Gedankensplitter

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Ralf Langer

Mitglied
Was man so sagt:

"Jedes Wort hat eine Bedeutung"

Kaum denke ich darüber nach, was dieser Satz sagen will,
hadere ich, komme ins grübeln...

Ein Wort deutet also auf etwas hin. Das heißt auch,
räumlich betrachtet, das es nicht Teil von dem ist, was
es benennt.
Das Wort ist ein "Außerhalb";
wie ein Mensch, der seinen Arm benötigt um auf etwas
vor ihm liegendes zu deuten.
So impliziert das Wort "Bedeutung" immmer auch einen
Abstand zwischen dem Ausgesprochenen und dem Benannten.

Hier zerfasern meine Gedanken weiter.
Nach einigen Überlegungen komme ich zu dem Schluß, daß
es mithin mindestens zwei "Wortfamilien" gibt.

Zum einen haben wir Worte, die Dinge benennen, die in
der Welt sind, die im tiefsten Sinne des Wortes
einen "Begriff" haben.
Das wäre z.B. der Baum, der Fluß, ein Stein, etc.
Zum anderen gibt es Worte, die nicht mehr sind als
Platzhalter, Symbole, weil sie etwas zu benennen suchen,
das nicht begreifbarer Teil der Welt ist.
Das wären z.B. die Zeit, die Liebe, der Sinn, etc.

Hier erahne ich ein menschliches Bedürfnis, oder viel mehr
eine Leidenschaft:
Wir wollen den "Dingen" Namen geben.
Namen vermitteln uns den Eindruck von Herrschafft über
das Benannte.
Es erinnert ein wenig an eine Geisterbeschwörung.
In diesem Sinne ist Sprache auch immer Exorzismus;
wie wir die Dämonen zwingen uns ihren Namen zu verraten,
um sie zu beherrschen oder zu vertreiben,
so entreißen wir dem Gedeuteten durch Benennung
sein schattenhaftes Wesen, zwingen es in eine Hülle
aus Buchstaben, und erlangen Herrschaft über das Symbol.

Es bleibt ein Beigeschmack der Unsicherheit, etwas das mich
Nachts hochschrecken lässt:
Beherbergen unsere Worte mehr als eine Leere,
geben sie wirklich irgendetwas Quartier?

Gedanken, Grübeleien,...
Ich finde einen Satz von Wittgenstein:
Worüber man nicht reden kann, muß man schweigen.
 

Ralf Langer

Mitglied
Was man so sagt:

"Einen Zeitraum festlegen"

Diese drei Worte, sie wollen nicht einfach an mir
vorbei. Meine Gedanken verbeissen sich in dieses
eine Wort : Zeitraum.

Was soll das sein? Wie habe ich mir das vorzustellen?

Die Zeit nimmt einen Raum ein.

Die deutsche Sprache verblüfft mich immer wieder.

In meiner Vorstellung und, wie ich unterstelle bei
vielen anderen auch, ist die Zeit auf einer
eindimensionalen Zahlengeraden beheimatet, die
gerne als Zeitpfeil bezeichnet wird.
Der willkürlich festgelegte Nullpunkt bezeichnet die
Gegenwart, rechts davon liegt die Zukunft, links davon
die Vergangenheit.

Für mich liegt hier etwas absurdes vor. Solche Entdeckungen
rufen meinen Ehrgeiz hervor.
Also suche ich analoge Begriffe mit "Zeit", die nach genauerem
Hinsehen einen Widerspruch darstellen.
Relativ schnell werde ich fündig.
Das gegebene Bild des Raumes ergänze ich mit vier Wänden.
Da, diese Wand ist so nackt, hier gehört ein Bild hin.
Also brauche ich einen Rahmen: einen Zeitrahmen.
Der Raum entwickelt sich prächtig.
Aber es ist mir noch zu dunkel. Ich hole meinen virtuellen
Vorschlaghammer und haue ein Loch in die, dem Zeitrahmen
gegenüberliegende, Wand. Schnell noch in den Baumarkt
ein Zeitfenster kaufen, und schon ist es gemütlich.

