Frühaufsteher? – Nein, Langschläfer!

5,00 Stern(e) 1 Stimme
War es Zufall, dass an einem Freitag im August eine Frau und ein Mann, die nichts von einander wussten, im gleichen Augenblick beschlossen, die Nachmittagsstunden im Schwimmbad von Springfelde zu verbringen, um später dann, ohne Aufsehen, aus dem Leben zu scheiden?

Carolin Honig saß im schwarzen Morgenmantel vor ihrem Mahagoni-Sekretär. Ein Blick auf die Wanduhr sagte ihr: Du hast noch Zeit. Leise sagte sie zu sich selbst: «Das also war mein Leben?» Und sie suchte nach einem Anfang für ihren Abschiedsbrief. Wer würde ihn lesen? Sie warf einen Blick seitwärts zum geöffneten Fenster hinaus und beobachtete eine Amsel, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Holzrahmen einer Plakatwand hockte und zu ihr herüberäugte – den zuckenden Schwanz hochgestellt, als wollte sie signalisieren: He, du da am Feine-Leute-Möbel, mach keine Dummheiten!
Warmer Morgenwind wehte Carolin ins Gesicht. Sie kramte einen Bogen Papier aus dem Sekretär. Seufzte. Schaute wieder zur Plakatwand hinüber: Die Amsel war weggeflogen. Stattdessen streifte ihr Blick jetzt eine pausbackige Schöne, die auf dem Plakat in verschnörkelter Sprechblasenschrift den «leckeren Landkäse für den lebensfrohen Stadtesser» anpries.
Gegen alle Gewohnheit war Carolin Honig an diesem Freitag um sechs Uhr morgens aus dem Schlaf geschreckt. Das Gebrumm einer Mücke hatte sie auffahren lassen. Und der Blick zum Wecker erschreckte sie fast zu Tode: sechs Uhr morgens! Was bedeutete das? War sie noch sie selbst? War das jetzt eine Persönlichkeitsspaltung? Mit einem lautlosen Schrei sah sie sich ins Kopfkissen zurücksinken und konnte sich nur mühsam aufrecht halten. Sechs Uhr morgens! Ein Albtraum! Sie gehörte zu den Langschläferinnen! Durfte sich zu jener gesegneten Spezies der Langschläferinnen zählen, die kein Kanonendonner aus den Verschlingungen ihrer buntgemalten Vormittagsträumereien holte. So war es immer gewesen. Und gerade darum hatte er sich für sie entschieden. «Ist Erstaunlicheres vorstellbar», hatte er ihr beim ersten gemeinsamen Aufwachen ins Ohr geflüstert, «als dass einem Frühaufsteher, wie mir, eine leidenschaftliche Langschläferin vom Schicksal zugeteilt wird?» Seine Worte! Etwas pathetisch, aber wohltuend. «Träum du weiter, ich geh joggen!» So war es dann auf ewig verabredet. So hatten sie es auch immer gehalten. Seit beinahe drei Jahren. Und es waren in diesen drei Jahren immer die schönsten fünf Minuten des Tages gewesen, wenn er vor dem Joggen noch einen Augenblick lang neben ihr auf der Bettkante saß, ihr mit den Fingern über die geschlossenen Augen tupfte, einen Abschiedskuss zu ihr hinunterhauchte und auf Zehenspitzen das Schlafzimmer verließ. Nie hatte sie einen Verdacht geschöpft. Sie war Langschläferin, er Frühaufsteher. Vom Schicksal verleimt, passten sie perfekt zueinander. Und dann das! Der Zettel! Gestern!
