Ein verteufeltes Spiel

verda

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Ein verteufeltes Spiel

„Hallo mein Schatz, ich bin wieder zu Hause. Das war heute vielleicht ein fürchterlicher Tag. Jeder wollte etwas Spezielles erledigt haben. Marc, mein Chef kam kurz vor Feierabend noch an, ich soll die Dokumente zum Schatz? Schatz was ist los mit dir? Wie viel Stunden sitzt du schon hier vor dem Computer? Deine Augen sind ja ganz rot. Was ist los? Schatz sag doch mal etwas.“
„Entschuldige Irma, ich habe gar nicht bemerkt wie die Zeit vergangen ist. Ich war so in den Computer vertieft, dass ich vollkommen vergessen habe etwas zu essen zu machen. Ach lass doch das blöde Essen. Wir bestellen uns etwas beim Italiener. Aber was ist mit dir? Wie viel Stunden hockst du schon vor dem Computer und was ist das dort überhaupt auf dem Bildschirm? Nichts Wichtiges. Ich war auf der Suche nach ein paar schönen Fotos für meine Sammlung von den schönsten Abstrakten dieser Welt. Du weißt schon für die Zeitung. Es gibt einige ganz neue Fotografen inzwischen. Die haben ihre ganz eigenen und guten Ideen. Viele von diesen Fotos würden ausgezeichnet in die Zeitung passen. Unter diesen Bildern, habe ich auch dieses sensationelle Bild entdeckt. Dieses Bild hat mich so gefesselt, dass ich alles vergessen habe. Immer wenn ich aufstehen wollte, zog es wie magisch zurück. Es hat so ein abstraktes Aussehen. Alle fünf Minuten ändert dieses Bild erneut die Farben. So das es wieder ein en neuen Eindruck vermittelt. Mal ist es grün gehalten, dann wieder in braun oder in Rottönung. Nur das Hauptbild besteht immer gleich. Ich weiß dass ich es kenne, aber durch die farblichen Änderungen kann ich es nicht erkennen. Auf welcher Webseite hast du es denn gefunden? Vielleicht kannst du etwas über den Fotografen erfahren, wenn du seine Adresse findest. Kaum, ich bin unter „Google“, abstrakte Foto. Morgen kannst du es ja noch einmal versuchen etwas herauszufinden.“
„Komm jetzt Ralf, mach den Computer aus. Ich werde uns etwas zu essen bestellen, eine Flasche Rotwein öffnen und anschließend machen wir uns einen kuscheligen, gemütlichen und romantischen Abend. Was hältst du davon. Klingt verführerisch, aber nur wenn ich die Musik aussuchen darf. Was immer du willst mein Schatz.“ Mit einem dicken Schmatzer verließ sie mich und ging Richtung Telefon. Als ich den Computer ausschalten will, hat sich das Bild wieder verändert. Dieses Mal ist das Motiv in Gelbtönen gehalten. Doch noch immer nicht, kann ich erkennen was dieses Bild überhaupt als Haupthintergrund darstellt. Und schon wechselt die Farbe wieder in ein weiches Violett über.
„Schatz kommst du? In fünf Minuten wird das Essen geliefert und du hast noch immer keine Musik rausgesucht. Ja, ich bin gleich da. Ich muss nur noch den Computer runterfahren. Ist er immer noch nicht aus? Du wirst geschwind eine Brille brauchen, wenn du den ganzen Tag nur vor dem Computer verbringst.“ Rief sie leicht entrüstet aus der Küche. „Du weißt doch unser Computer ist nicht mehr der jüngste und er braucht seine Zeit zum runterfahren. Gut dann beeil dich.“ Ihre Resignation konnte ich gut aus der Stimme heraushören. Sie weiß dass ich nicht leicht vom Computer wegzubringen bin.
Nachdem der Computer endlich aus ist, habe ich ein paar Schmusesongs von Eros Ramazotti und Lionel Richie aufgelegt. Das Essen war köstlich, wie immer vom Italiener. Anschließend habe ich unseren Kamin angefeuert und wir haben es uns mit einem Glas Rotwein gemütlich gemacht. Unser genüsslicher Abend zog sich sehr schön in die Länge und dieses Bild auf dem Computer hatte ich bald vergessen.
