Erde und Feuer, Kopf und Herz

5,00 Stern(e) 9 Bewertungen

Mimi

Mitglied
Erde und Feuer, Kopf und Herz


Als du mich fragtest, warum ich schreibe,
war ich nicht ganz aufrichtig zu dir.
Ich schreibe, um nicht zu sterben.
Aber die Wahrheit will niemand hören noch sehen;
sie ist wie ein kreischendes Spiegelbild, direkt und obszön.



~​

Einmal erzählte ich dir in einem langen Brief, wie
ich als Kind träumte, dass mir Flügel aus dem Rücken wuchsen und ich wie ein Vogel über den großen, blauen Ozean flog, bis ich dich fand.
Hast du im Wortschwall der Nacht, das Flattern meiner Flügel nicht gehört?





Salta, im Dezember
I

... Oma hatte Alfajores gebacken, die ganze Küche duftete nach Kokosnuss und Mandeln.
Alles, was sie backt oder kocht schmeckt einfach wunderbar. Aber am liebsten mag ich Omas Alfajores.
Papa war schon den ganzen Tag über traurig und versuchte es zu überspielen, aber ich spürte, dass etwas mit ihm nicht stimmte.
Heute Morgen nach dem Aufstehen, habe ich überall im Haus nach Mama gesucht. Dann hat Oma mir gesagt, dass gestern Abend Tante Hilda mit ihrem Auto gekommen wäre und Mama mitgenommen hätte, nach Cafayate, zu Tante Hildas Bodega. Es sei schon sehr spät gewesen, und ich hätte bereits geschlafen, deshalb konnte sich Mama nicht verabschieden.
Mama leide unter Migräne, erklärte mir Papa beim Teekochen, hier auf der Estancia sei es zu laut für Mama. In Cafayate war ich schon oft, dort gibt es riesige Weinberge und labyrinthartige Kellergewölbe, wo man Verstecken spielen kann. Es gibt dort sogar Alpakas, die man streicheln kann.
Trotzdem gefällt es mir bei Oma viel besser.
Nach dem Frühstück fuhr Onkel Hermann mit Papa, Ignacio und mir zu den Rindern. Ignacio ist sechs Jahre älter als ich und will später wie sein großer Bruder Ernesto Veterinärmedizin studieren. Er kann sogar wie ein echter Gaucho auf einem Stier reiten.
Ignacio macht ständig lustige Sachen und bringt mich zum Lachen bis ich Bauchweh bekomme.
Aber heute hätte ich ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst.
Am Tisch sagte ich Oma nicht, was Ignacio mir draußen bei den Rindern über Mama erzählt hat ...


II
... Ich will, dass Mama wiederkommt. Sie wollte am Telefon nicht mit mir sprechen, auch nicht mit Papa.
Oma hat lange mit ihr telefoniert und dann irgendwann den Hörer wütend aufgelegt.
Oma ist sehr selten wütend. Eigentlich habe ich sie nie richtig wütend erlebt. Aber heute war Omas Stimme nicht so wie sonst immer, hell und freundlich, warm und irgendwie kuschelig.
Papa ist vorhin mit Tante Carlas Auto weggefahren, seine Augen sahen aus wie zwei glänzende Murmeln.
Oma sagte, dass Mama stur wie ein alter Esel sei.
Drei Töchter hätte sie großgezogen, aber nur Mama würde sie noch vorzeitig ins Grab bringen.
Mama hat nur ihre Migräne, wollte ich Oma zurufen, bekam aber keine Worte aus meinem Mund. Es fühlte sich an, als wäre er zugenäht.
Stattdessen schluckte ich alle Worte, die ich sagen wollte, meinen Hals hinunter, während ich wie eine Steinfigur am Türrahmen stand.
An Tante Carlas Händen klebten noch Teigreste, als sie mich sanft am Arm fasste und aus der Küche nach draußen führte ...


III
... Die Sonne sah aus wie eine goldene Scheibe und tauchte den Himmel in warme Farben aus gelb und orange.
Papa saß in Omas Schaukelstuhl auf der Veranda.
Auf seinem Schoß lag ein aufgeklapptes Buch.
Erwachsene können manchmal wie winzige Katzenjunge wirken, schutzbedürftig und zerbrechlich ...