Wieder sah Carolin zum Fenster hinaus. Der Himmel in Springfelde färbte sich allmählich mittagsblau. Ein Motorrad knatterte um die Straßenecke. Die Nachbarschaft hatte den Rasenmäher angeworfen. Carolin lächelte gequält. Das war sie: ihre überschaubare Welt. Von der sie sich nun verabschieden wollte. Wollte sie es denn? Oder war es nur eine Laune, die vorüberflog? Sie drehte den Kopf – das Küchenradio sendete scheppernd eine Warnmeldung zu ihr herüber: Im Schwimmbad von Springfelde sei der Zehnmeterturm wegen Baufälligkeit für den Publikumsverkehr bis auf Weiteres gesperrt, und man werde unverzüglich das Wasser im Becken ablassen.
Gestern hatte sie einen Zettel im Briefkasten gefunden. Einen Zettel mit seiner Handschrift. Er teilte ihr mit, er habe seit einiger Zeit eine Joggingpartnerin. Deren Frühaufstehercharme sei er auf Anhieb erlegen. Er könne nichts dafür. Schicksal! Sie müsse sich fortan also ohne ihn durchs Leben träumen. Ende. Kein Wort weiter. – Den Zettel hatte Carolin sofort zerrissen. Hatte die Schnipsel dann sofort wieder aus dem Müll gefischt. Hatte sie zusammengesetzt und mit Spucke auf die Tageszeitung geklebt, die sie, von ihm zurechtgelegt, auf dem Sekretär gefunden hatte. Dann hatte sie versucht, ihn anzurufen. Die Nummer war nicht mehr vergeben.
«Ich bin eine Frau von 47 Jahren», schrieb Carolin. War das ein Anfang? «Ich bin aus gutem Hause (mein Vater war Steuerberater und hat mir ein kleines Vermögen hinterlassen), ich habe ein Psychologiestudium abgebrochen, ich war noch nicht verheiratet, man sagt mir einen Hang zur Überspanntheit nach, aber, na ja, trifft das denn zu? Ich denke, alles in allem ist an mir so ziemlich alles ganz normal. Ich frage mich natürlich: Wer wird mich vermissen? Ist da überhaupt jemand? Wo wird man mich finden? Warum hat er mir das angetan? Weil ich auf einer Heirat mit Ehevertrag bestanden habe? Außer seiner hinreißenden Persönlichkeit hat er ja kaum etwas, das Geld habe ich. Aber es war doch Liebe, oder? Ich habe an seine Liebe geglaubt. Sie hat meine Schritte beschleunigt. Sie hat mir Gerüche zugespielt, die ich nicht kannte. Sie hat meine ausufernden Träume handfester werden lassen. Und auf einmal soll es das alles nicht mehr geben? Mein Leben soll keinen Sinn mehr haben?» Carolin japste nach Luft. Ein Schuss Selbstmitleid hatte ein paar Tränen in ihr hochkommen lassen. Und im Gedankenschnellzug rauschten die vergangenen drei Jahre an ihr vorüber, in denen sie gelernt hatte, glücklich zu sein. Vor der Zeit mit ihm waren immer nur Männer in verrauchten Coctailbars auf sie zugesteuert, bei denen eine Nacht zu holen war, aber kein Glück. Und was würde künftig auf sie zusteuern?