Jetzt mache ich einen Schritt zurück und betrachte
mein Werk. Ich habe einen "wundersamen" Zeitraum geschaffen.
Beinahe zeitlos schön.
Da kommt mir ein Gedicht von Anbas in den Sinn: Titel "besiegt"
In diesem Stück weckte besonders der erste Satz mein Interesse:

"auch wenn ich
die zeit tot schlage
wird sie mich überleben"

Was wäre denn, wenn wir sie wirklich tot hauen, die Zeit!
Gäbe es nicht einen Raum, wohin sie sich zurückziehen könnte?
Da wäre er doch sinnvoll aufgehoben mein "Zeitraum".

Es wird Zeit dies alles zu verarbeiten.

Es wird Zeit dies zu verdichten...
 

Ralf Langer

Mitglied
Sprachlos auf Wortsuche.

Sprachlos auf Wortsuche.

Seit geraumer Zeit suche ich nach bestimmten Worten.
Worten die sich einer "bestimmten" im Sinne von festgelegten
Auslegungshoheit entziehen.
Vielleicht suche ich auch nur nach dem EINEN.
Vielleicht gibt es so etwas auch nicht.
Aber woher soll ich es wissen, bevor ich fündig geworden bin?

Bleibt die Frage merke ich auch das es "Nichts" zu finden gibt?
Eine zeitlang dachte ich, ich hätte etwas gefunden:

"WESEN"

Warum?
Das Wort ist so überaus flexibel - ein unglückliches Wort -
nehme ich also biegsam.

Aber zuerst wieder eine Irritation.
"Das Wesen eines Menschen ist..."

Was verbirgt sich hier? Was offenbart sich?

Ein Start ist die Etymologie:
altgr. ouisa, lat. essentia
Beide Worte meinen das, was ein "Ding" haben muß, damit
es notwendig existieren kann. Wohl wahr, schon wieder
Metaphysik:
Das Wesen ist der unwandelbare Kern eines Gegenstandes.
Schnell weg...
Also ein neuer Versuch. Das wort "Wesen" beherbergt, wenn
auch nur rudimentär, das Partizip von "Sein". Hier, "gewesen".
"Sein" wiederum lässt sich am weitesten zurückverfolgen
im altiranischen " a-ste", was soviel wie Platz, Sitz,
Bleibe meint.
Hilft mir das? Und wenn ja, wohin hilfst es mir?

Ich beginne mit dem Wort zu spielen. Präfixe, Suffixe,
Substantivierungen, etc.

Das Wesen:das Wesentliche, Anwesen- anwesend, abwesend,
Unwesen, verwesen(passiv), Der Verweser(Aktiv), der Wesir,
die Wesenszüge, Lebe-wesen( gibt es ein todeswesen? ),
wesensfremd, wesenlos, das Gesundheitswesen..., das Gewesene


Ich bleibe suchend, und stelle fest, noch sind mir viele
"wesen" fremd.
 

Ralf Langer

Mitglied
Intensivstationen

Was man so sagt:
" sich etwas verschreiben"

Es ist wie eine Treppe. Aber wohin führt sie?
Die Stimmungslage führt mich zur Arithmetrik:

Ich addiere:

Sekundenfetzen
+
Minutenblatt
+
Stundenzettel
+
Tagebuch
______________

????????

Was bleibt ist "Zusammen-fassung".
Addition von Gegenwart zu Gegenwart ist ein "Fassungslos".

Schreiben ist immer Jetzt. Das Geschriebene immer
geronnene Zeit. Aber es ist, ähnlich einem alten Foto, das ich mir anschaue: während ich es studiere, überkommt mich die Frage, was wohl links neben dem gewählten Bildausschnitt
liegt?
Existiert auch die Aussparung?
Was ist das Geschriebene, wenn nicht immer auch eine "Aus-lassung"
Was wäre zu sehen, hätte ich die Belichtungszeit statt auf einer sechzigstel Sekunde, anders gewählt.
Im Geschriebenen verbirgt sich "dem entsprechend" auch immer das nicht Gesagte, daß sich selbst Versagte und Entsagung.

Sich dem Schreiben widmen, heißt sich damit abzufinden, einen Gedanken verlieren zu können.

Willkommen im " Verlustreich".
 

Ralf Langer

Mitglied
Rekapitulieren:

Was ist das überhaupt für ein Tagebuch.
Hier steht ja nichts von dem was ich tue.

