Flucht über die Nordsee 90. Gefahr in Anmarsch

ahorn

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Erbarmungslose Wildnis

Gefahr in Anmarsch

»Komm zurück! Da kommen wir nicht durch.«
»Da können wir rüber springen und dann ist es nicht mehr weit.« Jenny deutete zum Horizont.
Zwischen dem Ende der Welt und ihnen stand die Rettungsbake, die wie ein kleiner Hochsitz aus dem Watt spross.
»Nur weil du meine große Schwester bist, heißt das Lange nicht, dass du recht hast«, schnauzte sie Sabrina an.
»Hätte ich dir das bloß nie erzählt.«
»Ach jetzt habe ich schuld.«
»Nein! Ich liebe dich. Ich bin an allen Schuld. Als mein Vater mir sagte, dass er und deine Mutter. Erst war ich eifersüchtig, dann sah ich dein Foto. Scheiße!«, fluchte sie und zog ihr rechtes Bein aus einem Rinnsal, welches von Sekunde zu Sekunde anschwoll. »Ey! Das Schwein wollte dich erst zureiten und dann verkaufen. Der eigene Vater mit seiner Tochter. Ich muss kotzen! Ich musste was tun. Gebettelt habe ich, er sollte dich mir schenken. Ich habe ihm erzählt, ich wollte schon immer eine eigene Sklavin.«
Sabrina holte auf, hielt sie kurz am Arm. »Aber es war meine Idee über das Watt zu fliehen.«
»Dann beeile dich. Komm, spring!«
Jenny sprang. In einem hohen Bogen überquerte sie das Wasser. Sie landete. Das Watt am Priel weich, morastig gab nach. Erst ihre Beine, dann ihr Oberkörper verschwand in den Fluten.
»JENNY«, schrie Sabrina aus Leibeskräften und brach zusammen.

Sie wusste nicht mehr, wie sie es auf die Rettungsbake geschafft hatte, ihre Augen waren vom Meerwasser von den Tränen getrübt. Sie hockte nur da und starrte auf die See, dessen Spiegel sich allmählich senkte.
Ein lebloser Körper, das Gesicht im Grab, stieß an die rettende Insel. Sie war angekommen.
Sabrina zog mit letzte Kraft den Laib der Freundin, der Schwester auf das Holz, faltete ihre Hände und schloss ihre Augen. Sie sah zum wolkenlosen Himmel, band ihren Gürtel ab und knotete eine Seite an ein Querholz. Die Schlaufe in der Rechten glitt sie ins Wasser.
Den Riemen um ihren Hals wartete sie auf die Ebbe. ENDE


Tanja warf kopfschüttelnd das Buch auf den Wohnzimmertisch. Was Mädchen heutzutage lasen? Sie zuckte mit den Schultern, drehte sich eine Locke. Woher sollte sie das Wissen. Was las sie früher? An Tom Sawyer konnte sie sich erinnern, wie Huckleberry Finn allen auf der Nase tanzte. Enid Blytons Fünf Freunde oder Green Knowe von Lucy M. Boston vergas sie nie. Am ehesten erinnerte sie sich an Emil und die Detektive von Erich Kästern . Wie hatte sie das Buch gehasst. Die Mutter hatte es ihr aufgedrängt, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Sie sah sie neben der Tür in der kleinen Hütte, aristokratisch. Der Regen prasselte auf das mit Löchern übersäte Blechdach, der Magen knurrte und sie verlangte, dass man die Wurzel nicht vergessen durfte. Sie zupfte an ihrer Nase. Vermutlich bildete sie sich desgleichen ein. Was war Realität, was Fantasie.

Sie stand auf, schritt zum Wohnzimmerspiegel, drückte die Nase ans Glas, quetschte die Finger in ihre aufgedunsene Taille, streckte sodann die Zunge heraus.
»Wo bleibt er nur?«, murmelte sie, schnappte sich das orange Sommerkleid vom Esstischstuhl, schlüpfte hinein und trottete in die Küche.
Nachdem sie die Terrassentür geöffnet und tief die Morgenluft inhaliert hatte, stellte sie den Wasserkocher an. Sie hing einen Teebeutel in ihren Pott und schnappte sich ein Brötchen aus dem Beutel. Die Brötchen, eine Flasche Milch und »De Telegraaf« hatte der Vermieter vor die Terrasse gelegte.
Das Wasser kochte. Sie goss den Tee auf, stellte den Wasserkocher ab und schlug die Tagezeitung auf.
»Deutscher Manager in einem Hotel nahe dem Hauptbahnhof mit einem Kugelschreiber im Hals Tod aufgefunden«, murmelte sie, griff sich ans Genick und schüttelte sich angewidert.

