Eine Minute Ruhe

trivial

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Liebe Chandrika,

Form und Ästhetik Deines Gedichts sprechen mich durchaus an, doch scheint es mir ein inneres Anliegen, die Grundannahme selbst, in der Dein Gedicht für sich vollkommen stimmig ruht, zu hinterfragen beziehungsweise den hier verwendeten Demokratiebegriff zu kritisieren oder vielleicht eher zur Disposition zu stellen.

Der allseits prognostizierte oder prophezeite Untergang der Demokratie ist für mich vor allem ein selbsterfüllender Untergang.

Schon die Vorstellung, unsere Gesellschaftsform sei ein fertiges Gebilde, dessen Fortbestand von außen gesichert werden müsse, verfehlt ihren Charakter und trägt damit selbst zu ihrer Entdemokratisierung bei.

Eine Gesellschaft ist kein Haus, das wir bauen und dann gemeinsam beziehen, aus dem wir unliebsame Bewohner ausschließen oder das abgerissen werden kann. Sie ist kein Ergebnis gemeinsamer Selbstbestimmung, sondern deren Vollzug, das fortwährende Beantworten der Frage, wie wir zusammen leben wollen.

Wer diesen Vollzug aufgibt und die Gesellschaft einem ihr äußerlichen, bereits feststehenden Maßstab unterwirft, gibt dieses konstituierende Moment auf.

Eine freie und offene Gesellschaftsform ist eine immanente Praxis, nicht etwas, das irgendwo „lebt“ und dessen Tod wir beobachten können. Sie ist auch nichts, das wir museal verwalten können, sondern das fortwährende Hervorbringen und Aushandeln ihrer selbst.

Eine Gesellschaft, die ihre eigene Ordnung als offenen Vollzug begreift, entsteht aus einer vorausliegenden (transzendentalen/unverfügbaren) Bindung heraus in eine offene Zukunft – nicht aus einem vorgestellten Zukunftsziel rückwärts als dessen Verwirklichung.

Sie steht in einer Wirklichkeit, die ihr vorausgeht.

Eine Gesellschaft, die sich selbst von außen betrachtet, verliert schon durch die Betrachtung ihre Offenheit und dadurch ihre Freiheit?

Möge man anführen: Freiheit und Offenheit ohne den Blick von außen sind überhaupt nicht möglich. Erst wenn wir heraustreten und uns fragen: „Wie verhalten wir uns eigentlich gerade als Gesellschaft?“, werden Veränderungen, Freiheit und der Schutz von Minderheiten überhaupt möglich.

Aber – und das ist der entscheidende Unterschied: Die notwendige Selbstkritik einer freien Gesellschaft darf gerade nicht von einem imaginierten „Ganzen“ von außen kommen. Sie muss immanent aus ihr – also logisch aus jenen hervorgehen, die das Zusammenleben tagtäglich vollziehen.

Nicht die Gesellschaft als Ganzes reflektiert sich im eigenen Erleben, sondern die Individuen, aus denen sie emergiert.

Sie muss sich von außen betrachten können, aber sie darf keinen tatsächlich äußeren Standpunkt voraussetzen.

Sie muss sich gegenübertreten können, ohne sich gegenüberzustehen.

Nicht alles, was gesellschaftlich geschieht, ist mit dem Prinzip des gesellschaftlichen Vollzugs vereinbar. Aber das Prinzip selbst kann nicht von außen gesetzt werden, ohne sich selbst aufzuheben.

Vielleicht ist diese Betrachtung zu naiv oder verharmlost reale Missstände, und dennoch kommt in mir immer ein gewisses Unbehagen oder ein Gefühl der Entfremdung auf. Ist es auch eine Art Emanzipationsangst meinerseits?

Was wäre, wenn eine Gesellschaft sich aus einem klar definierten, offenen Auftrag abwendet, umdreht und in die Zukunft hinein entwirft?

Ist das das Ideal einer souveränen, selbstbestimmten Gesellschaft oder der Verlust des „Glaubens“ an etwas Größeres – Nietzsches ungeheures Ereignis, welches nun bis zu den Ohren der Menschen gedrungen ist?