Nur was ich denke, findet sich hier.
Also ein Gedankenbuch.
Ich überblicke nachdenklich meine Tage, meine Wochen,
mithin die letzten fast vier Jahre in denen ich selbstständig
bin.

Eigentlich fühle ich Erleichterung, als ich feststelle:
meine Gedanken erleben mehr als mein Körper.

Der reist zwar gelegentlich umher, der trinkt mal ein zwei zuviel, der geht mit seiner Frau ins Kino, und ab und an
sitzt er beim Italiener und ißt...

Aber die Dinge, die mich wirklich bewegen haben ihren
Raum in meinem Kopf.

Macht mich das fremd?
 

Ralf Langer

Mitglied
Quichote und der Zauberberg

Wenn ich unsere transatlantische Zivilsation betrachte, will
mir scheinen wir, hätten so etwas wie eine "faustische Seele".
Und zusätzlich will mir scheinen das gerade Goethe, der den
Mythos von Faust in eine so wunderbare Form gegossen hat,
selbst doch eher eine "Lichtgestalt"war, will heißen eine "apollinische"
Seele hatte.
Insofern war Goethe für mich ein antiker Geist, eher verwandt mit
den großen Dichtern der Griechen, als z.B.mit seinem Zeitgenossen
Immanuel Kant,in dem ich das düsterste Bild der faustischen Seele
zu erkennen glaube.
Das faustische ist durchdrungen von Willem nach Kausalem:
wo Goethe schaut, wo er hinsieht und Freude empfindet, will
die faustische Seele, sezieren, will einteilen, will von allem
einen Begriff haben.
Hier erkenne ich eine Verwandtschaft zwischen Goethe und
Cervantes. Obschon mit dem "Don Quichote" zum Erstenmal ein echter
Mensch die Bühne der Literatur betritt, ein Wesen das nicht nur Maske,
Spiegel von etwas ist, wie es die "Helden der griechischen Tragödien
waren, ist doch der Held "Quichote" selber eine durch und durch
"apollinische Seele".

Was er schaut, was er sieht von seiner Aussenwelt, ist doch
mit keiner unserer Erkenntnisse zu vergleichen.
Quichote ist beseelt vom Wunsch - vielleicht vom Traum - und was
er blickt ist noch nicht gegossen, hat keine festgelegte Form,
alle Hülle ist ihm nur ein Nebliges, ein sich Änderndes.
Hier ist Quichote ein Wesen, das bei Ovid und seinen Metamorphosen
eine Heimstatt gefunden hätte.
Und doch ist der "Don Quichote" von Cervantes ein moderner Roman:

Wir müssen ihn für verrückt erklären um ihn als einen der unseren
zu begreifen.
Wo Quichote wandelt, gehen wir Modernen spazieren, wo sich in seinem
Blick Veränderung findet, erkennen wir Gesetze, was ihm Luft ist, was
er empfindet, ist uns Physik und Chemie.

Gibt es in der modernen Literatur ein Gegenpart zu Quichote?
Ich versuche ihn in Castorp, jenem Helden aus Thomas Manns
Zauberberg,zu erkennen.
Der junge Castorp ist auf seine eigentümliche Art und Weise ganz Gefäß,
ist Form, hat aber keinen Inhalt. Gerade so als hätte der Schöpfergott
der Gnosis, der Demiurg, beim ausgiessen des Geistes in die beseelte
Welt,gerade ihn übersehen.
Und diesem Gefäß stellt Mann nun Naphta und Settembrini an die Seite.
Zwei gewaltige diametrale Geister; der eine Naphta, durch und durch
faustsich und daneben, der eher apollinische Settembrini. Hier beginnt
der Kampf um die Seele des jungen Castorp.
Aber es ist kein Kampf um etwas Vollendetes, es ist ein Krieg
um das Gefäß "Castorp", das beide, je nachdem wer den Sieg erringt,
mit ihrer Seele füllen wollen.

Mit Thomas Mann endet für mich die Geschichte des modernen Romans.
Wo bei Cervantes die "eine Seele" erwacht und sich eine Welt sucht,
ist im Zauberberg das vollendete als Form ,bzw. Gebilde zu erkennen.
Die Seele ist nicht da, Alles ist Form, ist Kampf und, so zeigt es
das Ende: Dämmerung.

