Sage und schreibe

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Interessant fände ich in Jahren, die ich nicht mehr erleben werde, wie man die Protagonisten heutiger Popliteratur Provenienz einnordet.
LG, John
Geht mir auch so, John. Wer zuletzt lacht usw.? Ja, aber man darf auch nicht zu früh lachen.

Danke für die der Blütenlese gewidmete Aufmerksamkeit. Meine Favoriten in der kleinen Sammlung: "Försterblut" und "geistdurchdunkelt".

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
XXI. Mit reichhaltigem Frühstück

Ich verlasse den Bahnhof der kleinen Stadt und mache mich zu Fuß auf den Weg zum Hotel. Es liegt außerhalb der ummauerten Altstadt. Vor dem Neustädter Tor biege ich in eine Kastanienallee ein. In den schönen alten Villen wohnt kaum noch einer, sie werden überwiegend als Büros genutzt. Es ist schon Feierabend, die Büros sind verwaist und die Parkplätze unter den blühenden Bäumen großenteils leer. Ein Bild des Friedens! Die Firmenschilder glänzen in der Abendsonne. Ein Dentallabor hat ein Spitzbogenfenster mit Milchglas ausgefüllt, das finde ich weniger schön. Der Immobilienmakler daneben versichert: „Wir sind für Sie da seit 1910!“

Halt, denke ich, da stimmt sprachlich etwas nicht. Das ist vor unvordenklichen Zeiten gewesen, für mich hat er damals noch nicht gemakelt. Unvorsichtigerweise beginne ich nachzurechnen und muss bestürzt feststellen, dass mein Geburtsjahr näher am Gründungsjahr der Maklerfirma als an der Gegenwart liegt. Und ich mache mir klar, dass mit jedem Tag in der Zukunft der Abstand zwischen der eigenen Existenz und jenem nebelhaft fernen Jahr 1910 relativ an Bedeutung verlieren muss. Aber so geht es ja allen.

Das „Ascona garni“ dürfte auch aus jener Zeit zu stammen. Es ist in einer geschmackvollen Jugendstilvilla untergebracht. Ich durchquere den Garten, über dem schwerer Fliederduft hängt. Eine Löwenfratze als Türöffner – besser als ein Medusenhaupt. Ich gehe über den roten Läufer auf die Rezeption zu und verwandele mich aus einem Reisenden in einen Gast.

Herr Wechsler, der Direktor, scheint mich gerade jetzt erwartet zu haben. Zumindest behauptet er das, als er mir, noch sehr elastisch für sein Alter, im Foyer entgegeneilt. Dabei hat man sich bloß am Vorabend telefonisch und ohne genaue Zeitangabe angemeldet. Herr Wechsler verhält sich stets so, ohne Ansehen der Person, wie ich im Lauf der Zeit feststelle. Womöglich ist Herr Wechsler nicht nur der Direktor des Hotels, sondern auch dessen einziger Angestellter. Nur ihn bekommen die Gäste beim Empfang wie beim Frühstück zu Gesicht. Wahrscheinlich hat er für die Zimmer eine Hilfe – sie könnte übrigens gründlicher sein.

Der Direktor ist eine gepflegte Erscheinung, nur seine Munterkeit etwas verdächtig. Er redet gern und viel, geht auf Fragen nicht immer ein, stellt seinerseits Gegenfragen und nimmt die Antworten darauf oft nicht einmal zur Kenntnis. Falls er nicht schwerhörig ist – sollte er etwa trinken? Das würde auch den Tremor erklären. Es kann ferner vorkommen, dass er dem Gast einen falschen Zimmerschlüssel aushändigt. In diesem Fall geht man wieder hinunter und bekommt sogleich den richtigen. Während ich mir die nicht enden wollenden Entschuldigungen geduldig anhöre, kommt mir der Mund des übereifrigen Direktors allmählich näher und ich nehme nun auch den typischen Geruch wahr. Davon abgesehen ist das „Ascona garni“ ein mehr oder weniger adrettes Haus, durchaus zu empfehlen.

