Erde und Feuer, Kopf und Herz

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John Wein

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Liebe Mimi,

Heute Morgen stand ich lange auf der Terrasse und ließ den Blick über die Hügel schweifen.
Die Olivenhaine hinter dem Feld lagen still da, ihre knorrigen Äste bewegten sich kaum im Wind.
Die Luft war frisch, mit einem Hauch von Salz, obwohl das Meer weit hinter den Feldern und Hügeln verborgen lag.
Da sind sie wieder in meinem Kopf, die Bilder die du mir mit deiner Geschichte angestoßen hast. Sie machen mich immer ein bisschen wehmütig, die Gedanken an meine vielen Wege in Spanien. Erinnerung ist das, was mir bleibt. Ich bin jetzt mit über 80 in einem Alter, das mir die Grenzen aufzeigt und täglich 20-30 km Weg ausschließen.
Aber meine Sinne sind noch sehr präsent und ich sehe die Olivenhaine Andalusiens, die wogenden Weizenfelder Kastiliens und das Zistrosenmeer in der Extremadura. Ich rieche Lavendel und Rosmarin und ich höre den Widehopf im Feld, den Esel im Obstgarten und den Storch auf dem Gesims. Ich schmecke Rioja, Tempranillo und Guadiana.

ich bin der Schatten eines fernen Weges,
Danke!
PS. Salta, ist das in Argentinien?
 

Mimi

Mitglied
Liebe Petra, lieber John,
mich freut es natürlich, dass Ihr mich auf dieser Reise, die ja sozusagen eine große Rolle rückwärts darstellt, so treu begleitet :)

Salta, lieber John, liegt, wie Du richtig angemerkt hast, in Argentinien, genauer gesagt im Nordwesten des Landes.

Gruß
Mimi
 

John Wein

Mitglied
Hallo Mimi,
Du hast mich aufgeklärt und prompt kommt mir Salta aus einer ganz anderen Quelle entgegen. Ich nehme das hier zu Anlass, dir diese Geschichte um Salta nahezubringen.
Letzte Woche, rein zufällig entdeckte ich im ZDF eine sogenannte Challange mit Gruppen und Thema: vom Regenwald nach Feuerland. ( Der Titel "Terra X" hatte mich getriggert, normalerweise schaue ich nicht die ÖRR und TV) Es ist auch keine besonders tiefschürfende Geschichte,
aber: Der erste Abschnitt dieses Wettlaufs endet demnächst in Salta, zu sehen am Mittwoch den 30. April. Du kennst dich ja dort aus und ich bin gespannt, was ich dabei mit deinen Geschichten verbinden kann.
Alles in Fluss!
LG und schönes WE,
John:)
 

Mimi

Mitglied
Lieber John,
Dankeschön für Dein Interesse und den Hinweis zur Sendung Terra X.

Was diese Stadt (für mich) besonders macht, ist dieses einzigartige Wechselspiel zwischen Natur und Stadt: In einer Stunde ist man draußen, in den Weiten der trockenen Canyons, wo die bizarren Felsenformationen rot zu glühen scheinen. Und dann wieder zurück, zu den hübschen Gebäuden aus der Kolonialzeit mit pastellfarbenen Fassaden, wo man gemütlich bei einem Glas torrontés, (nicht zu verwechseln mit dem spanischen Pendant) in einem dieser traditionellen Restaurants sitzen kann, während man das rege Treiben auf der Plaza beobachtet.

Salta nennt sich selbst "La Linda" – die Schöne und ich finde, der Name trifft es wirklich gut, auch wenn die Stadt keine glatte oder gar makellose Schönheit ist.

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
Ich war leise.
Nicht aus Höflichkeit.
Nicht aus Reife.
Ich war leise,
weil meine Worte
nicht hineinpassten
in das,
was Du hören wolltet.




~


¿Dónde estás, que no te veo,
hermosura sin igual?
El alma se me entristece,
al no verte en mi umbral.

~​




Málaga, im Mai

I
... Ruby sagt, der Frühling sei ihre Lieblingszeit, weil sie dann wieder barfuß laufen kann. Ich mag das auch, aber manchmal tut mir alles weh, wenn ich zu lange mit ihr draußen bin. Sie redet und rennt und singt, alles auf einmal.
Ich habe mich heute von Ruby überreden lassen zum alten Schweinehof zu gehen, obwohl es ein ganz schöner Fußmarsch dorthin ist.
Wir sind durch das trockene Gelände hinter den alten Mauern der Finca gelaufen, die seit Jahren niemand mehr zu bewohnen scheint.
Der Boden war rissig vom frühen Sommer, durchzogen von feinen Linien, wie ausgetrocknete Adern. Die Oleander am Wegrand blühten in einem merkwürdigen Rosa, staubig schon, als hätten sie keine Geduld mehr mit dieser Hitze. Weiter oben, wo die Büsche dichter wurden, leuchtete das Grün dunkler.
Daneben wuchsen wilder Fenchel und Disteln, trocken und struppig.

Ruby entdeckte eine Eidechse und folgte ihr mit den Augen, als wäre sie ein göttliches Zeichen. Sie versteht sich auf das Entdecken, es ist fast eine Kunstform bei ihr. Aufgeregt fuchtelte sie mit den Armen und versuchte, dem Tier zu folgen, bis es unter den Steinen einer Mauerruine verschwand.