Was für mich bleibt sind Begriffe: Postmoderne, Dekonstruktion.
Erkennen von Teilwelten, nichts Ganzes, die Ideen zerfallen.
Wie hat es der letzte große Weltenerklärer Nietzsche so treffend
formuliert: ( in leichter Abwandlung)
"Das Ende der Geschichte(n). Die Wiederkehr des stetig Gleichen."
 

revilo

Mitglied
Zeitraum

Da fallen mir die Anfangszeilen eines Gedichts von Erich Fried ein

erst die zeit totschlagen
dann eine fliege
dann einen menschen.............
oder so ähnlich............
LG revilo
 
A

Architheutis

Gast
Lieber Ralf,

interessante Gedanken. Ich nehme Deinen ersten Beitrag und stimme Dir voll zu.

Worüber man nicht reden kann, muß man schweigen.
Ganz genau. Der Mensch begreift nich abstrakt, sondern in Bildern. Ergo kann er nur schwer lebhaft erzählen, was außerhalb seiner eigenen Wahrnehmung liegt.

Die höchste Anschaulichkeit dieses Begreifens vermitteln uns lebendige Verben. Wer also verstanden (=gelesen) werden will, kommt nicht umhin, seine Erzählung durch sie zu "beleben".

Ein Plädoyer für lebendige Verben. Schön, in Dir einen Mitstreiter zu wissen. Oder sollte ich Dich missverstanden haben?

Gruß,
Archi
 

Ralf Langer

Mitglied
Gott - lose Gedanken

Gott - lose Gedanken

Heute ist wieder einer dieser regnerischen "Sommertage".
Ich fühle mich stark genug, mich einmal mehr an Gott zu versuchen.

Wie so häufug frage ich mich:

"Was ist passiert?"

Denn irgendetwas muß passiert sein. Damals, zwischen 600 v.Chr. und 325 n.Chr.

Das sind nur grobe Eckdaten.
Erstere Zahl legt ungefähr den Beginn der Niederschrift
der jüdischen Thora fest. Ein Zeitpunkt der in etwa mit der Gründung des ersten jüdischen Königsreiches zusammenfällt.
Das zweite Datum ist das Konzil von Nicäa, an dem mehr oder weniger entschieden wurde ,aus welchen Schriften, das daraus werdende " Neue Testament", zu bestehen hatte.

Ich kriege diesen Gott einfach nicht unter einen Hut.
Ganz im Gegenteil. Mir drängt sich förmlich die Frage auf,
wie man aus dem einen Gott eine Dreifaltigkeit schaffen konnte,
ohne das sich der gläubige Teil der damaligen Welt,
in einem einzigartigen Aufschrei darüber empörte?

Ich unterstelle weiterhin jedem Psychater, daß er,
hätte er diesen Gott auf seiner Couch sitzen, rasch Schizophrenie diagnostizieren würde.

Wie wurde aus "JHWE", bzw. aus "Eloah - Elohim", aus "Adonai", aus "HaSchem", wie wurde also aus dem "EINEN",
Vater, Sohn und heiliger Geist?

Und wer besiegelte, und warum, daß man diesem fragmentarisch
gewordenen Gott noch eine Mutter an die Seite stellte?

Der altestamentarische Gott ist ein bedingungsloses Wesen.

Wo er straft, ist es fürchterlich. Wo er fordert, verlangt er
das Äußerste.
Jericho, ein einziges Gemetzel. Im Namen des HERRn erschlägt Josua alle, Frauen, Kinder, Alte. Nur eine Frau, womöglich ein Dirne, die mit den Juden kollaborierte kann entkommen.
Die Liste ist lang.
Stichworte sollen genügen. Die Sintflut, Sodom, die sieben Plagen,mit dem Höhepunkt, alle erstgeborenen Söhne im Lande der Ägypter zu "töten".

Von Abraham, verlangt er seinen Sohn als Opfer, nur um kurz vor der Tat, als dieser schon das Messer an Isaaks Kehle hat, ihm zu befehlen einzuhalten.
Das stelle ich mir fürchterlich vor.
Bei Hiob, schließt"JHWE"einen zeitlich begrenzten Pakt mit seinem Widersacher. Er lässt diesen gewähren - unter der einzigen Bedingung, Hiob nicht an Leib und Leben zu verletzen, und fordert so seinen Gehorsam ein.