Das Frühstück ist für ein Haus dieser Größe ungewöhnlich reichhaltig. Da wird wirklich alles aufgeboten. Nicht nur dass Herr Wechsler Brötchen, Kaffee, frische Wurst und frischen Käse samt Butter und einem Ei auf den Tisch bringt – Konfitüre und Honig stehen auf ihm schon bereit -, er ermuntert mich noch, mich nach Belieben am Buffet zu bedienen. Es gibt also noch ein Frühstücksbuffet zusätzlich? Bei so wenigen Gästen? Dort drüben warten Säfte, Flocken, diverse Brotsorten, wohl frisch angemachte Salate, Frikadellen, sogar Rollmöpse, eingelegte Eier und noch vieles mehr. Es fällt mir schwer, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich schenke mir ein Glas Saft ein, gieße Milch über das Müsli, meide instinktiv den leckeren Fleischsalat und nehme nur noch eine abgepackte Ecke Weichkäse mit.

Herr Wechsler kommt erneut zu mir, jetzt nur, um Gesellschaft zu leisten. Ein Einzelreisender erregt nun einmal leicht Mitleid. Der Direktor verkürzt mir die Mahlzeit, indem er seine berufliche Laufbahn schildert. Überall sei er schon gewesen, auf Sylt, in Bad Pyrmont, in Reichenhall … Die Gesellschaft schicke ihn überall hin, wo Betriebe zu sanieren und rote Zahlen zu beseitigen seien. Er ist sichtlich mit sich zufrieden und bläst den Rauch seiner Zigarette in meine Richtung, wo ich in einer Polsterecke wie gefangen sitze und nicht ausweichen kann. Herr Wechsler hat es sich schräg gegenüber bequem gemacht.

Plötzlich ekele ich mich. Der Weichkäse, den ich für lange haltbar angesehen habe, ist stark verschimmelt … Und ich habe, abgelenkt vom gut geölten Redefluss, schon die halbe Ecke verspeist! Der Ekel wird rasend schnell zum Brechreiz. Ich stoße im Aufspringen gegen den Tisch, dränge mich am Direktor vorbei, indem ich hinter der vorgehaltenen Hand ein leises „Pardon!“ hauche, und erreiche mit Mühe den Waschraum.
 
XXII. Die Toten werden jünger

Da hat einer Ausschnitte aus Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von 1971 ins Netz gestellt. Ich habe den Film nur einmal gesehen – 1972 – und bin jetzt neugierig, ob ich auf bekannte Gesichter stoße. Ich mache zwei Entdeckungen …

Da ist Henny, der Wirt der „S-Bahn-Quelle“ - ich weiß nicht, ob er es damals schon war; ich bin ihm erst in den folgenden Jahren begegnet. Die „Quelle“ lag in Charlottenburg, an einem stark verkommenen Durchgang zwischen dem Stadtbahnviadukt und hohen alten Häusern. Noch immer ist dort der Zugang zum S-Bahnhof Savignyplatz – doch die Ecke ist sehr verwandelt. Wo seinerzeit eine stimmungsvolle Szene für „Cabaret“ gedreht werden konnte, findet man jetzt nur eine langweilige Gasse zum Shoppen vor. Und ausgehen? Ja, wenn man braver Mittelschichtler und am besten auch noch Tourist ist.

Henny spielt sich selbst, d.h. er „tölt“, er macht sich schlangenhaft an diesen oder jenen ran, um im letzten Moment neckisch zurückzuweichen. Man weiß nie, über wen er sich mehr amüsiert, über sich selbst oder sein jeweiliges Gegenüber. Genauso wie im Film trat er als Kneipenwirt auf. Mit Parodie und Selbstpersiflage machte er sich weniger zum Affen als zu einer Art Mutter Courage der Ledermänner. Sein Lokal florierte einige Jahre lang auch dank emsigen Besuchs von Strichjungen wie von linken Studenten. Das Interieur: schmutzstarrend, die Angestellten: erbarmungswürdig. Barry Graves war dort Stammgast, Praunheim sah man manchmal, Fassbinder, wenn er in der Stadt war. 1975 wurde eine Konkurrenz eröffnet und die „Quelle“ verödete rasch. Brachte sich Henny deshalb nach einiger Zeit um? Möglich, ich weiß es nicht. Ich habe seine weitere Geschichte im Kopf, wenn ich mir seinen Auftritt bei Praunheim jetzt ansehe. Er übt gewissermaßen noch. Es ist derselbe Mensch, nur jünger. So kenne ich ihn und habe ihn so jung doch real nie gesehen.