IV
... Ignacio wollte mir die Fohlen auf der Pferdeweide zeigen. Nach dem Mittagessen zog ich meine Reiterstiefel an und nahm meinen Zeichenblock und Bleistift mit. Onkel Hermann hatte Ignacio gebeten, seinen Reitsattel gründlich zu putzen und einzufetten.
Also musste das mit den Fohlen noch etwas warten.
Ignacio stand vor der Sattelkammer und hievte gerade den Sattel auf einen hölzernen Bock.
Ich setzte mich etwas abseits auf einen kleinen Hocker und schlug meinen Zeichenblock auf.
Papa hatte mir gestern Abend gezeigt, wie man Schraffierungen besser hinbekommt. Ich soll mehr aus dem Handgelenk heraus arbeiten und die Hand dabei viel lockerer lassen.
Meine Zeichnentechnik hat sich schon deutlich verbessert, ist aber noch nicht zufriedenstellend. Ich war gedanklich so konzentriert und vertieft in meine Arbeit, dass ich Ignacio, hinter meinem Rücken stehend, nicht bemerkte.
Erschrocken klappte ich den Zeichenblock zu und stand ruckartig auf, sodass der Hocker dabei zur Seite kippte. Ich schrie Ignacio mit vor Zorn bebender Stimme wüste Gemeinheiten ins Gesicht.
Er starrte mich völlig überrumpelt an. Aber das war nicht mal das Schlimmste. In seinem Blick konnte ich noch etwas anderes erkennen, bevor er sich umdrehte und wortlos ging ...



V
... Heute ist der letzte Abend vor unserem Rückflug.
Am Nachmittag habe ich beim Tische- und Stühleaufstellen für das Asado mitgeholfen.
Mama ist heute Morgen wieder aus Cafayate zurückgekommen. Ich war mit Papa gerade dabei Tomaten aus Omas Gemüsegarten für die Salsa Roja zu pflücken, als das schwarz-gelbe Auto auf den Hof fuhr.
Ich rannte wie der Teufel Richtung Einfahrt und hüpfte dann vor dem Auto auf und ab, bis es endlich anhielt und Mama ausstieg. Ich drückte mich ganz fest an Mama und war so froh, sie wiederzusehen, dass ich glaubte, mein Herz würde vor lauter Freude platzen.
Später am Abend saßen wir alle draußen und die Luft war angenehm warm und voll von herrlichen Gerüchen. Alle waren sie da, Oma, Papa und Mama, Tante Carla und Onkel Hermann mit Ernesto und Ignacio, Tante Hilda und Onkel Freddy mit Laura und Antonio, Raúl und Alonso, und noch ein paar Freunde und Bekannte von Oma.
Über dem offenen Holzfeuer brutzelten große Rinderfleischstücke an langen Spießen. Wie braune Tipis war das Fleisch über dem Feuer aufgespannt.
Nach dem Essen wurde Musik gespielt und gesungen.
Mama saß neben Tante Carla und Tante Hilda auf der Bank. Sie sangen gemeinsam Tú que puedes vuélvete und schienen dabei viel Spaß zu haben.
Raúl begleitete sie musikalisch auf seiner Gitarre.
Aber der Höhepunkt des Abends war Mamas Tanz.
Erst wollte sie nicht aufstehen und Tante Carla und Oma mussten sie lauthals überreden. Aber dann stand Mama von ihrem Platz auf und alle waren plötzlich ganz leise. Es ertönten die ersten Klänge auf Raúls Gitarre und Mama schwang in fließenden, anmutigen Bewegungen die Arme über ihren Kopf.
Anfangs waren ihre Schritte langsam und weich, wurden dann immer dynamischer.
Sie stemmte die Handballen an ihre Hüften, sodass sich der Saum ihrs Rocks ein wenig hob. Ihre Beine und Füße begannen sich in schnellen, stampfenden Abfolgen zu bewegen, immer schneller und schneller bis das Geräusch ihrer Absätze auf dem Steinboden wie das Klappern von Kastagnetten klang. Sie drehte sich rhythmisch vor und zurück und ihr Rock bauschte sich dabei auf. Dann blieb Mama vor Papa stehen, streckte ihm theatralisch die Hand entgegen und forderte ihn zum Tanz auf. Alle begannen zu klatschten, am lautesten Oma, als Papa und Mama zusammen zu tanzen begannen.
Ich war fasziniert von dieser leidenschaftlichen Dringlichkeit, mit der er Mama beim Tanzen in die Augen schaute und ihrem Rhythmus folgte.
Als wäre Mama seine Sonne und er ihr Mond, der sie umkreiste ...
 