Vierzig Jahre lässt er Mose"MOSCHE" mit seinem Volk durch die Wüste ziehen. "JHWE" macht ihn groß und lässt ihn an den Grenzen zum "heiligen Land" sterben.

Ist dies nicht zumindeste seelische Grausamkeit?

Wie wird aus einer "AUGE UM AUGE" fordernde Entität ein Wesen,
daß uns Menschen ein Zeitalter später dazu auffordert " auch die andere Wange hinzuhalten."

Hat er dazu gelernt? Kann auch das Zeitlose alstersmilde werden?

Der Gläubige muß nicht verstehen. Dies ist sein Vorteil.
Ich dagegen bin immer wieder aufs Neue entsetzt!
 

revilo

Mitglied
Doch, lieber Ralf, der Gläubige, zu dem ich mich auch zähle,muß verstehen...........und das ist sein Nachteil.........ich glaube, es ist einfacher ungläubig zu sein.........
LG revilo
 

Ralf Langer

Mitglied
hallo oli,

aber fordert nicht glaube
(hier der katholische)
das " bedingungslose"

ich sehe mich selbst als zweifler,
weil mein kopf immer diese fragen stellt.

ralf
 

revilo

Mitglied
Hallo Ralf, ich bin in theologischen Dingen nicht sonderlich firm, habe aber für mich eine " Formel " entwickelt, mit der ich ganz gut leben kann:
Ich trenne einfach meinen persönlichen vom institutionalisierten Glauben..........allerdings glaubst Du mehr, als Du ahnst , denn wer zweifelt, glaubt...........
das Wort zum Freitag von revilo
 

Ralf Langer

Mitglied
Die Gotik und ich

Die Gotik und ich

Die Gotik erscheint, und ist im Moment ihres Eintretens
in die Welt etwas völlig Neues.
Sie hat keine Vorläufer:
Ist der erste Ausdruck einer wahrhaft abendländischen Kultur,
der sich aller griechisch- römischen Vorbilder entledigt, und hier
in Mitteleuropa etwas unvorhergesehenes findet:
Sich selbst.
Ihr vornehmster Ausdruck: Die Kathedrale.
Es beginnt im 11 Jhdt,in Frankreich mit Reimes und Chartres, und
verbreitet sich im Fluge über das neue Europa.
Mit der Gotik finden wir Europäer das Eigene.
Ein Thema, das sich über die Architektur ausbreiten wird in die
Musik, in die Malerei, und ihren Schlusspunkt entdeckt in der
modernen Mathematik.
Der Europäer entdeckt den Raum.
Er begreift ihn als vertikale Größe.
Sein Wille: die Unendlichkeit.
Wo der griechische und der römische Kulturkreis versagten, weil dies
undenkbar blieb, setzt das Hochmittelalter ein Ausrufezeichen.
Auch setzt sich der europäische Ausdruck weit vom Ägyptischen ab.
Jener begriff den Raum als Tiefe, als Prozession, als horizontalen Weg
durch die Zeit,
dieser, der Neue, öffnet die Höhe, ist Wille zur Höhe und zur Macht.
Die Architektur sprengt den Innenraum von seinen tragenden Elementen.
Sie hat ihn freigelegt für das Erleben, für den unendlichen Blick.
Das äußere Licht wird eingefangen , auf eine Art die den Raum flutet und
sich dem sehenden Auge eröffnet.
Die Vertikale entlässt das Licht in die Freiheit,
und legt die Stützen der Erde nach außerhalb.
Was muß der mittelalterliche Mensch empfunden haben, als er
das erste Mal durch jene Kirchenportale geschritten ist,
wenn doch wir Modernen, mit unseren Wolkenkratzern, nicht viel mehr
können als zu schweigen, als Atem zu holen?
Insofern ist die Gotik für mich Anfang und Höhepunkt
allen kulturellen Ausdruck des nach griechisch-römischen Abendlandes.
Kein Stil, nicht die Renaissance, nicht der Barock, haben in diesem Sinne
Epoche gemacht.
Die Malerei der sogenannten Renaissance ist nicht mehr als die
Entwicklung der Tiefe und Höhe auf Leinwand, nach gotischen Vorgaben,
die ihren Ausgangspunkt in Belgien und den Niederlanden nahmen.
Was für die Architektur die Karftlinien über die Außenmauern, ist
für die Malerei die Entwicklung der Fluchtpunktperspektive, in der sich alle
Kräfte, Blicke bündeln:
Der Fluchtpunkt als Schlußstein.