Es klopfte, schlug an der Haustür. Sie schlang den Gürtel des Kleides um ihre Taille, band eine Schleife und eilte zur Tür.

»Aishe?«
Tanja blieb fast das Herz stehen. Mit jedem hätte sie gerechnet, jedoch nicht mit ihr. Was sollte sie mit ihr anfangen, denn sie wartete auf ihn. Ihr Plan schloss ein Zusammentreffen beider aus. Am einfachsten wäre es Aishe rasch heraus zu komplimentieren oder sie in einem andern Raum zu verfrachten. Die Frage für Tanja war wie. Eins konnte sie nicht riskieren, und zwar enttarnt zu werden,
»Las mich rein!«
Tanja atmete tief ein, sortierte all ihre Gedanken, all ihre Erinnerungen, all ihre Erfahrungen und öffnete die Tür.

»Wo hast du gesteckt. Ich habe andauernd versucht, dich anzurufen«, log sie.
»Frag nicht so viel! Du musst weg. Wo ist Svenja?«
Tanja strich über Aishes Oberarm und hauchte ihr einen Kuss auf den Mund. »Beruhig dich!« Sie nahm die Hand ihrer Freundin. »Du zitterst am ganzen Laib. Erzähl!«
Aishe biss auf ihre Unterlippen. »Ich bin nicht die Frau, für die du mich hältst.«
Tanjas Stirn fiel in Falten. »Nicht Aishe?«

»Doch, doch. Eher beruflich.«
»Du arbeitest nicht als Systemadministratorin im Krankenhaus.«
»Als Administratorin im Krankenhaus schon«, druckste sie, »aber nicht für die Klinik.« Sie leckte über ihre Oberlippe. »Fürs Bundeskriminalamt.«
Tanja verdeckte ihren Mund und gluckste. »Du bist ein Bulle?«
»Nicht direkt. Weitestgehend bin ich für die EDV zuständig. Ist ein geheimes Rechenzentrum.«
Zuzwinkernd strich Tanja über Aishes Schulter. »Was ist daran verwerflich? Hättest es mir sagen können.«
»Alles geheim. Wäre auch nicht schlimm bis ... wie soll ich es sagen, ich eines Tages auf Unstimmigkeiten stieß. Eine Art verschworene Gruppe von Polizisten, nicht allein aus Deutschland, die wie sagt man, außerhalb des legalen Rahmens tätig waren und sind - Deckname Schwarze Witwe.«
Tanja vermochte mit dem Geschwafel nichts anzufangen. Sie ahnte gewiss, inwiefern es für sie bedeutsam war.
»Und?«

»Ich fasse mich kurz. Wir müssen weg.«
Sie erzählte Tanja, dass sie es ihrem Vorgesetzten gemeldet und jener erstaunt ihrer Qualitäten sie auf einen Geheimeinsatz geschickt hätte. Sie hatte den Auftrag, eine Inhaftierte auszuhorchen. Die Behörden nahmen sie unter einem banalen Vorwand in Haft, anschließend steckte man sie in die Zelle von Tita de Klandt. Jene Frau, deren Wissen sie erforschen sollte. Eine Frau, welche am Tag zuvor verstorben war. Einzig ihre Mitgefangene vermochte von ihr etwas zu berichten. Wer sie war und weshalb sie hinter Gittern saß. Obgleich sie kaum Bedeutendes erfuhr, was sie nicht aus einer Akte erfahren hätte.
»Sie hat ihr andauern gesagt, sie sei Tanja Sengbein und säße zu Unrecht ein. Verstehst du!«
»Meinst du, Tanja ist für mich?«
»Hast du etwas zu trinken?«

Tanja war interessiert daran, was Aishe ahnte oder wusste, jedenfalls mehr, als es ihr lieb war. Sie mochte Aishe, dennoch war sie ihr egal. Der Zeitpunkt war ein verkehrter. Sie hatte nicht vor das Ferienhaus zu verlassen.
Tanja ergriff ihre Handtasche, schritt in die Küche, holte einen Teepott mit einem Segelboot Motiv aus dem Küchenschrank.
Mit zitternden Fingern fischte sie einen Teebeutel aus ihrer Tasche, hing ihn in den Pott und goss Wasser hinein.

»Du und deine Boote?«
»Trink, solange er warm ist.«
»Schmeckt ja grauenvoll!«
»Malve-Tee beruhigt.«

»Am selben Tag bekam ich eine Einzelzelle und am nächsten Morgen war ich Tita de Klandt.«
»Die haben dich reingelegt.«
»Dachte ich zuerst. Ich kannte ja Tanjas Geschichte von dir.«
Tanja kratzte sich am Genick.