Zuletzt bearbeitet:

petrasmiles

Mitglied
Wenn dies ein Roman wäre, könnte ich nicht aufhören bis zur letzten Zeile ... und würde am liebsten wieder von vorne anfangen!
Liebe Grüße
Petra
 

Mimi

Mitglied
an diesem abend
hast du mir zwei worte ins ohr geflüstert
zwei federleichte worte
die dich umschwirrten
wie nachtfalter
so sommerwarme worte
und das licht des mondes
das durch die blätter der bäume wanderte
zerfloss in meinem mund


~​

Weißt du noch, wie ich mich an deiner Hand festhielt,
als wäre sie ein Rettungsanker und vergeblich in deinem Gesicht nach Antworten suchte?






Málaga, im Mai
I
... Papa und ich waren schon sehr früh aufgestanden um gemeinsam Magdalenas für das Muttertagsfrühstück zu backen. Aus dem Garten hatte ich ein paar malvenfarbene Pfingstrosen geschnitten und in eine Vase gestellt.
Als Mama endlich in die Küche kam, war der Frühstückstisch bereits fertig gedeckt. Sie sah gestresst aus und hat Papa und mich schnell umarmt und sich bedankt, bevor sie uns mitteilte, dass sie eine Probe im Theater hat.
Ich frage mich, ob Mama wirklich so beschäftigt ist oder ob sie einfach nicht sehen will, wie sehr ich mich bemühe ...



II
... Es ist seltsam, wie die Vergangenheit mit der Gegenwart verschmilzt, wenn ich in den Fotoalben meiner Eltern blättere. Diese Bilder sind wie Fenster in eine andere Welt.
Ob Mama manchmal an diese Welt denkt, ob sie sich an all die Momente erinnert, die in ihnen stecken? Vielleicht gibt es Dinge, die sie mir nicht erzählen kann, aber die in diesen Bildern verborgen sind, wie Schätze, die darauf warten, entdeckt zu werden.
Und vielleicht sind wir uns ähnlicher, als wir denken, Mama und ich. Vielleicht sind wir einfach wie zwei Puzzlestücke, die nicht zusammenpassen, aber dennoch ein Bild ergeben ...



III
... Ich wünschte Oma wäre jetzt hier. Was ich heute gesehen habe, war irgendwie merkwürdig. Eigentlich weiß ich ja selbst nicht so genau, was ich gesehen habe, oder was das zu bedeuten hat. Oma hätte bestimmt für alles eine Erklärung gehabt.
Papa kommt erst übermorgen wieder aus Barcelona zurück, das ist noch so lange hin. Aber mit ihm kann ich nicht darüber sprechen, über das, was ich heute am Fenster in Mamas Ankleidezimmer gesehen habe. Er würde mich fragen, was ich in Mamas Ankleidezimmer überhaupt zu suchen habe.
Und mein Mund wäre dann wieder wie zugenäht, und Papa wäre nur wieder enttäuscht von mir ...
 

Mimi

Mitglied
Wir sprachen vom Sommer -
Schattenplätzen unter Obstbäumen,
Barfußlaufen auf taunassem Moos
und Mückenstichen am Abend

Ist es nicht erstaunlich,
wie oft wir vom Gleichen sprachen,
aber nie dasselbe meinten?
 

Mimi

Mitglied
Una mujer
Un jardín
Una flor
Una mujer
en un jardín
lleno de flores





Málaga, im Juni
I
... Papa hatte Besuch von Señor Baltazar, dem Dekan der Universität. Er wirkte so überaus ernst und wichtig, mit seinem grauen Haar, der Nickelbrille und der Tweedjacke, als ob er die ganze Welt verstehen würde. Sie haben sich in Papas Arbeitszimmer unterhalten, und ich konnte nur gedämpfte Stimmen hören, die über Dinge sprachen, von denen ich nicht viel verstehe. Forschungsgelder für Projekte in Jordanien und Ägypten, irgendwelche wissenschaftlichen Pläne, mit denen Papa zu tun hat.
Aber ich ahnte bereits, während ich vor der Tür zu Papas Arbeitszimmer stand, was das zu bedeuten hatte ...