Da ich für eine große Zeitungsfirma arbeite und meine Frau früh raus muss, habe ich mein Frühstück allein zu mir genommen. Wie ein Blitz schoss es durch meine Gedanken. Das Bild. Was stellt dieses Bild dar? Sobald es in meinem Gehirn wieder seinen Platz eingenommen hatte, musste ich mich auf den Computer stürzen und nachschauen. Direkt nachdem ich den Computer in Gang gesetzt hatte, erschien dieses Bild. Was schon komisch ist, denn ich hatte es ja gar nicht abgespeichert. Oder war das nur ein Virus, so dass meine Arbeit von vier Tagen zunichte gemacht ist. Aber mein Computer arbeitete ohne Probleme und auf dem Bild erschien jetzt noch dazu ein Schriftzug. „Hilfe. Helft mir. Ich werde gefangen gehalten. Bitte helft mir. Erkenne das Bild und du weißt wo ich bin.“ Was soll das? Was für Spinner haben sich denn diesen Scherz ausgedacht. Gestern das Foto nur unklar zu erkennen und heute ein zusätzlicher Hilferuf. Das können doch nur wieder irgendwelche Stundenten sich ausgedacht haben. Vor allem wem soll ich helfen. Und vor allem ich. Ich bin nur ein Fliegengewicht im Boxring, gerade mal ein Meter siebzig groß. Vollkommen unsportlich und mein Bauchansatz wird auch immer größer. Gerade ich soll jemandem helfen, was für ein Unsinn.
Als ich mich wieder auf die Suche nach neuen Fotos im Internet machen wollte, erschien ein neuer Schriftzug. „Hilf mir. Du bist der einzige der mich retten kann. Ich brauche keine Hilfe von einem muskelbepackten Angeber. Du, ja du bist der einzige. Mein wahrer Retter.“
Was soll das. Ich bin verheiratet und meine Frau erwartet in sechs Monaten unser Baby. Also warum gerade ich. Was soll der Quatsch.
Jetzt rede ich schon mit einem Computer. Das kann doch nicht wahr sein. Ich besitze nicht mal ein Mikrofon, geschweige denn eine Kamera für unseren Computer. Wie kann diese Frau mich verstehen. Das es eine Frau ist, steht inzwischen außer Zweifel.
„Hilf mir. Erkenne das Foto und du weißt wo du mich findest. Dieser Typ ist gemeingefährlich. Im Moment hält er mich nur gefangen, aber was hat er mit mir vor? Bitte, bitte hilf mir.“
Mit einem Mal sind alle Farben von dem Bild verschwunden und ich kann genau das Gebäude mit dem Grünflächen erkennen. Ich kenne diesen Ort. Meine Frau und ich haben damals unsere Flitterwochen in Italien bei Genua verbracht. Dieses verlassene Bauernhaus steht in der Nähe des gigantisch hohen Leuchtturms. Durch unsere zahlreichen Spaziergänge zu den Forts und der Befestigungsmauer, kamen wir dort oft vorbei. Bei unserer Reise, haben wir uns verschiedene Denkmäler und Einrichtungen wichtiger Persönlichkeiten dieser Stadt und der näheren Umgebung angesehen. Unter anderem auch das Denkmal von Christoph Kolumbus oder vom Papst Benedikt XV. Da Milano und Venedig nicht allzu weit entfernt waren, konnten wir unsere Hochzeitsreise ein kleinwenig weitläufiger gestalten. Was uns beiden sehr viel Spaß gemacht hatte. Dieses alte Bauernhaus soll jetzt der Ort eines Verbrechens sein. Und warum ausgerechnet muss ich diesem Rätsel auf die Spur kommen.
„Irma, entschuldige dass ich dich während der Arbeit störe, aber ich muss leider dringend verreisen. Warum, na ja, das ist eine lange Geschichte. In zwei - drei Tagen bin ich wieder zurück und dann erkläre ich dir alles. Ich klinge Geheimnisvoll, nein das bildest du dir nur ein. Sei nicht böse o.k., also bis in zwei – drei Tagen.“ Entschuldige dass ich dich anlüge, aber die Wahrheit würdest du mir im Moment doch nur schwerlich glauben. Ich hasse es zwar, aber ausnahmsweise ist auch bei mir mal eine Notlüge erlaubt. Auch wenn ich mich dadurch beschießen fühle.
Nachdem ich meinen Kram zusammen gepackt habe, bin auch schon mit dem Auto unterwegs. Wie gut das ich ein guter Autofahrer bin, so kann ich in circa sieben Stunden dort sein. Hoffentlich ist kein Stau unterwegs, sonst hänge ich den ganzen Tag und die halbe Nacht auf der Autobahn. Es wird auch so schon eine lange Fahrt werden. Auf der mir alle möglichen und unmöglichen Gefahren, Gedanken und Gefühle wieder einmal bewusst werden.
Ich bin zwar kein muskelbepacktes Riesenbaby, doch besitze ich dafür Mut, Ausdauer und Einfallsreichtum um diesen Fall zu lösen. Hoffentlich. Denn eigentlich bin ich doch nur ein ganz normaler Durchschnittstyp. Im Internet surfe ich nach extravaganten Fotos und stelle daraus eine der wohl ungewöhnlichsten Zeitungen zusammen. Mein Leben verläuft absolut gefahrlos, wenn man mal davon absieht, dass ich ein paar Mal ins Fitnesscenter gehe.