Liebe Chandrika, verzeih diese ausufernde Form, die sich erst aus meinem Unbehagen entfaltet hat und so ausführlich gar nicht beabsichtigt war. Vielleicht zirkuliert dieses Unbehagen auch nur ziellos in mir selbst. Nun bin ich mir unsicher, wie viel davon noch konstruktive Kritik an Deinem Text ist oder ob ich hier zu sehr ausschweife, um Fragen zu beantworten, die Du in Deinem Gedicht überhaupt nicht gestellt hast.

Liebe Grüße
Rufus
 
Lieber Rufus,

hab vielen Dank für Deine ausführlichen und so sorgfältig entwickelten Gedanken. Du musst Dich für ihre Länge keineswegs entschuldigen. Im Gegenteil: Ich empfinde es als ein schönes Zeichen, dass mein Gedicht ein Unbehagen berührt hat, das sich nicht in einer kurzen Reaktion auflösen ließ.

Deine Unterscheidung zwischen Gesellschaft als fertigem Gebilde und Gesellschaft als fortwährendem Vollzug finde ich sehr anregend. Auch der Gedanke, Demokratie nicht als etwas zu verstehen, das unabhängig von uns „lebt“ oder „stirbt“, sondern als eine Praxis, die sich im gemeinsamen Handeln immer wieder erst hervorbringt, leuchtet mir ein. In diesem Sinne ist die Rede vom Untergang der Demokratie tatsächlich problematisch: Sie kann uns zu bloßen Beobachtenden eines Geschehens machen, das doch nur durch unser eigenes Tun oder Unterlassen Wirklichkeit gewinnt.

Vielleicht würde ich dennoch nicht ganz auf die Vorstellung verzichten wollen, dass Demokratie auch auf Voraussetzungen beruht, die nicht in jeder einzelnen Aushandlung erneut zur Disposition stehen dürfen. Gerade die Freiheit, über unser Zusammenleben zu verhandeln, braucht Bedingungen: die Anerkennung der anderen als Gleiche, den Schutz von Minderheiten und die Möglichkeit, überhaupt gehört zu werden. Ob diese Voraussetzungen der Gesellschaft „von außen“ auferlegt sind oder ob sie gerade die innere Bedingung ihres freien Vollzugs bilden, scheint mir eine der Fragen zu sein, auf die Dein Brief zuläuft.

Sehr schön finde ich Deine Formulierung, eine Gesellschaft müsse sich gegenübertreten können, ohne sich gegenüberzustehen. Vielleicht liegt genau darin die Spannung demokratischer Selbstkritik: Wir müssen Abstand zu dem gewinnen können, was wir gemeinsam hervorbringen, ohne so zu tun, als könnten wir einen vollkommen neutralen Ort außerhalb davon beziehen.

Ob Dein Unbehagen eine Emanzipationsangst ist, vermag ich nicht zu sagen. Auf mich wirkt es zunächst weniger wie Angst vor Freiheit als wie ein Misstrauen gegenüber jeder Vorstellung, die offene Zukunft könne bereits von einem feststehenden Bild des Richtigen her bestimmt werden. Dieses Misstrauen halte ich nicht für naiv. Es wird nur dort schwierig, wo Offenheit selbst zum absoluten Prinzip wird und uns die Sprache dafür nimmt, reale Gewalt, Ausschlüsse oder Herrschaft als undemokratisch zu benennen.

Du beantwortest damit vielleicht Fragen, die mein Gedicht nicht ausdrücklich gestellt hat. Aber ein Gedicht muss die Gedanken, die es auslöst, auch nicht bereits selbst enthalten haben. Insofern empfinde ich Deine Ausführungen nicht als Abschweifung, sondern als eigenständige und sehr willkommene Antwort darauf.