Am Vormittag verlangte ein Polizeibeamter aus Belgien, sie zu sprechen, fing sie den Faden wieder auf. Sie gab sich als Tanja aus, worauf er sich für sie einsetzte, um sie aus dem Gefängnis zu befreien.
Aishe schmunzelte. »War eine richtige Abenteuerreise.« Sie wedelte mit ihrer Hand. »Ist dir auch so warm.«
»Nein! Trink! Der Tee kühlt.«
»In Belgien angekommen kontaktierte mich ein deutscher Beamter. Gunnar Müller hieß er.«
Sie hatte ihre Prüfung bestanden, berichtete sie Tanja, denn auf den belgischen Polizisten war sie angesetzt. Er solle Kontakte zur Mafia haben und ein Leck sein.
»Wer war es?«
»Joos van Düwen!«
»Hast du ihn überführt?«
»Nein! Joos ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne.«
Zuerst war sie nicht der Annahme, verkündete sie, denn er besorgte ihr einen Job in einem Bordell. Ihr Führungsoffizier begeistert darüber. Einerseits sollte sie den Laden übernehmen, anderseits Joos ablenken. Denn sie wussten, wer seine Kontaktpersonen waren.
»Wer?«
»Josephine und Fridolin!«
Tanja zog die Augenbrauen zusammen.
»Deswegen hab ich ihn geheiratet. Dass wir uns vorm Hotel getroffen hatten, war kein Zufall«, erklärte Aishe.

»Aishe?«
»Es tut mir leid. Ich weiß du warst in ihn verliebt aber ...«
»Nichts aber.« Tanja nahm sie in die Arme und küsste sie. »Ich lieb nur dich. Fridolin und ich sind nur Freunde. Er hat mich gebeten, es dir vorzuspielen. Er wollte dich eifersüchtig machen. Er hat dich geliebt«, verkündete Tanja emotionslos.
»Hat?«
»Er hat eine andere. Stephanie!«
Aishe kratzte sich an der Nase.»Stephanie?«
Tanja grinste. »Du kennst sie als Stephen.«
Aishe klatschte in die Hände. »Ich ahnte, ich wusste, dass sie kein Kerl ist!«
»Dergleichen war.«
»Wie?«
»Sie war bis vor einem Jahr Stephen. Soweit es mir Fridolin erzählt hat, war dies der Preis, welchen er zu zahlen hatte. Ursprünglich sollte er erst nach der Hochzeit angepasst, operiert werden, aber da er seit dem Motorradunfall eh kein Glied mehr besaß.«
Aishe fasste sich an den Bauch. »Ich glaube, Malve-Tee ist nichts für mich. Das kann nicht sein?«
Tanja hielt ihr den Anhänger entgegen. »Schau. Es ist Malve-Tee.«
»Quatsch! Deine Stephanie hat mir erzählt, dass sie in einem Frauengefängnis eingesessen war. Mit oder ohne Penis dergleichen gibt es in keinem Land.« Sie wedelte sich Luft zu. »Allah! Sie ist Tita de Klandt!« – »Wieso Preis!« – »Wir müssen weg!«
Tanja schmunzelte. »Preis! Sie sagte mir, wenn er dazu gehören will, müsste er einen Preis zahlen. Eins und ein ist zwei, so einfach ist das.«
»Wer ist sie?«
Die Zähne flehend, lehnte sich Tanja vor und breitete ihre Arme aus. »Sie sind überall«, raunte sie, wobei sie Aishe zwinkerte. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«

»Ich habe«, druckste Aishe, »Stephen einen Sender in das orange-braune Kostüm gesteckt, das du mir Geschenk hattest. War eine wilde Fahrt! Nebenbei für recherchierte ich für einen flüchtigen Bekannten. Ich fand seinen Wagen verlassen in der Nähe des Reiterhofs. Bin dann wieder zurück zu den Bunkern.«
»Bunker?«
»Das Signal war kurzzeitig dort. Kam direkt zum Zugriff, obwohl ...«
»Zugriff?«
»Stillschweigen! Jedenfalls traf ich auf Joos und Valentin, zugekifft war er, als käme er gerade aus einem Coffeeshop. Das Signal war auch kurz hier in der Nähe gewesen und da wir«, sie schmunzelte, »des Öfteren ...«,
Tanja kratzte sich und legte ihre Stirn in Falten. »Ich weiß!«

»Außerdem«, ergänzte Aishe. »Wenn Stephanie Stephen, dann würde Fridolin mit seinem eigenen, zumindest Stiefbruder verkehren.«
»Mach dir darüber keine Sorgen. Fridolin ist nicht Vales Sohn. Er wurde angenommen«, konterte Tanja, um das Problem zu lösen.
»Woher willst du das wissen.«
Wut stieg in Tanja empor. »Was so Männer nach dem Sex brabbeln!«
»Du und Valentin?«
»Entschuldige!« Tanja küsste Aishe. »Ich lieb nur dich. Nichtsdestotrotz hat er für mich bezahlt.«
»Er hat dich ...!«
»Beim ersten Mal mit Sicherheit, aber ...«
Aishe legte ihren Kopf zur Seite.
»Zwei oder drei Mal haben wir«, log sie Aishe an.

