Erde und Feuer, Kopf und Herz

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petrasmiles

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Was für ein Zauber ... wenn ich bedenke, dass manches Mal in der LeLu der Gedanke kommt 'der Text ist aber ganz schön lang', aber bei Dir: Och, schon zu Ende! Da bleibt mir nur die Hoffnung auf mehr.
Liebe Grüße
Petra
 

Mimi

Mitglied
Ich erinnere mich noch genau an den Tag,
an dem du mir sagtest,
dass du uns verlassen wirst.
Es war Herbst. Ein schöner Herbst.
Und die kupferfarbenen Blätter der Kastanie bedeckten den Hof.
Ich konnte dir damals nicht ins Gesicht schauen.

Alles was ich sah, war das Fallen der Blätter.



~​

Un pájaro llega volando
Y se posa sobre mi pie.
Lleva una cartita en su pico,
Un saludo de mi madre.

Querido pájaro, vuelve a volarte,
Llévate un saludo, un beso,
Luego no puedo ir contigo,
Porque debo quedarme aquí.

(Un pájaro llega volando)






Málaga, im Juli

I
... Ich stand am späten Abend ungeduldig am Küchenfenster und beobachtete die Einfahrt auf unserem Grundstück. Bestimmt über eine Stunde stand ich da. Alma hatte darauf bestanden, dass ich mich wenigstens bettfertig mache, wenn ich schon nicht schlafen wollte. Ich glaube, sie begriff einfach nicht, dass ich nicht schlafen konnte. Dann schlug sie auch noch ernsthaft vor, eine Runde Backgammon zu spielen, um mich von meiner Warterei am Fenster abzulenken.
Aber mir war erst recht nicht nach irgendeinem Brettspiel zumute.
Sie saß am Küchentisch und trank seelenruhig ihren Melissentee, den sie mir zuvor angeboten hatte, und verstand nicht, dass ich nicht ständig eine Glucke um mich brauchte, die mir unentwegt sagte, was gut und was schlecht ist.
Manchmal macht mich Alma alleine mit ihrer bloßen Anwesenheit fast wahnsinnig, und das Schlimme ist, sie scheint es nicht einmal zu merken.
Meine Ungeduld wuchs zu einer kribbelnden Unruhe, die mich zu beherrschen drohte. Doch dann endlich ... Endlich sah ich das Scheinwerferlicht, auf das ich schon so lange gewartet hatte, und wäre fast gegen Alma gestoßen, als ich in meinem himmelblauen Pyjama hinaus zu Papa stürmte ...


II
... Ich habe mich wirklich gefreut, heute Morgen Mamas Stimme am Telefon zu hören, auch wenn ich mit den Tränen kämpfen musste. Sie hat mir versprochen, dass wir alles gemeinsam nachholen werden, sobald sie wieder zuhause ist. Doppelt und dreifach. Ich möchte ihr so gerne glauben, doch manchmal fällt es mir unendlich schwer.
Papa hat sich richtig viel Mühe gemacht ... Der Geburtstagskuchen, der Kaftan aus Seide, den er mir aus Irbid mitgebracht hat, der Besuch im Museo de Málaga, der gemeinsame Ausflug zum Strand; ich sollte einfach nur dankbar sein für das, was ich habe. Nur im Moment fällt es mir schwer, das zu sehen. Nach dieser Sache vorhin mit Alma, ist all meine gute Laune dahin. Sie hat mir den ganzen Tag verdorben, obwohl vorher alles so schön gewesen ist.
Diesen merkwürdigen Anblick, als Papa und ich zurück vom Strand kamen, die Haustür öffneten, und verwundert den leisen Klängen von Beethovens 'Für Elise' ins Musikzimmer folgten, werde ich immer noch nicht los.
Alma, die unscheinbare, farblose und teilnahmslose Alma, saß da am Klavier, während ihre Finger sanft über die Tasten glitten, voller Leichtigkeit und Hingabe, als ob sie all ihre Emotionen in dieses Stückchen Musik legte, die sie sonst immer verbarg. Sie hat mir nie erzählt, dass sie Klavier spielen kann, oder überhaupt irgendein Instrument. Die ganze Zeit hat sie es nie erwähnt, bei keiner einzigen Gelegenheit, die sich ergeben hat. Und davon gab es wirklich viele!
Als Alma unsere Anwesenheit bemerkte, erstarrte sie für einen kurzen Moment, als ob sie sich plötzlich bewusst wurde, dass sie im Musikzimmer am Klavier saß. Ich sah die Verlegenheit in ihrem Gesicht, als Papa begeistert zu klatschten begann und sie bat weiter zu spielen. Und dann stellte er sich auch noch neben den Schemel, auf dem sie saß und klopfte ihr zur Bestätigung kurz auf die Schulter.
Zum ersten Mal seit ich Alma kenne, sah ich, wie sich der Vorhang über ihren Pupillen öffnete, und eine neue Emotion in ihrem Blick offenbarte, die mich wie ein Schlag in den Bauch traf.
Sie hat es gewollt. Sie wollte, dass Papa sie sieht.
In diesem Moment habe ich Alma gehasst ...


