Flossenbürg oder ein Tagbuch von einer Reise, die noch ansteht

ahorn

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Mit 110 km/h, abzüglich aller Fehler sind es gewiss nur 100 km/h, rase ich auf der A 36 gen Osten. Mein kleiner Alter schafft auch gut und gern 140 km/h. Aber über 110 km/h versteht man nicht einmal ein eigenes Wort und ich spreche mitunter mit mir.

Seit über einem Jahr arbeite ich das Leben meiner Großmutter auf. Oh, Ahnenforschung, interessant, habe ich auch schon einmal gemacht, wird der eine oder andere sagen. Und ich muss zustimmen: Was man alles über seine Vorfahren erfahren kann, ist spannend. Die Heilmanns, also meine Namensgeber, stammten aus Geiselbach, einer Gemeinde in Unterfranken in der Nähe von Aschaffenburg: eine weitverzweigte Familie. Einer meiner Verwandten schaffte es zu einer Berühmtheit. Seine Baufirma Heilmann & Littmann errichtete das Münchner Hofbräuhaus und andere Gebäude in dieser Stadt. Sogar in Baltimore ließen sie sich nieder, und daraus erwuchs ein loser E-Mail-Kontakt zu meiner Cousine 4. Grades aus Arizona. Ein anderer Teil meiner Vorfahren stammte aus Krebeck: Eichsfeld in der Nähe von Duderstadt. Einmal war ich dort, schritt über den dortigen Friedhof und stellte an den Namen fest, dass ich mit vielen, die dort ruhten, verwandt bin. Auch einen Zweig der Knöchelmanns verschlug es in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Chicago. Ja, Ahnenforschung ist faszinierend. Ich erfuhr etwas von meinem Urgroßvater: Waisenkind. Sein Vater verstarb, als er sechs, seine Mutter, als er vierzehn war. Einen Bruder, eine Schwester und einen Halbbruder hatte er. Dass er existierte, wusste ich – nicht nur aus der Logik, dass jeder Mensch einen hat, sondern weil meine Urgroßmutter und meine Großmutter von ihm erzählten: nicht viel, nur das Nötigste. Die Ehe meiner Urgroßeltern wurde 1936 geschieden und meine Urgroßmutter heiratete 1940 erneut. Aber dass meine Großmutter zwei Onkel und eine Tante hatte, erfuhr ich nicht. Dabei verstarb mein Urgroßvater erst 1971, also nach meiner Geburt, und sein Bruder 1986.
Einen Bruder hatte sie auch. Am 11. April 1945 sendete U 396 den letzten Funkspruch aus dem Nordatlantik.

Mein Großvater stand 1936 unter der Beobachtung der Gestapo, und in einem der Briefe meiner Großmutter schrieb sie, dass er zweimal inhaftiert wurde. In Haft war er bereits in den 20er-Jahren. Neun Monate saß er in Hameln ein wegen Diebstahls und Unterschlagung. Als Kind war er im Erziehungsheim Kalandshof bei Burgwedel, aus heutiger Sicht eine schreckliche Anstalt.