Herzliche Grüße
Chandrika
 

trivial

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Liebe Chandrika,

Vielleicht würde ich dennoch nicht ganz auf die Vorstellung verzichten wollen, dass Demokratie auch auf Voraussetzungen beruht, die nicht in jeder einzelnen Aushandlung erneut zur Disposition stehen dürfen.
Jetzt überlegte ich die ganze Zeit, wie ich meinen geistigen Schnellschuss, der sich für mich so intuitiv richtig anfühlt, logisch konsistent zusammenbekomme.

Die „Hybris“ der Moderne scheint mir zu sein: die Bedingungen der eigenen Selbstbestimmung selbst verfügbar zu machen – ebenso wie die Vorstellung, jede Spannung, jeden Widerspruch auflösen zu können.

Egal, ob von außen auferlegt oder als innere Bedingung des freien Vollzugs – vielleicht ist es ein Drittes: Vollzug, ohne durch unseren Vollzug vollständig gesetzt zu sein.

Eine immanente, aber unverfügbare Bedingung.

Vielleicht ist es eben dieser Widerspruch, der stehen bleiben muss, weil seine Auflösung genau das wäre, was den Widerspruch erst erzeugt: der Versuch, die Bedingung der eigenen Selbstbestimmung selbst zu bestimmen.

Selbstkonstitution ohne Selbstursprung.
Selbstbestimmung ohne Selbstbegründung.

Es gibt etwas, worüber wir gerade nicht vollständig verfügen können – und deshalb können wir auch den Grund unserer eigenen normativen Ordnung nicht vollständig selbst herstellen.

Vielleicht müsste man meinen Schuldbegriff, der den ganzen Gedanken zugrunde liegt, etwas näher definieren. Nicht als moralische oder normative Schuld, sondern als ontologische Schuld, unterteilt in positive und negative Schuld.

Positive Schuld:
Etwas ist – es bindet mich – ich bin ihm etwas schuldig.

Wirklichkeit – Schuld – Verantwortung – offene Zukunft

Negative Schuld:
Ich setze ein Soll – die Wirklichkeit entspricht ihm nicht – ich erzeuge daraus die Schuld des Fehlens.

Verantwortung – Soll – Schuld/Fehlstelle – konstruierte Zukunft

Die positive Schuld trifft mich zunächst als Widerfahrnis. Ich finde mich bereits in einem Verhältnis vor.

Die negative Schuld dagegen benötigt zunächst eine Reflexionsleistung:

Die erste Bewegung geht aus etwas heraus.
Die zweite geht auf etwas hin und erzeugt dabei rückwirkend den Mangel, von dem sie ausgeht.

Wo Verantwortung ihren unverfügbaren Ursprung verliert, erzeugt sie ihre eigene Schuld retroaktiv.

Je stärker negative Schuld die positive Schuld ersetzt, desto mehr muss eine Gesellschaft ihre Ordnung aus sich selbst heraus erzeugen und desto weniger kann sie auf einen vorausliegenden, unverfügbaren Anspruch antworten.

Eine Gesellschaft muss aus sich selbst entstehen, ohne sich selbst vorauszusetzen.

Der Bürger ist für die Gesellschaft unverfügbar genug, um handeln zu können.
Die Gesellschaft ist für den Bürger unverfügbar genug, um eine gemeinsame Welt zu bilden.

Beide sind zugleich verfügbar genug, um einander zu verändern.

Freiheit verlangt die Möglichkeit des Fehlens.
Recht verlangt die Möglichkeit der Antwort auf dieses Fehlen.

Eine Wahl kann die Gesellschaft verändern. Sie kann nicht dadurch, dass sie stattfindet, rückwirkend die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit vollständig aufheben.

Stabilität ist nicht die Aufhebung von Kontingenz, sondern die temporäre Stabilisierung von Kontingenz durch fortgesetzten Vollzug. Eine stabile Ordnung ist eine Ordnung, die ihre eigene Kontingenz auszuhalten vermag.

Staat und Bürger dürfen füreinander verfügbar genug sein, um Recht und Ordnung zu ermöglichen, aber unverfügbar genug bleiben, damit keiner zum bloßen Objekt des anderen wird.