III
... Ramon, der Postbote, der mich optisch immer an Humpty Dumpty aus Alice im Wunderland erinnert, überreichte mir heute, neben der üblichen Post für Papa, ein dunkelbraunes Päckchen auf dem viele Briefmarken klebten.
Natürlich habe ich die Handschrift sofort erkannt.
Oma hat eine akkurat geschwungene Schrift, die anmutig und gleichzeitig fließend wirkt. Sie schreibt immer auf schwerem Büttenpapier, das mich vom Geruch her an frisches Wiesenheu erinnert.
Sie meinte mal, dass sie dahingehend eher altmodisch geblieben sei. Ich finde das ganz und gar nicht altmodisch, sondern sympathisch und liebenswert.
Als ich das Päckchen neugierig aufriss, lag darin neben einer Karte mit Geburtstagsgrüßen, eine kleine rechteckige Schachtel aus Samt.
Vorsichtig öffnete ich den Deckel der Schachtel und betrachtete den Inhalt. Es war ein wunderschöner Füllfederhalter aus glänzendem Edelstahl, auf dessen Verschlusskappe in Kursivschrift mein Name eingraviert stand.
Oma, meine liebe Oma, hat es nicht vergessen!
Auf der Vorderseite der Karte hatte sie ein Bild geklebt. Ich kann mich noch genau an den Augenblick erinnern, als Ignacio den Auslöser der Kamera betätigt hat. Ignacio, der uns in seinem gebrochenen Deutsch aufforderte "Reibekuchen mit Käse" zu sagen und dabei grinsend einen kleinen Schritt nach hinten machte, um uns alle aufs Bild zu bekommen.
Oma saß, dicht flankiert von Laura und mir, auf einer Holzbank, die Hände im Schoß gefaltet.
Ihre Augen waren leicht zugekniffen. Hinter uns standen Tante Hilda, Tante Carla und Mama eng beieinander. Tante Carla, die mittig stand, hatte die Arme lässig um die Schultern ihrer Schwestern gelegt. Drei Generationen von Frauen und Mädchen, gebannt auf einem Bild.
Mama blickte direkt in die Kamera. Auf ihren Lippen lag der Hauch eines Lächelns. Wenn Mama lächelt, sieht sie aus wie eine phönizische Königin, hat Papa einmal zu mir gesagt. Je länger ich das Bild auf der Karte betrachtete, desto deutlicher verstand ich, was Papa damit meinte ...
 
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Mimi

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Versos nocturnos

Tú, que andas en las sombras,
¿Ves el lucero vespertino?
Cuando en la quietud nocturna
Envío mis versos al cielo,
Por un instante permanece
Tu corazón junto al mío.



Nachtverse

Du, die in den Schatten wandelt,
Siehst du den Abendstern funkeln?
Wenn ich in nächtlicher Stille
Hinauf meine Verse sende,
Verweilt für einen Augenblick
Dein Herz bei meinem.



~​




Cadaqués, im August

I
...
Die Zugfahrt war lang und ein bisschen anstrengend, aber die Landschaften, die wir durchquerten, waren einfach wunderschön. Ich habe eine Zeit lang versucht, in meinem Buch zu lesen, aber ich konnte mich nicht richtig auf den Inhalt der Erzählung konzentrieren. Papa saß auf dem Sitzplatz mir gegenüber und studierte völlig vertieft seine Zeitschrift. Ich wollte ihn dabei nicht stören, also beobachtete ich die vorbeiziehenden Dörfer und Felder Kataloniens und fragte mich, wie die Menschen dort wohl leben. Mir war schon ein wenig schwindelig von der Zugfahrt, als wir am späten Nachmittag endlich an unserem Reiseziel ankamen.
Unser Ferienhaus ist alt aber charmant, mit knarrenden Holzböden und einer Aussicht auf das Meer, die buchstäblich zum Zeichen einlädt.
Von meinem Zimmer aus kann ich die Wellen sehen und hören, wie sie gegen die Felsen schlagen. Ich könnte stundenlang aus dem Fenster schauen. Die Luft ist hier ganz anders als bei uns zu Hause; viel salziger und gleichzeitig herber.
Papa meinte beim Auspacken der Koffer, dass wir hier eine tolle Ferienzeit haben werden. Ich hoffe es wirklich, aber ich weiß, dass er immerzu an Mama denken wird. Mir geht es ja nicht anders ...