Die Ehe hätte er ihr versprochen, verkündete Tanja. Er wollte sich von Franziska trennen. Pläne hatte er geschmiedet. Er wollte mit ihr in die Karibik auswandern. Sie konnte Segeln und er das Leben genießen. Bei dem Gedanken schoss Übelkeit in ihr hoch. Er erzählte ihr, dass er die Aussicht auf ein eigenes Vermögen hätte. Dann erfuhr sie bei ihrer Hochzeit von Bärbel, dass ihr Geliebter hinter die Sache mit dem Schließfach gekommen war. Von welchem er gesprochen hatte, hatte sie keinen blassen Schimmer.
Dieser alte Gockel war doppelgleisig gefahren, dabei hatte er kein Wissen, dass der Schatz nicht aus Geld bestand, wie ihr Bärbel lachend mitteilte. Was in Wirklichkeit drin war, hatte sie ihr nie verraten.
Sie löste das Verlöbnis unter einem Vorwand und schlug vor, Valentin könne eine Wohnung in Passau anmieten. Mit einer monatlichen Apanage wäre sie gern bereit seine Gelüste weiterhin zu befriedigen, somit doppelter Gewinn für sie, aber kein Verlust für ihn. Wer hätte etwas dagegen, wenn ein Großvater ein zweimal die Woche sein Enkelkind besuchte. Sie strich über ihren Busen. Ein Trick, jener ihr mit Ergebnis gelungen war.

Aishe tupfte sich die Stirn und schwankte. Tanjas Neugier erwachte.
»Josephine, was hat sie damit zu schaffen?«
»John Neumann gleichfalls einer von dieser Bande. Ich habe es nur zu spät herausgefunden, hat mich auf sie angesetzt.«
Er brachte in Erfahrung, dass Josephine eine Gespielin suchte, schilderte Aishe. Josephine kannte sie nicht. Sie besuchte sie regelmäßig, um wie Josephine sagte, sie in die Welt der Frauenliebe einzugeführt. Sie hätte sich in ihre beste Freundin verliebt und wollte sie beglücken.
»Sie war ekelerregend, hat sie mit dir das gleichermaßen veranstaltet«, wetterte Aishe.
Tanja kniff ihr linkes Auge zu. »Was?«
»Zuerst ein Hundehalsband umgelegt, dann wie ein Rüde bestiegen.«
Tanja zuckte mit den Achseln. »Ich kenne ihre Sexpraktiken nicht. Wir hatten nie etwas miteinander. Trafen uns manchmal, schauten einen Porno und masturbierten. Das war alles«, log sie.

»Wir müssen weg«, keuchte Aishe. »Sie hat mich erkannt. Ich hätte schlafen sollen. Eine Stunde hätte gereicht.« Sie öffnete ihre Handtasche, zerrte mit zitternder Hand einen Autoschlüssel heraus. »Du musst fahren! Von ihr wusste ich von eurer Aktion am Reiterhof, ahnte was«, ihr Atem vibrierte, »und habe Joos einen gleichlautenden Brief geschickt. Ich wusste nicht, dass ich voll ins Wespennest gestochen habe. Verstehst du, Tita de Klandt will deine Identität. Macht mit den beiden ...«. Aishe röchelte, rang nach Luft.

Wenn es dem war. Dann war ihr Plan voll daneben gegangen. Nicht sie war die Täterin, sondern das Opfer. Sie versuchte, all ihre Gedächtnisfetzen zu sortieren. Wenn Aishe die Wahrheit sagte, dann gab es ein Resultat. Klara war Tita und sie war wahrlich Tanja, Tanja Sengbein. Damit konnte Klara nur als Tanja weiter existieren. Wenn sie verschwand.

»Komm, geh in die Küche, trink was, dann hauen wir ab«, forderte Tanja Aishe auf.
Aishe torkelte in die Küche. Kaum hatte sie die Küchentür hinter sich gelassen, schallte ein kurzer erstickter Schrei aus dem Raum. Stille!


