Arrorró mi niño,
arrorró, mi amor,
duérmete, mi vida,
y yo te daré
un beso de amor."
(canción de cuna)
Ich redete mir lange Zeit ein, dich zu hassen.
Bis ich begriff, dass ich nie aufgehört hatte, dich zu lieben.
Egal, wie sehr ich es zu leugnen versuchte,
jede Faser in mir, schrie es laut hinaus.
~
Málaga, im November
I
... Ich hätte mir denken können, dass es Ärger geben würde, als ich heute später als sonst von der Schule nach Hause kam. Alma stand am Fenster im Wohnzimmer und ihr Blick wanderte sofort zur Uhr.
Natürlich wollte sie wissen, wo ich so lange gewesen bin, und was ich mir dabei überhaupt gedacht hatte, ohne Bescheid zu sagen.
Ich versprach Alma, dass ich nächstes Mal ganz bestimmt vorher um Erlaubnis fragen würde, und dachte damit wäre die Sache geklärt.
Aber kaum dass Papa wieder von der Universität zurück war, musste Alma ihm das natürlich gleich erzählen, und er stellte mich zur Rede.
Ich habe Alma eine widerliche Petze genannt, und da wurde Papa richtig wütend. Er wollte, dass ich mich sofort bei ihr entschuldige, aber ich konnte und wollte es in diesem Moment einfach nicht, und Papa hat mich nicht einmal ausreden lassen. Er schickte mich auf mein Zimmer, und ich war so wütend auf beide, dass ich die Tür krachend hinter mir zuknallte.
Alles nur wegen nicht einmal zwei Stunden Verspätung!
Dabei war der Nachmittag so schön gewesen.
Ruby hatte vorgeschlagen, nach der Schule zum Strand zu gehen. Heute war einer dieser kühlen, grauen Tage, an denen kaum jemand draußen ist, aber genau das hat mir gefallen. Ich mag es, wenn der Strand leer ist, und man nur das Rauschen der Wellen und den Wind hört, der über den Sand streicht.
Wir sind lange schweigend nebeneinander hergelaufen, bis Ruby plötzlich ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen hat. Sie grinste mich an, als hätte sie die verrückteste Idee der Welt, und ohne zu zaudern, rannte sie barfuß in Richtung Wasser, und ihre Haare wehten dabei in alle Himmelsrichtungen.
Ich habe gezögert. Die Kälte des Windes schnitt mir ins Gesicht, und der Gedanke, meine Füße ins eisige Meer zu tauchen, machte mir eigentlich wenig Spaß. Doch irgendwas an Ruby zieht mich immer mit. Also habe ich es ihr gleichgetan und bin Ruby barfuß nachgerannt. Der Sand war kühl unter meinen Füßen, hart und fest, ganz anders als im Sommer. Als wir das Wasser erreicht hatten, spritzte es uns entgegen, und ich keuchte auf vor Kälte. Ruby machte eine alberne Grimasse und lachte dabei, so laut und ungezwungen, dass ich mich von ihrem Lachen mitreißen ließ.
Wir standen dicht an den Wellen, die unsere Knöchel umspielten. Ruby streckte die Arme weit aus, als wollte sie das ganze Meer umarmen.
Und da war dieser Moment – dieser eine flüchtige Moment, in dem ich mich leicht und sorgenfrei fühlte. Keine Mama, kein Papa, keine nervige Alma, kein tristes Haus. Nur das Meer, der Himmel und Ruby, die so voller Leben war, dass es mich fast erschlagen hätte.
Ruby sah mich nachdenklich an. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, sie würde fragen, warum ich so still geworden bin. Aber sie sagte nichts. Stattdessen watete sie ein paar Schritte tiefer ins Wasser hinein, bis es ihre Waden erreichte.
Ich sah ihr nach, wie sie mit den Wellen spielte, ihre Füße im Wasser bewegte, als würde sie tanzen.
Ich war fasziniert von Rubys Leichtigkeit, die sie scheinbar aus jeder Pore ausstrahlte.
Ruby blieb stehen und schaute mich mit zusammengekniffenen Augen über die Schulter an. „
Was?“, rief sie, als sie offenbar bemerkte, wie ich sie anstarrte.
Ich senkte den Kopf und betrachtete meine Füße, weil ich mich irgendwie in meinen Gedanken ertappt fühlte und mich deshalb ein bisschen schämte.