II
... Das Teatro Museo in Figueres sieht aus wie ein märchenhaftes Zauberschloss, mit auffallenden Festungsmauern, einer transparenten Glaskuppel und übergroßen Ei-Skulpturen, sowie goldenen Statuen auf dem Dach. Ich hatte zuvor nur Fotos des Museums gesehen – aber wenn man in natura davor steht, ist es wirklich viel beeindruckender. Papa erzählte mir, dass Dalí sein Museum auf den Ruinen des im spanischen Bürgerkrieg abgebrannten alten Theaters seiner Heimatstadt erbauen ließ. Dalí, dessen exzentrisches Konterfei die Besucher bereits am Eingang begrüßte, fühlte sich zeitlebens mit seiner Stadt verbunden.
Er erklärte mir während unseres Rundgangs, dass Surrealismus eine Kunstbewegung ist, die versucht, Träume und das Unterbewusstsein in Bildern darzustellen. Dalí sei ein Meister auf diesem Gebiet gewesen, meinte Papa, und das, obwohl er auch viel Kritik für einige seiner Werke einstecken musste.
Drinnen war das Museum noch faszinierender. Es war wie in einem Traumland! Überall gab es diese verrückten, traumartigen Gemälde und Skulpturen. In einem Raum stand ein riesiges Sofa in Form von Lippen. Aber das komplette Bild in diesem Raum konnte man erst von einer kleinen Empore aus erkennen. Es ist ein dreidimensionales Portrait von einer Frau, genauer gesagt von Mae West. Die meisten Kunstwerke hier waren voller seltsamer Kreaturen und unmöglicher Szenen, die mich einerseits verwirrten, aber auch tief beeindruckten.
Ich wünschte, ich hätte auch etwas von Dalís Gabe, die eigenen Träume so ausdrucksstark und lebendig zeichnen zu können. Aus seinen Werken spricht auch eine gewisse Extravaganz, fast schon so etwas wie eine ausufernde Selbstliebe.
Als wollte Dalí der ganzen Welt laut sagen: Seht alle her, wie phantastisch meine Welt ist! ...


III
... Es ist schon sehr spät, aber ich kann nicht einschlafen. Morgen wollen Papa und ich in die Altstadt von Perpignan fahren. Perpignan liegt nah der spanisch-französischen Grenze, knapp neunzig Kilometer von Cadaqués entfernt. Ich würde lieber einen Ausflug an die Gebirgsketten der Pyrenäen unternehmen, wenn wir schon in der Region sind. Die Berge und Landschaft dort sind bestimmt beeindruckend.
Jetzt sitze ich, etwas erschöpft von den langen Spaziergängen an der Promenade und dem Fischerhafen, am Schreibtisch in meinem Zimmer und starre auf das Meer, auf dessen Wasseroberfläche der Mond sich wippend spiegelt.
Am Abend sprachen Papa und ich, auf der Terrasse beieinander sitzend, über Mama. Er sagte, dass sie uns ganz bestimmt sehr vermissen würde, aber ihre Arbeit erfordere nun einmal viel Zeiteinsatz an unterschiedlichen Orten. Ich weiß, dass sie sich heftig gestritten haben, bevor Mama nach Gijón abgereist ist, und das macht mich traurig. Manchmal fühle ich mich schuldig, als ob ich der Grund oder Auslöser für ihren Streit wäre. Aber hier in Cadaqués scheint alles ein bisschen leichter erträglich zu sein. Papa versucht mich aufzumuntern, und ich merke, wie sehr er sich Mühe gibt, obwohl er auch oft nachdenklich wirkt. Er hat mich ganz fest in die Arme genommen und mir ins Ohr geflüstert, er liebe Mama und mich über alles auf der Welt. Ich habe in diesem Moment nur schlucken können und mit all meiner Kraft versucht dieses eine Bild aus meinem Kopf zu verjagen. Diese Szene, als ich in Mamas Ankleidezimmer stand und aus dem Fenster hinunter in unseren Garten schaute, war so surreal wie Dalís Bilder. Doch jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Mamas schönes Gesicht im glänzenden Licht der Sonne, und Señor Miguel, dessen Mund sich immer wieder an ihren Hals presste, während sie hinauf zum Fenster blickte...
 

John Wein

Mitglied
Liebe Mimi,
Ein Text wie Milch und Honig! Da habe ich mich schon beim Lesen der ersten Zeilen verliebt: Ja! "Erde und Feuer, Kopf und Herz". Im Erzählton wunderbbar gestimmt, fließend in Satz und Wort für Wort nachfühlend erzählt . Das Gedicht erinnert mich an die Gedichte von Rosalía de Castro, die ich zwar nicht in Original Sprache verstehen kann, sie ist noch wenig übersetzt, aber ich begreife ihre Leidenschaft. Leider ist mein Spanisch irgendwo zwischen Volkshochschule und Unterwegssein steckengeblieben und Galiecisch ist noch mehr eine Herausforderung,
Mae West, Salvatore Dalí, das ist eine andere Epoche. .... und immer wieder Pamplona und Hemingway........ Don Gil de las calzas verdes..... Adagio Concierto de Aranjuez.......in meinem Kopf läuft jetzt ein Film, Klappe!
Danke für die Ispiration
J. W.
 

Mimi

Mitglied
Lieber John, liebe Petra,
Danke für Eure positiven Rückmeldungen!
Rosalía de Castro, ist ein ziemlich großes Kompliment, John, da ist bei meinen Gedichten aber noch sehr viel Luft nach oben ...

Gruß
Mimi
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Autorin, liebste Mimi,

ich will ja nicht aufdringlich erscheinen, aber mir wäre schon sehr an 'Nachschub' gelegen.
Ich hoffe, es geht Dir gut und wünsche DIr eine entspannte Adventszeit!

