Flossenbürg oder ein Tagbuch von einer Reise, die noch ansteht

Anonym

Gast
Seit über einem Jahr arbeite ich das Leben meiner Großmutter auf. Oh, Ahnenforschung, interessant, habe ich auch schon einmal gemacht, wird der eine oder andere sagen. Und ich muss zustimmen: Was man alles über seine Vorfahren erfahren kann, ist spannend. Die Heilmanns, also meine Namensgeber, stammten aus Geiselbach, einer Gemeinde in Unterfranken in der Nähe von Aschaffenburg: eine weitverzweigte Familie. Einer meiner Verwandten schaffte es zu einer Berühmtheit. Seine Baufirma Heilmann & Littmann errichtete das Münchner Hofbräuhaus und andere Gebäude in dieser Stadt. Sogar in Baltimore ließen sie sich nieder, und daraus erwuchs ein loser E-Mail-Kontakt zu meiner Cousine 4. Grades aus Arizona. Ein anderer Teil meiner Vorfahren stammte aus Krebeck: Eisfeld in der Nähe von Duderstadt. Einmal war ich dort, schritt über den dortigen Friedhof und stellte an den Namen fest, dass ich mit vielen, die dort ruhten, verwandt bin. Auch einen Zweig der Knöchelmanns verschlug es in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Chicago. Ja, Ahnenforschung ist faszinierend. Ich erfuhr etwas von meinem Urgroßvater: Waisenkind. Sein Vater verstarb, als er sechs, seine Mutter, als er vierzehn war. Einen Bruder, eine Schwester und einen Halbbruder hatte er. Dass er existierte, wusste ich – nicht nur aus der Logik, dass jeder Mensch einen hat, sondern weil meine Urgroßmutter und meine Großmutter von ihm erzählten: nicht viel, nur das Nötigste. Die Ehe meiner Urgroßeltern wurde 1936 geschieden und meine Urgroßmutter heiratete 1940 erneut. Aber dass meine Großmutter zwei Onkel und eine Tante hatte, erfuhr ich nicht. Dabei verstarb mein Urgroßvater erst 1971, also nach meiner Geburt, und sein Bruder 1986. Mein Großvater stand 1936 unter der Beobachtung der Gestapo, und in einem der Briefe meiner Großmutter schrieb sie, dass er zweimal inhaftiert wurde. In Haft war er bereits in den 20er-Jahren. Neun Monate saß er in Hameln ein wegen Diebstahls und Unterschlagung. Als Kind war er im Erziehungsheim Kalandshof bei Burgwedel, aus heutiger Sicht eine schreckliche Anstalt.
Dieses ist nicht der Grund, warum ich diese Reise begonnen habe. Es geht um meine Großmutter, ihr Leben von 1940, kurz nachdem sie meinen Vater zur Welt gebracht hatte, bis 1945. Auch sie war Heimkind, stand unter katholischer Obhut. Aber das ist, wie bereits Walter Kempowski schrieb: Ein Kapitel für sich. Fünf Stunden trennen mich von meinem Ziel. Genug Zeit, um nachzudenken. Fünf Stunden für mich. Bei meiner Großmutter waren es fünf Jahre. Die besten Jahre eines Lebens, wie man gern sagt: vom 18. bis zum 22. Lebensjahr. Die Jahre, in denen man die Welt erkundet, sich von den Eltern lossagt, um vielleicht am Ende dieser Sturm-und-Drang-Zeit selbst eine Familie zu gründen. Diese Jahre raubten ihr die Nazis. Sie sperrten sie in Schutzhaft. Jedoch nicht um sie zu schützen, sondern den deutschen Volkskörper vor ihr. In zwei Gefängnissen und sechs Lager sperrten sie meine Großmutter ein: Gestapo-Gefängnis Hütten (Hamburg), Mädchen-KZ Uckermark, Frauengefängnis Berlin, KZ Ravensbrück, Arbeitsaußenlager Zwodau, Holleichen und Oederan letztendlich Theresienstadt Ghetho. Dreimal floh sie: von Wolfenbüttel nach Hamburg, aus dem Mädchen-KZ Uckermark und am 20. Juli 1944 mit ihrer Mitinsassin Josefine Nick aus dem Außenlager Zwodau. In den Lagern zwang die Staatsmacht sie unter erbärmlichen, unmenschlichen Bedingungen für den Endsieg zu schuften. Sie nähte, vielleicht waren es Uniformen – das Schneiderhandwerk hatte sie gelernt –, baute Instrumente für Flugzeuge und fertigte Munition für die Front. In einem Lager arbeitete sie nicht, dort folterte man sie: Flossenbürg. Zweimal war sie dort: nach ihrer Flucht aus Zwodau und nach dem Lager Holleichen wegen Sabotage, wie sie schrieb. Sie kam danach nach Oederan. Mitinsassen schrieben später, sie hätte unter ‚jüdischer Haft‘ gestanden. Deswegen überlebte sie in Theresienstadt. Ich fuhr weiter. Ein KZ zu besuchen, war eins, aber Flossenbürg für mich etwas anderes. Es würde nicht das erste für mich sein. In der elften Klasse war ich in Buchenwald gewesen: Politfahrt in die DDR. Die Kulturstädte Dresden und Weimar standen genauso auf dem Programm, wie das Treffen mit FDJlern. Nichts Neues für