entfremdet

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Tula

Mitglied
Hallo Patrick

Eine gute Frage, ob Poesie (nur) eine Form der Selbstbetrachtung ist. Ich denke 'durchaus', denn auch wenn sich der Dichter über gewisse Themen mitteilen möchte, geht es ja am Ende um ihn selbst, d.h. wie er denkt oder gern gesehen werden möchte, vielleicht als Witzbold (obwohl ihm zum Heulen ist) oder Romantiker (der in jeder Beziehung versagt) usw.

Da denke ich andererseits an das berühmte Gedicht von Pessoa, welches du hier findest
https://www.google.com/amp/s/dasgutelebenweb.com/2018/09/21/lissabonner-dichter/amp/

Ob der Dichter am Ende nur täuscht (und den vorgetäuschten Schmerz mitempfindet), vielleicht weil er einfach nur unterhalten will mit seiner Kunst ... warum schreibt man überhaupt, oder malt, oder spielt Musik oder oder ...

Die Stelle mit dem Hassen gefällt mir weniger. Im Sinne der Nabelbeschauung nähme ich da das Gegenteil:

Du wirst dich lieben.
Ich liebe mich.

Gern gelesen

LG
Tula
 
Hallo Tula

Ich hatte, ehrlich gesagt, ein wenig Zweifel daran, dass diese Gedichte irgendwie verständlich wären, das sie ankommen.

Das "Hassen" ist sicher eine recht "unschöne" Zeile. Ich habe diesen Begriff aber bewusst genutzt. Da dieses Gedicht ein unpoetisch anti-poetisches ist, darf es keine verführerische Sprachkraft besitzen, es muss trivial bleiben. Daher war ich der Meinung, dass ich die fehlende sprachliche Würze durch einen Begriff ersetzen muss, der den Leser etwas vor den Kopf stößt. Außerdem ist ja im ersten Teil gewissermaßen davon die Rede, das der Mensch schöner ist, als er sich im Gedicht darstellen kann, nicht umgekehrt, im 3. Teil (der zweite, als vorgeschobene Synthese, fehlt bewusst) hingegen wird das ekelhafte am Menschen, mit dem Gedicht selber gleichgesetzt. Also der Dichter könne gar nicht schön von sich schreiben, weil er es nicht ist. Eine Antwort oder Versöhnung fehlt, soll fehlen. Ich bin auch nicht besonders gut darin Antworten zu geben. Mir ist die Skepsis, dem Guten, Wahren und Schönen gegenüber sehr wichtig. Die polare Spannung zwischen der Ästhetisieren Ausschnittvergrößerung der Wirklichkeit und der Wirklichkeit selber. Dennoch hast du im Grunde recht, " Liebe" könnte man genauso gut schreiben, oder "er nähme sie an" statt "aus", ohne den eigentlichen Inhalt zu ändern, bloß seine Interpretation. Und da wären wir wieder bei der Poesie ;)

L.G
Patrick
 

Tula

Mitglied
Hallo Patrick

Danke für die ausführliche Antwort.

Ich möchte da gern noch eine Nuance hinzusetzen, d.h. die Kunst schlechthin und insbesondere die der Worte als (ver)Suche nach sich selbst. Dass die Eingeweide nicht immer schön sind, liegt auf der Hand, man muss diese ja nicht unbedingt in ein Gedicht fassen. Der Wunsch wie ein Rilke zu schreiben (oder ein Bukowski), unabhängig davon ob es gelingt oder nicht, sagt vielleicht etwas über den Autor aus. Nicht wie er wirklich ist, sondern wie und wo er sich sucht.

LG
Tula
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Du wirst mich hassen.
Ich hasse dich.
Wäre das der zweite Abschnitt? 1. und 3. sind ja schon da - oder sollte man nicht doch besser unnummeriert fließen lassen...

Im Augenblick reichte mir allerdings 3.; weniger apodiktisch ließe sich ein Tanka lesen.


Es grüßt
Dyrk
 
Hallo Tula

Ein nuanciertes Abtasten der Korrelation von Identität und Dichtung. Ein wenig dem Traum gleich, beides bedient sich einer Zeichensprache, hinter der sich Wünsche, Träume, Ängste, Hoffnungen verbergen. Sicher ist jeder Mensch, der nicht in geistiger Versteinerung lebt, einer der sucht und der verwerfen muss, alleine um der Entwicklung willen. Einmal fortgehen und das Alte verlassen! Dann schauen, wo man sich zeitig niederlassen kann, um erneut die Koffer zu packen. Ein Gedicht ist eine emotionale Offenbarung, der Dichter spricht aus, was in alltäglichen Worten nicht gesprochen werden kann. In alltäglichen Worten aber ist es schwer die Linien der eigenen Entwicklung zu zeichnen, ohne sie ins banale zu ziehen. Hier ist der Raum der Dichtung. Vielleicht sind meine Gedichte klüger als ich, sie wissen, was mir nicht ins Bewusstsein dringt. Dennoch, oder gerade deswegen, sind sie Projektionen, Unwahrheiten, verzerrte Spiegelbilder eines träumenden Selbst. Und ein Romantiker findet sich vielleicht nicht in seinen Gedichten wieder, aber Nachts vielleicht, irgendwann einmal unter Sternen.

L.G
Patrick
 
Hallo Dyrk :)

Das ist ein interessanter Einwurf. Wie oben geschrieben, fehlt der 2te Teil, als mögliches Bindeglied bewusst. Aber sicher ließen sich die von dir angesprochenen Zeilen, als diesen 2ten Teil lesen. Ich möchte die Nummerierungen behalten, weil ich den Bruch dadurch deutlicher hervortreten lassen kann.

Der 3te Teil ist tatsächlich zu apodiktisch um als Tanka gelten zu können. Ich glaube auch inhaltlich würde das weniger passen. ;)

L.G
Patrick
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Trotzdem, alleine 3. würde mir vollkommen genügen und hätte mich glatt umgehauen. Der Teil vorher nimmt den Drive aus dem Gedicht.

Liebe Grüße
Manfred
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Patrick,

mir hat das Gedicht auch vorher schon gefallen. Nach der Überarbeitung muss ich sagen, ich finde, du hast dich an der richtigen Stelle überzeuigen lassen. Das Gedicht gewinnt in der überarbeiteten Fassung deutlich an Prägnanz und Dynamik, ohne dabei etwas von seiner gedanklichen Tiefe einzubüßen. In meinen Augen eine sehr gelungene Neufassung.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

anbas

Mitglied
Hallo Patrick,

ich habe zunächst nur die aktuelle Fassung gelesen - es ist gut, dass Du Dich hast überzeugen lassen!

Liebe Grüße

Andreas
 

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