Ich war leise.
Nicht aus Höflichkeit.
Nicht aus Reife.
Ich war leise,
weil meine Worte
nicht hineinpassten
in das,
was Du hören wolltet.
~
¿Dónde estás, que no te veo,
hermosura sin igual?
El alma se me entristece,
al no verte en mi umbral.
~
Málaga, im Mai
I
... Ruby sagt, der Frühling sei ihre Lieblingszeit, weil sie dann wieder barfuß laufen kann. Ich mag das auch, aber manchmal tut mir alles weh, wenn ich zu lange mit ihr draußen bin. Sie redet und rennt und singt, alles auf einmal.
Ich habe mich heute von Ruby überreden lassen zum alten Schweinehof zu gehen, obwohl es ein ganz schöner Fußmarsch dorthin ist.
Wir sind durch das trockene Gelände hinter den alten Mauern der Finca gelaufen, die seit Jahren niemand mehr zu bewohnen scheint.
Der Boden war rissig vom frühen Sommer, durchzogen von feinen Linien, wie ausgetrocknete Adern. Die Oleander am Wegrand blühten in einem merkwürdigen Rosa, staubig schon, als hätten sie keine Geduld mehr mit dieser Hitze. Weiter oben, wo die Büsche dichter wurden, leuchtete das Grün dunkler.
Daneben wuchsen wilder Fenchel und Disteln, trocken und struppig.
Ruby entdeckte eine Eidechse und folgte ihr mit den Augen, als wäre sie ein göttliches Zeichen. Sie versteht sich auf das Entdecken, es ist fast eine Kunstform bei ihr. Aufgeregt fuchtelte sie mit den Armen und versuchte, dem Tier zu folgen, bis es unter den Steinen einer Mauerruine verschwand.
Der alte Hof liegt zurückgesetzt zwischen knorrigen Bäumen. Ein schiefes Tor, rostiges Blech, bröckelnde Mauern. Dahinter ein Gehege, festgestampfter Boden und natürlich die Schweine, groß, dunkelgrau, mit Augen wie eingesunkene Schatten. Der Geruch, so ganz nah an den Tieren, war intensiv. Ruby hielt sich die Nase zu und machte dabei eine Grimasse. Eines der Tiere kam direkt an den Zaun und schob seinen Rüssel durch die Zaunbretter. Ruby wich etwas zurück, aber ich blieb stehen. Es hob grunzend den Kopf und trottete dann davon, als wären wir nicht interessant genug für seine Aufmerksamkeit.
Wir setzten uns auf eine alte Mauer, wo das Moos zu struppigen Knäueln getrocknet war. Ich beobachtete, wie ein Schwein sich in den Dreck wälzte, langsam, mit einer Ruhe, die fast trotzig wirkte.
Der Himmel war blassblau, ohne ein einziges Wölkchen, das Licht flimmerte über dem Feld hinter dem Zaun. Ein paar Schwalben zogen tiefe Bögen über unsere Köpfe, so schnell, dass einem beim Hinsehen fast schwindelig wurde.
Ruby erzählte von dem einen Mal, als sie hier alleine war, und davon, dass es irgendwo hinter dem Hof eine Quelle geben soll, aber sie hätte sie wohl nie gefunden.
Irgendwann kam Ruby auf das Thema Tanzen, und sie bestand darauf, dass ich ihr den Flamenco beibringe.
Sie meinte, ich solle ihr zeigen, was ich kann. Was meine Mutter mir beigebracht hat. Ich wollte nicht und versuchte, ihr auszuweichen, sagte, das sei nichts für hier draußen, auf unebenem Boden, ohne Musik, ohne vernünftige Schuhe.
Aber sie bohrte weiter, wie sie immer bohrt, bis man sich entweder ergibt oder wegrennt. Und als sie dann auch noch behauptete, ihre Körperhaltung sei „graziös wie eine Katze“, musste ich lachen. So sehr, dass meine anfängliche Abwehr einfach in sich zusammenfiel.
Ich stand auf, legte die Arme an, hob das Kinn, fixierte einen Punkt in der Landschaft. Erinnerte mich an den Klang der Schritte auf dem Holzboden in der Tanzschule, an die Haltung, an die Spannung in den Armen, an das Gewicht in den Füßen.
Ich setzte den ersten Schritt. Langsam, fest.
Ruby kicherte erst, dann beobachtete sie mich genau. Ich zeigte ihr die ersten Grundschritte, klatschte den Rhythmus vor, stampfte mit der Ferse auf.
Die ersten Schritte kamen zögernd. Dann klarer. Ruby lachte laut, versuchte mitzumachen, warf den Kopf zurück, stampfte wild mit den Füßen.
Ihre ersten Versuche waren ein Durcheinander aus falschen Bewegungen, aber voller Energie.
Ich zeigte ihr den Anfang. Sie machte es nach. Ruby stolperte, riss mich fast mit sich, richtete sich auf. Sie versuchte es noch einmal. Und noch einmal.
Es wurde ein Spiel. Staub wirbelte auf. Unsere Füße schlugen Takte in die Erde. Mein Herz schlug mit. Ich lachte. Sie rief irgendetwas auf Arabisch, das nach einem herben Schimpfwort klang, und ich klatschte immer schneller, stampfte härter, ließ mich aber letztendlich von ihr mitziehen.
Später lagen wir erschöpft im Gras, Seite an Seite. Der Himmel darüber war unendlich weit. In den Zweigen über uns zitterten Lichtflecken. Ich spürte den Schweiß auf meinem Rücken, die Wärme auf meiner Haut, das Muskelzucken in meinen Beinen. Rubys Haar war voll von Grashalmen.
Ich atmete tief. Der Geruch von Erde und Schweinemist.
Neben mir Ruby – für einen Moment ganz still ...