Um diese pseudointellektuelle Abhandlung über die Schnittstelle von Phänomenologie und Deontologie auf die Spitze zu treiben, braucht es natürlich auch noch einen schmissigen Namen wie PTiK – Performative Transzendentale immanente Kontingenz ;)

PTiK bezeichnet die transzendentale Offenheit des Antwortens.
Positive Schuld bezeichnet die Vorgegebenheit dessen, worauf geantwortet wird.

Eine Gesellschaft kann sich selbst konstituieren.
Sie kann sich aber nicht selbst voraussetzen.

Mögen zukünftige Generationen anhand dieses Manifestes im Namen des PTiKismus als Rufisten mit besten Absichten ganze Gesellschaften zugrunde richten ;)

Ich hoffe dies gilt weiterhin

Insofern empfinde ich Deine Ausführungen nicht als Abschweifung, sondern als eigenständige und sehr willkommene Antwort darauf
Bis in die Unendlichkeit und darüber hinaus

Rufus
 
Lieber Rufus,

ja, das gilt weiterhin – auch nach der Gründung des PTiKismus. ;)

„Selbstkonstitution ohne Selbstursprung“ ist für mich der Satz, an dem dein Gedanke am klarsten wird: Wir gestalten eine gemeinsame Welt, aber wir beginnen weder bei null noch haben wir alles hervorgebracht, was uns dieses Gestalten ermöglicht. Dass wir auf etwas antworten, das uns vorausgeht, leuchtet mir ein.

Bei deiner „positiven Schuld“ würde ich allerdings noch einmal nachfragen: Zwischen „Etwas ist“ und „Es bindet mich“ liegt für mich ein begründungsbedürftiger Schritt. Nicht alles Vorgefundene hat deshalb schon einen berechtigten Anspruch auf uns. Auch Herrschaft und Gewalt finden wir als bestehende Verhältnisse vor. Was unterscheidet also einen Anspruch, dem wir Verantwortung schulden, von einer Bindung, von der wir uns befreien sollten?

Umgekehrt kann ein gesetztes Soll einen Mangel sichtbar machen, den wir vorher übersehen haben. Die Forderung nach Gleichberechtigung etwa erzeugt nicht erst die Verletzung, auf die sie antwortet. Vielleicht sind deine beiden Bewegungen deshalb stärker ineinander verschränkt: Wir formulieren Maßstäbe aus Erfahrungen heraus und erkennen durch diese Maßstäbe wiederum etwas an unseren Erfahrungen.

Für die Demokratie wäre meine Frage dann: Wie schützen wir Voraussetzungen der Freiheit, ohne ihre jeweilige Auslegung der Kritik zu entziehen? Dass niemand zum bloßen Objekt des anderen werden darf, scheint mir dafür ein überzeugender Ausgangspunkt. Was das konkret verlangt, müssen wir dennoch gemeinsam herausfinden und revidieren können.

Vielleicht liegt das Unverfügbare also auch darin, dass unsere Antwort nie das letzte Wort über den anderen sein darf.

Wenn der PTiKismus diese Rückfrage aushält, sehe ich meiner vorläufigen Aufnahme bei den Rufisten gelassen entgegen. ;)
Herzlichst
Chandrika
 

trivial

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Liebe Chandrika,

die positive Schuld dachte ich explizit nicht als Konservativismus, aus der Vorgegebenheit folgt nicht die Legitimität des Vorgegebenen, sondern zunächst nur die Unvermeidbarkeit der Antwort:

Die notwendige Selbstkritik einer freien Gesellschaft darf gerade nicht von einem imaginierten „Ganzen“ von außen kommen. Sie muss immanent aus ihr – also logisch aus jenen hervorgehen, die das Zusammenleben tagtäglich vollziehen.

Du schriebst:

Umgekehrt kann ein gesetztes Soll einen Mangel sichtbar machen, den wir vorher übersehen haben. Die Forderung nach Gleichberechtigung etwa erzeugt nicht erst die Verletzung, auf die sie antwortet.

