Fliegen wegen vögeln

Krake Stasi. Warum 36 Jahre nach der Wende immer noch damit anfangen? Ist vielleicht total out. Merkwürdigerweise beschäftigt mich das Thema jetzt mehr als zu Wendezeiten. Und davor gar nicht. Der Grund ist wohl das Internet. Hier hat man Gelegenheit Sachen zu erfahren, die man normalerweise nie erfahren hätte.
Wie die Geschichte über die Studenten aus Halle.


Hatte ich doch kürzlich im Netz gelesen, dass jemand Texte suchte für eine Zeitschrift. Ich schickte ihm einen über meine Studentenzeit. Besser gesagt: ihr vorzeitiges Ende. Moncada*. Inhalt: Junges Mädchen in Schwierigkeiten, kämpft sich allein durch die Welt, außerdem noch auf Nahrungsentzug, weil kein Geld. „So was mit pretty girls kommt immer gut. Interessiert jeden“, dachte ich.
Darauf: freundliche Antwort. Der Text gefiel. Ich google nach ihm, der Name war auf der Webseite. Ich fand raus, dass er ein Wessi war, nach der Wende geboren. Das ist nichts besonderes.
Was mich aber mehr interessiert hat war, dass ausgerechnet er während seines Studiums in Halle mal bei einer Auswertung von Protokollen, in denen es um zwangsexmatrikulierte Studenten aus den Sechziger Jahren ging – war so um die Zeit des Woodstockfestivals - , dabei war. „Jugend in Aufruhr! Hat wohl seine Schatten bis zu uns geworfen“, dachte ich.
Sie wollten ebenfalls Lehrer werden.

Die Texte, die dabei entstanden sind, kann man nachlesen im WWW. Ich wurde hellhörig. „So ein Zufall“, dachte ich. Schließlich war ich auch geflogen, nur später. Wir hatten aber immer noch DDR. Vieles aus den Protokollen über die Gespräche zwischen Student, Direktor, Mitgliedern der Uni-Leitung kam mir sehr bekannt vor. Da wurde die Einschätzung der FDJ-Gruppe über den Delinquenten verlesen. Bei einem Mädel, 18, war von Bummelei und Männerbekanntschaften die Rede.
Sie passten schon auf im Osten, dass die Studenten die vermeintliche Freiheit an der Uni nicht zu sehr genossen. Sonst ging es ab an die Maschine oder auf den Bau. Da waren sie denn von morgens um sechs bis nachmittags gegen vier unter strenger Kontrolle. Es gab bei uns keinen Achtstundentag.

Der IM in der Seminargruppe hatte gute Arbeit geleistet und alles fein säuberlich notiert. Bestimmt winkte ihm nach Beendigung des Studium eine Festanstellung beim MfS. Seinen Arbeitseifer hatte er ja schon ausreichend unter Beweis gestellt, sich die ersten Sporen verdient. Oder er würde später sein Lehrerkollegium unterwandern.

Was hat man mit 18 anderes im Kopf als …?

Er, gemeint ist der Zeitschriftenherausgeber in spe, wie gesagt im Westen Abi gemacht, wunderte sich, dass man wegen ein bisschen Vorlesungsschwänzen und Rumb... gleich von der Uni geschasst wurde. Wenn ihr mich fragt: „`Ne Hexenverbrennung wär mir angemessener erschienen.“ Er konnte auch nicht verstehen, dass sie das alles so ruhig und widerspruchslos hinnahmen.
Sie und auch die Anderen wehrten sich nicht und diskutierten nicht, ordneten sich den Beschlüssen unter. Er kennt aber auch nicht unsere Schulen. Wer seine Meinung sagte wurde gar nicht erst zum Abi zugelassen. So was haben sie einem aberzogen. Einschüchterung pur.

Dann ging es noch um zwei junge Männer, die sogar auf Lebenszeit oder auf eine unbestimmte Anzahl von Jahren von allen Hochschulen, Fachschulen und Unis der DDR ausgeschlossen wurden.
Mich wollten sie übrigens auch nicht zum Weiterstudieren auf die Fachschule lassen. Wegen Disziplin.
Was hatten sie wohl verbrochen? Ein Mord oder ein Missbrauch von Schülerinnen während einem pädagogischen Praxiseinsatz wird es ja wenigstens gewesen sein bei dem Urteil.
Eigentlich ging es bei den beiden, auf Lebenszeit oder für lange von höherer Bildung Ausgeschlossenen, um nichts Großartiges. Der eine war im dritten Jahr seines Studiums in eine Krise geraten und versäumte Prüfungen, der Andere prügelte sich in einer Kneipe und trank gerne mit Kommilitonen. Da sind sie nicht die Einzigen in dem Alter, die ein bisschen ins Trudeln geraten.
Ist ´ne schwierige Entwicklungsphase. Zwischen Erwachsenwerden und Jugend. Sie hatten auch mitnichten vor, Erich Honecker, damals handelte es sich wohl eher um Walther Ulbricht, und den Sozialismus zu stürzen.


Alle drei waren Jugendliche, die praktisch perspektivlos und brotlos nach dem Gespräch beim Direktor der pädagogischen Hochschule waren und auf die Netzwerke ihrer Familie angewiesen waren. Falls diese welche hatte.
Ich hatte eigentlich mit staatsfeindlichen Meinungsäußerungen gerechnet, die man ihnen zur Last legte. Die drei Pechvögel waren vollkommen apolitisch. Wie ich auch in dem selben Alter. Ich war kein Jürgen Fuchs, auch er exmatrikuliert, aber weil er der Bürgerrechtsbewegung angehörte, davon kannte ich niemanden oder kein Roland Jahn, der gegen die Biermannausbürgerung protestierte und in Marxismus-Leninismus schräge Reden führte. Natürlich auch gefeuert.