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Gefahr in Anmarsch

»Komm zurück! Da kommen wir nicht durch.«
»Da können wir rüber springen und dann ist es nicht mehr weit.« Jenny deutete zum Horizont.
Zwischen dem Ende der Welt und ihnen stand die Rettungsbake, die wie ein kleiner Hochsitz aus dem Watt spross.
»Nur weil du meine große Schwester bist, heißt das Lange nicht, dass du recht hast«, schnauzte sie Sabrina an.
»Hätte ich dir das bloß nie erzählt.«
»Ach jetzt habe ich schuld.«
»Nein! Ich liebe dich. Ich bin an allen Schuld. Als mein Vater mir sagte, dass er und deine Mutter. Erst war ich eifersüchtig, dann sah ich dein Foto. Scheiße!«, fluchte sie und zog ihr rechtes Bein aus einem Rinnsal, welches von Sekunde zu Sekunde anschwoll. »Ey! Das Schwein wollte dich erst zureiten und dann verkaufen. Der eigene Vater mit seiner Tochter. Ich muss kotzen! Ich musste was tun. Gebettelt habe ich, er sollte dich mir schenken. Ich habe ihm erzählt, ich wollte schon immer eine eigene Sklavin.«
Sabrina holte auf, hielt sie kurz am Arm. »Aber es war meine Idee über das Watt zu fliehen.«
»Dann beeile dich. Komm, spring!«
Jenny sprang. In einem hohen Bogen überquerte sie das Wasser. Sie landete. Das Watt am Priel weich, morastig gab nach. Erst ihre Beine, dann ihr Oberkörper verschwand in den Fluten.
»JENNY«, schrie Sabrina aus Leibeskräften und brach zusammen.

Sie wusste nicht mehr, wie sie es auf die Rettungsbake geschafft hatte, ihre Augen waren vom Meerwasser von den Tränen getrübt. Sie hockte nur da und starrte auf die See, dessen Spiegel sich allmählich senkte.
Ein lebloser Körper, das Gesicht im Grab, stieß an die rettende Insel. Sie war angekommen.
Sabrina zog mit letzte Kraft den Laib der Freundin, der Schwester auf das Holz, faltete ihre Hände und schloss ihre Augen. Sie sah zum wolkenlosen Himmel, band ihren Gürtel ab und knotete eine Seite an ein Querholz. Die Schlaufe in der Rechten glitt sie ins Wasser.
Den Riemen um ihren Hals wartete sie auf die Ebbe. ENDE


Tanja warf kopfschüttelnd das Buch auf den Wohnzimmertisch. Was Mädchen heutzutage lasen? Sie zuckte mit den Schultern, drehte sich eine Locke. Woher sollte sie das Wissen. Was las sie früher? An Tom Sawyer konnte sie sich erinnern, wie Huckleberry Finn allen auf der Nase tanzte. Enid Blytons Fünf Freunde oder Green Knowe von Lucy M. Boston vergas sie nie. Am ehesten erinnerte sie sich an Emil und die Detektive von Erich Kästern . Wie hatte sie das Buch gehasst. Die Mutter hatte es ihr aufgedrängt, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Sie sah sie neben der Tür in der kleinen Hütte, aristokratisch. Der Regen prasselte auf das mit Löchern übersäte Blechdach, der Magen knurrte und sie verlangte, dass man die Wurzel nicht vergessen durfte. Sie zupfte an ihrer Nase. Vermutlich bildete sie sich desgleichen ein. Was war Realität, was Fantasie.

Sie stand auf, schritt zum Wohnzimmerspiegel, drückte die Nase ans Glas, quetschte die Finger in ihre aufgedunsene Taille, streckte sodann die Zunge heraus.
»Wo bleibt er nur?«, murmelte sie, schnappte sich das orange Sommerkleid vom Esstischstuhl, schlüpfte hinein und trottete in die Küche.
Nachdem sie die Terrassentür geöffnet und tief die Morgenluft inhaliert hatte, stellte sie den Wasserkocher an. Sie hing einen Teebeutel in ihren Pott und schnappte sich ein Brötchen aus dem Beutel. Die Brötchen, eine Flasche Milch und »De Telegraaf« hatte der Vermieter vor die Terrasse gelegte.
Das Wasser kochte. Sie goss den Tee auf, stellte den Wasserkocher ab und schlug die Tagezeitung auf.
»Deutscher Manager in einem Hotel nahe dem Hauptbahnhof mit einem Kugelschreiber im Hals Tod aufgefunden«, murmelte sie, griff sich ans Genick und schüttelte sich angewidert.

