Eiskalt

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Eiskalt


Spät am Abend mache ich noch einen Spaziergang. Ich gehe zum Meer, zu der Mauer weit hinten am Ende der Promenade. Sie ist von vielen Bäumen und Büschen beschattet, liegt fast im Dunkel. Und heute finde ich sogar eine Stelle, die vollkommen dunkel ist, denn die Laternen sind aus irgend einem Grund nicht eingeschaltet. Es ist wirklich stockfinster.
Ich lehne mich mit den Unterarmen breit auf das dicke Stahlrohr, das als Geländer vor die Oberkante der Mauer gesetzt ist. Ich stehe fast aufrecht.

Gedankenverloren schaue ich hinaus auf die Wellen und schließe kurz die Augen. Ich glaube, fast zu träumen, als ich plötzlich ein paar flinke Finger an meinem Hosenstall spüre. Eine Mischung aus Angst und Gier lässt mich erstarren. Ich bin nicht imstande, mich vom Geländer zu lösen, um zu ergründen, wo die nun herkommen könnten.
Zwischen der Mauer und mir sind etwa vierzig Zentimeter Abstand. Aber selbst, wenn es jetzt so dunkel ist, so hätte ich doch bemerkt, wenn genau da, wo ich mich an das Geländer stelle, jemand darunter kauert und auf mich wartet.
Das muss ein Traum sein, rede ich mir ein und schließe wieder die Augen.

Obwohl ich spüre, dass da jemand gierig an mein Gemächt geht, will ich nicht glauben, dass es real sein könne. Ich schaue hinunter. Zwischen Geländer und Mauer hindurch blinzeln mich zwei funkelnde Augen an. Wer ist das? Meine Stimme versagt.
Und im nächsten Augenblick spüre ich ein Paar eiskalte Lippen auf meiner Eichelspitze. Eiskalt! Mit kräftigem Druck stülpen sie sich sodann vollständig darüber. Immer weiter.
Ich werde wahnsinnig, denke ich, das muss ein wundervoller Traum sein. Aber warum muss diese Wonnespenderin eiskalte Lippen haben?

Die Versuchung ist groß, jetzt mehr zu fordern, es zu erzwingen, die Zurückhaltung aufzugeben, den Verstand abzuschalten, mich zu vergessen. Ich weiche nicht zurück, kann es gar nicht, will es auch nicht.
Ihre Lippen sind fest um mein Glied gepresst, während es sich den Weg in die Tiefen ihrer Mundhöhle bahnt. Unfassbar, dass sie nicht die geringste Gegenwehr zeigt. Sie lässt es einfach geschehen, bis … Ja, bis ich ihre eiskalten Lippen an meiner Bauchdecke spüre. Doch nichts passiert. Ungeduld macht sich in mir breit. Ich zucke unruhig. Doch sie rührt sich nicht.
Jetzt platze ich vor Gier. Ich will das jetzt endlich, bewege mein Becken zurück und wieder vor, raus und rein, raus und rein, raus und wieder rein in ihren eisigen Mund. Erst langsam, dann immer schneller. Ich verliere die Selbstkontrolle.

Ein brutaler Schmerz lässt mich plötzlich innehalten. Die eisige Kälte weicht einer brodelnden Hitze. Ich spüre, wie meine Erektion rapide schwindet. Eine eiskalte Zunge drängt mein Glied hinaus. Ich sehe an mir hinab, sehe diese funkelnden Augen und …
Plötzlich wird mir schwindelig. Mein Glied ist blutüberströmt. Zu den unglaublichen Augen gesellt sich ein hämisches Lachen. Zentimeterlange Eckzähne, spitz wie Dolche, blinken mich an. Blut – mein Blut! - rinnt aus den Mundwinkeln dieses fremden Wesens, eine spitze Zunge leckt genüsslich daran.
Ich verliere den Halt und stürze zu Boden.


Dann wache ich auf ...
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
nett.
Leider fehlt mir der Gruselfaktor. In der Mitte weiß man bereits, wie es ausgeht. :(

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Ahorn,

ja, diese kleine Vampirbraut ist auch schon vor vielen Jahren aus meiner Feder entsprungen. Habe sie jetzt ein wenig überarbeitet. Ich dachte, versuch es mal ...

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

petrasmiles

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,

fand' ich zwar jetzt nicht vorhersehbar, vielleicht, weil ich die Rubrik nicht wahrgenommen hatte (wenn ich in der Leselupe spazieren gehe, wähle ich immer Neue Beiträge).

Für meinen Geschmack war da bei dem kurzen Text zuviel 'Gier' - das könnte man doch sprachlich anspruchsvoller gestalten.
Und besonders schade finde ich, dass ich es nicht glaube, dass ein Mann - bei aller Gier - nichts sehend an sich rumfummeln lässt und auch bei den eiskalten Lippen immer noch nicht sein gutes Stück in Sicherheit bringt. Damit hebt die Geschichte allein auf den Trieb des Mannes ab, der sein Gehirn ausschaltet - was sehr wahrscheinlich 99,99% der Männer - zumindest in diesem Setting - bitter Unrecht tut. (Ich wage sogar die These, dass die meisten Männer schon bevor die eiskalten Lippen zu spüren wären, davon gelaufen sind. Kopfkino macht nur Spaß, wenn man selbst der Regisseur ist ...)

Liebe Grüße
Petra
 

ahorn

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,
dergleichen Assoziation hatte ich.
Jahrhundertwende. Die ersten elektrischen Straßenlaternen erhallen Hamburg oder Köln, werfen ihren Lichtsmog gen Himmel.
Neumondnacht. Ein Sterngucker flieht an das Ufer von Elbe / Rhein. An eine Stelle, an der sich gern die Mägde mit den Knechten treffen, um na ja ist schon klar. ;)
Nebelschwaden ziehen auf, umhüllen seine Beine. Er glaubt, eine Magd hätte ihn mit ihrem Liebsten verwechselt. Dann?
Ein schöner Anfang für einen Kriminalfall. :)

Liebe Grüße
Ahorn
 
Hallo Petra,

Gier? Ja, so sollte diese Geschichte ursprünglich heißen. Diese entsteht ja von beiden Seiten. Ich habe den Titel bei der Überarbeitung allerdings geändert.
Natürlich ist anzunehmen, dass Mann vernünftig genug ist, die Gefahr zu erkennen. Aber hier wandelt sich der Traum, der es im ersten Moment, ob nun real oder tatsächlich nur geträumt, ist, in einen Alptraum, der einen vielleicht in einen Schockzustand versetzten kann. Mein Protagonist ist mit dieser Situation einfach überfordert und erstarrt in dieser Eiseskälte, die da an ihn herankommt.
Aber es war ja dann doch nur ein Alptraum, wie er beim Erwachen erleichtert feststellt ...

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo Ahorn,

ich glaube, diese Idee werde ich im Hinterkopf behalten, wenn ich das neue Projekt, das allerdings noch rein theoretisch existiert, in Angriff nehmen werde.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 
Hallo SilberneDelfine,

vielen Dank. Na, ich gebe zu, ein bisschen vorhersehbar ist es schon, wenn man die Assoziation mit der Vampirbraut, die ich da tatsächlich beschreiben wollte, beim Lesen aufnimmt. Da sprudelt doch richtig viel Blut, wenn die Dame ordentlich zubeißt. Ein wahres Festmahl ... :eek:

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

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