Und beziehst Dich, so glaube ich, auf diese Stelle:

Die zweite geht auf etwas hin und erzeugt dabei rückwirkend den Mangel, von dem sie ausgeht.
Und zugegeben, es ist leicht monokausal zu lesen, als Ursache-Wirkungs-Prinzip. Gemeint war aber:

Hier ist das Ergebnis im Soll bereits vorweggenommen. Die Zukunft ist nicht mehr primär offen, sondern soll eine vorab bestimmte Gestalt annehmen. Und von diesem vorgestellten Ergebnis aus wird rückwirkend bestimmt, was der gegenwärtigen Wirklichkeit fehlt.

Sie geht auf ein bereits bestimmtes Ergebnis hin und erzeugt nicht die vorausgehende Verletzung, sondern die Fehlstelle als Differenz zwischen Wirklichkeit und diesem vorweggenommenen Ergebnis.

Nicht die Verletzung wird rückwirkend erzeugt, sondern ihre Bestimmung als Verletzung.

Wer mir Rechte gibt, kann sie mir wieder nehmen. Wer verfügt, was ist?

Eine Ordnung kann von außen vorgeschrieben werden, aber sie wird erst dann wirklich immanent, wenn die Menschen sie in ihrem eigenen Vollzug wieder hervorbringen.

Wenn jemand die Differenz überhaupt nicht als Widerfahrnis erlebt, gibt es für diesen Menschen zunächst auch keinen erlebten Mangel. Der Mangel erscheint immer als Negation zu etwas. Auch wenn er sie erst später erkennt.

E̶i̶n̶e̶ ̶F̶o̶r̶d̶e̶r̶u̶n̶g̶ ̶e̶r̶z̶e̶u̶g̶t̶ ̶k̶e̶i̶n̶e̶ ̶V̶e̶r̶l̶e̶t̶z̶u̶n̶g̶,̶ ̶e̶i̶n̶e̶ ̶V̶e̶r̶l̶e̶t̶z̶u̶n̶g̶ ̶e̶r̶z̶e̶u̶g̶t̶ ̶e̶i̶n̶e̶ ̶F̶o̶r̶d̶e̶r̶u̶n̶g̶

Eine Forderung kann Antwort auf eine Verletzung sein und zugleich zum Maßstab werden, von dem aus neue Verletzungen sichtbar werden. Auch wenn diese Forderung vom Speziellen zum Allgemeinen abstrahiert und so zum Prinzip erklärt wird, bleibt sie lediglich die Position, von der aus eine Negation als Mangel und damit erneut als positive Schuld erkannt werden kann. Dennoch bleibt dabei bestehen:

Je stärker negative Schuld die positive Schuld ersetzt, desto mehr muss eine Gesellschaft ihre Ordnung aus sich selbst heraus erzeugen und desto weniger kann sie auf einen vorausliegenden, unverfügbaren Anspruch antworten.

Eine solche Gesellschaft wäre selbstreferenziell, und es gäbe keine Position innerhalb der Ordnung, von der aus sich ein Mangel jenseits dessen, was die Ordnung selbst als Mangel bestimmt, überhaupt als solcher erkennen ließe.

Der Unterschied scheint mir darin zu liegen, ob negative Schuld in positive übersetzt oder gespiegelt wird.

Ich wollte es liebend gerne mit Dir durchexerzieren, aber langsam bewege ich mich wohl auf philosophisch und epistemisch dünnem Eis ...

Es folgten noch wilde Spekulationen von positiver Schuld als intensive Größe und das Extensive der negativen Schuld, dass das Bewusstsein seinen eigenen Vollzug nur als bereits vollzogenen bestimmen kann, es immer ein Nachher ist ... und allerlei halblose Gedanken, aber der Boden fing unter der Schwere einer Konstruktion, die sich nicht mehr selber trägt, verdächtig an zu knacken ...

Je tiefer ich vordringe, desto mehr scheint mir die erste Regel des PTiKismus mehr als ein Scherz:

Der PTiKismus erklärt, dass der PTiKismus sich niemals vollständig zum Gegenstand machen darf.