Paul Ufer saß vor seinem Laptop. Seit dem Aufwachen brütete er über einem Abschiedsbrief. Einen Anfang hatte er gefunden. «Es hat nicht gereicht.» zeigte der Laptop an. «Es hat nicht gereicht», sagte Paul leise zu sich selbst. Mit 51 Jahren würde er sich heute aus dem Leben abmelden als ein Talent, das mit 15 erste Erfolge als Geburtstagsdichter in der Lokalpresse feierte, das sich, zügellos Einfälle ausdampfend, als Mittzwanziger an einem Roman versuchte, den es dann nie gegeben hat, ein Talent, das in der Gewissheit älter wurde: Du gehörst zu den Großen, Paul, Literaturnobelpreis, warum denn auch nicht, dein Verleger meldet die erste Millionenauflage, in der Wikipedia wird man dich später einmal nur mit steil abwärtsfahrendem Scrollbalken ganz erfassen können, du wirst … so viel Überheblichkeit sei erlaubt! … dichtend wirst du der Unsterblichkeit entgegeneilen. «Oh, mein Gott!» Ein Stoßseufzer. Paul Ufer lachte lautlos. Sein ganzes Leben hatte er mit Illusionen vertrottelt! Hatte nicht erkennen können, wie bescheiden er mit Talenten ausgestattet war. Hatte den Größenwahn in sich selbst zwar immer wahrgenommen, ihn aber als angemessen immer auch geduldet. Zur Schauspielschule war er gegangen, hatte sich Kabarettprogramme geschrieben, hatte Kneipentheater gespielt, in der Rilke-Nachfolge Naturlyrik im Selbstverlag veröffentlicht. Er, der Hansdampf im Literaturbetrieb, wie er sich selbst in einem frühen Memoiren-Versuch charakterisiert hatte. Und auf einmal – an einem kalten Montag im April – hieß es dann: Ende der Vorstellung! Die große Leere tat sich plötzlich vor ihm auf. Schreibblockade! Wie bei Hemingway, redete er sich ein. Schreibblockade, aber das gibt sich! Hat sich bei Hemingway auch gegeben, oder? … Und am Abend dieses kalten Apriltages dann, nach zwei Flaschen Rotwein und allmählichem Bewusstseinsverlust, sah Paul Ufer in einem kurzen Aufscheinen letzter Gedankenklarheit nur noch diese eine Lösung, die schon Hemingway für sich gesehen hatte, und die auch in der Causa Paul Ufer nun als unabwendbar anzusehen war. Immerhin: Er würde sich nicht erschießen, so viel Blut musste nicht sein, aber der Blaue Eisenhut war ja auch eine Möglichkeit.
Der Kaffeeautomat hatte sich mit verröchelndem Zischen gerade selbst abgestellt. Ein letzter Schluck Kaffee? Paul Ufer schüttelte den Kopf. Ihm fiel jener chinesische Gangsterboss ein, der vor seiner Hinrichtung noch eine Zigarette rauchen wollte. Keinen Kaffee mehr! Eigentlich hätte er jetzt zum Dienst aufbrechen sollen. Beim Stadtfernsehen hatte er einen Job angenommen – als Übersetzer der laufenden Nachrichten in die Gebärdensprache. Hatte sich in das Bewegungsspiel der Taubstummen mühelos einarbeiten können, denn – wie lange war das her? – der Pantomimeunterricht auf der Schauspielschule erwies sich da als brauchbare Vorbereitung. Aber dieser Fernseh-Job … bei seinen Talenten, verdammtnochmal! Was für ein Abstieg! «Es hat nicht gereicht!» Paul Ufer sah sich mit 51 Jahren ganz unsentimental als eine grandios gescheiterte Existenz an. Eine Null, für die sich kein Mensch mehr interessierte. An die sich niemand erinnern würde. Er lachte wieder. Konnte sich nicht einmal hassen für all seine Blindheit. Er war – ja! – er war sich auf einmal selbst herzlich gleichgültig geworden. «Also dann, Paul, den Abschiedsbrief kannst du dir schenken, kein Mensch wird ihn lesen wollen. Mach dir einen letzten schönen Spätsommernachmittag, geh ins Schwimmbad – und dann Hemingway!»