mich, denn ich hatte Verwandte in Magdeburg. Aber an Buchenwald kann ich mich nicht mehr erinnern: verdrängt, aus meinem Gedächtnis getilgt. Ich kann mir vorstellen, wie erbärmlich es mir ging. Der Führer der Tour, erzählte und ich dachte an meine Großmutter. Eins vergaß ich nicht, hat sich in meinem Gehirn eingeprägt. Vor jeder Studienfahrt bespricht eine Klasse die Fahrt. Die NS-Zeit und Buchenwald waren bei uns gewiss ein Thema. Ein Lehrer, ich weiß nicht mehr, wer es war, fragte uns, was unsere Großeltern während der Zeit gemacht hätten. Sicher berichtete, der eine oder andere, dass sein Großvater bei der Wehrmacht gewesen war oder aus Schlesien geflüchtet war. Als ich an die Reihe kam, und nichts dergleichen zu berichten hatte, sagte ich, meine Großmutter wäre im KZ gewesen. Der Lehrer fragte mich, ob ich jüdische Vorfahren hätte, was ich verneinte. Anstatt mich aufzufordern, meine Großmutter als Zeitzeugin einzuladen, gab er mir zu verstehen, sie sei zu Recht dort gewesen. Was unternahm ich? Nichts. Ich ging nicht zu ihr, berichtete ihr darüber, forderte sie auf, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Vielleicht hatte ich Angst, dass sie von dem Sockel fiel, auf den ich sie bereits gestellt hatte. Für mich stand sie als Widerstandskämpferin gegen den Faschismus auf gleicher Höhe wie die Geschwister Scholz. Meine Recherchen führten dazu, dass ich überhaupt nicht so falsch lag. Soweit ich es beweisen kann. Muss ich es? Warum sind die Aussagen der Leidtragenden weniger wert als die der Täter? Erst Recht dann, wenn diese bereits überführt sind. Es bleibt für immer im Dunkel der Geschichte, was meine Großmutter tat. Ich gehe davon aus, dass sie in der Zeit, in der sie sich in Hamburg versteckte, nicht die Hände in den Schoß gelegt hatte. Das war nicht ihre Art. Man hat sie schlicht bei der Tat nicht erwischt. Weswegen sie floh, scheint aus den Unterlagen plausibel. Sie gebar meinen Vater in einem Mutter-Kind-Heim in Hannover. Danach hatte sie für ein halbes Jahr zusammen mit meinem Vater einen Aufenthalt in Popenhagen nahe Hannover. Davon kehrte sie jedoch nicht zurück, brachte meinen Vater zu meiner Urgroßmutter. In einem Dokument schrieb sie später, dass sie sich nicht der Musterung zum Arbeitsdienst verweigert hätte, sondern bereits dort gewesen wäre. Warum hatte ich sie nie gefragt? Sie starb, da war ich bereits 25. War es meine Scham oder weil sie damit abgeschlossen hatte? Sie berichtete, jedoch nicht im Zusammenhang. Das, was sie erzählte, passt zu dem, was ich im vergangenen Jahr erfuhr. Ich las ihre Briefe und hatte den Eindruck, als hätte ich neben ihr gesessen, während sie diese mit ihrer Reiseschreibmaschine schrieb.
„Woher soll ich drei Zeugen bekommen, die sind doch alle tot.“
Sie zeigte mir die Nummer, die man ihr unterhalb der Achseln in den Oberarm tätowiert hatte. Damals habe ich sie mir nicht gemerkt, heute kenne ich sie: 50282.
Ihr Bemühen führte schlussendlich zu einem Erfolg. Ihr wurden Rentenjahre gutgeschrieben. Vielleicht bekam sie auch ein paar Mark. Allerdings rehabilitiert wurde sie erst 2020, als der Bundestag, die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ als Opfer des Nationalsozialismus anerkannte. Opfer? Als hätte sich meine Großmutter geopfert oder wäre zufälligerweise Ziel einer Straftat gewesen. Sie war Verfolgte. Opfer war mein Vater. Kollateralschaden. Ohne Mutter, ohne Vater – mein Großvater ist unbekannt – wuchs er bei seiner Großmutter auf, sprach sie Mama an, wie ich sie mit Oma. Meine Großmutter lernte ich erst später kennen. Was geht in einem Kind vor, zu dem in einer Kleinstadt, in der fast jeder wusste, dass seine Mutter seine Großmutter war? Fast jeder wusste, an welchem Ort und weswegen seine leibliche Mutter während der NS-Zeit sich aufgehalten hatte. Einen Satz von ihm vergesse ich nie. Er berichtete, dass er nicht immer ein Waisenkind in der Schule gewesen war oder dass ihm der Diebstahl vorgeworfen wurde, obwohl er es nicht getan hatte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Dass er mit vierzehn das Weite suchte, dieser piefigen Kleinstadt entfloh, zur See fuhr, ist verständlich. Wenn er noch leben würde, dürfte er seit dem Bundestagsentschluss, als Opfer nach vergangenen 75 Jahren einen Antrag auf kostenlose psychologische Beratung stellen. Ich bin berührt.