Ungefähr in einer halben Stunde werde ich wohl die italienische Grenze passiert haben, und dann dauert es nicht mehr lange bis nach Genua. Ob der Kerl sie schon woanders hingebracht hat? Ich hätte mir ein Laptop besorgen sollen, so könnte ich bei verschiedenen Zwischenstopps kontrollieren, ob sie mir eine neue Botschaft hinterlassen hat. Egal, jetzt ist es sowieso zu spät und es ist auch nicht mehr weit bis zu meinem Ziel. Aber was mache ich, wenn der Kerl bewaffnet ist? Ich besitze keine Waffen und möchte nie in die Nähe eines solchen Menschentöters kommen. Wenn er aber eine hat, was soll ich dann unternehmen?
Bin ich denn nicht ein Idiot, warum gehe ich nicht zur Polizei. Schließlich habe ich nichts Verbrochen. Ich bin nur durch Zufall auf dieses Programm gestoßen. Die Polizei könnte mir doch helfen und das Haus umstellen und den Geiselnehmer verhaften.
Nein ich werde nicht zur Polizei gehen, sie hat mich gerufen, mich ganz allein. Also werde ich diese Sache auch allein durchziehen. Unterwegs werde ich mir noch eine Taschenlampe für den Abend, eine Wanderkarte von dieser Gegend und ein Schweizer Messer kaufen. Das Messer wird mir vielleicht nicht viel nützen, aber es beruhigt die Nerven. Denn nötigenfalls bin ich dann auch bewaffnet und wenn es nur ein kleines Messer ist.
Soll ich mit dem Auto bis zu Haus fahren? Nein, denn sonst würde ich mich ja verraten und der Kerl bringt die Frau zum Schluss noch um. Bevor ich überhaupt „Hallo“ sagen konnte.
Also lasse ich mein Auto in dem kleinen Wäldchen stehen und nutze die Deckung der Bäume um näher an das Haus heran zu kommen. Bei dem letzten fünfzig Meter ist keine Deckung vorhanden. Dementsprechend gehe ich zu Boden und robbe die letzten paar Meter. Nachdem ich etwa die hälfte des Weges hinter mich gebracht habe, höre ich Musik. Das kann doch nicht sein. Seit wann stehen Kidnapper auf klassische Musik. Denn es ist eindeutig die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart. Endlich bin ich an einem Fenster angekommen ohne auch nur die Spur des Typs oder dieser Frau zu sehen, geschweige denn zu hören. Ein kurzer Blick durch das Fenster zeigt mir gar nichts. Mozart spielt zwar immer noch seine Zauberflöte, jedoch sehe ich keinen der diese Musik überhaupt eingestellt haben muss.
Soll es hier einen Keller geben? Ist der Typ im Moment mit der Frau im Keller? Vielleicht auch noch um sie zu töten, darum auch diese laute Musik. Nein, denn dazu spielt man keine klassische Musik. Aber wo ist er dann?
Leise schleiche ich mich zur Vordertür. Sie ist alt und das Schloss schon leicht verrostet. Ich versuche so leise wie möglich die Tür zu öffnen, doch ein leises quietscht der Angeln kann ich nicht verhindern. Ich öffne die Tür einen Spaltbreit und strecke meinen Kopf hinein. Noch immer nichts zu sehen. Die Tür ist relativ schwer, dennoch drücke ich sie soweit auf, dass ich mich hindurch zwängen kann. Vollkommen leise betrete ich den Raum dahinter und in dem Moment ertönt ein Geräusch, als würden tausende von Fussballfans ihre Troten tuten. Hinter der Couch erscheint meine Frau und ruft mir etwas zu. Ich verstehe bei dem Lärm natürlich kein Wort. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ erschallt es jetzt aus allen Ecken dieses kleinen Hauses. Ich stehe immer noch wie angewurzelt in der Tür und kann es kaum glauben. Meine eigene Frau war die entführte, nein die Partyveranstalterin oder was auch immer. Vollkommen verwirrt lasse ich mich schwer auf den nächstbesten Sessel fallen.
Lachend kommt meine Frau auf mich zu: “Herzlichen Glückwunsch zum runden dreißigsten. Hast du den Weg gleich gefunden? Ich wusste doch das du mutig genug bist um dieses Abenteuer auf dich zu nehmen.“ Langsam fällt es mir wir Schuppen von den Augen. „Das war aber gar nicht nett mich so aufs Kreuz zu legen. “ Leider weiß ich nicht ob ich im Moment wütend oder belustigt sein soll. Denn schließlich sind sieben Stunden Autofahrt kein Pappenstiel. Doch muss in das Lachen mit einfallen, denn meine Frau, unsere Freunde und unsere Familien haben sich eine wunderschöne und abenteuerliche Geburtstageüberraschung für mich ausgedacht.
 

lapismont

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Hallo verda, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. http://www.leselupe.de/lw/titel-Leitfaden-fuer-neue-Mitglieder-119339.htm

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. http://www.leselupe.de/lw/service.php?action=faq


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