Liebe Grüße
Petra
 

Mimi

Mitglied
Pasan los días
Solo el hibisco sigue floreciendo
A veces te imagino sentada en el jardín
Sobre ti las flores que se balancean
Como una corona roja ardiente


Die Tage vergehen
Nur der Hibiskus blüht noch
Manchmal stelle ich mir vor
Wie du im Garten sitzt
Über dir die wippenden Blüten
Wie eine glutrote Krone




~



Málaga, im September

I
... Tief in mir habe ich es die ganze Zeit geahnt. Egal, wie sehr ich versuchte, es zu ignorieren. Der gestrige Tag hat mich aller Kräfte beraubt.
Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und versuche, während ich schreibe, meine Gedanken zu sortieren. Der Kloß in meinem Hals wird einfach nicht kleiner, und mein Kopf pocht unaufhörlich. Aber am schlimmsten ist dieses zerreißende Gefühl in mir.
Der Himmel ist ein riesiger, dunkelgrauer Schleier.
Nur wenig Licht dringt durch, und der Wind peitscht den Regen gegen das Fenster. Es ist den ganzen Tag nicht wirklich hell geworden.
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich gestern eingeschlafen bin. Alma hat mich ins Bett gebracht und sich dann zu mir gelegt. Ich wollte, dass sie geht, aber sie blieb trotzdem.
Sie versuchte, mir über den Kopf zu streichen, doch jedes Mal, wenn sie ihre Hand hob, drehte ich mich weg. Ich war so gemein zu ihr, habe böse Dinge gesagt, obwohl Alma nur versuchte mich zu trösten.

Ich wollte so sehr glauben, dass Mama es nicht ernst meinte. Dass das alles vorübergehen würde, als ich mich gestern Abend aus meinem Zimmer schlich, weil ich diese Streiterei nicht mehr hören konnte. Doch dann sah ich Mama im Schlafzimmer, wie sie hektisch begann ihre Sachen zu packen. Ein Teil nach dem anderen verschwand in den Koffern, die auf dem Bett lagen. Papa stand dicht neben ihr, ich konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, nicht die Fassung zu verlieren, wie er förmlich mit sich kämpfte. Seine Fäuste waren so fest geballt, dass seine Knöchel weiß hervorstachen. Er rief ihren Namen, flehte sie an, versuchte, sie an den Handgelenken zu packen, sie zu sich zu drehen, damit sie ihn anguckte, ihm zuhörte. Aber Mama stieß ihn weg.
Und dann lief Mama an mir vorbei, stürmte mit den Koffern die Treppe hinunter.
Mein Körper reagierte, bevor ich es verstand – meine Beine rannten los. Ich rief nach ihr, streckte meine Hände aus. Meine Finger griffen ins Leere, glitten am Stoff ihres Kleides vorbei, als wäre sie nichts als Luft, eine Fata Morgana, ein Schatten.

Ich wünschte, sie hätte sich noch einmal umgedreht und mir ins Gesicht geschaut, um mir zu sagen, dass sie bald zurückkommen würde...




II
... Die Schule hat wieder begonnen, und es fühlt sich mittlerweile so an, als wären die Ferien schon ewig lange her. Ehrlich gesagt habe ich die Schule schon ziemlich vermisst, besonders in den letzten zwei Wochen. Es ist auch eine große Erleichterung, nicht mehr ständig zu Hause sein zu müssen.

In meiner Klasse gibt es ein neues Mädchen, Ruby. Wir haben uns schnell angefreundet. Ruby ist quirlig und so lebhaft, dass es ihr schwerfällt, zehn Minuten still zu sitzen.
Ihre Haut hat die warme Farbe von Milchschokolade, und ihre dunklen Locken sind dicht und wild.
Wir saßen in der Pause unter dem Vordach der Turnhalle und redeten über alles Mögliche. Ruby erzählte mir, dass ihre Mutter aus Marokko stammt und als Rechtsanwältin für eine Hilfsorganisation arbeitet. Ihr Vater ist Architekt und arbeitet für eine Firma, die weltweit verschiedene Gebäude entwirft.
Ruby spricht Maghreb-Arabisch, und es klingt so anders als das Arabisch der Levante, das ich von Papa gelernt habe. Manchmal verstehe ich sie nicht sofort, und dann kann ich mich vor Lachen nicht mehr halten, wenn wir versuchen, die Worte beim Sprechen zu erraten.
Ruby hat diese Art von Fröhlichkeit, die einen regelrecht ansteckt.

Sie hat mir von ihren Sommerferien in Casablanca erzählt. Besonders vom alten Souk. Dort riecht es nach Gewürzen wie Zimt, Koriander und Kreuzkümmel, die in großen Säcken aufgetürmt sind. Ruby sprach auch von den Fischständen, wo frischer Fisch direkt gegrillt wird. Sie sagte, die Sardinen mit Chermola seien so lecker, dass sie fast jeden Tag davon gegessen habe.
Während Ruby erzählte, stellte ich mir vor, wie sie in der Medina durch die belebten Straßen des Souks läuft, und dabei die Farben und Gerüche in sich aufsaugt. Doch dann dachte ich wieder an Papa, wie er mit hängenden Schultern dem Taxi hinterherschaute, das in die Nacht verschwand – und mit ihm Mama.

Ich glaube, Ruby hat bemerkt, dass ich etwas abwesend war, denn plötzlich begann sie in ihrem Maghreb-Arabisch einen Song anzustimmen. Ihre Stimme klang überraschend weich und gleichzeitig kraftvoll. Sie sang so voller Gefühl, dass ich für einen kurzen Moment alles um mich herum vergaß. Wie selbstverständlich wechselte sie mitten im Lied ins Französische und ihre Augen funkelten, während sie sang.


