Erfolgsrezept

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Walther

Mitglied
Erfolgsrezept


Du stehst vor deinem Ebenbild
Vorm Spiegel, und dir wird ganz wild
Und weh, was du da stehen siehst.
Dann hast du zweimal laut geniest,

Und auf dem Spiegel waren Flecken,
Die wollten dieses Mannsbild necken,
Das in dem Spiegel steht, ganz nackig,
Das Bäuchlein rund und nicht mehr knackig,

Die Beine machen keinen Knicks,
Doch dafür bilden sie ein „X“.
Die Haare sind schon weiß und grau.
Beim Bart weiß man es nicht genau,

Der muss es sich noch überlegen.
Die Muskeln obenrum hingegen
Erfreuen dich, da sieht man Kräfte.
Und unterm Gürtel stiegen Säfte,

Wenn Frühjahr wäre oder Jugend.
Doch heute siegt die alte Tugend.
Du drehst dich um und siehst den Podex,
Verkleidest dich, so will’s der Kodex,

In Unterwäsche, Hemd und Socken.
Ey, Junge, sagst du, lass‘ uns rocken!
Wir zwei hülln uns in teure Tuche
Für Brotberuf, Geschäftsbesuche,

Damit die Damen ja nicht sehen
Den Rettungsring, das Fressvergehen,
Das sich um unsere Hüften schlängelt
Und über Gürtelschnallen drängelt.

Du bindest deinen Seidenbinder.
Das Hemd gibt kurz den Halswulstschinder.
Du legst die Haare top in Form,
Sprühst etwas Duft, das wirkt enorm.

Der Spiegel ist fast ganz erblindet.
Er hasst es, wenn man Eindruck schindet.
Am Ende kommen feine Schuhe,
Manschettenknöpfe aus der Truhe,

Krawattennadel, Steinchen blitzen.
Jetzt muss nur das Jackett noch sitzen!
Dann greifst du an, ich komme, Welt!
Die Fehlerchen verdeckt dein Geld.
 

Walther

Mitglied
Hi Ciconia,

danke für deine freundliche kommentierung. dein vorschlag ist sehr interessant, sagt aber nicht das gleiche aus. meine absicht war schon, daß der spiegel erblindet, und zwar fast ganz und nicht beinah (das eigentlich ja ein nicht-erblinden ist).

daher will ich gerne abwarten, ob sich noch weitere kollegInnen daran stören. danke für dein verständnis.

lg w.
 

anbas

Mitglied
Hi Walther,

richtig stören tut es mich nicht, wirkt aber etwas umständlich formuliert. Muss also aus meiner Sicht nicht unbedingt geändert werden. Ansonsten wäre eine Möglichkeit:
Der Spiegel ist schon fast erblindet
Liebe Grüße

Andreas
 
Bin ich froh, lieber Walther, dass auch einmal die altersbedingten Veränderungen der Männer aufgezeichnet werden. Meistens geht man ja auf die alternden Frauen los.
Ich habe dein Gedicht mit Begeisterung gelesen.
Viele Grüße,
Marie-Luise
 

Walther

Mitglied
hi anbas,

dein vorschlag liegt etwa in der mitte zwischen dem von Ciconia und dem ursprungstext. ich werde mir das ernsthaft durch den kopf gehen lassen. :)

danke für deinen kommentar!

lg w.


lb. Marie-Luise,

die herren müssen sich einfach einmal selbst ein wenig auf die schippe nehmen. auch an ihnen nagt der zahn der zeit, und die damen haben eben auch lieber ein knackigen popo als einen schlabbrigen. :)

danke für deine wertung!

lg w.
 
F

Fettauge

Gast
Hallo Walther,

ja, so ungefähr habe ich den Erfolgsmenschen dieser Zeit kennengelernt: dicklich, von sich überzeugt, das kleine hässliche Ich hinter Seidenschlips, Parfümvorhang und großartigem Gehabe verborgen. Wenn er den Mund aufmacht, weiß man allerdings: Der Mann kommt aus Kötzschenbroda an der Knatter.

Das Gedicht ist ein bisschen länglich und ausschweifend geworden, es reizt nicht unbedingt, nun jede Strophe zu lesen. Einen Höhepunkt, der jedem literarischen Werk erst den Grund des Daseins gibt, kann ich nicht erkennen, jede Strophe ist im Grunde gleichwertig, der Text läppert sich mehr oder weniger bis zum Schluss so hin.

Sprachlich hätte ich mir ein wenig Esprit gewünscht, für das der deutsche Autor allerdings nur im Ausnahmefall steht. Hier wäre Gelegenheit dazu gewesen.

Gruß, Fettauge
 

James Blond

Mitglied
Lieber Walther!