II
... Die großen Ferien rücken näher, aber ich kann mich irgendwie nicht darüber freuen. Ich möchte so gerne zu Oma reisen, aber das geht einfach nicht. Mama wird mit ihrem Ensemble auf Tournee gehen, und ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt in den Ferien sehen werde. Sie ist so oft weg, und wenn sie da ist, fühlt es sich an, als ob sie nur halb anwesend ist, als ob sie schon mit dem nächsten Auftritt beschäftigt wäre und dann in ihrem eigenen Schatten verschwindet ...


III
... Und dann ist da Alma. Sie ist wirklich eine gute Seele, das stimmt. Alma ist freundlich und hilfsbereit. Aber es ist schwer, sich mit jemandem zu verbinden, der nur wegen seiner Arbeit hier ist. Alma ist nicht wie Oma, die mich immer an ihre weiche Brust drückt und mir das Gefühl gibt, dass alles gut wird.
Einmal habe ich Alma gefragt, ob sie nicht lieber bei ihrer Familie wäre. Da hat sie mich nachdenklich angeschaut und ihr Gesicht sah aus wie eine dunkle Wolke. Nein, hat sie gesagt. Nichts weiter, einfach nur dieses eine Wort ...

IV
... Papa muss für seine Arbeit an der Universität nach Jordanien fliegen. Die Diskussion heute Morgen zwischen Mama und Papa hat alles noch schlimmer gemacht. Mama sagte, dass Papa mich zu sehr verwöhnt und mir alles durchgehen lässt. Ich wollte nur, dass Papa mir erlaubt, mit Alma die Ferien bei Oma zu verbringen. Ich war so wütend auf Mama und gleichzeitig wütend auf mich selbst, weil ich so böse zu ihr war.
Immer wenn Mama und Papa sich streiten, fühle ich mich wie in einem Wirbelsturm gefangen.
Als Papa mich in den Arm nahm, spürte ich, wie sich ein Knoten in meinem Bauch bildete. Seine Umarmung war warm, aber ich konnte die Beklommenheit in seinen Augen sehen. Pass gut auf Alma auf, okay?, sagte er leise und zwinkerte mir dabei zu. Ich nickte, unfähig, etwas zu sagen. Dann war Papa weg, und ich stand da, mit einem Kloß im Hals und einem leeren Gefühl in meiner Brust ...
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Scal

Mitglied
Eine "wohltuende" Erzählstimme, schön komponiert.
"Malaga im Juni" - Das erinnert mich an einige Wochen vor etlichen Jahren: Malaga, Estepona, vor allem aber Genalguacil.

LG
 

Mimi

Mitglied
Danke, Scal, wenn Du kein Problem mit Höhen hast, (ich glaube als Österreicher wohl eher weniger ;)) empfehle ich Dir einen Wanderausflug zum Caminito del Rey.

Gruß
Mimi
 

John Wein

Mitglied
Liebe Mimi,
Das ist so wunderbar erzählt, dass man gar nicht umhin kommt, immer weiter zu lesen. Es ist um mich geschehen, ich sinke tief ein in meine Erinnerungen und empfinde ganz real die Stimmungen, die Du so bildhaft beschreibst. Ein richtiges Kopfkino ist das, so beschwingt und heiter.
Ich war über die Jahre viel zu Fuß in Spanien, ich denke Du erinnerst Dich sicher an meine Pilgergeschichten aus Andalusien und der Extremadura und kenne dieses schöne Land aus der Graswurzelperspektive, !000 km allein von Sevilla nach Galicien. Beim lesen sehe ich das alles wieder vor mir in allen Einzelheiten und Begebenheiten und träume mich hinein in jene vergangenen Tage. Bitte mehr von diesen wirklich liebevoll erzählten Tagebuch Geschichten.
Gruß, John :cool:
 

Mimi

Mitglied
Lieber John,
klar, erinnere ich mich noch gut an Deine Pilgergeschichten ... ich bin Dir da gerne streckenweise gefolgt.

Was meine Tagebuchgeschichten betrifft, so werden da sicherlich noch einige hinzukommen.
Allerdings, soviel kann ich bereits verraten, wird es geographisch noch ein bisschen internationaler.

Dankeschön für Deine Rückmeldung!

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
Ich träumte wieder von dir. Immerzu von dir.
Du warst gehüllt in Seide aus goldenen Farben
und dort, wo du den Boden mit deinen Füßen berührtest, ergoss sich das schimmernde Licht aus der Erde.