Dann kam Ruby zurück, das Wasser tropfte vom Saum ihres Schulrocks an ihren Beinen hinunter.
„
Hör auf, immer so viel nachzudenken, okay?",
hat sie leise zu mir gesagt und mir ihre Hand entgegengestreckt.
Ich fühlte mich plötzlich unwohl, wusste nicht recht was ich ihr entgegnen sollte, ergriff dann schließlich Rubys Hand, die sich kalt und rau anfühlte und ließ mich von ihr zurück zu den Bänken auf der Promenade führen ...
II
... Als ich am Morgen in die Küche kam, war Alma gerade dabei, Empanadas aus dem Ofen zu holen. Es roch nach Käse und Lauchzwiebeln – genau die Füllung, die ich so gerne mag.
Ich stand eine Weile im Türrahmen, bevor ich mich endlich überwinden konnte und eine Entschuldigung murmelte, so leise, dass ich kaum sicher war, ob sie mich überhaupt gehört hatte.
Doch natürlich hatte sie es. Alma sah mich an, nickte leicht und lächelte dabei. Es war ein ganz zartes Lächeln, das kaum die Mundwinkel erreichte, so wie sie es fast immer tut. Dieses kleine Lächeln, das weder glücklich noch fröhlich wirkt, sondern einfach nur ... Alma.
Sie sagte nichts, reichte mir stattdessen einen Teller mit einer frisch gebackenen Empanada bevor sie sich wieder ihrer Arbeit widmete.
Ruby hatte mich gestern gefragt, wer Alma eigentlich ist, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Früher dachte ich, sie sei nur da, um auf mich aufzupassen, als Mama noch oft unterwegs war und Papa viel arbeiten musste. Aber jetzt macht Alma einfach alles. Sie hat ein eigenes Zimmer unten neben dem Wirtschaftsraum. Ich stelle mir oft vor, wie sie dort sitzt, zwischen Wäschekörben und Bügelbrett, in ihrem Sessel.
Manchmal wünsche ich mir, dass Alma mehr von sich erzählen würde. Oder dass sie mich gar anschreien würde, wenn ich gemein oder frech zu ihr bin. Aber Alma bleibt immer die Ruhe selbst.
Diese Ruhe macht mich fast wahnsinnig. Es fühlt sich an, als würde sie mich durchschauen, ohne dass sie dabei ein einziges Wort sagt. Und genau das macht es so schwer – ich kann nicht wirklich wütend auf sie bleiben. Wie soll man auch mit jemandem streiten, der nicht zurückstreitet? ...
III
... Es ist so ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwo zwischen Erleichterung und Traurigkeit.
Ich kann einfach nicht aufhören, den Briefumschlag auf meinem Schreibtisch anzustarren. Sogar jetzt, während ich schreibe. Immer wieder fahre ich mit kribbelnden Fingern über die schlanken, leicht nach rechts geneigten Buchstaben, die sich fast tänzelnd über den Umschlag ziehen.
Warum hat sie nur mir geschrieben? Warum nicht auch Papa?
Ich will den Brief öffnen, ihn lesen – und gleichzeitig in tausend Stücke zerreißen. Aber beides traue ich mich nicht.
Ich wusste sofort, von wem er war, als Papa in mein Zimmer kam und ihn mir überreichte.
Er setzte sich auf die Bettkante und schaute eine Weile aus dem Fenster. Irgendetwas an seinem Blick ließ mein Herz schneller schlagen.
Dann begann er zu erzählen. Vom Sommer, in dem ich geboren wurde. Wie er neben Mama im Kreißsaal stand, hilflos und nervös, während sie in den Wehen lag. Die Angst, die er hatte – vor allem um sie und auch um mich.
Er sagte, dass Mama trotz allem ruhig geblieben war, sogar in den schmerzhaftesten Momenten.
Dass Mama während der ganzen Geburt so schön aussah. Nicht im normalen Sinne schön, sondern irgendwie anders – fast überirdisch.
Ich setzte mich neben Papa auf die Bettkante, lehnte meinen Kopf an seine Schulter, während er mir über das Haar strich.
Oma hat einmal beim Blättern in ihrem Album zu mir gesagt, dass es erst dann richtig wehtut, wenn die Erinnerungen schöner als die Gegenwart sind ...