Je t’écrirai des milliers de poèmes,
Je peindrai ton sourire dans le ciel,
Je cueillerai les rayons du soleil,
Pour les tresser dans tes cheveux ...





III
... Als Ruby und ich heute nach der Schule an der Bushaltestelle saßen, berichtete sie mir, dass ihre Mutter bald nach Khartum fliegen würde, um dort ihre Hilfsorganisation zu unterstützen. Ruby wusste sogar die genaue Entfernung zwischen Málaga und Khartum, was mich überraschte. Sie sprach voller Stolz von ihrer Mutter, von den großen Dingen, die sie tut, um anderen zu helfen.
Rubys Art von ihrer Mutter zu erzählen, machte mich nachdenklich. War ich jemals stolz auf Mama? Habe ich ihr das jemals gezeigt?
Eigentlich hätte ich Ruby gerne von Mama erzählt, davon, dass sie eine großartige Tänzerin ist, die die großen Bühnen der Welt bereist hat. Aber ich habe mich nicht getraut, weil ich ahnte, was Ruby mich dann fragen würde.

Es dauerte nicht lange, bis Rubys Bus kam. Sie umarmte mich kurz, bevor sie ging. Ich sah ihr nach, wie sie in den Bus stieg und sich vorne hinsetzte.
Durch die Fensterscheibe formten ihre Lippen ein "Maʿa s-salāma", während sie mir energisch zuwinkte. Ich hob die Hand zum Abschied, versuchte dabei zu lächeln, obwohl mir überhaupt nicht danach war ...
 

Mimi

Mitglied
Liebe Autorin, liebste Mimi,

ich will ja nicht aufdringlich erscheinen, aber mir wäre schon sehr an 'Nachschub' gelegen.
Ich hoffe, es geht Dir gut und wünsche DIr eine entspannte Adventszeit!

Liebe Petra, Dankeschön für die Lesetreue!
Arbeitstechnisch finde ich leider momentan kaum Zeit für die Leselupe.
Ich wünsche Dir ebenfalls entspannte und vor allem erholsame Feiertage.

Gruß
Mimi
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Mimi,

schön, dass Du wieder da bist.
Im Netz weiß man ja leider nie, woran es liegt, dass jemand nicht wieder kommt und ob es vorübergehend ist.

Deinen 'Nachschub' teile ich mir jetzt ein und genieße ihn an Weihnachten :).

Dir auch erholsame Feiertage!

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Mimi,

ich denke mal Du lässt es Dir gerade richtig gut gehen in 'wärmeren Gefilden' - gut, wenn es solche Lieblingstanten gibt.

Bei Deiner Fortsetzung war mein erster Gedanke nach dem Lesen, 'kein Wunder, dass dieses Kind schon so 'klug' ist'; mir gefällt besonders, wie Du die Stimmung (oder wie soll ich es nennen) über die Zeit transportierst ... es ist wie ein Raum für sich, in dem die Farben und Gerüche noch da sind, wenn man ihn betritt. Trotz der Dauer zwischen den 'Veröffentlichungen' ist man gleich wieder drin.
Und auch besonders ist das Treffen des 'Tons' kindlicher Gedanken, die schon viel zu viel erfahren haben und dabei doch mit kindlichen Gedanken und Gefühlen an die Pobleme herangehen. Da ist vor allem die Sprache selbst wichtig - sie muss die Komplexität der Fakten und wie sie reflektiert werden, darstellen, ohne zu abstrakt zu sein, zu 'reflektiert' zu wirken, und die Gefühle daneben, die immer bereit sind, das Gemüt zu überwältigen.
Ich habe noch nie so überzeugend, ganz praktisch mit Gedanken und Gefühlen erleben dürfen, wie es dazu kommt, dass sich Kinder für das Verlassenwerden eines Elternteils vom anderen verantwortlich fühlen - oder zumindest hinterfragen, was sie selbst zu dieser Katastrophe beigetragen haben könnten - womit das ja anfängt.

Ich hoffe sehr, dass ich diese Geschichte einmal zwischen zwei Buchhdeckeln werde in den Händen halten können.

Ich schicke gute Gedanken ins Warme!

Liebe Grüße
Petra
 

Mimi

Mitglied
Arrorró mi niño,
arrorró, mi amor,
duérmete, mi vida,
y yo te daré
un beso de amor."

(canción de cuna)




Ich redete mir lange Zeit ein, dich zu hassen.
Bis ich begriff, dass ich nie aufgehört hatte, dich zu lieben.
Egal, wie sehr ich es zu leugnen versuchte,
jede Faser in mir, schrie es laut hinaus.


