die Buche, die fünf Meter neben mir stand. Die Druckwelle schleuderte mich zu Boden. Mühsam rappelte ich mich auf und sah, wie kleine blaue Flämmchen an der Spaltkante den Stamm hinauf- und hinunterzüngelten und dann erloschen. Mir war außer dem Schrecken nichts passiert.
Auf einmal beschlich mich ein Gedanke. Ob wohl für diesen Anschlag ein kleines, weißhaariges Männchen verantwortlich sein könnte?
Aber, und dabei zuckte ich mit den Achseln, selbst wenn, er hätte mich dann nicht einmal getroffen, auch dafür wäre der zu vertrottelt, wenn es ihn wirklich gibt und wenn er es war.
 
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G

Gelöschtes Mitglied 21758

Gast
„Oh Gott, was für eine Geschichte. Da hast du ja wirklich Glück gehabt.“

Sagte er zu seinem Bruder, der ihm von einem Nahtoderlebnis erzählt, weil er es bereits gestern irgendwo in der Zeitung gelesen hatte und sich trotz der Langeweile genötigt sah, etwas zu entgegnen.
Tut mir leid, wenn ich gleich mit der „Tür ins Haus falle“, aber diese Stelle empfand ich beim Lesen ziemlich ernüchternd. Hier geht es ja alles andere als um etwas Alltägliches. Da darf man wohl erwarten, dass es dem Bruder entweder die Sprache verschlägt oder seiner Reaktion zumindest eine gewisse Fassungslosigkeit zu entnehmen ist. Für mich klingt die Antwort wie: „Ja, ja.“

Auf einmal beschlich mich ein Gedanke. Ob wohl für diesen Anschlag ein kleines, weißhaariges Männchen verantwortlich sein könnte?
Aber, und dabei zuckte ich mit den Achseln, selbst wenn, er hätte mich dann nicht einmal getroffen, auch dafür wäre der zu vertrottelt, wenn es ihn wirklich gibt.

Nur mal so als Anmerkung: „Ein Rabbi auf Dienstreise tritt früh morgens auf den Balkon seines Hotelzimmers und blickt als leidenschaftlicher Golfspieler direkt auf einen Golfplatz. Leider ist Jom Kippur – also der höchste jüdische Feiertag, an dem nur Beten und Fasten erlaubt ist. Weil er der Versuchung jedoch nicht widerstehen kann und zudem glaubt, ihn würde so früh niemand entdecken, holt er seine Ausrüstung und geht zum ersten Loch. Doch Gott sieht, was der Rabbi tut, und bestraft ihn noch an Ort und Stelle: Es wird ein Hole-in-one.“
Drum merke: Gottes Strafe fällt anders aus, als wir sie je erwarten würden.
 
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ThomasQu

Mitglied
Hallo Wo11ling,

vielen Dank für deinen Kommentar und für die beiden Punkte, die du als verbesserungswürdig ansiehst.

Punkt eins:
Ja, da muss ich dir zu hundert Prozent rechtgeben. Die Reaktion des Icherzählers, nicht auf das Nahtodereignis, sondern auf den Badeunfall, ist einfach zu flach. Ist wohl auch meiner grundsätzlich knappen Sprache geschuldet.
Außerdem betrachte ich mich nicht als den allerbegabtesten Dialogeschreiber und weil der Text zu einem großen Teil aus Dialogen besteht, war der in dieser Hinsicht sowieso schon eine Herausforderung für mich.
Dazu kommt, wenn ich versuche, recht dick aufzutragen, drifte ich häufig mehr oder weniger ungewollt ins Komische ab. Wäre in der Situation sehr unpassend.
Soll aber alles keine Ausrede sein.

Punkt zwei:
Diese Anekdote mit dem Rabbi und dem “Hole-in-one“ kannte ich schon etwas ausführlicher formuliert im Rahmen eines erzählten Witzes. Nicht schlecht.
Aber da ich meinem für Norbert zuständigen Aushilfsgott unterstelle, nicht mehr ganz im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten zu stehen, weiß ich nicht, ob man ihm in dieser Situation so viel Raffinesse zubilligen sollte.
Aber überdenkenswert ist deine Kritik dazu allemal.