Dieses ist nicht der Grund, warum ich diese Reise begonnen habe. Es geht um meine Großmutter, ihr Leben von 1940, kurz nachdem sie meinen Vater zur Welt gebracht hatte, bis 1945. Auch sie war Heimkind, und stand unter katholischer Obhut. Aber das ist, wie bereits Walter Kempowski schrieb: Ein Kapitel für sich. Fünf Stunden trennen mich von meinem Ziel. Genug Zeit, um nachzudenken. Fünf Stunden für mich. Bei meiner Großmutter waren es fünf Jahre. Die besten Jahre eines Lebens, wie man gern sagt: vom 18. bis zum 22. Lebensjahr. Die Jahre, in denen man die Welt erkundet, sich von den Eltern lossagt, um vielleicht am Ende dieser Sturm-und-Drang-Zeit selbst eine Familie zu gründen. Diese Jahre raubten ihr die Nazis. Sie zwangen sie in Schutzhaft. Jedoch nicht um sie zu schützen, sondern den deutschen Volkskörper vor ihr. In zwei Gefängnissen und sechs Lagern sperrten sie meine Großmutter ein: Gestapo-Gefängnis Hütten (Hamburg), Mädchen-KZ Uckermark, Frauengefängnis Berlin, KZ Ravensbrück, Arbeitsaußenlager Zwodau, Holleichen sowie Oederan und zum Schluss Theresienstadt Ghetto. Dreimal floh sie: von Wolfenbüttel nach Hamburg, aus dem Mädchen-KZ Uckermark und am 20. Juli 1944 mit ihrer Mitinsassin Josefine Nick aus dem Außenlager Zwodau. In den Lagern zwang die Staatsmacht sie unter erbärmlichen, unmenschlichen Bedingungen für den Endsieg zu schuften. Sie nähte, vielleicht waren es Uniformen – das Schneiderhandwerk hatte sie gelernt –, baute Instrumente für Flugzeuge und fertigte Munition für die Front. In einem Lager arbeitete sie nicht, dort folterte man sie: Flossenbürg. Zweimal war sie dort: nach ihrer Flucht aus Zwodau und nach dem Lager Holleichen wegen Sabotage, wie sie schrieb. Sie kam danach nach Oederan. Mitinsassen schrieben später, sie hätte unter ‚jüdischer Haft‘ gestanden. Deswegen überlebte sie in Theresienstadt. Ich fuhr weiter. Ein KZ zu besuchen, war eins, aber Flossenbürg für mich etwas anderes. Es würde nicht das erste für mich sein. In der elften Klasse war ich in Buchenwald gewesen: Politfahrt in die DDR. Die Kulturstädte Dresden und Weimar standen genauso auf dem Programm, wie das Treffen mit FDJlern. Nichts Neues für mich, denn ich hatte Verwandte in Magdeburg. Trotzdem kann ich mich an Buchenwald nicht mehr erinnern: verdrängt, aus meinem Gedächtnis getilgt. Ich kann mir vorstellen, wie erbärmlich es mir ging. Der Führer der Tour, erzählte und ich dachte an meine Großmutter. Eins vergaß ich nicht, hat sich in meinem Gehirn eingeprägt. Vor jeder Studienfahrt bespricht eine Klasse die Fahrt. Die NS-Zeit und Buchenwald waren bei uns gewiss ein Thema. Ein Lehrer, ich weiß nicht mehr, wer es war, fragte uns, was unsere Großeltern während der Zeit gemacht hätten. Sicher berichtete, der eine oder andere, dass sein Großvater bei der Wehrmacht gewesen wäre oder aus Schlesien geflüchtet wäre. Als ich an die Reihe kam, und nichts dergleichen zu berichten hatte, sagte ich, meine Großmutter wäre im KZ gesessen. Der Lehrer fragte mich, ob ich jüdische Vorfahren hätte, was ich verneinte. Anstatt mich aufzufordern, meine Großmutter als Zeitzeugin einzuladen, gab er mir zu verstehen, sie sei gewiss dort zu Recht gewesen. Was unternahm ich? Nichts. Ich ging nicht zu ihr, berichtete ihr darüber, forderte sie auf, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Vielleicht hatte ich Angst, dass sie von dem Sockel fiel, auf den ich sie bereits gestellt hatte. Für mich stand sie als Widerstandskämpferin gegen den Faschismus auf gleicher Höhe wie die Geschwister Scholl. Meine Recherchen führten dazu, dass ich überhaupt nicht so falsch lag. Soweit ich es beweisen kann. Muss ich es? Warum sind die Aussagen der Leidtragenden weniger wert als die der Täter? Erst recht dann, wenn diese bereits überführt sind. Es bleibt für immer im Dunkel der Geschichte, was meine Großmutter tat. Ich gehe davon aus, dass sie in der Zeit, in der sie sich in Hamburg versteckte, nicht die Hände in den Schoß gelegt hatte. Das war nicht ihr Ding. Man hat sie schlicht bei der Tat nicht erwischt. Weswegen sie floh, scheint aus den Unterlagen plausibel. Sie gebar meinen Vater in einem Mutter-Kind-Heim in Hannover. Danach hatte sie für ein halbes Jahr zusammen mit meinem Vater einen Aufenthalt in Popenhagen nahe Hannover. Davon kehrte sie jedoch nicht zurück, brachte meinen Vater zu meiner Urgroßmutter. In einem Dokument schrieb sie später, dass sie sich nicht der Musterung zum Arbeitsdienst verweigert hätte, sondern bereits dort gewesen wäre. Warum hatte ich sie nie gefragt? Sie starb, da war ich 25. War es meine Scham oder weil sie damit abgeschlossen hatte? Sie berichtete, jedoch nicht im Zusammenhang. Das, was sie erzählte, passt zu dem, was ich im vergangenen Jahr erfuhr. Ich las ihre Briefe und hatte den Eindruck, als hätte ich neben ihr gesessen, während sie diese mit ihrer Reiseschreibmaschine schrieb.
„Woher soll ich drei Zeugen bekommen, die sind doch alle tot.“
Sie zeigte mir die Nummer, die man ihr unterhalb der Achseln in den Oberarm tätowiert hatte. Damals habe ich sie mir nicht gemerkt, heute kenne ich sie: 50282.