Das Schwimmbad von Springfelde war überfüllt. Paul Ufer hockte auf seiner Decke und kniff die Augen zusammen. Durch die Augenschlitze betrachtet wurden all die dicken Leiber rundum zu lauter dicken Würmern. Ein Ball flog auf ihn zu, ein Kind kreischte, eine Mutter lamentierte, Paul erhob sich und kickte den Ball in die Menge, unabsichtlich, eine Mutter fauchte ihn an, ein Kind weinte herzzerreißend, ein Bademeister machte sich auf seinem Hochsitz lang, eine Frau fragte: «Wäre hier noch Platz?»
Paul Ufer sah sich irritiert um. Dann setzte er sich wieder und murmelte: «Wäre!» – «Was meinen Sie damit? Kann ich meine Decke hier aufschlagen, oder … hier ist doch noch Platz, oder?» – «Schlagen Sie auf, Verehrteste, was Sie wollen, aber kommen Sie mir nicht zu nahe!» – «Komm ich nicht, Verehrtester, keine Sorge, Ihre Haut ist mir nämlich zu käsig!» Carolin Honig schlug ihre Decke auf, setzte sich und dachte: Blöder Kerl, aber was schert mich das noch.

Der Nachmittag zog über die Köpfe der Leute hinweg wie ein lärmender Film. So empfand es Carolin. Sie lag auf ihrer Decke und starrte in den Himmel.
Paul hätte der Frau, die sich da neben ihn hingepflanzt hatte, am liebsten einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen. Immer wieder stieg dieser Wunsch in ihm auf. Er war wütend. Auf sich selbst. Auf die Frau. Auf das Leben.
Carolin winkte einen Eisverkäufer heran. «Himbeer und Zitrone, bitte! Sie auch?» In einem Anflug von Galgenhumor bot sie es dem blöden Kerl neben ihr an. Der rollte sich wortlos auf den Bauch.
Von irgendwoher kam Musik herangeträllert. Banjo, Klarinette und Waschbrett. Eine Drei-Mann-Combo. Das Banjo sang: «Das Schwimmbad ist mein Eigenheim, ich bin ein Wassertier, und wirfst du deine Angel aus, dann beiß ich an bei dir.» Die Klarinette kassierte dann die Leute ab. Carolin warf einen Zehn-Euro-Schein in den hingehaltenen Hut. Und bekam dankend eine Zugabe: «Das Leben ist voll Sonnenschein, und du stehst mittendrin, und wär ich nicht ein armes Schwein, und wär ich mal mit dir allein, ich nähm dich her und hin.» Carolin wollte das nicht hören, denn dem blöden Kerl neben ihr hatte es offenbar gefallen. Der lag auf dem Bauch und gluckste. Mit einem Fingerwisch scheuchte Carolin die Combo weiter.
Ein Hund schnüffelte sich zwischen den Liegedecken hindurch. – «Herrchen ist hier, Aurora!»
Ein Kind hielt eine Schnecke hoch und fürchtete sich vor ihr.
Eine Sirene plärrte plötzlich los.
Leute kreischten.
Leute liefen zusammen und rannten zum Zehnmeter-Sprungturm.
Dort oben stand eine junge Frau.
Bis zur Spitze des Sprungbretts hatte sie sich vorgewagt. Sie würde springen, keine Frage.
Den Leuten stockte der Atem. Wie war sie da hinaufgelangt? Einige hielten ihre Handys hoch und fieberten dem Sprung entgegen.
Der Bademeister meldete sich über Megaphon. Forderte die junge Frau auf, vom Sprungturm herunterzukommen. Es sei kein Wasser im Becken! Sie schwebe in Lebensgefahr! Sie reagierte nicht. Stand am freien Ende des Brettes, sah geradeaus – und «Springt sie jetzt, oder was?» rief ein dünner Mensch.
Plötzlich dreht sich die junge Frau den Leuten zu. Guckt nach unten. Guckt lange. Fuchtelt dann mit den Händen. Kurze schnelle Bewegungen. Droht abzustürzen. Der Bademeister meldet sich wieder über Megaphon, versucht zu beruhigen. Die junge Frau antwortet mit Händen und Armen.
Paul ist aufgesprungen. Drängt sich durch die Leute. Wird aufgehalten. Ein Dicker keift ihn an: «Die guten Plätze sind belegt, Alter!» Paul tritt ihm auf den Fuß. Schlägt sich weiter durch die Menge.
Ein Familienvater stellt sich ihm mit Kind und Badekappenmutti in den Weg. Paul brüllt: «Sie ist taubstumm, sieht das denn niemand!» Sie machen ihm Platz.
Carolin ist Paul hinterhergelaufen. Steht keuchend neben ihm. Fragt: «Taubstumm? Woher wissen Sie das?»
«Ich verstehe, was sie sagt!»
«Was sagt sie?»
«Sehn Sie hoch! Sie sagt: ‹Ich habe Angst vor dem Leben!›»
Paul antwortet der jungen Frau auf dem Sprungturm mit schnellen Handzeichen.
«Was haben Sie ihr gesagt?» will Carolin wissen.
»Na, was schon! Das Leben ist schön!, hab ich behauptet!»
«Und?»
«Sie glaubt mir nicht!»
«Aber es ist doch wunderschön!»
«Haben Sie eine Ahnung!»