Nochmals vielen Dank und Grüße,

Thomas
 
G

Gelöschtes Mitglied 21758

Gast
Hallo Thomas,

vorab einmal lieben Dank, dass Du meine Kritik an Deiner Geschichte so positiv aufgenommen hast. Weil Du Dich ja vor ein paar Tagen für meine Geschichte stark gemacht hast, versuche ich es nun einmal umgekehrt. Dabei liegt die Betonung aber ganz stark auf „versuchen“.
Was das Schreiben der Dialoge angeht, kann ich Dich durchaus verstehen. Bei meinen Erstlingswerken habe ich sie auch vermieden. Doch permanent kann man sie natürlich nicht umgehen. Jedoch stellt sich die Frage, ob ein bestimmter Abschnitt überhaupt als Dialog erfolgen muss oder nicht sogar besser erzählerisch in die Geschichte eingebunden werden sollte. Meiner Meinung nach hält ein gelungener Wechsel die Geschichte interessant und die Leserschaft bei Laune. Daher mal folgender Vorschlag von mir, der aber bestenfalls als Diskussionsgrundlage oder Ideengeber dienen soll:

„…, als sie bemerkten, dass sich darunter plötzlich was bewegte und sich mein Brustkorb zu heben begann.“
Norberts letzte Worte waren bereits verklungen, als ich immer noch fassungslos vor ihm saß und ihn nur mit großen Augen und offenem Mund ansah. Auch wenn ich zu keinem Zeitpunkt Zweifel an seiner Schilderung hatte, konnte und wollte ich nicht glauben, was er mir da gerade erzählt hatte.
Langsam rappelte ich mich wieder, schloss den Mund und schluckte erst einmal trocken. Dann sagte ich mit ergriffener Stimme: „Mensch Norbert …! Oh Gott, was für eine Geschichte …! Und was für ein Glück, dich hier und jetzt vor mir zu haben.“


So oder ähnlich. Vielleicht kannst Du damit etwas anfangen.
Ach ja! Zu dem anderen Punkt füge ich hier nur an: „Unterschätze nie deinen Gegner!“

Dir ganz liebe Grüße.
 

ThomasQu

Mitglied
Weiß nicht …

Eine wörtliche Rede brauche ich an der Stelle auf jeden Fall, alles andere würde zu viel Tempo rausnehmen. Die vorhandene muss ich etwas umstrukturieren und dafür hast du mir dankenswerterweise Ideen geliefert. Wobei ich mir noch nicht mal ganz sicher bin, ob ich selber die Geschichte mag.

Aber, ich glaube, jetzt tut erstmal ein bisschen Abstand gut.

Viele Grüße,

Th.
 

rainer Genuss

Mitglied
Hallo Thomas
ich finde deine Geschichte interessant und spannend erzählt.
Die Stelle, die Wo11ling unpassend fand, die Reaktion des Bruders auf den lebensbedrohlichen Badeunfall, störte mich überhaupt nicht. Ich fand die schockierte Reaktion des Bruders passend, vielleicht weil ich das Gefühl kenne,, auf etwas Entsetzliches die richtigen Worte zu finden. Was sagt man da überhaupt?
Für mich ein sehr, sehr gelungener Spannungsbogen......bis zu der Miraculix-Gott-Beschreibung. Hier driftet für mich die Geschichte etwas in Triviale ab,
Ich schreibe aus Begeisterung für deine Geschichte: und hätte an diese Stelle eine völlig surreale Person/ Existenz gesetzt. Etwa eine Mischung aus Kali-Christuskind- Aligator-das Kind mit den Schwefelhölzern- die weiße Frau von Dagstuhl- Schmetterling- Lebensbaum-Zwerg Alberichgestalt.

Freu mich auf mehr aus deiner Feder
Gruß Rainer
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo rainer Genuss,

vielen Dank für die Sterne und für deinen Kommentar.

Wo11ling hat schon recht, an dieser Stelle hätte etwas mehr Emotion nicht geschadet, aber wenn ich da jetzt nachträglich die ganz große Keule auspacke, ich meine, mit der einen Änderung ist es ja nicht getan, das muss sich dann durch das ganze Stück ziehen mit den starken Emotionen und ich weiß nicht, ob das am Ende gut wird.

Mit der Miraculix-Gottbeschreibung bin ich selber nicht ganz glücklich, die hatte ich zwischenzeitlich sogar aus dem Manuskript geworfen - und wieder reingeholt. Denn da kann sich wenigstens jeder leicht und schnell ein Bild machen. Aber die Ideallösung ist sie auch für mich nicht.

Könntest du das mit dem Abdriften ins Triviale noch etwas präzisieren? Ist es nur die eine Stelle, in der der Miraculix vorgestellt wird, oder wird es ab dieser Stelle trivial?

Viele Grüße,

Thomas
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo ThomasQu,

ich habe ein paar Probleme mit dem Text, der mich leider nicht überzeugen kann. Du verknüpfst so viele Themen und Erzählstränge, dass einem beim Lesen fast schwindelig wird. Wiedersehen von Brüdern nach vielen - wie vielen? - Jahren, schwerer Unfall, Nahtoderfahrung, Auftauchen eines dubiosen Männchens als "Gott" mit ebenso dubioser Empfehlung, Folgen dieser Begegnungen ... also da solltest Du Dich auf ein Thema konzentrieren.