Der FDJ-Sekretär verlas die Anklagepunkte und seine Seminargruppe musste über seinen Rauswurf abstimmen. Genau wie bei mir. Bloß, dass es nicht politisch war. Bei ihm stimmte nur einer dagegen, bei mir keiner. Auch die, die ich für Freunde hielt, hoben den Arm nicht. Die meisten DDR-Studenten waren ja völlig überangepasst. Auch bei der friedlichen Revolution von 89 nahmen kaum welche an den Demos teil.
Die beiden Querulanten übrigens auf Lebenszeit von allen Unis, Hoch-und Fachschulen im Arbeiter-und Bauernstaat ausgeschlossen. Später abgeschoben.

Diesen Liedermacher, wegen dem sie so`ne Welle machten, kannte ich überhaupt nicht. Ich hatte nie gegen irgendwas protestiert. Fragte mich doch mal jemand vor ein paar Jahren: „Bist du aus politischen Gründen exmatrikuliert worden. Mit diesen Federn konnte ich mich nicht schmücken und verneinte. Politische Lieder zur Gitarre habe ich leider nicht gesungen. Würde sich aber besser anhören als „Disziplinarische Maßnahme“.

Und er, der aus Wessiland scheinbar anderes gewöhnt ist, wundert sich, dass alle alles so einfach hinnahmen.

Er versteht uns nicht. Man war ein zittriges, armes Würstchen, das vor der Inquisition sitzt und nicht noch Öl ins Feuer gießen will, indem es sich verteidigt. Den Zorn derer, die mächtiger sind als er, nicht noch aufstacheln will. Eigentlich hatte man ja im Kopf damals: „Noch ein paar Widerworte, und sie führen dich in Handschellen ab. Zumindest zerstören sie dir vollendens die Zukunft. Wer weiß, was sie sich noch für Gemeinheiten ausdachten und in deine Akte schreiben würden. Die drei waren keine Helden. Und ich auch nicht.

Studienberatung? Nicht vorhanden!
Rechtsschritte einleiten. Widersprüche einlegen. Davon hatte man noch nie etwas gehört. Die Anwälte waren im Osten ja sowieso alle bei der Stasi. Die würden einem auch nicht helfen. Man nahm Entscheidungen von oben gottergeben wie einen Tsunami, der über einen kam.

Sogar der Basser meiner Lieblingsband, der an der Hans-Eisler studierte, nahm seine Zwangsexmatrikulation widerspruchslos hin. Das war am Ende von den Achtzigern. Der Grund für seinen Rausschmiss war, dass er in einer Anarchoband** spielte, wie sein Prof ihm im Vertrauen sagte.
Wenn nicht mal er was gebacken gekriegt hat, wie sollte ein kleines Licht wie ich sich denn auflehnen gegen den Rausschmiss.
Von der Band war übrigens die Hälfte auch bei der Stasi oder wenigstens zeitweise dabei gewesen. Kam nach der Wende ans Tageslicht.

Wenn ich es mir recht bedenke, so eine Art Zwangsexmatrikulierten-Urkunde oder ´nen schriftlichen Bescheid mit Begründung habe ich eigentlich nie in die Hand bekommen. Ich hatte auch keine Ahnung, was damit verbunden war. „Ob sie mich auch auf Lebenszeit gesperrt haben?“, frage ich mich heute, nachdem ich das mit den Hallenser Studenten gelesen hatte.
Das wusste ich gar nicht. Heute herrscht vielleicht zu viel Papierkrieg, damals wurde das mit dem Schriftlichen locker gehandhabt. Auch wenn zufällig deine ganze Zukunft daran hängt. Musste ich eigentlich unterschreiben, dass ich mit allem einverstanden bin? Ich glaube eher nicht.

Mein Chef, er kommt aus dem Hessischen, ist auch so ein Wundertyp. Er konnte sich mal nicht mehr einklinken vor Staunen, als ich ihm erzählte, dass ich mal bei einer Bewerbung nicht genommen wurde – war noch vor dem Fall der Mauer – weil in meiner Kaderakte eine Pfändung wegen eines Bibliotheksbuches war. 150 Mark. Das war damals ein Drittel von meinem Gehalt. Ich hatte Freundinnen mit dem Buch hingeschickt. Sie wollten Bares sehen. Es wurde immer mehr.
Nach einem Umzug dachte ich, ich bin aus dem Schneider. Irrtum. Ohne mir etwas Schriftliches zuzusenden, pfändeten sie einfach von meinem Gehalt. Als ich mich auf einer neuen Arbeitsstelle bewerben wollte, stellte sich heraus, dass ich deswegen stigmatisiert war und wohl als kriminell abgestempelt galt. Gott sei Dank fiel nicht lange danach die Mauer.

Die schrecklichen Kaderakten wurden obsolet. Ich versteh heute noch nicht, warum sie die Leute wegen jedem Kleinkram immer gleich so alle machen wollten. Warum sie sich selber Staatsfeinde heranzüchteten? Den Jugendlichen die Zukunft verbauten, wie bei den drei Studenten, total harmlosen Typen. Immerhin mussten wir ja noch bis zur Rente arbeiten. Eben dieser Bescheid, gemeint ist die Prognose über ihre Höhe, den sie dir jedes Jahr zusenden, und den ich schon gar nicht mehr lese, würde bei mir bestimmt erfreulicher ausfallen, wenn das damals anders gelaufen wär.

Wie es den Dreien wohl noch so ergangen ist. Neunundsechzig. Zwanzig Jahre vor der Wende.

*hier zu lesen

**Freygang
 
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