~



Málaga, im November

I
... Ich hätte mir denken können, dass es Ärger geben würde, als ich heute später als sonst von der Schule nach Hause kam. Alma stand am Fenster im Wohnzimmer und ihr Blick wanderte sofort zur Uhr.
Natürlich wollte sie wissen, wo ich so lange gewesen bin, und was ich mir dabei überhaupt gedacht hatte, ohne Bescheid zu sagen.
Ich versprach Alma, dass ich nächstes Mal ganz bestimmt vorher um Erlaubnis fragen würde, und dachte damit wäre die Sache geklärt.
Aber kaum dass Papa wieder von der Universität zurück war, musste Alma ihm das natürlich gleich erzählen, und er stellte mich zur Rede.
Ich habe Alma eine widerliche Petze genannt, und da wurde Papa richtig wütend. Er wollte, dass ich mich sofort bei ihr entschuldige, aber ich konnte und wollte es in diesem Moment einfach nicht, und Papa hat mich nicht einmal ausreden lassen. Er schickte mich auf mein Zimmer, und ich war so wütend auf beide, dass ich die Tür krachend hinter mir zuknallte.

Alles nur wegen nicht einmal zwei Stunden Verspätung!
Dabei war der Nachmittag so schön gewesen.

Ruby hatte vorgeschlagen, nach der Schule zum Strand zu gehen. Heute war einer dieser kühlen, grauen Tage, an denen kaum jemand draußen ist, aber genau das hat mir gefallen. Ich mag es, wenn der Strand leer ist, und man nur das Rauschen der Wellen und den Wind hört, der über den Sand streicht.
Wir sind lange schweigend nebeneinander hergelaufen, bis Ruby plötzlich ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen hat. Sie grinste mich an, als hätte sie die verrückteste Idee der Welt, und ohne zu zaudern, rannte sie barfuß in Richtung Wasser, und ihre Haare wehten dabei in alle Himmelsrichtungen.
Ich habe gezögert. Die Kälte des Windes schnitt mir ins Gesicht, und der Gedanke, meine Füße ins eisige Meer zu tauchen, machte mir eigentlich wenig Spaß. Doch irgendwas an Ruby zieht mich immer mit. Also habe ich es ihr gleichgetan und bin Ruby barfuß nachgerannt. Der Sand war kühl unter meinen Füßen, hart und fest, ganz anders als im Sommer. Als wir das Wasser erreicht hatten, spritzte es uns entgegen, und ich keuchte auf vor Kälte. Ruby machte eine alberne Grimasse und lachte dabei, so laut und ungezwungen, dass ich mich von ihrem Lachen mitreißen ließ.

Wir standen dicht an den Wellen, die unsere Knöchel umspielten. Ruby streckte die Arme weit aus, als wollte sie das ganze Meer umarmen.
Und da war dieser Moment – dieser eine flüchtige Moment, in dem ich mich leicht und sorgenfrei fühlte. Keine Mama, kein Papa, keine nervige Alma, kein tristes Haus. Nur das Meer, der Himmel und Ruby, die so voller Leben war, dass es mich fast erschlagen hätte.

Ruby sah mich nachdenklich an. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, sie würde fragen, warum ich so still geworden bin. Aber sie sagte nichts. Stattdessen watete sie ein paar Schritte tiefer ins Wasser hinein, bis es ihre Waden erreichte.
Ich sah ihr nach, wie sie mit den Wellen spielte, ihre Füße im Wasser bewegte, als würde sie tanzen.
Ich war fasziniert von Rubys Leichtigkeit, die sie scheinbar aus jeder Pore ausstrahlte.
Ruby blieb stehen und schaute mich mit zusammengekniffenen Augen über die Schulter an. „Was?“, rief sie, als sie offenbar bemerkte, wie ich sie anstarrte.
Ich senkte den Kopf und betrachtete meine Füße, weil ich mich irgendwie in meinen Gedanken ertappt fühlte und mich deshalb ein bisschen schämte.
Dann kam Ruby zurück, das Wasser tropfte vom Saum ihres Schulrocks an ihren Beinen hinunter.
Hör auf, immer so viel nachzudenken, okay?",
hat sie leise zu mir gesagt und mir ihre Hand entgegengestreckt.
Ich fühlte mich plötzlich unwohl, wusste nicht recht was ich ihr entgegnen sollte, ergriff dann schließlich Rubys Hand, die sich kalt und rau anfühlte und ließ mich von ihr zurück zu den Bänken auf der Promenade führen ...




II
... Als ich am Morgen in die Küche kam, war Alma gerade dabei, Empanadas aus dem Ofen zu holen. Es roch nach Käse und Lauchzwiebeln – genau die Füllung, die ich so gerne mag.
Ich stand eine Weile im Türrahmen, bevor ich mich endlich überwinden konnte und eine Entschuldigung murmelte, so leise, dass ich kaum sicher war, ob sie mich überhaupt gehört hatte.

Doch natürlich hatte sie es. Alma sah mich an, nickte leicht und lächelte dabei. Es war ein ganz zartes Lächeln, das kaum die Mundwinkel erreichte, so wie sie es fast immer tut. Dieses kleine Lächeln, das weder glücklich noch fröhlich wirkt, sondern einfach nur ... Alma.
Sie sagte nichts, reichte mir stattdessen einen Teller mit einer frisch gebackenen Empanada bevor sie sich wieder ihrer Arbeit widmete.