Ich öffnete die Tür und betrat die kleine Bar. Dort hinten im Eck saß er, zusammengekauert hinter seinem Bierglas - mein älterer Bruder, von dem ich seit vielen Jahren nichts mehr gehört hatte.
Ich ging auf ihn zu, wir reichten uns die Hände und ich setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.
„Schön, dass du gekommen bist“, ergriff Norbert das Wort, „bin froh, dass ich diese Telefonnummer von dir gefunden hab.“ Er trank aus und bestellte per Handzeichen zwei weitere Gläser Bier.

Sorry, aber das ist ein total unglaubwürdiger Beginn. Da sehen sich Brüder ewig lange nicht, begrüßen sich und trinken dann einvernehmlich Bier. Da kommen keine Emotionen herüber und der Satz "Schön, dass du gekommen bist", ist nun wirklich sehr lapidar. Und das überraschende Finden der Telefonnummer klingt auch wenig realitätsnah.


Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Ufer im Gras auf einer Bahre,
Du meinst sicher "Trage". Eine Bahre dient eher dem Transport von bereits Verstorbenen.


Der Notarzt erzählte mir später, dass er ´ne dreiviertel Stunde verzweifelt versucht hatte, mich zu reanimieren und dass er überhaupt nicht begreifen kann, dass ich noch lebe. Die Sanis hatten schon ein Tuch über mein Gesicht gezogen und wollten mich abtransportieren, als sie bemerkten, dass sich darunter plötzlich was bewegte und sich mein Brustkorb zu heben begann.“

Hm ... das spricht nicht für den Notarzt und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Realität so ablaufen würde ...


Der sah aus wie … wie Miraculix, nur ohne Sichel. Verdammt noch mal, ich weiß selber, wie idiotisch das klingt.

Ja, das tut es! Es klingt leider wirklich idiotisch.


Bettina lag schon im Bett, als ich zuhause angekommen war und ich umriss ihr kurz, worum es in unserem Gespräch ging.
„Ach, das ist doch alles Quatsch, ich glaub, das Gehirn spiegelt Einem allerhand Nonsens vor, wenn man in so einer Situation ist. Du, Tobi hat mich heute ganz schön auf Trab gehalten. Sein Husten ist noch schlimmer geworden, aber jetzt schläft er, Gott sei Dank. Und ich bin KO.“

Mehr hat die Frau nicht dazu zu sagen, wenn sie von ihrem Schwager nach sehr vielen Jahren etwas hört? Das kann nicht sein.


Die weitere Geschichte ist einfach zu wirr und man weiß nicht genau, auf was Du eigentlich hinaus willst. Die Pointe am Schluss, dass das Gott-Männchen entweder unfähig oder gar nicht existent ist, überliest man fast.

Verfolge ein Thema genauer. Potenzial hast Du und Dialoge kannst Du auch schreiben!

Viele Grüße

DS
 

rainer Genuss

Mitglied
Hallo Thomas
präzise: nur der Miraculix Vergleich wirkt auf mich trivial
Ich finde deine Geschichte ansonsten facettenreich, mit schlüssigen Charakteren,, sehr unterhaltsam, anregend und tiefsinnig
Gruß Rainer
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo DocSchneider,

du kommentierst viele meiner Geschichten sehr kritisch, worüber ich mich freue, denn nur Lobhudelei ist ja auch nicht im Sinne des Erfinders in einem Literaturforum. Und das klingt jetzt schon fast nach Totalverriss. Da kann ich froh sein, dass du mir trotzdem noch drei Sterne gibst. Aber du weißt, dass ich meine Texte gerne verteidige und du mich als Kritikerin überzeugen solltest.

Zumindest mit der Trage gebe ich dir uneingeschränkt recht, eindeutig das bessere Wort.

Das mit dem Notarzt hab ich im Vorfeld gegoogelt, es dauert wirklich manchmal annähernd so lange, bis eine Reanimation Erfolg hat.

Sorry, aber das ist ein total unglaubwürdiger Beginn. Da sehen sich Brüder ewig lange nicht, begrüßen sich und trinken dann einvernehmlich Bier. Da kommen keine Emotionen herüber und der Satz "Schön, dass du gekommen bist", ist nun wirklich sehr lapidar. Und das überraschende Finden der Telefonnummer klingt auch wenig realitätsnah.
Am Anfang sollte eigentlich schon Spannung rüberkommen. Kannst du dir denn nicht vorstellen, dass sich Geschwister über viele Jahre aus den Augen verlieren? Dabei kann man leicht auch mal eine Telefonnummer verschludern. Norbert hat sie eben gesucht und gefunden, von überraschend war nicht die Rede. Und den Einstieg in die Geschichte empfinde ich selber als vollkommen passend. Was hätte denn Norbert anderes sagen sollen?