Ihr Bemühen führte schlussendlich zu einem spärlichen Erfolg. Ihr wurden Rentenjahre gutgeschrieben. Vielleicht bekam sie auch ein paar Mark. Allerdings rehabilitiert wurde sie erst 2020, als der Bundestag, die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ als Opfer des Nationalsozialismus anerkannte. Opfer? Als hätte sich meine Großmutter geopfert oder wäre zufälligerweise Ziel einer Straftat gewesen. Sie war Verfolgte. Opfer war mein Vater. Kollateralschaden. Ohne Mutter, ohne Vater – mein Großvater ist unbekannt – wuchs er bei seiner Großmutter auf, sprach sie Mama an, wie ich sie mit Oma. Meine Großmutter lernte ich erst später kennen. Was geht in einem Kind vor, zu dem in einer Kleinstadt, in der fast jeder wusste, dass seine Mutter seine Großmutter war? Fast jeder wusste, an welchem Ort und weswegen seine leibliche Mutter während der NS-Zeit sich aufgehalten hatte. Einen Satz von ihm vergesse ich nie. Er berichtete, dass er nicht immer ein Waisenkind in der Schule gewesen war oder ihm ein Diebstahl vorgeworfen worden war, obwohl er es nicht getan hatte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Dass er mit vierzehn das Weite suchte, dieser piefigen Kleinstadt entfloh, und zur See fuhr, ist verständlich. Wenn er noch leben würde, dürfte er seit dem Bundestagsentschluss, als Opfer nach vergangenen 75 Jahren einen Antrag auf kostenlose psychologische Beratung stellen. Ich bin berührt.

Mein Weg führt mich weiter durch die deutschen Lande und mir wurde es bange um die Zukunft, um meine Tochter. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Plakate der Partei, die sich für das Wohl des „deutschen Volkes“ bemüht. Habt ihr nichts gelernt? Nein, ich mache euch, die ihr dieser Ideologie hinterherlauft, und ihr, die ihr euer Kreuz an jener Stelle auf dem Wahlzettel markiert, keine Vorwürfe. Aber alle Menschen sind gleich, besitzen einen Verstand, den jeder nutzen sollte. Für euch ist die NS-Zeit bloß ein Kapitel in einem Geschichtsbuch, gleichbedeutend mit dem Kaiserreich. Ihr habt keine emotionale Bindung. Einverstanden, auch unter euren Vorfahren gab es Opfer. Nicht alle Soldaten gingen freiwillig an die Front, jedoch wurden sie nach dem Krieg geehrt. Gewiss gab es Großeltern, die ausgebombt, geflohen oder gar gestorben waren. Mein Leid ist mit allen Opfern. Allerdings waren sie, wie bei meinem Vater – das meine ich nicht abwertend – Kollateralschäden. Leid kann man nicht steigern. Es existiert aber ein kleiner Unterschied. Dies ist der Grund des Leids: Massenmord. Der Unterschied zwischen gezieltem, staatlichem Massenmord und Leidtragenden eines erbärmlichen Krieges. Es ist unwürdig, dass Überlebende des Massenmordes von einem rechtsstaatlichen, demokratischen Staat wie der Bundesrepublik weiterhin als „Asoziale“, sogar als „Volksschädlinge“ stigmatisiert wurden. Zumindest beschloss der Bundestag, vor sechs Jahren, alle Opfer als solche anzuerkennen. Aber nicht alle stimmten mit „Ja“: die Abgeordneten einer Partei nicht. Denkt darüber nach, welchen Rattenfängern ihr hinterherlauft. Denn auch ihr seid stets ein Teil einer Minderheit: alles eine Sache der Definition.