Ruby hatte mich gestern gefragt, wer Alma eigentlich ist, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Früher dachte ich, sie sei nur da, um auf mich aufzupassen, als Mama noch oft unterwegs war und Papa viel arbeiten musste. Aber jetzt macht Alma einfach alles. Sie hat ein eigenes Zimmer unten neben dem Wirtschaftsraum. Ich stelle mir oft vor, wie sie dort sitzt, zwischen Wäschekörben und Bügelbrett, in ihrem Sessel.
Manchmal wünsche ich mir, dass Alma mehr von sich erzählen würde. Oder dass sie mich gar anschreien würde, wenn ich gemein oder frech zu ihr bin. Aber Alma bleibt immer die Ruhe selbst.
Diese Ruhe macht mich fast wahnsinnig. Es fühlt sich an, als würde sie mich durchschauen, ohne dass sie dabei ein einziges Wort sagt. Und genau das macht es so schwer – ich kann nicht wirklich wütend auf sie bleiben. Wie soll man auch mit jemandem streiten, der nicht zurückstreitet? ...



III
... Es ist so ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwo zwischen Erleichterung und Traurigkeit.
Ich kann einfach nicht aufhören, den Briefumschlag auf meinem Schreibtisch anzustarren. Sogar jetzt, während ich schreibe. Immer wieder fahre ich mit kribbelnden Fingern über die schlanken, leicht nach rechts geneigten Buchstaben, die sich fast tänzelnd über den Umschlag ziehen.
Warum hat sie nur mir geschrieben? Warum nicht auch Papa?
Ich will den Brief öffnen, ihn lesen – und gleichzeitig in tausend Stücke zerreißen. Aber beides traue ich mich nicht.
Ich wusste sofort, von wem er war, als Papa in mein Zimmer kam und ihn mir überreichte.
Er setzte sich auf die Bettkante und schaute eine Weile aus dem Fenster. Irgendetwas an seinem Blick ließ mein Herz schneller schlagen.
Dann begann er zu erzählen. Vom Sommer, in dem ich geboren wurde. Wie er neben Mama im Kreißsaal stand, hilflos und nervös, während sie in den Wehen lag. Die Angst, die er hatte – vor allem um sie und auch um mich.
Er sagte, dass Mama trotz allem ruhig geblieben war, sogar in den schmerzhaftesten Momenten.
Dass Mama während der ganzen Geburt so schön aussah. Nicht im normalen Sinne schön, sondern irgendwie anders – fast überirdisch.

Ich setzte mich neben Papa auf die Bettkante, lehnte meinen Kopf an seine Schulter, während er mir über das Haar strich.
Oma hat einmal beim Blättern in ihrem Album zu mir gesagt, dass es erst dann richtig wehtut, wenn die Erinnerungen schöner als die Gegenwart sind ...
 
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John Wein

Mitglied
Oma hat einmal beim Blättern in ihrem Album zu mir gesagt, dass es erst dann richtig wehtut, wenn die Erinnerungen schöner als die Gegenwart sind ...
hier muss ich dir ohne Behalt zustimmen!

Liebe Mimi,
Du weißt ja, dass ich ein großer Freund, deiner kleinen Tagebuch-Reihe bin. Diese leicht lesbare Geschichte ensteht ja eigentlich erst zwischen den Zeilen und ist für jeden, der sich ein Kinderherz bewahrt hat, leicht nachempfindbar. Es ist eine kindlich erlebte Welt in der Familie, in der alles in guten, heiteren Bahnen zu verlaufen scheint.
Doch man vermutet ein Schatten über der familiären Idylle, begründet in einer erkennbaren Spannung in der Beziehung zur Mutter. Irgendwie fühlt man ein vergebliches Sehnen nach mehr Mutterliebe, die Alma, Oma und Tanten ersatzweise nicht leisten können.
Eine empfindsame, kindliche Seele erzählt hier, wie das Leben erst richtig wehtut, "wenn die Erinnerungen schöner als die Gegenwart sind". Das untersteichen nicht zuletzt auch das kleine Kinderlied (ich habs mir angehört!) und das sehnsuchtsvolle Gedicht.
Libe Grüße John:)
 

Mimi

Mitglied
Lieber John,
vielen Dank für Deine Worte. Es freut mich sehr, dass Du Dich so in die Geschichten dieser Tagebuchreihe hineinfühlen konntest. Manchmal sind es ja gerade die unausgesprochenen Dinge, die am meisten sagen.

Ich würde mal behaupten, dass Großmütter (und Großväter) über einen riesigen Fundus an "weisen" Sprüchen verfügen. Ist schließlich im Lebensalter und der Erfahrung begründet.
Natürlich kann man als Kind nicht gleich jeden "weisen" Satz verstehen oder begreifen – und das ist eigentlich auch gut so.
Als Kind habe ich das einfach hingenommen, aber heute verstehe ich es auf eine andere Weise.

Und ja, das Lied ... Ich finde, in Musik steckt oft eine ganz eigene Form von Erinnerung und Sehnsucht. Schön, dass Du es Dir angehört hast!

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
Soy sombra de un árbol viejo,
soy sombra de un andar lejos,
soy sombra de un alma en pena
que va y que viene en el viento.

(Vidala)


Ich bin der Schatten eines alten Baumes,
ich bin der Schatten eines fernen Weges,
ich bin der Schatten einer leidenden Seele,
die mit dem Wind kommt und geht.




~



Ich weiß nicht mehr,
ob ich deine Hand hielt
oder es mir nur wünschte.
So sehr, dass ich glaubte,
verrückt zu werden.