Ein ausrangierter Feuerwehrwagen, den man aus einem nahegelegenen Schuppen herausgerollt hat, bahnte sich den Weg über die überfüllte Schwimmbadwiese. Die Leute gingen widerwillig beiseite. Der Bademeister drohte über Megaphon mit Anzeige, falls die Behinderung nicht aufhöre.
Die Feuerwehrleiter wurde auf dem Weg zum Beckenrand hin ausgefahren. Dann musste der Wagen anhalten. In einigen Metern Entfernung. Es war unmöglich, die Leiter bis zu der Frau hochzudrehen: Um das leergepumpte Becken herum stapelten sich Liegestühle, Planen und Bretter. Ein Bauzaun war wie ein Schutzwall um das Gelände gezogen. Mit der Leiter kam man nicht nahe genug heran.
«Sagen Sie ihr», bat Carolin, «sagen Sie ihr, das Leben habe für sie doch gerade erst angefangen, es sei voller Überraschungen!»
«Hab ich, Verehrteste. Aber sie glaubt mir einfach nicht!» entgegnete Paul. «Sie bezweifelt, dass ich etwas von ihrem Leben verstehen könnte!»
«Warum klettert denn, verfluchtnochmal, niemand da hinauf!» wurde gerufen. «Ich bin der Chefredakteur der Springfeldpost! Man muss doch etwas tun!»
Paul wandte sich der jungen Frau zu. Sah zu ihr hoch.
«Was macht sie denn jetzt?» Der Chefredakteur hatte sich auf Zehenspitzen hochgeschraubt, als könne er so genauer erkennen, was sich da oben abspielte.
Die junge Frau hielt sich die Augen zu. Schwankte auf dem schmalen Brett. Versuchte einen Schritt nach vorn. Nahm die Hände wieder herunter.
Die Menge unter ihr verstummte. Man starrte auf Paul.
Paul brüllte die Leute an: «Hat jemand unter euch eine Idee? Was ich ihr sagen soll? Wie man sie aufhalten kann? Sie wird springen!»
Ein Sonnenbebrillter meinte: «Ihr Schicksal liegt in Gottes Hand, würde ich sagen.»
«Quatsch!» widersprach Paul. «Von uns will sie etwas hören!»
Ein Aufschrei: Die junge Frau schwankte auf einmal heftig und drohte abzustürzen.
Carolin sagte leise: «Was sie da vor hat, das ist doch keine Lösung! Sagen Sie ihr das bitte! Es ist keine Lösung!»
Paul blickte nach oben. Versuchte ein Gespräch mit der Frau anzufangen. Redete behutsam auf sie ein. Mit den Händen. Mit den Armen. Sogar der Kopf verwickelte sich in das Gespräch.
Die Leute waren zu kleinen Gruppen zusammengerückt. Starrten auf Paul. Ein älterer Herr informierte die Umstehenden: «Den kennt man doch, der ist von den Nachrichten!»
Und dann hatte Paul eine Idee. Eine ganz und gar blödsinnige Idee, wie er fand, aber ihm fiel nichts Besseres ein. Und als er nach endlosen Minuten – die Leute hatten ihn alle im Blick, hatten sich an ihm fragend festgeguckt, versuchten zu enträtseln, was er der jungen Frau zu sagen hatte – als er irgendwann erschöpft die Arme sinken ließ, weiter unverwandt nach oben schaute … da drehte sich die junge Frau langsam und unsicher, beinahe stolpernd auf dem Sprungbrett um, ging mit zögernden Schritten zur Treppe zurück … und war hinter dem Bretterverschlag verschwunden, der um den Treppenaufgang gezogen war.
Die Leute redeten laut und aufgeregt, wie nach einem Fußballspiel. Einige klatschten. Der Chefredakteur der Springfeldpost war fluchend in der Menge untergetaucht, weil er vergessen hatte, den Akku in seinem Handy aufzuladen. «Kein Bild!», hörte man ihn jammern, «eine Katastrophe!»
Paul lief der Schweiß übers Gesicht. Er atmete heftig. Die Beine zitterten ihm. Er ließ sich auf seine Decke fallen.
Nach einer Weile setzte sich Carolin neben ihn. Sie wartete einen Augenblick. Dann fragte sie: «Was haben Sie zu ihr gesagt?»
«Ich? Gar nichts. Rilke hat!»
«Wer ist Rilke?»
«Einer, der wunderbare Gedichte schreibt. Fand die junge Frau da oben übrigens auch.»
«Sie haben …?»
«Ich habe ihr ein Gedicht von ihm hochgeschickt, weil mir selbst nichts Glaubhaftes mehr einfiel. Ein Gedicht, das vom Leben erzählt, vom Jungsein und vom Tod, vom Schwimmbad, von der letzten Einsamkeit und dem langen Schweigen am Ende aller Wünsche.»
«Ein … Gedicht? Das glauben Sie doch selber nicht! Was für ein Gedicht?»
«Ein großes. Eins von der Sorte: erst mal unverständlich, aber schön.»
«Und sie hat es trotzdem verstanden … oder … was?»
«Keine Ahnung.»
«Sie machen sich lustig über mich!»
«Die großen Gedichte muss man nicht verstehen, Verehrteste. Es sind magische Wörter, aus denen sie zusammengesetzt sind. Und diese Magie – die kann so eine junge Frau da oben auf dem Sprungbrett schon mal erschrecken und, Sie haben es ja gesehen, sogar zur Umkehr bewegen!»
«Kann ich es hören?»
«Sie mögen Gedichte?»
«Ich weiß es nicht.»
Paul sprach leise und ruhig:

«Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
Und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
Täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
Die einsamste von allen Stunden steigt,
Die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
Dem Ewigen entgegenschweigt.»

Carolin – sie wischte sich über die Augen – lächelte den blöden Kerl, den sie da neben sich auf seiner Decke hocken hatte, lange an. Dann erkundigte sie sich: «Sind Sie Frühaufsteher?»
«Nein, Langschläfer, warum fragen Sie?»
 

Vagant

Mitglied
Joe,
für zwei dem Tod geweihte, erscheinen mir diese Carolin und dieser Paul noch ganz schön aufgeräumt; die haben nichts wirklich Tiefes, schon gar nichts, was ewig blutet; fast so, wie dieser JJ aus Hornbys "A long Way down", der sich vom Dach stürzen will, weil seine Band den Durchbruch nicht geschafft hat, ein lebensmüder Wohlstandsjüngling; ja, so in etwas stelle ich mir nun auch diese Carolin und diesen Paul vor - halt nur nicht mehr jung -, und da hat es die Fantasie aber nun wirklich schwer, hier eine überzeugende Motivation herauszulesen.
Gruß, Vagant.
 
Hi Vagant,
wie du dir die beiden vorstellst, und wie du sie für dich charakterisierst, ist ausschließlich deine Sache. Du kannst ihnen abnehmen, was sie da vorhaben, du kannst es aber auch lassen. Was du akzeptieren musst als Leser der Geschichte, ist, dass sie es tun. Und wenn du dann weiterliest, wird es entscheidend sein, ob du die Lösung des Problems hinnimmst. Wenn nicht, ist das womöglich keine Geschichte für dich. Macht ja nichts.
Gruß JF
 

Vagant

Mitglied
Hallo Joe.
Einspruch: Lesen muss ich die Figuren so, wie sie mir vom Autor präsentiert werden.
Ob ich ihnen dann, also ausgehend von dieser Basis, ihr Handeln und die "Lösung des Problems" abnehme, das liegt, wie du hier richtig sagst, aber ganz allein in meinem Ermessen; und nach meinem subjektiven Leserermessen sehe ich die Figuren hier nirgens in einem dermaßenen Dilemma, aus dem sich eine glaubwürdige Motivation für den Aufhänger deiner Erzählung herauslesen ließe.
Wenn ich mich da beim Aufhänger schon nicht richtig mitgenommen fühle, dann funktioniert es für mich hinten raus dann leider auch nicht mehr.
Aber egal, denn es ist, wie du's schon gesagt hast: macht ja nichts.
Gruß, Vagant.
 
Einspruch, Vagant: Warum, glaubst du, hat Hemingway den Selbstmord gewählt? Kleist? Trakl? Jack London? Celan? Virginia Woolf? Andere? Ein Zitat:
"… und die schreibenden und malenden Selbstmörder konnten den Prozess vom erfolgreichen Leben in die Tragik ihres Scheiterns beschreiben. Wir können ahnen, was in ihnen vor sich gegangen ist. Bei vielen wetterleuchtet das Ende schon lange vor der Tat durch ihr Leben. Selbstmörder ist man lange bevor man sich umbringt, schreibt Jean Améry. Und dann geht es ganz schnell. Warum begeht man Selbstmord? fragt Klaus Mann, als sich wieder einer seiner Freunde getötet hat. Plötzlich ist man am toten Punkt, am Todespunkt. Die Grenze ist erreicht. Kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn? Her mit dem Phanodorm! Schmeckt es bitter? Was tut's? Das Leben hat nicht eben süß geschmeckt." (Birgit Lahan, Tagespiegel) – Und erschreckend banal kann der Selbstmord auch motiviert sein: Der Blick in den Spiegel ins eigene alternde Gesicht, der Verlust der Träume am frühen Morgen …
Gruß JF
 