Ich erreiche Bayern, denke an den morgigen Tag und mir schnürt sich die Kehle ein. Wie ich bereits ausführte, ein KZ aufzusuchen, belastet mich. Dazu muss ich mich überwinden. Ich denke an die Internierten, die nach Jahren diesen Gang gingen, und ziehe vor ihnen meinen Hut. Wenn mich, als direkter Angehöriger, schon ein mulmiges Gefühl plagt, welche Qualen erlitten sie? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen. Wovor ich jedoch am meisten Bammel habe, ist der Ort, an dem meine Großmutter in Flossenbürg einsaß: der Bunker oder, wie Frau Nick schrieb, die Todeszelle. Er war einer der schrecklichsten Orte in Flossenbürg. Dort wurde sie gefoltert. Dort fesselten sie meine Großmutter bäuchlings auf den Bock, derart fest, bis die Haut sich spannte. 25 Peitschenhiebe. Hört sich eigentlich wenig an. Aber wer die Berichte der Gefolterten gelesen hat, weiß es besser. Sie waren ausgemergelt, von Mangelernährung und Zwangsarbeit gezeichnet. Meine Großmutter war sechs Wochen auf der Flucht gewesen: kein Erholungsurlaub. Jeden Schlag mussten sie mitzählen. Verzählten sie sich, begann es von vorn. Nach den ersten Hieben zerriss ihre Haut. Wie viele es überlebten, ist nicht bekannt. Entweder verstarben sie bereits auf dem Bock oder später an den Folgen.