Es klopfte, schlug an der Haustür. Sie schlang den Gürtel des Kleides um ihre Taille, band eine Schleife und eilte zur Tür.

»Aishe?«
Tanja blieb fast das Herz stehen. Mit jedem hätte sie gerechnet, jedoch nicht mit ihr. Was sollte sie mit ihr anfangen, denn sie wartete auf ihn. Ihr Plan schloss ein Zusammentreffen beider aus. Am einfachsten wäre es Aishe rasch heraus zu komplimentieren oder sie in einem andern Raum zu verfrachten. Die Frage für Tanja war wie. Eins konnte sie nicht riskieren, und zwar enttarnt zu werden,
»Las mich rein!«
Tanja atmete tief ein, sortierte all ihre Gedanken, all ihre Erinnerungen, all ihre Erfahrungen und öffnete die Tür.

»Wo hast du gesteckt. Ich habe andauernd versucht, dich anzurufen«, log sie.
»Frag nicht so viel! Du musst weg. Wo ist Svenja?«
Tanja strich über Aishes Oberarm und hauchte ihr einen Kuss auf den Mund. »Beruhig dich!« Sie nahm die Hand ihrer Freundin. »Du zitterst am ganzen Laib. Erzähl!«
Aishe biss auf ihre Unterlippen. »Ich bin nicht die Frau, für die du mich hältst.«
Tanjas Stirn fiel in Falten. »Nicht Aishe?«

»Doch, doch. Eher beruflich.«
»Du arbeitest nicht als Systemadministratorin im Krankenhaus.«
»Als Administratorin im Krankenhaus schon«, druckste sie, »aber nicht für die Klinik.« Sie leckte über ihre Oberlippe. »Fürs Bundeskriminalamt.«
Tanja verdeckte ihren Mund und gluckste. »Du bist ein Bulle?«
»Nicht direkt. Weitestgehend bin ich für die EDV zuständig. Ist ein geheimes Rechenzentrum.«
Zuzwinkernd strich Tanja über Aishes Schulter. »Was ist daran verwerflich? Hättest es mir sagen können.«
»Alles geheim. Wäre auch nicht schlimm bis ... wie soll ich es sagen, ich eines Tages auf Unstimmigkeiten stieß. Eine Art verschworene Gruppe von Polizisten, nicht allein aus Deutschland, die wie sagt man, außerhalb des legalen Rahmens tätig waren und sind - Deckname Schwarze Witwe.«
Tanja vermochte mit dem Geschwafel nichts anzufangen. Sie ahnte gewiss, inwiefern es für sie bedeutsam war.
»Und?«

»Ich fasse mich kurz. Wir müssen weg.«
Sie erzählte Tanja, dass sie es ihrem Vorgesetzten gemeldet und jener erstaunt ihrer Qualitäten sie auf einen Geheimeinsatz geschickt hätte. Sie hatte den Auftrag, eine Inhaftierte auszuhorchen. Die Behörden nahmen sie unter einem banalen Vorwand in Haft, anschließend steckte man sie in die Zelle von Tita de Klandt. Jene Frau, deren Wissen sie erforschen sollte. Eine Frau, welche am Tag zuvor verstorben war. Einzig ihre Mitgefangene vermochte von ihr etwas zu berichten. Wer sie war und weshalb sie hinter Gittern saß. Obgleich sie kaum Bedeutendes erfuhr, was sie nicht aus einer Akte erfahren hätte.
»Sie hat ihr andauern gesagt, sie sei Tanja Sengbein und säße zu Unrecht ein. Verstehst du!«
»Meinst du, Tanja ist für mich?«
»Hast du etwas zu trinken?«

Tanja war interessiert daran, was Aishe ahnte oder wusste, jedenfalls mehr, als es ihr lieb war. Sie mochte Aishe, dennoch war sie ihr egal. Der Zeitpunkt war ein verkehrter. Sie hatte nicht vor das Ferienhaus zu verlassen.
Tanja ergriff ihre Handtasche, schritt in die Küche, holte einen Teepott mit einem Segelboot Motiv aus dem Küchenschrank.
Mit zitternden Fingern fischte sie einen Teebeutel aus ihrer Tasche, hing ihn in den Pott und goss Wasser hinein.

»Du und deine Boote?«
»Trink, solange er warm ist.«
»Schmeckt ja grauenvoll!«
»Malve-Tee beruhigt.«

»Am selben Tag bekam ich eine Einzelzelle und am nächsten Morgen war ich Tita de Klandt.«
»Die haben dich reingelegt.«
»Dachte ich zuerst. Ich kannte ja Tanjas Geschichte von dir.«
Tanja kratzte sich am Genick.