Noch irritierender erlebe ich den gleichen Effekt bei Manfred Salzgeber. Er gibt im Film von 1971 einen speziellen jugendlichen Liebhaber, halb junger Groucho Marx, halb Alain Delon. Noch ist er hübscher, als ich später für möglich gehalten hätte, dabei eloquent, diskutierfreudig und von behänder Beweglichkeit. Dass der professionelle Cineast Salzgeber selbst schauspielerisches Talent besaß, ist neu für mich. Nicht vor der Mitte der Siebziger lernte ich ihn bei Gesprächen flüchtig kennen, und wir unterhielten uns länger erst nach meinem Weggang von Berlin. Ich traf ihn einmal in Amsterdam, wo er für Zeitungen schrieb, und er erklärte mir die soziale Unruhe, die gerade im Tulpenstaat herrschte. Später kam er ab und zu nach Hamburg, um neue Filme anzusehen – er war jetzt auch Filmverleiher -, und lief mir dann nachts über den Weg.

Ein letztes Mal sah ich ihn 1985. Wir redeten kurz über den Film eines gemeinsamen Bekannten, dann erzählte er mehr als sonst von sich selbst. Ich habe mir immer gesagt, erklärte er mir, wenn du erst mal vierzig bist, fickst du weniger und schreibst mehr … Er sprach von Verträgen für Drehbücher und skizzierte mir den großen Roman, den er zu schreiben begonnen hatte. Er kam ohne falsche Bescheidenheit aus: Man wird vielleicht einmal an Dostojewski denken … Ich finde insoweit keine Spur einer Veröffentlichung. Er sagte auch schon einschränkend: Falls ich nicht zuvor von einer Seuche hinweggerafft werden sollte … Im August 1994 ist er an AIDS gestorben, vier Wochen vor Barry Graves.

Damals lud er mich am Schluss auf ein Bier ein – es war das Bier, das gewöhnlich mehr bedeutet. Ich sagte nein, und er empfahl sich rasch. Wenn ich ihn von nun an für immer fortgehen sehe, dann tut er es nicht länger auf die bisher von mir erinnerte Weise: skeptisch, gedankenvoll und durchaus nicht mehr jung, sondern mit dem Elan, dem Optimismus und der Jugendlichkeit aus Praunheims Film. Meine Toten werden jünger. Ich erlebe sie posthum auf eine Weise, wie sie mir zu ihren Lebzeiten nie begegnet sind. Es sind noch entwicklungsfähige Wesen. Wahrlich, das sind jetzt Zeiten, in denen die Zeit rückwärts zu laufen beginnt.
 
XXIII. Tucholsky rüffelt Brecht: Keine Plagiate!

Immer neue Fälle von Plagiaten führen zu immer derselben verengten Diskussion. Sie erschöpft sich in der Regel im Beharren auf dem Rechtsstandpunkt. Jenseits von ihm ist nichts denkbar, nicht diskutierbar. Der Schutz geistigen Eigentums scheint zu den Grundwerten zu gehören, die man immer und unbedingt zu verteidigen hat, auch gegen Relativierung. Gewöhnlich wird als Grundmuster dieses Bild gezeichnet: Schwächliche, unbegabte, faule Zeitgenossen bedienen sich der Werke anderer, indem sie Teile davon als eigene Schöpfung ausgeben. Der Vorgang ist immer parasitär, führt zur Schwächung des ehrlich arbeitenden, leistungsfähigeren Autors. Die Wegrichtung ist gewöhnlich die vom Höheren zum Niedrigeren, vom Besseren zum Schlechteren.