Er kann seine eigene Unverfügbarkeit nicht vollständig bestimmen, ohne sie verfügbar zu machen.

Er kann, darf und möchte immer nur als Zwicken beschrieben, betrachtet und erklärt werden.

Wahrscheinlich gilt Ersteres für jede Theorie, dass sie sich selbst als Ganzes nicht beschreiben kann, ohne sich selbst zu überschreiten, was halt problematisch wird, wenn es eine Theorie der Grenzen oder des Ursprungs ist, und das Zweite auch noch für selbstgestrickte Unterwäsche und Socken.


Selbstkonstitution ohne Selbstursprung ;)


So langsam befürchte ich, dass ich hier ein so großes Fass aufgemacht habe, dass ich damit Deinem Gedicht implizit etwas unterstelle, was Du so überhaupt nicht ausdrücken wolltest.

Natürlich hast Du Recht damit, dass ein Gedicht die Gedanken, die es auslöst, nicht selbst enthalten muss. Aber ist dies noch die Widerfahrnis Deines Gedichtes auf mich – oder bereits mein gesetztes Soll?

Was eine Minute Ruhe alles bewirken kann ;)

Liebe Grüße
Rufus
 
Zuletzt bearbeitet:
Lieber Rufus,

mir rauscht inzwischen der Kopf, und ich merke, dass ich die philosophischen Fäden nicht mehr weiterverfolgen kann. Für mich darf jetzt einfach das Gedicht, welches nicht mein bestes Gedicht ist ,so stehen bleiben – und die titelgebende Minute Ruhe einkehren.

Danke für den intensiven Austausch und liebe Grüße
Chandrika
 
Hallo Chandrika und Rufus!

Ich kann dem Gedicht in seiner Bildhaftigkeit eigentlich gut folgen. Es hat eine einfache, nicht analytisch abgehobene Sprache. Das gefällt mir. Aber ein paar Formulierungen erschließen sich mir nicht ganz. Besonders: Man bittet sie, leise zu sterben. Wer bittet sie darum?

Und grundsätzlich frage ich mich, ob es wirklich schon so weit ist, wie es im Gedicht beschrieben wird. Ich erlebe eher das Schwächerwerden der Repräsentativen Demokratie als von der Gesellschaftsmehrheit gewollten oder akzeptierten Organisations- und Herrschaftsform in unserem Land, die mögliche Änderung in eine Scheindemokratie ähnlich der im Staatssozialismus, der 1989 im Ostblock zusammenbrach, oder gar in eine Autokratie mit deutlichen Zügen einer Diktatur. Gegen jede dieser Möglichkeiten formiert sich landauf, landab Widerstandswille, der noch nach Handlungsfreiheiten und –grenzen sucht. Erschreckend ist tatsächlich, wie rasant die Zahl der Überläufer aus der immer beschworenen „Mitte der Gesellschaft“ in den rechten Bereich bis zum extremen Rand wächst. So nehme ich den Moment wahr. Wobei ich selbst noch unschlüssig bin, wie sehr das alles noch getrennt zwischen Sachsen-Anhalt und BRDeutschland betrachtet werden kann.

Eurem Austausch konnte ich leider kaum folgen. Einige Begriffe und Formulierungen, die mir fremd sind, und aufgrund meiner Erkrankung habe ich nicht die Muße, alles zu ergoogeln. Da fehlt mir einfach die Konzentrationsfähigkeit.

Trotzdem danke, dass ihr in das Thema eingestiegen seid. Ich betrachte den „Kampf“ um Demokratie, ihre Pflege und Fortentwicklung, und jetzt die Verteidigung als mein Lebensthema. Ich habe also gegenwärtig Hummeln im Arsch und Wespen im Kopf. Es summt bedrohlich.
 