Ich überlege, ob ich weiterfahre oder mich übergeben soll.
Ich entscheide mich für das Erste, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mir ein Bild
Das Grundgesetz ist doch eindeutig. Allein der erste Paragraph, Abschnitt 1, sagt alles:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Wie die staatlichen Gewalten der Bundesrepublik den sogenannten „Asozialen und Berufsverbrechern“ umgingen, war würdelos.
Berufsverbrecher? Ja, es waren Straftäter, kleinkriminell, die nach verbüßter Strafe nicht in die Freiheit entlassen wurden, sondern ins KZ: Schutzhaft.
Gleich nach dem Krieg bildeten sich Komitees, die durch ihre Empfehlungen mitentschieden, ob ein Internierter als Opfer anerkannt wurde. In diesen Komitees waren jedoch nicht alle Gruppen. Die Homosexuellen: Sie trugen ein rosa Stoffdreieck. Den nannte man Winkel und er war vergleichbar mit dem „Judenstern“. Die Sinti und Roma hatten einen braunen Winkel, die „Berufsverbrecher“ einen grünen und die „Asozialen“ einen schwarzen. All diese Verlogten waren nur sehr selten in den Komitees vertreten. Die überwiegende Mehrheit waren die „politischen“ mit dem roten Winkel. Dieses war einleuchtend. Die Kommunisten und Sozialdemokraten waren bereits vor der Machtergreifung organisiert. Auch wenn die übergeordneten Strukturen spätestens 1937 zerschlagen wurden, fanden sich die ehemaligen Parteimitglieder recht zügig wieder. Die anderen Gruppen waren nicht organisiert gewesen. Die Sinti und Roma nehme ich heraus. Ihre bestialische, planmäßige Vernichtung war Völkermord und steht dem Rassenwahn gleich, den das NS-Regime „den Juden“ angetan hatte. Dabei setzte ich den Begriff gedanklich in Anführungszeichen, denn er trifft nur zu, wenn man so denkt wie die Nationalsozialisten.
Gegen diese Übermacht hatten die Ausgegrenzten keine Chance. Mehr noch, Sie wurden teilweise zu Helfershelfern, Funktionshäftlingen abgestempelt – Vorarbeiter, Blockälteste oder „Hilfsaufseher“ – ohne die das perfide Lagersystem nie funktioniert hätte. Das Regime hatte gar nicht genug Leute. Die SS schaute nicht nach der Winkelfarbe, wenn sie jemanden für eine Tätigkeit aussuchte und ihm dafür Vergünstigungen anbot. Nach der Befreiung vergaßen die „Rotwinkel“ rasch, dass auch unter ihnen Funktionshäftlinge waren. Die freien Plätze mussten belegt werden. Oder wie man so schön sagt: „Eine Krähe hakt der anderen kein Auge aus.“ Nicht organisiert und Helfershelfer! Dass die Anerkennungsquote der nicht „politisch“ Verfolgten eher mickrig ausfiel, ist einleuchtend. Da trugen sie weiter den Winkel, den ihnen das NS-Regime meist willkürlich angesteckt hatte.
Noch eine knappe Stunde zum Ziel und ich denke an meine Großmutter. Sie war als Kind bei den „Roten Falken“, ihre Eltern SPD‑Mitglieder. Warum wurde sie zur „Asozialen“? Drei Aspekte waren sicher ausschlaggebend: Sie war zeitweise im Heim, hatte einen unehelichen Sohn und saß im Mädchen-KZ Uckermark ein. Um das Lager zu beschreiben, reicht meine Zeit nicht mehr. Ich könnte es jedoch kurz umschreiben. Es wurde 1942 für verwahrloste, nicht in die „Volksgemeinschaft“ integrierbare Mädchen errichtet. Da war es in der Denke der Nazis plausibel, dass meine Großmutter nach ihrer Flucht, von einer Haftanstalt ins KZ Ravensbrück als „Asoziale“ überführt wurde. In Oederan war sie dann „politische“. Es existieren keine offiziellen Dokumente darüber, aber meine Großmutter in ihren Briefen und ihre Mitinsassinnen Frau Helga Pollak-Kinsky sowie Frau Grete Salus schrieben es später in ihren Büchern auf. Oederan war ein rein „jüdisches“ Frauenlager und im November 1944, als meine Großmutter dahin kam, nahmen es die SS weiterhin sehr genau, zu welcher „Rasse“ die Internierten gehörten. Die Frauen schlossen sie in ihre Mitte, und beschützten sie beim Marsch von Oederan nach Theresienstadt. Wenn sie es nicht getan hätten, wäre sie zurück nach Flossenbürg gekommen, um auf ihre Hinrichtung zu warten. Ich denke an die Gedenkveranstaltung, zu der ich geladen bin, und mir wird mulmig. Mir ist bewusst, an welchem Ort man der Internierten gedenkt. An dem Ort, an dem sie verstarben oder befreit wurden. Für meine Großmutter war dieser Ort nicht Flossenbürg gewesen, sondern Theresienstadt. Wer sich ein wenig auskennt, weiß, wo und wann die Gedenkveranstaltung stattfindet. Für alle Zeit ist der Name meiner Großmutter in Yad Vashem hinterlegt: Ursula Heilmann.
 
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petrasmiles

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Lieber Anonymus,

eine berührende Geschichte, die in einfachen Worten eine Lebensgeschichte dokumentiert.
Ich finde diese Sichtweise der nachgeborenen Betroffenen sehr gut und wichtig.

An zwei Stellen solltest Du noch einmal Namen nachprüfen. 1. kenne ich kein Eisfeld in der Gegend von Duderstadt, aber das Eichsfeld. Und 2. meintest Du sicher die Geschwister Scholl, und nicht Scholz.