Mir kam in diesen Tagen eine Erinnerung an einen sehr alten Text. Ich ziehe daraufhin einen Band Tucholsky aus dem Regal und finde, was ich suche: Der Artikel „Die Anhängewagen“ ist im Mai 1929 in der „Weltbühne“ erschienen und gegen Bertolt Brechts Umgang mit fremdem Eigentum gerichtet. Tucholsky beginnt mit Brecht und endet mit ihm. Dazwischen zieht er noch gegen, wie er es sieht, parasitären Umgang mit fremden Lebensläufen in Biografien zu Felde und verurteilt beispielsweise Stefan Zweigs Arbeitsweise scharf. Aber Brecht bleibt doch der eigentliche Adressat. Tucholsky bezieht sich vor allem auf dessen „Dreigroschenoper“ und auf missbräuchliche unautorisierte Verwendung fremder Übersetzung: „Es ist Bert Brecht nachgewiesen worden, dass er bei einer Übertragung aus dem Französischen einen Übersetzer bestohlen hat. Er hat darauf geantwortet: das beruhe auf seiner grundsätzlichen Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. Das soll sehr rebellisch klingen – es ist aber nur dumm.“ Am Ende des Artikels kommt Tucholsky selbst darauf, dass außer Dummheit auch Geschäftstüchtigkeit eine Rolle spielen könnte. Erst als die „Dreigroschenoper“ kommerziell ein großer Erfolg geworden war, schlüpfte Brecht, für Tucholsky unerträglich, vollends in die Rolle des Autors. Tucholsky kommt nicht auf die Idee, dass gerade das zum weiteren anhaltenden Ruhm des Werks noch beitragen könnte.

Profitiert hat Brecht auch von der Arbeit mehrerer Frauen, die nacheinander oder zur selben Zeit mit ihm zusammenlebten. Sie arbeiteten ihm zu, texteten fleißig und fügten nicht unwesentliche Bausteine in sein Gesamtwerk ein. Zumeist wurden sie als Mitautorinnen nicht angegeben. So trugen sie mit an der Arbeitslast, trugen bei zu seinem Ruhm, aber eben auch zur Aufnahme des gemeinschaftlich entstandenen Werks in den Kanon der Weltliteratur. Ihre Rolle bei der Entstehung des Werks wurde im Lauf der Zeit immer wieder von anderen kritisch durchleuchtet, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Manche erklären Brechts Verhalten als schäbiges Ausnutzen der Arbeitskraft von auf die eine oder andere Weise von ihm abhängigen Frauen. Andere wiederum sehen die Kooperation im Kontext eines damals neuen, unter Progressiven sehr populären Ideals gemeinschaftlichen Arbeitens. Feststellen darf man, dass sich Rang und Nachruhm z.B. von Elisabeth Hauptmann wesentlich aus ihrer Stellung innerhalb des Brecht-Kollektivs speist. Und: Die „Laxheit“, deren Brecht sich rühmte, war außerordentlich produktiv. Die Marke „Brecht“ setzte sich auf Dauer durch. Wer hatte und hat den größeren Nutzen davon, der Autor selbst oder wir, die Nachwelt?
 

John Wein

Mitglied
OTE="Arno Abendschön, post: 823715, member: 12914"]
Der Schutz geistigen Eigentums scheint zu den Grundwerten zu gehören
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Scheint nicht, es gehört dazu!, denn auch geistiges Eigentum ist persönliches Eigentum, also Besitz, der in diesen Fällen zur eigenen Bereicherung auch entwendet werden kann. Wenn Brecht den (geistigen) Diebstahl mit Laxheit im Umgang mit fremden Werken bezeichnet, mag das damals mit einer abgeltenden Handbewegung folgenlos entschuldigt worden zu sein, heute hat es mit Recht Konsequenzen.

Es gab das nicht nur in der Literatur, auch z.B. in der Malerei. Die großen Meister der Kunst saßen keineswegs immer persönlich an der Staffelei, sie hatten eine Werkstatt mit vielen "Handwerkern" der künstlerischen Pinselkunst und webten dann vielleicht, haste was kannste, eine Haarsträhne ins Portrait. Die Nachtwache von Rembrandt z.B. hat das Genie nicht allein ausgeführt, sein Leben wäre zu kurz für die vielen weiterenBilder gewesen. Die Werke (siehe Werkstatt!) bezeichnen den Meister als Urheber manchmal versehen mit "nach" oder sogar "Werkstatt von.... Diese Geschichte wäre heute undenkbar!