Mehr hat die Frau nicht dazu zu sagen, wenn sie von ihrem Schwager nach sehr vielen Jahren etwas hört? Das kann nicht sein.
Da sind wir jetzt wieder bei dem Thema, das Wo11ling anfangs schon angesprochen hat. Die Reaktionen auf Norberts Erlebnisse. Vielleicht könnte ich das lösen, indem ich Norbert gleich zu Beginn als ungeliebten Bruder und schwarzes Schaf der Familie vorstellen würde. Das könnte die zurückhaltenden Reaktionen vielleicht plausibler erscheinen lassen.

Dass du Probleme mit dem Erzählstrang hast und die Geschichte als wirr empfindest und nicht weißt, worauf ich hinauswill, ist für mich wirklich unverständlich. Es geht doch nur darum, dass Norbert ein unangenehmes Erlebnis hatte und der Icherzähler versucht, ihn mental wieder ein wenig auf die Beine zu stellen und ihn aus seiner Depression zu holen.

Ich bedanke mich bei dir für den Kommentar und für die Sterne.

Gruß,

Thomas
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Thomas,
"Eine ungewöhnliche Geschichte" - und ich war sehr überrascht ;)
Rasant geschrieben, wie immer, hat mir alles gut gefallen, bis kurz.....vor dem Ende.
Du hast einerseits ein seriöses Thema aufgegriffen - dieses zu einem Spannungsbogen gebracht, dann aber mit einer Oberflächlickkeit (wenn ich es so sagen darf) einen Schlussstrich gesetzt.
Joh, die Begegnung mit dem Bruder könnte ein bisschen warmherziger verlaufen. Du müsstest garnicht "die grosse Keule" auspacken, nur eine kleine änderung.
IDer Notarzt erzählte mir später, dass er ´ne dreiviertel Stunde verzweifelt versucht hatte, mich zu reanimieren und dass er überhaupt nicht begreifen kann, dass ich noch lebe. Die Sanis hatten schon ein Tuch über mein Gesicht gezogen und wollten mich abtransportieren, als sie bemerkten, dass sich darunter plötzlich was bewegte und sich mein Brustkorb zu heben begann.“
„Oh Gott, was für eine Geschichte. Da hast du ja wirklich Glück gehabt.“
"Oh Gott, und wir wussten nichts davon! Warum hast du dich danach nie bei uns gemeldet?"
Er ignorierte meine Frage und redete weiter.
Ein Ende könnte, sowie rainer sagt, die Begegnung mit einer surrealen Gestalt sein (An Phantasie fehtl es dir ja nicht). Du müsstest dabei nur aufpassen, dass du dann nicht in die Komikerschiene abdriftest.
Hör mal, ich gebe dir 4 Punkte, weil die Geschichte so gut geschrieben ist. Es hat mich sehr gefreut, dass du zur Abwechslung mal ein ernstes Thema gewählt hast. Es fehlt nur das Ende. Nun zerbrich dir mal den Kopp.;)
Mit Gruss, Ji
 

ThomasQu

Mitglied
Servus Jirina,

vielen Dank für den Kommentar und die Sterne. Im Großen und Ganzen deckt sich deine Meinung mit der meines alten Kumpels Stefan Sternau. (Einige werden sich noch an ihn erinnern, ich hab es aber noch nicht geschafft, ihn in die Lupe zurückzuholen.)

Dein Vorschlag zur Reaktion auf den Badeunfall ist gut, ungefähr in der Art werde ich das verändern.

Und nun zum Thema Schluss: Rainer hat das ja auch schon vorgeschlagen – Eine Fantasiefigur und damit kann ich mich (noch) nicht so recht anfreunden. Stefan hat mir auch eine Menge Vorschläge dazu unterbreitet, die mir allesamt quer im Magen liegen und die Gefahr, dass alles ins Alberne abgleitet ist bei mir wirklich sehr groß.

Jetzt lass ich den Text noch ein wenig ruhen und schau, ob mir noch was einfällt.

Nochmals vielen Dank an alle, die mir ihre Meinung zum Text geschrieben haben.

Grüße

Thomas
 

ThomasQu

Mitglied
Habe jetzt einige Kleinigkeiten gemäß euren Vorschlägen geändert, mit den Schluss kämpfe ich noch.
Phantasiegestalten allerdings sind mir definitiv zu abstrakt.

Grüße, Th.
 

Ji Rina

Mitglied
Habe jetzt einige Kleinigkeiten gemäß euren Vorschlägen geändert, mit den Schluss kämpfe ich noch.
Phantasiegestalten allerdings sind mir definitiv zu abstrakt.

Grüße, Th.
Mir gefiel nur der Schluss nicht - aber mit dem kämpfst du ja noch. ;)
Ich würde die Geschichte ganz weglegen - aber nicht vergessen.
Und irgendwann schwupps, ist das Ende da.
Grüzzli, Ji
 

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