Am Vormittag verlangte ein Polizeibeamter aus Belgien, sie zu sprechen, fing sie den Faden wieder auf. Sie gab sich als Tanja aus, worauf er sich für sie einsetzte, um sie aus dem Gefängnis zu befreien.
Aishe schmunzelte. »War eine richtige Abenteuerreise.« Sie wedelte mit ihrer Hand. »Ist dir auch so warm.«
»Nein! Trink! Der Tee kühlt.«
»In Belgien angekommen kontaktierte mich ein deutscher Beamter. Gunnar Müller hieß er.«
Sie hatte ihre Prüfung bestanden, berichtete sie Tanja, denn auf den belgischen Polizisten war sie angesetzt. Er solle Kontakte zur Mafia haben und ein Leck sein.
»Wer war es?«
»Joos van Düwen!«
»Hast du ihn überführt?«
»Nein! Joos ist einer der nettesten Menschen, die ich kenne.«
Zuerst war sie nicht der Annahme, verkündete sie, denn er besorgte ihr einen Job in einem Bordell. Ihr Führungsoffizier begeistert darüber. Einerseits sollte sie den Laden übernehmen, anderseits Joos ablenken. Denn sie wussten, wer seine Kontaktpersonen waren.
»Wer?«
»Josephine und Fridolin!«
Tanja zog die Augenbrauen zusammen.
»Deswegen hab ich ihn geheiratet. Dass wir uns vorm Hotel getroffen hatten, war kein Zufall«, erklärte Aishe.

»Aishe?«
»Es tut mir leid. Ich weiß du warst in ihn verliebt aber ...«
»Nichts aber.« Tanja nahm sie in die Arme und küsste sie. »Ich lieb nur dich. Fridolin und ich sind nur Freunde. Er hat mich gebeten, es dir vorzuspielen. Er wollte dich eifersüchtig machen. Er hat dich geliebt«, verkündete Tanja emotionslos.
»Hat?«
»Er hat eine andere. Stephanie!«
Aishe kratzte sich an der Nase.»Stephanie?«
Tanja grinste. »Du kennst sie als Stephen.«
Aishe klatschte in die Hände. »Ich ahnte, ich wusste, dass sie kein Kerl ist!«
»Dergleichen war.«
»Wie?«
»Sie war bis vor einem Jahr Stephen. Soweit es mir Fridolin erzählt hat, war dies der Preis, welchen er zu zahlen hatte. Ursprünglich sollte er erst nach der Hochzeit angepasst, operiert werden, aber da er seit dem Motorradunfall eh kein Glied mehr besaß.«
Aishe fasste sich an den Bauch. »Ich glaube, Malve-Tee ist nichts für mich. Das kann nicht sein?«
Tanja hielt ihr den Anhänger entgegen. »Schau. Es ist Malve-Tee.«
»Quatsch! Deine Stephanie hat mir erzählt, dass sie in einem Frauengefängnis eingesessen war. Mit oder ohne Penis dergleichen gibt es in keinem Land.« Sie wedelte sich Luft zu. »Allah! Sie ist Tita de Klandt!« – »Wieso Preis!« – »Wir müssen weg!«
Tanja schmunzelte. »Preis! Sie sagte mir, wenn er dazu gehören will, müsste er einen Preis zahlen. Eins und ein ist zwei, so einfach ist das.«
»Wer ist sie?«
Die Zähne flehend, lehnte sich Tanja vor und breitete ihre Arme aus. »Sie sind überall«, raunte sie, wobei sie Aishe zwinkerte. »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«

»Ich habe«, druckste Aishe, »Stephen einen Sender in das orange-braune Kostüm gesteckt, das du mir Geschenk hattest. War eine wilde Fahrt! Nebenbei für recherchierte ich für einen flüchtigen Bekannten. Ich fand seinen Wagen verlassen in der Nähe des Reiterhofs. Bin dann wieder zurück zu den Bunkern.«
»Bunker?«
»Das Signal war kurzzeitig dort. Kam direkt zum Zugriff, obwohl ...«
»Zugriff?«
»Stillschweigen! Jedenfalls traf ich auf Joos und Valentin, zugekifft war er, als käme er gerade aus einem Coffeeshop. Das Signal war auch kurz hier in der Nähe gewesen und da wir«, sie schmunzelte, »des Öfteren ...«,
Tanja kratzte sich und legte ihre Stirn in Falten. »Ich weiß!«

»Außerdem«, ergänzte Aishe. »Wenn Stephanie Stephen, dann würde Fridolin mit seinem eigenen, zumindest Stiefbruder verkehren.«
»Mach dir darüber keine Sorgen. Fridolin ist nicht Vales Sohn. Er wurde angenommen«, konterte Tanja, um das Problem zu lösen.
»Woher willst du das wissen.«
Wut stieg in Tanja empor. »Was so Männer nach dem Sex brabbeln!«
»Du und Valentin?«
»Entschuldige!« Tanja küsste Aishe. »Ich lieb nur dich. Nichtsdestotrotz hat er für mich bezahlt.«
»Er hat dich ...!«
»Beim ersten Mal mit Sicherheit, aber ...«
Aishe legte ihren Kopf zur Seite.
»Zwei oder drei Mal haben wir«, log sie Aishe an.