Die morgendliche Selbstbespiegelung gealterter nackter Tatsachen und ihre anschließende textile Kaschierung gab und gibt oft Anlass für launige bis humorvolle Reime. Auch hier harmoniert ein humorvolles Wohlwollen mit einer milden Selbstironie.

Sehr gut finde ich die Abfolge von der nackten Begutachtung über die einzelnen Ankleidungsschritte dargestellt, nur der Gürtel taucht in S4 etwas zu früh auf. Auch die abschließende Pointe passt gut, allerdings würde ich die Zeichensetzung ändern:

Dann greifst du an[blue]:[/blue] Ich komme, Welt!
Die Fehlerchen verdeckt dein Geld.



Allerdings ist mir, der ich alles andere als ein Feind von Reimen bin, beim Durchlesen eine ziemliche Mühsamkeit der Reimung aufgefallen. Zum einen sind die Reime nicht gerade erfrischend oder originell, sondern meist vorhersehbar (wenn Substantive auf Substantive, Adjektive auf Adjektive und Verben auf Verben gereimt werden), zum anderen gewinne ich den Eindruck, dass manche Verse ausschließlich ihren Reimen geschuldet sind und sonst keine weitere Funktion übernehmen:

Dann hast du zweimal laut geniest,
..
Und auf dem Spiegel waren Flecken,
..
Die Beine machen keinen Knicks,
..
Beim Bart weiß man es nicht genau,
..
Doch heute siegt die alte Tugend.
..
Ey, Junge, sagst du, lass‘ uns rocken!
..
Der Spiegel ist fast ganz erblindet.
Dies lässt Dein Gedicht, mit Verlaub, auch etwas amateurhaft erscheinen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch sprachliche Anomalien wie

Wenn Frühjahr wäre oder Jugend.
, die man gern als launige Formulierung akzeptieren könnte, wenn auf der anderen Seite nicht zugleich Humorkapital unachtsam verschenkt würde, z.B. als der Anstieg der Säfte ausbleibt:

Doch heute siegt die alte Tugend.
Nicht die alte Tugend siegt, denn die ist meist noch nicht so alt, es siegt wohl eher die Alterstugend, jene also, die sich aus den verringerten Möglichkeiten ganz von selbst ergibt. :D

Gern kommentiert.

LG JB
 

Walther

Mitglied
dear James,

manchmal glaube ich, daß du so blond bist, wie du dich nennst. an diesem gedicht ist nichts "amateurhaft". es ist schlicht schwachsinniger blödsinn, auf effekt gestrickt und sonst nichts. damit erfüllt es die kriterien der kalauerei, mit einigen clownesken und (selbst)ironischen elementen versehen und, auch das ist erkennbar, auf den vortrag in humoriger runde optimiert.

daher ist das
Allerdings ist mir, der ich alles andere als ein Feind von Reimen bin, beim Durchlesen eine ziemliche Mühsamkeit der Reimung aufgefallen. Zum einen sind die Reime nicht gerade erfrischend oder originell, sondern meist vorhersehbar (wenn Substantive auf Substantive, Adjektive auf Adjektive und Verben auf Verben gereimt werden), zum anderen gewinne ich den Eindruck, dass manche Verse ausschließlich ihren Reimen geschuldet sind und sonst keine weitere Funktion übernehmen:

Dann hast du zweimal laut geniest,
..
Und auf dem Spiegel waren Flecken,
..
Die Beine machen keinen Knicks,
..
Beim Bart weiß man es nicht genau,
..
Doch heute siegt die alte Tugend.
..
Ey, Junge, sagst du, lass‘ uns rocken!
..
Der Spiegel ist fast ganz erblindet.

Dies lässt Dein Gedicht, mit Verlaub, auch etwas amateurhaft erscheinen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch sprachliche Anomalien wie

Wenn Frühjahr wäre oder Jugend.

, die man gern als launige Formulierung akzeptieren könnte, wenn auf der anderen Seite nicht zugleich Humorkapital unachtsam verschenkt würde, z.B. als der Anstieg der Säfte ausbleibt:

Doch heute siegt die alte Tugend.

Nicht die alte Tugend siegt, denn die ist meist noch nicht so alt, es siegt wohl eher die Alterstugend, jene also, die sich aus den verringerten Möglichkeiten ganz von selbst ergibt.
bullshit.

das läßt sich schon am letzten beispiel erkennen, wo der leser die doppeldeutigkeit der formulierung mangels intellektuellem adressraum nicht verstanden hat. kurz, hier nochmals für alle lesbar wiederholt: geh von deinem roß runter, James, du bist blond und nicht Bond.

lg w.
 

lapismont

Foren-Redakteur
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M O D E R A T I O N

Es ist doch gar kein Vollmond, mensch Leute, lasst Aggressionen am Wetterbericht oder Schokoladentafeln aus, aber bitte respektiert einander und unterlasst Beleidigungen!

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