Aber generell, lieber Arno, lässt sich darüber trefflich argumentieren und streiten. In dem Sinne!

Gruß, John
 
Scheint nicht, es gehört dazu!, denn auch geistiges Eigentum ist persönliches Eigentum, also Besitz, der in diesen Fällen zur eigenen Bereicherung auch entwendet werden kann.
Lieber John Wein, bei der Formulierung "Grundwerte" habe ich an den entsprechenden Katalog in Art. 2 des Vertrages über die Europäische Union gedacht:

Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.

Der Rechtsschutz geistigen Eigentums hat nicht diesen absoluten Vorrang.

Was du über frühere Praktiken in der Malerei schreibst, belegt den kulturellen Wandel, der im Lauf der Zeit stattgefunden hat. Dieser Prozess dürfte jedoch nicht für alle Zeiten zum Stillstand gekommen sein. Neue Techniken der Verbreitung, massenhafte Produktion wie massenhafter Konsum geistiger Güter haben die Realität gegenüber der Situation im 19. und im größten Teil des 20. Jahrhunderts schon sehr verändert und werden dies weiterhin tun, so dass es früher oder später auch zu Änderungen im Recht kommen wird. Der Rechtsschutz ist doch schon heute in der Breite gar nicht mehr gegeben.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
XXIV. Stehende Ewigkeit in Lichtenrade

An diesem Spätsommernachmittag sitze ich wieder einmal mit Sascha in einem Café in Berlin-Lichtenrade. Gemeinsam schweigen wir und ich hätte Zeit, mich an so viel mit ihm Unternommenes zu erinnern. Stattdessen wenden sich die Gedanken sehr viel länger Zurückliegendem zu. Ich mache mir klar, dass dies ein Zeichen des Alterns ist: Das Vergangene kann in beliebiger Reihenfolge aufgerufen werden, und was vor sieben Jahren war, erscheint dabei nicht bedeutender, nicht eindrucksvoller als das von vor sieben mal sieben Jahren. So lange ist das wirklich schon her und ich erinnere mich so genau noch an manche Details?

Damals unterhielt ich einige Monate lang ein, mit Verlaub, Fickverhältnis zu einem jungen Mann aus Lichtenrade. Gewöhnlich kam Axel zu mir nach Moabit, nur selten war ich bei ihm, einmal an einem Freitagabend, mit der Einladung verbunden die Information, Onkel Hans würde uns beim Abendessen Gesellschaft leisten. Der scherzhaft als Onkel Bezeichnete war Axels väterlicher Liebhaber, älter als wir beiden jungen Männer zusammen. Er war ihm Vater- und Mutterersatz, seine Stütze und sein Rettungsanker und sein Bettgespiele. Stell dir vor, sagte Axel einmal mit gesenkter Stimme, als wäre das Folgende nicht sehr rühmlich, Onkel Hans war Soldat bei der Wehrmacht, er hat sogar am Schluss den Krieg im Osten noch mitgemacht …

An jenem Abend aßen wir also zu dritt in Axels Ein-Zimmer-Wohnung. Onkel Hans kannte ich schon, ich hatte einmal mit Axel bei ihm Kaffee getrunken. Der Onkel hatte sympathisch gewirkt, unkompliziert, kein Anzeichen von Eifersucht festzustellen. Jetzt beim Essen stellte ich mir den Mann von damals um die Fünfzig wie unter Zwang immer wieder in Feldgrau vor. Der Krieg kam nicht zur Sprache, war dennoch in meinem Kopf gegenwärtig. Ein Vexierbild trieb da sein Unwesen, mal war es Axels viel älterer Geliebter, mal ein Brustbild meines eigenen, noch sehr jungen Vaters in Wehrmachtsuniform. Jahrzehnte behauptete es seinen Platz auf Mamas Vertiko, und wie sehr es mich bei meinen immer seltener werdenden Besuchen irritierte, dieses Foto aus Russland mit seiner unveränderlichen halbschüchternen Jungmännlichkeit, wie festgefroren, während ich mich rasch immer weiter zu entwickeln glaubte. Onkel Hans erschien mir nun unvorstellbar alt, er wirkte geradezu unnatürlich alt. Heute, wieder einmal in Lichtenrade und fast fünfzig Jahre später, versetze ich mich in seine Rolle damals und konfrontiere ihn erst mit den zwei blutjungen Männern am Tisch ihm gegenüber und gleich danach, ohne ihn selbst weiter altern zu lassen, mit mir, so wie ich gerade mit Sascha Kaffee trinke. Wie jung mir der Onkel auf einmal vorkommen muss … Seltsame Experimente mit der Zeit und ihren schwankenden Gestalten sind das.