(Tanto que creí volverme loca)







Málaga, im Dezember

I
... Der Wind trägt eine feuchte Kälte mit sich, die durch jede Ritze des Hauses zieht. Es riecht nach nasser Erde und fernen Regenwolken über dem Meer.

Heute Morgen stand ich lange auf der Terrasse und ließ den Blick über die Hügel schweifen.
Die Olivenhaine hinter dem Feld lagen still da, ihre knorrigen Äste bewegten sich kaum im Wind.
Die Luft war frisch, mit einem Hauch von Salz, obwohl das Meer weit hinter den Feldern und Hügeln verborgen lag.

Unten im Garten leuchteten die Zitronenbäume. Die schweren Früchte hingen tief zwischen den dunkelgrünen Blättern, einige hatten bereits dunkle Flecken von der Feuchtigkeit. Daneben ragten die Mandarinenbäume mit dünnen, zerzausten Zweigen, an denen die letzten orangefarbenen Früchte hingen. Der Boden war übersät mit Blättern, nass vom letzten Regen.

Ich wünschte, ich wäre in Salta bei Oma. Dort ist es jetzt warm, trocken, und die Luft riecht dort ganz anders, nach Staub und Sonnenhitze.
Ich stelle mir Omas Küche vor, das schwere Holz der Möbel, das leise Summen des Ventilators. Die Stimmen meiner Tanten, die sich immer lauter unterhalten, als sie es müssten.
Das Gefühl, nicht überlegen zu müssen, was man sagt.
Aber Papa hat nicht einmal darüber nachgedacht. Als ich es vorsichtig angesprochen habe, meinte er nur, dass es dieses Jahr komplizierter ist.

Als ich mich umdrehte, stand Alma hinter mir. Sie hatte mir einen Schal hingelegt, ohne etwas zu sagen. Ich habe ihn ignoriert.

Manchmal spricht Papa mit ihr so, als wäre sie … selbstverständlich. Mir fällt kein besseres Wort dafür ein. Es ist ja nicht einmal übertrieben freundlich oder herzlich, aber es klingt so vertraut, als würde er sie nicht infrage stellen.
Ich weiß nicht genau, warum mich das stört, oder ob es mich überhaupt wirklich stört.
Vielleicht, weil ich Angst habe, dass irgendwann niemand mehr fragt, wie es vorher war.

Der Boden im Garten war noch feucht, und das Gras klebte an meinen Schuhen. Ich streckte die Hand aus und pflückte eine Zitrone. Ihre raue, kühle Schale lag schwer in meiner Hand.
Ich hielt sie an meine Nase und atmete tief ein.
Sofort war da diese eine Erinnerung: Mama in der Küche, das helle Licht am Nachmittag, das sich in ihren Haarsträhnen verfing, ihr leiser Gesang, während sie mit einer Reibe über eine Zitronenschale fuhr. Der Duft, der die ganze Küche füllte ...




II
...
Papa hat endgültig entschieden, ohne mich.
Vorhin beim Abendessen hat er es beiläufig erwähnt, als wäre es nichts Besonderes. Dass wir dieses Jahr nicht nach Salta fliegen. Keine Erklärung, keine Diskussion.
Ich habe sofort gemerkt, wie mir der Bissen im Mund bitter wurde. Ich habe die Gabel beiseitegelegt und ihn angesehen, aber er hat einfach weitergegessen, als wäre nichts.

Jedes Jahr waren wir in den Weihnachtsferien bei Oma. Ich hatte mich schon so darauf gefreut, auf die langen Nachmittage auf ihrer Terrasse, auf den Geruch von gegrilltem Fleisch und frischen Maisfladen. Auf Omas Geschichten, die immer ein bisschen zu weit in die Vergangenheit reichten. Und jetzt, einfach nicht?

Alma saß am Tisch und stocherte in ihrem Teller. Sie hat sich nicht eingemischt, aber ich habe bemerkt, wie sie mich aus den Augenwinkeln beobachtet hat.
Ich habe versucht, ruhig zu bleiben, aber meine Stimme hat leicht gezittert, als ich gefragt habe, warum wir nicht fahren. Papa sagte nur, dass es kompliziert sei. Dass es um uns alle ginge.
Aber das stimmt nicht. Es geht nicht um mich, oder um uns. Es geht um ihn.
Ich habe es genau gespürt. Er will nicht hinfahren, weil er Angst hat. Angst, Mama zu begegnen. Angst davor, was es mit ihm machen würde.

Mir wurde plötzlich ganz heiß vor Wut. Ich konnte nicht mehr weiteressen. Ich habe meinen Stuhl zurückgeschoben, bin aufgestanden und in mein Zimmer gegangen.

Die Wut in meinem Bauch will einfach nicht verfliegen. Draußen ist es längst dunkel.
Ich will nicht hier sein. Ich will weg, zu Oma ...
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Mimi,

wie schön, wieder von Dir zu lesen!

Ich habe Deine sinnliche Sprache und die Weiterführung Deiner so ursprünglichen, zeitlosen Geschichte vermisst. Um so dankbarer bin ich, dass Du die freien Tage genutzt zu haben scheinst, uns wieder zu beschenken.

Liebe Grüße
Petra
 



 
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