[Entre los Colores]

~


No es tan alto como crees, rufst du mir zu.
Du bist im Wasser. Nur dein Kopf ist zu sehen.
Der Kalkstein fühlt sich rau und kalt an.
Der See ist klar, Sonnenstrahlen tanzen wellenförmig auf seiner Oberfläche .
Dann schließe ich die Augen, fülle meine Lunge mit Sommerluft, tief, ganz tief.
Salta, mi corazón, salta!, höre ich deine Stimme rufen, und ich springe.






Málaga, im Juni

I
... Heute ist der fünfte Tag der großen Ferien, und ich bin immer noch alleine zu Hause mit Alma. Die Sonne scheint schon den ganzen Tag draußen, aber drinnen fühlt es sich düster an. Seitdem Mama und Papa weg sind, kommt mir das Haus so riesig vor.
Alma hat versprochen, morgen mit mir ins Kino zu fahren. Sie hat extra das Programmblatt studiert und etwas Passendes für uns beide gefunden. Wir sitzen häufig im Garten unter dem Kirschbaum, aber es ist irgendwie anders, wenn Mama und Papa nicht da sind.
Eigentlich ist alles anders, wenn sie nicht da sind, die Farben des Gartens, die Größe des Hauses und seine Geräusche, selbst die Gerüche, die mich umgeben, wirken dann anders.
Ich verbringe viel Zeit damit, zu lesen und zu zeichnen. Alma sagt, dass ich ein Naturtalent im Zeichnen bin, besonders in Portraits. Ich zeichne auch oft Alma, aber ich weiß nie wirklich, ob ihr die Zeichnungen gefallen oder nicht. Sie sagt nicht viel darüber. Manchmal denke ich, dass Alma sich nicht gerne betrachtet, obwohl sie ein recht hübsches Gesicht hat, das mit lauter karamellfarbenen Sommersprossen besprenkelt ist. Wenn Alma lächelt, bilden sich kleine Grübchen auf ihren Wangen, aber das Lächeln erreicht ihre Augen nie wirklich. Überhaupt sind ihre Augen am schwierigsten zu zeichnen, ihr Blick hat etwas Undurchdringliches, fast wie ein unsichtbarer Vorhang ...


II
... Wir haben sogar angefangen, Arabisch zu lernen. Es macht großen Spaß, Alma etwas beizubringen, auch wenn es gelegentlich schwierig ist, dabei ernst zu bleiben. Sie lacht dann viel, wenn ich versuche ihr Wörter beizubringen, die sie nicht richtig aussprechen kann. Am meisten machen Alma die Konsonanten zu schaffen, bei denen man beim Sprechen die Kehle verengen muss. Aber manchmal, wenn sie nachdenktlich ist, so wie heute im Garten, als sie die verblühten Rosen abschnitt, da wollte ich gerne wissen, was in ihrem Kopf vorgeht.
Alma liebt es im Garten zu arbeiten, sie jätet das Unkraut zwischen den Rosenbeeten, kümmert sich um die Kräuter und Zitrusbäume.
Sie weiß sehr viel über Pflanzen und erzählt mir bei der Arbeit oft interessante Dinge darüber.
Alma sagte, dass sie Botanik liebt, und ich frage mich, warum sie nicht Botanikerin geworden ist.
Papa hat mal zu mir gesagt, dass Menschen häufig Dinge machen würden, die sie eigentlich nicht machen wollen. Und oft würde etwas Gutes darin liegen, Dinge zu tun, die man nicht gerne macht, und etwas Schlechtes würde manchmal in den Dingen liegen, die man gerne macht.
Ich hätte so viele Fragen an Alma, zum Beispiel ob sie hier glücklich ist? Aber das gehört sich ja nicht.
Und ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht wirklich, ob ich im Moment glücklich bin ...