Wir plauderten damals nur über Unverfängliches, auch nach dem Essen noch. Als der Beschluss gefasst war, zu Bett zu gehen, nahm mich Axel neben seinem Lager beiseite, während der Onkel weiter auf dem Sofa saß. Du gefällst dem Onkel auch, sagte Axel leise, kann er zu uns kommen – also eine Sache zu dritt? Ich lehnte flüsternd ab und Axel überbrachte die Botschaft dem Onkel, für mich kaum hörbar. Für ihn wurde dann rasch auf dem Sofa aufgebettet. Während ich kurz darauf Axel im Bett umarmte, hörte ich ihn im Geist zum Onkel sagen: Laden wir ihn für Freitag zum Essen ein und nachher sehen wir ja, wie er reagiert, du weißt schon … Onkel Hans musste noch wach liegen, und ich versuchte, das Peinliche unserer Lage wegzuküssen. Am anderen Morgen gaben wir uns alle drei unverändert gleichmütig. Axel erzählte beim Frühstück vom Abflammen seiner Zimmertür. Er hatte sie erst bemalt, dann ausgehängt und auf den Hof transportiert. Bei seinem Hantieren mit dem Gasbrenner seien die Nachbarn unruhig geworden. Kann sich aber sehen lassen, sagte Axel, sieht neu und doch irgendwie auch alt aus, richtig chic, oder?

Den Onkel bekam ich danach nie wieder zu Gesicht. Axel blieb mir noch eine Zeitlang erhalten. Aber tatsächlich verloren habe ich beide nie, auf Dauer sind auch sie Teil meiner Entwicklung, meiner Geschichte, meiner Wirklichkeit, nicht anders als Sascha, mit dem ich jetzt gerade das Lichtenrader Café verlasse.
 

John Wein

Mitglied
Ja Arno,

Dejavus treiben mitunter ein inspirierendes und aufregendes Spiel in unserem Kopf. Die Erinnerungen verschmelzen dabei auf wundersame Weise oft sogar zu spürbaren Nachempfindungen und Gefühlswallungen. Als Zeit- und Geschichtserinnerung empfinde ich sie in deiner Tagebuchgeschichte als berührend und einfühlsam verfasst.

Ein interessantes Thema! Und, schreiben kannst du!

LG John
 
Danke, John Wein, für verständnisvolle Bemerkungen. Da wir hier im Tagebuch sind, kann ich ja noch etwas zum Thema Passendes anhängen. Vor einigen Jahren hatte ich in der Mediathek eines TV-Senders ein unerwartetes Déjà-vu-Erlebnis - ich stieß auf eine ausführliche Dokumentation über einen alten Mann, dessen viel jüngere Erscheinung ich einige Jahre davor bereits zu einer Romanfigur gemacht hatte. Es war hochgradig ernüchternd. Da waren noch immer die von mir seinerzeit festgestellten und sehr geschätzten Wesenseigentümlichkeiten, aber sie hatten sich im Lauf der Zeit zu etwas schwer erträglich Banalem zersetzt, waren ein wenig wie ranzige Butter geworden. Meinen elegischen Romanschluss hätte ich mit Kenntnis dieser Entwicklung so gar nicht schreiben können. Dabei war sie mit etwas Lebenserfahrung durchaus vorhersehbar gewesen. Was das Leben eben so mit uns macht: Wein in Wasser verwandeln. Das wäre mal ein lohnendes Thema für erzählende Literatur. Ich fürchte nur, es wird kaum Autoren und noch weniger Leser geben, die so etwas inspirierend finden.

Freundliche Grüsse
Arno Abendschön
 


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