Doch die Wellen der Gotik dauerten fort.
Als sie sich in der Architektur verloren, und nur noch Ausdruck in der Fassade bzw. Veränderung der Optik fanden, lebte sie dennoch fort, entwickelte sich weiter, in der Mathematik.
Schließlich findet sie hier einen neuen Höhepunkt in Leibnitz und Newton, und ihren Entwicklungen und Gedanken zum unendlich Kleinen und Großen,
und setzt ihren Schlußpunkt, durch Gauss und Riemann, mit dem begreifen
der Existenz des nicht euklidischen Raums und den unendlichen "Mannigfaltigkeiten".

So beherrscht die Gotik auch heute noch mein Denken.
Selbst die Idee eines unendlichen Weltenalls, läßt nicht mehr Unermeßlichkeit
zu, als der luftdurchflutete vertikale Raum einer Kathedrale.
 

Ralf Langer

Mitglied
Freunde fürs Leben

Der Leopard
- ein Versuch.

Den Film habe ich schon als Kind gemocht.
Ich erinnere das eindrucksvolle Schauspiel von Burt Lancaster. Sehe seine jung gebliebene Augen,
seine mächtigen Koteleten. Insgesamt eine imposante Erscheinung.
So auch der junge Alain Delon als Neffe Tankredi.
Ein Meisterwerk von Visconti.
Und dann versank dies alles für lange Jahre, bis ich eines Tages das Buch in der Hand hielt, und es dann doch nicht auf den ersten Blick erkannte.
Der Titel des Romans: Die Pardelkatze.
Ein eher kleiner Vertreter der Großkatzen. Im deutschen der Ozelot.
Für eine Hauskatze zu groß, für eine Wildkatze zu klein, und wegen des verkümmerten Stimmbeins
nicht in der Lage zu brüllen.
Nein, die Pardelkatze kann ein wenig fauchen, ansonsten bleibt ihr das uns allseits bekannte miauen.
Und dieser Titel ist der Richtige.
Denn es kennt um Verkleinerungen, um Miniaturen.
Sicher der Fürst Don Fabrizio Corbera ist ein Löwe unter seinen Zeitgenossen. Aber er ist der letzte seiner Art.
Wie er es selbst so treffend in einem Gespräch formuliert:
"Wir sind die letzten Löwen, nach uns kommen nur noch Hyänen."
So handelt das Buch denn von Abschieden:
Abschieden von großen Ideen, von einem großen Menschengeschlecht.
Der Fürst empfindet keinen Zorn. Er ist sich der Veränderungen bewußt, weiß ,daß er sie nicht aufhalten kann.
Ein wenig lenken, das ist es, was ihm geblieben.
So verheiratet er seinen Neffen auch nicht mit einer seiner Töchter, sondern sucht und findet in einer Bürgerlichen
die Zukunft seines Geschlechts.
Die Zukunft ist Tankredi, der auf der Seite der Revolution um Garibaldi steht.
Was nutzt es Don Fabrizio, daß er sie verabscheut, diese seltsam modernen Menschen, mit ihren Einsichten,
die eines Sizilianers unwürdig sind.
Aber das großzügig gemeinte Angebot der kommenden Machthaber, als Senator nach Rom zu gehen, um von dort aus die Geschicke Siziliens zu leiten muß er ablehnen.
In einem wunderbaren Gespräch mit seinem Hausgeistlichen erklärt er sich selbst.
Wir sehen vor seinem geistigen Auge die Eroberer Siziliens kommen und gehen;
sehen die Phönizier, die Griechen, die Römer, die Staufer bis zu den Bourbonen.
Aber sie sind nur wie Wind auf dem ausgedörrten Sommerböden Siziliens. Sie haben hier keine Bleibe.
Können sich nicht halten.
Wurzeln haben nur die Aborigines.
Dies erklärt er dem Hausgeistlichen in seinem eigenen Sternobservatorium, seinem Refugium.
Denn der Sizilianer ist wie ein Fixstern. Er bleibt. Er ist was er ist.
Gleichzeitig ist dieser Roman von Lampedusa, einem Großenkel des als Vorbild durchscheinenden Fürsten,
ein Werk über das Altern.
Die Einsichten in die Vergänglichkeit. Das Widerstreben der menschlichen Natur. Und die Hingabe in das Unvermeindliche.
So ist nicht der Tod das eigentliche Übel, sondern der Verlust an Kraft, das Wissen um die schwächer werdende Natur.
Und wenn der Fürst dann stirbt, strömt das Leben denn auch kräftig aus ihm heraus.
Er stößt es in mächtigen Atemzügen aus seinem Körper.
und bleibt eine verwurzelte sizilianische Hülle.
Ein Roman der mich seit einiger Zeit begleitet, und der auf eine wundersame Art und Weise
zu einem persönlichen Freund geworden ist.
 