Der alte Hof liegt zurückgesetzt zwischen knorrigen Bäumen. Ein schiefes Tor, rostiges Blech, bröckelnde Mauern. Dahinter ein Gehege, festgestampfter Boden und natürlich die Schweine, groß, dunkelgrau, mit Augen wie eingesunkene Schatten. Der Geruch, so ganz nah an den Tieren, war intensiv. Ruby hielt sich die Nase zu und machte dabei eine Grimasse. Eines der Tiere kam direkt an den Zaun und schob seinen Rüssel durch die Zaunbretter. Ruby wich etwas zurück, aber ich blieb stehen. Es hob grunzend den Kopf und trottete dann davon, als wären wir nicht interessant genug für seine Aufmerksamkeit.

Wir setzten uns auf eine alte Mauer, wo das Moos zu struppigen Knäueln getrocknet war. Ich beobachtete, wie ein Schwein sich in den Dreck wälzte, langsam, mit einer Ruhe, die fast trotzig wirkte.
Der Himmel war blassblau, ohne ein einziges Wölkchen, das Licht flimmerte über dem Feld hinter dem Zaun. Ein paar Schwalben zogen tiefe Bögen über unsere Köpfe, so schnell, dass einem beim Hinsehen fast schwindelig wurde.

Ruby erzählte von dem einen Mal, als sie hier alleine war, und davon, dass es irgendwo hinter dem Hof eine Quelle geben soll, aber sie hätte sie wohl nie gefunden.
Irgendwann kam Ruby auf das Thema Tanzen, und sie bestand darauf, dass ich ihr den Flamenco beibringe.
Sie meinte, ich solle ihr zeigen, was ich kann. Was meine Mutter mir beigebracht hat. Ich wollte nicht und versuchte, ihr auszuweichen, sagte, das sei nichts für hier draußen, auf unebenem Boden, ohne Musik, ohne vernünftige Schuhe.
Aber sie bohrte weiter, wie sie immer bohrt, bis man sich entweder ergibt oder wegrennt. Und als sie dann auch noch behauptete, ihre Körperhaltung sei „graziös wie eine Katze“, musste ich lachen. So sehr, dass meine anfängliche Abwehr einfach in sich zusammenfiel.

Ich stand auf, legte die Arme an, hob das Kinn, fixierte einen Punkt in der Landschaft. Erinnerte mich an den Klang der Schritte auf dem Holzboden in der Tanzschule, an die Haltung, an die Spannung in den Armen, an das Gewicht in den Füßen.
Ich setzte den ersten Schritt. Langsam, fest.
Ruby kicherte erst, dann beobachtete sie mich genau. Ich zeigte ihr die ersten Grundschritte, klatschte den Rhythmus vor, stampfte mit der Ferse auf.
Die ersten Schritte kamen zögernd. Dann klarer. Ruby lachte laut, versuchte mitzumachen, warf den Kopf zurück, stampfte wild mit den Füßen.
Ihre ersten Versuche waren ein Durcheinander aus falschen Bewegungen, aber voller Energie.
Ich zeigte ihr den Anfang. Sie machte es nach. Ruby stolperte, riss mich fast mit sich, richtete sich auf. Sie versuchte es noch einmal. Und noch einmal.
Es wurde ein Spiel. Staub wirbelte auf. Unsere Füße schlugen Takte in die Erde. Mein Herz schlug mit. Ich lachte. Sie rief irgendetwas auf Arabisch, das nach einem herben Schimpfwort klang, und ich klatschte immer schneller, stampfte härter, ließ mich aber letztendlich von ihr mitziehen.

Später lagen wir erschöpft im Gras, Seite an Seite. Der Himmel darüber war unendlich weit. In den Zweigen über uns zitterten Lichtflecken. Ich spürte den Schweiß auf meinem Rücken, die Wärme auf meiner Haut, das Muskelzucken in meinen Beinen. Rubys Haar war voll von Grashalmen.
Ich atmete tief. Der Geruch von Erde und Schweinemist.
Neben mir Ruby – für einen Moment ganz still ...
 

John Wein

Mitglied
Liebe MImi,
Was für ein schöner Text, so liebevoll erinnert. Du hast mir diesen Regentag damit versüßt und mich erinnert an so manche Begebenheit auf meinem langen Wegabschnitt duch Andalusien und zu mir selbst. Die Bilder sind noch alle in meinem Kopf: das Meer der Zistrosen, die Olivenhaine, die unendlichen Rebenfelder und die beweideten (auch mit Schweinen) Dehesas und das alles im andalusischen Frühling.
Malaga kenne ich leider nicht, aber in Sevilla war ich im Teatro Flamenco. Ich denke der Flamenco ist nicht nur ein Tanz, sondern ein Lebenstil.
Danke fürs Mitnehmen!
Gruß, John
 

Mimi

Mitglied
Dankeschön fürs (Mit)Begleiten, lieber John ...
Manchmal gibt es Tage, so wie heute zum Beispiel, wenn man so viele beunruhigende Nachrichten liest, da wünscht man sich schon ein wenig in eine kindliche Leichtigkeit aus Erinnerungen zurück ...

Gruß
Mimi
 



 
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