Tula

Mitglied
Hallo Joe

Für mich eine wunderbare Geschichte, mit unterschwelligem Humor, der dem Ganzen seinen eigentlichen Reiz verleiht, dem Ernst des Themas nicht widersprechend. Da gehört der 'unglaubwürdige' Entschluss, sich vor dem vermeintlichen Abschied noch einmal einen Tag im Freizeitbad zu gönnen, selbstverständlich dazu. Die Auflösung mit Rilke kommt selbst beim dargestellten verkrachten Dichter unerwartet (wie es sich gehört), während das zitierte Gedicht die eigentliche Aussage der Handlung auf wundervolle Weise bekräftigt.

LG
Tula
 
Danke Tula (dem Rilke hab ich etliche Male schon gedankt). Ich bin froh, dass du die Geschichte so siehst. So erhoffe ich es mir von den Lesern. Dazu noch eine Anmerkung: Ich gehe mit meinen Geschichten immer auf die Bühne, ich kann Geschichten professionell (das Publikum in die Geschichte hineinzwingend) rüberbringen, und eben diese Geschichte, die trotz des Themas zunächst belanglos heiter sich aufbaut, dann ins Dramatische umschwenkt – die Leute nehmen am Schluss die Lösung als glaubhaft an. Ich habe bisher nie jemanden dazu gehört, der gesagt hätte: "konstruiert" oder "literarisch", nein, die Zuhörer sind am Ende davon überzeugt, dass eine Lösung so möglich gewesen ist. Und genau das hast du ja auch auch so gesehen.
Gruß Joe

Noch ein ps (fällt mir gerade ein): Ich habe mit dem Gebärdensprachler vom Fernsehen (der im dritten Programm bei den Nachrichten) gesprochen und ihn gefragt: Kann man ein Rilke-Gedicht in die Gebärdensprache übersetzen? Seine Antwort: Mühelos sogar ein ganzes Shakespeare-Stück.
 
Zuletzt bearbeitet:

Nordbert

Mitglied
Hallo Joe,
Danke für Deine Geschichte.
Was mir gut gefällt: der erste Satz - der hat mich tatsächlich neugierig gemacht.
Großartig ist die Idee, eine Taubstumme per Gebärdensprache von einem Freitodversuch vom Sprungturm runterzuholen - klasse!
Weniger stark finde ich die Charakterzeichnungen von Carolin und Paul - die sind mir generell zu lang und erst recht für das, was ich dann von ihnen erfahre.
Die Frage, ob ihre Situationen einen Suizid rechtfertigen würden, habe ich mir beim lesen nicht gestellt, weil sie mich nicht besonders interessiert hat. Das Gleiche gilt für die "Langschläfer - Frühaufsteher"-Thematik.
Kurzum: richtig gut wird Deine Story für mich im Schwimmbad. Da kriegt die Geschichte Tempo, auch weil Du einen anderen sprachlichen Rythmus fährst (Wechsel von langen und kurzen Sätzen). Wobei inhaltlich auch hier für meinen Geschmack noch einiges weg könnte (Eisverkäufer, Drei-Mann-Combo u.a.).
Das Gedicht von Rilke hat mich nicht umgehauen - aber dass Paul Poesie für seinen Rettungsversuch benutzt, ist ein sehr schöner Dreh.
Grüße und weiterhin frohes Schaffen.
 
Danke, Norbert, für die Einschätzung. Irgendjemand (ich habe vergessen, wer) hat die Metapher von der "Banalität des Todes" geprägt. Also: der Eisverkäufer, ein albernes Banjo-Lied, dann unerwartet die Konfrontation mit dem Tod – eine unglaublich banal ablaufende Kettenreaktion. Zur Motivation der Kandidaten habe ich oben schon meine Sicht skizziert. Den Rilke lies vielleicht noch mal. Für mich ist dieses Gedicht allen Gedichten des Genres "Lebenslauf", die ich kenne, uneinholbar überlegen.
Gruß Joe
 

Oben Unten