III
... Alma und ich haben uns heute aufgemacht zu einem Ausflug nach Benaoján. Eigentlich war es viel zu heiß für Aktivitäten an der frischen Luft, aber Alma meinte, dass es in den nächsten Tagen noch viel heißer werden würde.
Während der Autofahrt lief die ganze Zeit das Radio.
Aus den Augenwinkeln sah ich wie Alma hin und wieder ihre Lippen bewegte, als würde sie ganz leise mitsingen. Das ist so typisch für Alma, alles was sie macht, tut sie unauffällig, leise und blass.
Völlig egal was, ob Kleidungsstil, die Art wie sie spricht, oder ihre Mimik und Gestik, alles ist immer unscheinbar bei ihr. Mama ist das komplette Gegenteil. Da wo Mama den Raum betritt, verändert sich die Atmosphäre um sie herum, als würde sie diese mit ihrer bloßen Anwesenheit aufladen.
Nachdem Alma das Auto auf einem Parkplatz in der Nähe einer Gaststätte geparkt hatte, wanderten wir einige Kilometer entlang eines kleinen Waldstücks, westlich der Flussauen. Auf diesem Weg bin ich schon oft mit Papa gewandert, auch die Cueva de la Pileta, hatten wir uns zusammen angesehen.
Es ist eine wirklich schöne Landschaft, die Vegetation, die Sierras, der Fluss und der endlos blaue Himmel.
Zwischendurch blieben wir stehen, wenn Alma mir etwas genauer zeigen wollte. Meistens waren es Bäume oder Sträucher, zu denen sie etwas erzählte.
Zum Beispiel über den Schopflavendel, der hier überall wuchs. Alma hat mir erklärt, dass die ätherischen Öle des Schopflavendels sogar eine antibakterielle Wirkung haben, die auch bei Ohrenschmerzen hilfreich sein können. Mama reibt sich manchmal die Schläfen mit Lavendelöl ein.
Dann riecht sie den ganzen Tag danach, als hätte sie darin gebadet.
Alma schlug vor zum Fluss zu wandern, um uns dort ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen und für eine kleine Brotpause zu suchen.
Dort angekommen, schauten wir uns nach einer passenden Stelle um.
Ich zog meine Schuhe und Socken aus und stellte sie an einen Baumstamm. Herrlich war das, endlich aus den Schuhen raus zu sein. Im Schatten einer Korkeiche sitzend, aßen wir Bocadillos, die Alma am Morgen extra für uns beide zubereitet hatte.
Ich schluckte den letzten Bissen mit einem großen Schluck Wasser hinunter und schaute zu Alma.
Sie hatte sich ebenfalls die Schuhe ausgezogen und knubbelte mit den Fingerspitzen an ihren Zehen herum. Mama hat mir einmal erzählt, dass Frauen ihre Füße am unattraktivsten finden. Deshalb würden sie ihre Zehennägel lackieren und die Füße ständig in schicke, aber völlig unbequeme Damenschuhe quetschen.
Almas Zehennägel waren nicht lackiert, allerdings sahen ihre Füße etwas geschwollen aus.
Ich fragte sie, ob es ihr gut geht, aber sie hat nur still mit dem Kopf genickt und dann zum Fluss geschaut, als ob es dort unten etwas zu finden gäbe, das sie vor langer Zeit verloren hätte.
Als ich aufstand und ans Flussufer ging, folgte mir Alma. Ich wollte sie fragen, was sie über mich denkt, ob sie denkt, dass ich eine undankbare Göre sei, weil ich mich nicht einmal bei Mama entschuldigen konnte, bevor sie ging. Aber ich traute mich nicht. Und manchmal sind Antworten wie gruselige, furchteinflößende Ungeheuer. Also haben wir geschwiegen und uns an das Ufer gesetzt, die Beine ins Wasser baumelnd, und uns in der Stille der Natur verloren, beide mit einem Herz, das sich nach etwas sehnte, das weder Alma noch ich benennen konnten ...
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

John Wein

Mitglied
Werte Mimi,

Mir geht das Herz auf! Wenn ich deinen Text lese, kommen immer wieder Szenen, die in meinem Kopf einen ganzen Film abspulen. Den andalusischen Frühling auf dem Land spürt man wirklich mit allen Sinnen.

Das notierte ich im Tagebuch am 27. April 2019 auf dem Weg nach Almadén de la Plata.

Was für ein Tag!
Tief sauge ich die würzige Luft in die Lungen, fühle mich befreit und gut gerüstet für den zweiten Teil der Strecke durch den Nationalpark. Am Wegrand blüht in lila Tönen verschwenderisch der Lavendel, rosa und weiße Zistrosen malen bunte Tupfer in das frische Grün unter Kork- und Steineichen und meine gefiederten Freunde stimmen ein in das Potpourri der Sinne. Außer mir ist hier niemand unterwegs. Ich bin voller Lebensfreude.


Ich freue mich auf mehr! Du schreibst auch mit dem Herzen. Danke!
Liebe Grüße
John
 



 
Oben Unten