Die weniger historischen als politischen Kommentare sind mir nicht klar. Hier zum Beispiel:
" Der Unterschied zwischen gezieltem, staatlichem Massenmord und leidtragende eines erbärmlichen Krieges. Wenn, dann zusätzlich die Überlebenden des Massenmordes als „Volksschädlinge“ stigmatisiert werden, einem demokratischen Staat nicht würdig. Denkt darüber nach, welchen Rattenfängern ihr hinterherlauft. Denn auch ihr seid stets ein Teil einer Minderheit: alles eine Sache der Definition. "
Wer wurde 'Volksschädling' genannt und zu welcher Zeit?

Den letzten Satz habe ich nicht verstanden - was hat das bezahlte Brötchen mit einer zweiten Variante zu tun, die es Dir nicht wert ist. Sollte es eine Anspielung auf das Erbrechen sein, dann ist das Brötchen ja 'schon weg', oder was ist gemeint?

Liebe Grüße
Petra
 

ahorn

Foren-Redakteur
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Liebe Petra,

ich danke dir für deinen Kommentar. Dass sich derart rasant jemand meldet, hätte ich nicht gedacht. Weil ich dir jedoch nicht als "Anonymus" antworten will, habe ich den Beitrag dahin verschoben, wohin er gehört.

Natürlich ist es das EIchsfeld und ich entschuldige mich bei meinen Verwandten, die mich gar nicht kennen. Und es waren die Geschwister Scholl – wie konnte mir das nur passieren.

Zu den "politischen" Kommentaren. Sie sollen gar nicht zu klar sein. Ich befinde mich dann ja in meinem Auto. Wer denkt dort komplett klar? Das heißt nicht, dass ich die Passagen nicht überarbeite. Warum hätte ich sonst das Skript einstellen sollen? Die Fahrt, die Gedenkveranstaltung findet erst Ende April statt. Jetzt wirst du dich sicher fragen: Weshalb schreibst du das Tagebuch vorab?
Weil es bloß der erste Tag, der Tag der Anreise ist, und ich kenne mich gut genug, um zu wissen, was ich denke.

Sollte es eine Anspielung auf das Erbrechen sein, dann ist das Brötchen ja 'schon weg', oder was ist gemeint?
Du hast es erfasst. Dennoch runzel ich meine Stirn und überlege mir, wie deine Verdauung abläuft.

Liebe Grüße
Ahorn
 

petrasmiles

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Dennoch runzel ich meine Stirn und überlege mir, wie deine Verdauung abläuft.
... runzel doch bitte Deine Stirn über Deinen Satz :)
Du kannst durchaus auch in Erwägung ziehen, dass er nicht klar ist :D

Ich erkenne auch den Autorentunnel, dass man eher darauf antwortet, was einen selbst beschäftigt - ich stellte nicht in Frage, dass das Tagebuch vorab geschrieben wird, ich hatte andere Anmerkungen, die Du als Autor nicht so wichtig fandest. Kann ich nachvollziehen, ist aber für mich als Fragende unbefriedigend. Vor allem 'das soll so sein' ist eigentlich ein dezenter Hinweis, der Leser möchte sich bitte raushalten.
Was nun?

Liebe Grüße
Petra
 

ahorn

Foren-Redakteur
Teammitglied
Liebe Petra,

Du kannst durchaus auch in Erwägung ziehen, dass er nicht klar ist
Dies weiß ich wohl, so soll es auch sein.
Wenn, dann zusätzlich die Überlebenden des Massenmordes als „Volksschädlinge“ stigmatisiert werden, einem demokratischen Staat nicht würdig.
Jetzt glaube ich zu verstehen, was du meinst.
Der Satz ist natürlich Murks.
Wenn, dann obendrein zusätzlich die Überlebenden des Massenmordes von einem rechtsstaatlichen, demokratischen Staat, wie der Bundesrepublik weiterhin als „Asoziale“, gar „Volksschädlinge“ stigmatisiert werden, diesem nicht würdig.
Besser?
Jetzt muss ich nur noch die "Rattenfänger" einfangen. Nicht, dass jemand glaubt, ich würde alle Abgeordneten als solche titulieren.

Liebe Grüße
Ahorn
 



 
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