Hallo Clown seiner Klasse,
Karl Jaspers sagte einst: "Die Demokratie setzt die Vernunft im Volke voraus, die sie erst hervorbringen soll"Vielleicht liegt gerade darin das Wagnis der Demokratie: Sie muss Menschen Urteilskraft zutrauen, damit diese wachsen kann. Vernunft entsteht auch dadurch, dass wir mitentscheiden, Widerspruch erfahren und Verantwortung für die Folgen übernehmen. Allerdings geschieht das nicht von selbst. Es braucht Bildung,( da liegt schon mal der Hase im Pfeffer!!!) verlässliche Informationen ( schau dir die Medienlandschaft an)und die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen –( in einer Zeit der übermäßigen Selbstbezogenheit) gerade dann, wenn man zur Mehrheit gehört. Demokratie bleibt deshalb eine Aufgabe, auch für diejenigen, die sie längst für selbstverständlich halten. Hoffentlich geht der Spuk bald vorbei!!!
Herzliche Grüße
Chandrika
 
Hallo Clown : zum besseren Verständnis:
Das Gedicht zeigt eine Demokratie, die noch lebt, aber bereits für tot erklärt wird. „Man bittet sie, leiser zu sterben“ ( ist natürlich sarkastisch gemeint)bedeutet: Ihr Hilferuf wird als Störung behandelt. Statt auf die Gefahr zu reagieren, fordert man Ruhe und Anstand – selbst noch von derjenigen, die gerade zugrunde geht. Darin liegt die bittere Verkehrung: Nicht ihr Sterben empört, sondern ihr Protest dagegen. Am Ende darf wieder gesprochen werden, doch niemand nutzt diese Freiheit. Das Gedicht ist als Kritik an den sogenannten etablierten Parteien gedacht, die relativ tatenlos zusehen, wie eine Errungenschaft der Zivilisation allmählich aufgrund der Verdummung des Volkes "stirbt". Das tut mir wirklich weh!!!
Beste Grüße
Chandrika
 
Ja, so habe ich deinen Text gelesen.
Und ja, es tut gerade sehr weh, was mit der Demokratie und den Menschen geschieht. Andererseits brechen auch wieder viele Energien hervor, die eine Erneuerung herbeiführen könnten - noch habe ich Hoffnung. Hier in Sachsen-Anhalt scheint der Riss ja ziemlich genau in der Mitte zu verlaufen. Wenn dieser fragwürdige Staat doch endlich verraten würde, wo diese vielbeschworene "wehrhafte Demokratie" versteckt liegt, was immer das sein mag. Vielleicht ein besonders gut ge- und ausge-bildetes Sondereinsatzkommando, welches im Moment höchster Not aus den Fluten der Elbe marschiert kommt und aus den Höhlen des Harz klettert und aus den Fugen der vielen schönen historischen Gemäuer des Landes hervortritt - äh - das machen wohl eher die düsteren Rächer der völkischen Renaissance. Aber vielleicht kommen rettende Untertassen aus dem Orbit angesegelt. "Bi-bi-bi-biii", Lasst doch den Quatsch, ihr wart doch auf einem guten Weg ... schmeißt doch nicht fünfhundert Jahre Entwicklung auf den Müll!" Und dann gucken alle ganz bedröppelt und stimmen dem Vorschlag für eine Neuwahl zu und lassen sich von den Außerirdischen beraten wie es weitergehen soll. Das wär doch mal ne Wendung im Ablauf!
 
Bei den rettenden Untertassen musste ich lachen- ich würde ihnen sofort einen Landeplatz
freihalten. Unter deinem Spott ist aber auch die Verzweiflung spürbar: Wie laut muss der Hilferuf noch werden, bis etwas geschieht?

Deine Hoffnung auf die Kräfte, die sich gerade regen, teile ich. Vielleicht zeigt sich die wehrhafte Demokratie auch dort, wo Menschen einander widersprechen, ohne einander aufzugeben, und denen beistehen, die zur Zielscheibe werden. Das nimmt den Staat allerdings nicht aus seiner Verantwortung.

Bis die Untertassen kommen, sollten wir jedenfalls nicht bei der Schweigeminute bleiben.;)
 



 
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