Die Ehe hätte er ihr versprochen, verkündete Tanja. Er wollte sich von Franziska trennen. Pläne hatte er geschmiedet. Er wollte mit ihr in die Karibik auswandern. Sie konnte Segeln und er das Leben genießen. Bei dem Gedanken schoss Übelkeit in ihr hoch. Er erzählte ihr, dass er die Aussicht auf ein eigenes Vermögen hätte. Dann erfuhr sie bei ihrer Hochzeit von Bärbel, dass ihr Geliebter hinter die Sache mit dem Schließfach gekommen war. Von welchem er gesprochen hatte, hatte sie keinen blassen Schimmer.
Dieser alte Gockel war doppelgleisig gefahren, dabei hatte er kein Wissen, dass der Schatz nicht aus Geld bestand, wie ihr Bärbel lachend mitteilte. Was in Wirklichkeit drin war, hatte sie ihr nie verraten.
Sie löste das Verlöbnis unter einem Vorwand und schlug vor, Valentin könne eine Wohnung in Passau anmieten. Mit einer monatlichen Apanage wäre sie gern bereit seine Gelüste weiterhin zu befriedigen, somit doppelter Gewinn für sie, aber kein Verlust für ihn. Wer hätte etwas dagegen, wenn ein Großvater ein zweimal die Woche sein Enkelkind besuchte. Sie strich über ihren Busen. Ein Trick, jener ihr mit Ergebnis gelungen war.

Aishe tupfte sich die Stirn und schwankte. Tanjas Neugier erwachte.
»Josephine, was hat sie damit zu schaffen?«
»John Neumann gleichfalls einer von dieser Bande. Ich habe es nur zu spät herausgefunden, hat mich auf sie angesetzt.«
Er brachte in Erfahrung, dass Josephine eine Gespielin suchte, schilderte Aishe. Josephine kannte sie nicht. Sie besuchte sie regelmäßig, um wie Josephine sagte, sie in die Welt der Frauenliebe einzugeführt. Sie hätte sich in ihre beste Freundin verliebt und wollte sie beglücken.
»Sie war ekelerregend, hat sie mit dir das gleichermaßen veranstaltet«, wetterte Aishe.
Tanja kniff ihr linkes Auge zu. »Was?«
»Zuerst ein Hundehalsband umgelegt, dann wie ein Rüde bestiegen.«
Tanja zuckte mit den Achseln. »Ich kenne ihre Sexpraktiken nicht. Wir hatten nie etwas miteinander. Trafen uns manchmal, schauten einen Porno und masturbierten. Das war alles«, log sie.

»Wir müssen weg«, keuchte Aishe. »Sie hat mich erkannt. Ich hätte schlafen sollen. Eine Stunde hätte gereicht.« Sie öffnete ihre Handtasche, zerrte mit zitternder Hand einen Autoschlüssel heraus. »Du musst fahren! Von ihr wusste ich von eurer Aktion am Reiterhof, ahnte was«, ihr Atem vibrierte, »und habe Joos einen gleichlautenden Brief geschickt. Ich wusste nicht, dass ich voll ins Wespennest gestochen habe. Verstehst du, Tita de Klandt will deine Identität. Macht mit den beiden ...«. Aishe röchelte, rang nach Luft.

Wenn es dem war. Dann war ihr Plan voll daneben gegangen. Nicht sie war die Täterin, sondern das Opfer. Sie versuchte, all ihre Gedächtnisfetzen zu sortieren. Wenn Aishe die Wahrheit sagte, dann gab es ein Resultat. Klara war Tita und sie war wahrlich Tanja, Tanja Sengbein. Damit konnte Klara nur als Tanja weiter existieren. Wenn sie verschwand.

»Komm, geh in die Küche, trink was, dann hauen wir ab«, forderte Tanja Aishe auf.
Aishe torkelte in die Küche. Kaum hatte sie die Küchentür hinter sich gelassen, schallte ein kurzer erstickter Schrei aus dem Raum. Stille!
 

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