gott-los, gotik, leopard

Hallo Ralf,
jetzt wird's saftig! ;-)


Finde deinen Stil in den letzten drei Einträgen sehr elegant und die Themen, über die Du nachsinnst, faszinierend.
Mach' bitte weiter so!


Serge
 

Ralf Langer

Mitglied
hallo serge,
hab dank.
ich entdecke gerade im tagebuch
einen neuen weg .... zu mir?
eher einen weg in mich!

ganz wunderbar
thanx
ralf
 

Ralf Langer

Mitglied
Gute Freunde

Gute Freunde

Ist schon seltsam. Wenn ich an gute Freunde denke,
kommen mir ganz schnell drei Gedichte in den Sinn.
Stücke, die mich seit langem begleiten, die in all den
Jahren zu mir gesprochen haben, die mich auf ihre Art und Weise
ständig neu beraten und ebenso erscheinen.

Da ist zum einen Höderlins "Hyperion",
dann Rilkes erste Duineser Elegie, hier vor allem die
erste Strophe, und abschließend Gottfried Benns
"Einsamer nie."

Manchmal tritt noch Benns Stück "Mutter" hinzu.
Dann wären es also vier Freunde.
Liest man die Stücke erscheint es, als wären es
dunkle Freunde. Mir sind sie jedoch "lebendig und hell".

Es gibt Zeiten, da haben sie mir nichts zu sagen, oder ich
höre ihnen nicht zu.
Aber ich besuche sie häufig und lausche ihnen.

Manchmal achte ich nur auf den Klang.
Dann höre ich die Klippen aus Hölderlins Stück.
Das Wort "Schicksal" hat einen Klang. Es ist das Geräusch
eines immerwährenden Wasserfalls.
Aber ich zerschelle nicht daran. Ganz im Gegenteil,
trotz des Fatums, das hier beschworen wird, empfinde ich eine
stille Genugtuung.
Diese Wasser sind das Leben.

Rilke! Was soll ich sagen. Ich weiß nicht mehr, wer es sagte,
doch beschreibt deser Satz, das Grundsätzliche, das ich empfinde,
wenn ich Rilkes Worten lausche:
" Seine Worte knieen "

Und doch ist gerade die erste Elegie so ganz anders.
Nicht , das sie keinen Takt hätte. Ganz im Gegenteil.
Sie ist sprachlich bemerkenswert. So komplex und doch so einfach im "Geiste".
Diese Strophen sind wie ein Lied. Selbst wenn es in einer mir selbst
unbekannten Sprache verfasst wäre, so könnte ich doch jederzeit
in den Strom der Worte, und in ihre Melodie, eintauchen.

" Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen..."
Nie habe ich Gottesfürchtigeres gehört, das so voller
normalem Leben ist.

Ein Freund eben.

Und dann Benn, "Big Benn" wie ich ihn nenne.

" Einsamer nie als im August", so beginnt es
und es endet:
"... im Weingeruch, im Rausch der Dinge, -:
dienst du dem Gegenglück dem Geist".
Und eben Mutter:
"Ich trage dich wie eine Wunde..."