Mein Weg führt mich weiter durch die deutschen Lande und mir wurde es bange um die Zukunft, um meine Tochter. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Plakate der Partei, die sich für das Wohl des deutschen Volkes bemüht. Habt ihr nichts gelernt? Nein, ich mache euch, die ihr dieser Ideologie hinterherlauft, und ihr, die ihr euer Kreuz an jener Stelle auf dem Wahlzettel markiert, keine Vorwürfe. Aber alle Menschen sind gleich, besitzen einen Verstand, den jeder nutzen sollte. Für euch ist die NS-Zeit bloß ein Kapitel in einem Geschichtsbuch, gleichbedeutend mit dem Kaiserreich. Ihr habt keine emotionale Bindung. Einverstanden, auch unter euren Vorfahren gab es Opfer. Nicht alle Soldaten gingen freiwillig an die Front, jedoch wurden sie nach dem Krieg geehrt. Gewiss gab es Großeltern, die ausgebombt, geflohen oder gar gestorben waren. Mein Leid ist mit allen Opfern. Allerdings waren sie, wie bei meinem Vater – das meine ich nicht abwertend – Kollateralschaden. Leid kann man nicht steigern. Es existiert aber ein kleiner Unterschied. Dies ist der Grund des Leids: Massenmord. Der Unterschied zwischen gezieltem, staatlichem Massenmord und leidtragende eines erbärmlichen Krieges. Wenn, dann zusätzlich die Überlebenden des Massenmordes als „Volksschädlinge“ stigmatisiert werden, einem demokratischen Staat nicht würdig. Denkt darüber nach, welchen Rattenfängern ihr hinterherlauft. Denn auch ihr seid stets ein Teil einer Minderheit: alles eine Sache der Definition.
Ich erreiche Bayern, denke an den morgigen Tag und mir schnürt sich die Kehle ein. Wie ich bereits ausführte, ein KZ aufzusuchen, belastet mich. Dazu muss ich mich überwinden. Ich denke an die Internierten, die nach Jahren diesen Gang gingen, und ziehe vor ihnen meinen Hut. Wenn mich, als direkter Angehöriger, schon ein mulmiges Gefühl plagt, welche Qualen erlitten sie? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen. Wovor ich jedoch am meisten Bammel habe, ist der Ort, an dem meine Großmutter in Flossenbürg einsaß: der Bunker oder, wie Frau Nick schrieb, die Todeszelle. Er war einer der schrecklichsten Orte in Flossenbürg. Dort wurde sie gefoltert. Dort fesselten sie meine Großmutter bäuchlings auf den Bock, derart fest, bis die Haut sich spannte. 25 Peitschenhiebe. Hört sich eigentlich wenig an. Aber wer die Berichte der Gefolterten gelesen hat, weiß es besser. Sie waren ausgemergelt von Mangelernährung und Zwangsarbeit gezeichnet. Meine Großmutter war sechs Wochen auf der Flucht gewesen: kein Erholungsurlaub. Jeden Schlag mussten sie mitzählen. Verzählten sie sich, begann es von vorn. Nach den ersten Hieben zerriss ihre Haut. Wie viele es überlebten, ist nicht bekannt. Entweder verstarben sie bereits auf dem Bock oder später an den Folgen.
Ich überlege, ob ich weiterfahre oder mich übergeben soll.
Ich entscheide mich für das Erste, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mir ein Bild mache.
Eins muss ich sagen: Frau Nick und meine Großmutter hatten zu der Zeit, in der sie im Bunker einsaßen, berühmte Zellengenossen wie Dieter Bonhöfer. Er war ein Mann des Widerstands, opferte sich. Worüber hätten sie gesprochen, wenn sie sich unterhalten hätten? Möglicherweise taten sie es und meine Großmutter hatte es mir erzählt? Politik, Religion. Gut, meine Großmutter war Katholikin, er Protestant.
Eins bin ich mir sicher: Falls meine Großmutter wusste, wer noch ein, zwei Zellen weiter einsaß, hätte sie sich gefreut und einen Freudentanz aufgeführt. Dass NS‑Größen Zellennachbarn waren, wussten die Frauen. Frau Nick schrieb es auf. Jedoch einer der Ranghöchsten, wie Canaris es war. Was sie verband, war der 20. Juli 1944, sonst nichts. Ob oder wie man der Gruppe um Stauffenberg gedenken will, ist Ansichtssache. Aber die Tatsache an sich, zu einer Zeit, als nicht einmal aller Opfer und Verfolgten gedacht wurde und sogar Kasernen nach ihnen benannt wurden, ist für mich grenzwertig. Menschen, die zumindest der überwiegenden Zeit der Ideologie des Nationalsozialismus anhingen, gar Täter waren, als Helden zu verehren, ist für mich fragwürdig.

Da ich mir gerade ein Brötchen gegönnt und dieses bezahlt hatte, ersparte ich mir die zweite Variante von vorhin. Mir war es das nicht wert.
 
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