Der Intellekuelle auf dem Weg ins Glück.
Ein hehres Ziel, dass dieser nicht erreicht.
Er kann es denken, vielleicht wähnen,
er kann es herbeischreiben.
Aber mehr Nähe zur Vollkommenheit lassen
diese messerscharfen Chirurgenworte nicht zu.

Das sind die Pfeiler, die auch meine Welt aufspannen.
Des Morgens bin ich der vor der Welt und den Dingen knieende Rilke.
Mittags sehe ich Hyperions Schicksal ohne zu verzweifeln,
und des Nachts wiegen mich die glasklaren Obduktionen
Benns in einen traumlosen Schlaf.

Ich will meine Freunde nicht missen.

Appendix:

1Hyperion

Uns ist gegeben
auf keiner Stätte zu ruhen.
Es schwinden, es fallen
die leidenden Menschen
blindlings von einer
Stunde zur andern
wie Wasser, von Klippe zu Klippe geworfen,
jahrlang ins Ungewisse hinab.

2Die erste Elegie
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
uns am Angesicht zehrt -, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.


3 Einsamer nie

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde -, im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge, -:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.
 

Ralf Langer

Mitglied
Agonie

Gedanken zum Wort :

„Der Winter liegt agonisch“

Agonie meint Todeskampf. Aber es war ein langer Wortweg aus dem Griechischen “agonei“ über das Lateinische, bis dieser Begriff im Neuhochdeutschen seinen Platz gefunden hatte.
Ursprünglich aus dem altgr. „ agoein“ kommend bedeutet es „ Kampf“, „ Wettkampf“.
Das Wort erfuhr schon im Griechischen eine Erweiterung in seiner Bedeutung. Zum einen in die Richtung „Todeskampf“ und zum anderen in Richtung von Versammlungsplatz, Handlungsraum.
Hier lebhaft in Erinnerung in der „ Agora“, dem klassischen griechischen Ort innerhalb der Polis zur Versammlung aller freien Bürger, der dem Begriff der römischen „Curia“ nahe steht, aber noch nicht magistrativ benutzt wird, und deshalb in seinem Spielraum inhaltlich dem „Forum“ beizuordnen ist.
Im Lateinischen dann entlehnt, und aus aus diesem Sinnzusammenhang herausgelöst , finden wir die „ Agonie“ in lat. „ agens“ „machen, betreiben“.
Aus dem lat. dann zurück entlehnt ins Griechische, finden wir den „ Demagogen“. Den „Betreiber“, „ Hintertreiber“.
Ohne direkten Bezug aus dem Lateinischen findet das griechische „agora“ Eingang ins Althochdeutsche und wird zum „ Acker“. „Dem Ort an dem gesammelt wird“.
Schließlich erfährt der Begriff „ Acker“ im Neuhochdeutschen eine Begriffserweiterung im Verb „ ackern“ und schließt sich in einem Sprichwort „ zu tode ackern“ wieder der ursprünglicheren „ agonei“ an.
Nach dreitausend Jahren Sprachgeschichte schließt sich ein Wort.
 

Ralf Langer

Mitglied
Gedanken zu "Carinas abgenommener Maulkorb"

Metaebenen:

Schweigen

Schweigen ist ein seltsames Wort. Es wiederspricht
dem Verständnis von Sprache.
Wer über das Schweigen reden will, der muß es brechen.

Mir drängt sich die Frage auf, ob "Schweigen" das Gegenteil
von "Sprechen" sein könnte.
Beides sind aktive Akte, das Schweigen muß man ablegen - wie eine Rüstung, wie ein Gelübde? - und Schweigegeld, das wird kassiert, mithin hat man vor Gericht das Recht zu schweigen.

Was hat der Mensch?
Er hat gelernt zu reden - reden passiert, es ist in uns angelegt, und hat als Lernprozess den Geschmack der Beiläufigkeit.

Aber wie lernt ein Mensch das Schweigen?
Wie begreift er- macht er sich einen Begriff - das nicht alles
kommentiert zu werden braucht.

In einem entfernten Sinne bricht auch der Schreiber hier
das Schweigen, der geschriebene Text fordert an sich auf, gelesen zu werden, mithin gesprochen wollen zu sein.

So bleibt das Schweigen, das ich hier gebrochen habe ein Verrat.
Und als sprachliche Ausdrucksweise gibt es ja immer noch die drei Punkte.

...
 

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