geliebtes Gift

Arcos

Mitglied
du fließt in meinen Adern
geliebtes Gift

Liebeslieder
erzählen nicht die Wahrheit
denn sie ist unaussprechlich

wie oft haben wir uns
das Leben erzählt
bis der Morgen graute

deine Anmut
erhellte meine Nacht

ich wollte mehr von dir
wollte mich verlieren
in der Tiefe deiner Augen
in deiner Stimme
deinen Worten

bitte geh nicht

denn es ist Zeit
für den goldenen Schuss
den letzten Atemzug

berühre mich
noch ein mal

du bist
in meine Seele
eingewoben

die Geige
spielt das Finale

sag jetzt nichts

lass mich hier
einfach sterben

in dir

leise​
 

trivial

Mitglied
Lieber Arcos,

in meiner Jugend kannte ich so einige „Junkies“, und so gut wie alle sind letztlich daran zugrunde gegangen. Mir scheint, Du glorifizierst hier sehr einseitig das High-Sein. Die Innenperspektive des Rausches wird ausführlich beschrieben, aber vollkommen ausgespart bleiben die körperlichen Veränderungen, die Isolation, die Verzweiflung – die Sucht selbst.

Ich glaube nicht, dass irgendeiner meiner damaligen Bekannten am Ende glücklich damit war, nicht mehr außerhalb des Rausches leben zu können oder zu wollen.

Mag sein, dass Du hier eine authentische Geschichte verarbeitest und ich dabei feine Nuancen überlese. Aber so, wie ich das Gedicht lese, ist es mir zu einseitig und dadurch fast schon gefährlich verharmlosend.

Natürlich ist ein Teil der Problematik der Heroinsucht auch ihre Kriminalisierung. Aber das ist bei weitem nicht alles. Die Droge selbst kann Menschen körperlich und psychisch zugrunde richten – und davon lese ich in Deinem Gedicht eigentlich nichts.

Selbst wenn man sämtliche Beschaffungskriminalität und sämtliche schmutzigen Begleitumstände entfernen würde und reines, medizinisches Heroin unter vollkommen sterilen Bedingungen verabreichte, gäbe es vielleicht nicht mehr diese angeschwollenen Hände und Gesichter, die sich mir so eingeprägt haben. Aber die Abhängigkeit wäre damit nicht verschwunden. Und realistisch betrachtet ist dieser „Dreck“ eben ein Teil der Lebenswirklichkeit schwerer Heroinsucht.

Also leider nein, ich kann Deinem Gedicht nichts abgewinnen. Ich möchte Dir weder Zynismus noch Naivität unterstellen, denn ich kann mir kaum vorstellen, einen solchen Text ohne persönlichen Bezug zu schreiben. Aber Du beschreibst nur den Rausch, nicht das Leben – und sprichst am Ende doch vom Sterben wie von einem Heldentod nach einem vollendeten Leben.

Das bekomme ich nicht zusammen.

Interpretiere ich vielleicht zu viel hinein, bin ich aufgrund meiner Jugend überempfindlich?

Vielleicht lässt Du bewusst die anderen Perspektiven außen vor und es geht nur um die rein subjektive Erfahrung der Verführung und des Rausches. Aber „geliebtes Gift“ reicht mir einfach nicht als Bruch, als Ankerpunkt.

Na ja, wollte ich nur mal loswerden.

Liebe Grüße
Rufus
 

Arcos

Mitglied
Hallo Rufus,

es tut mir leid, dass ich bei dir einen wunden Punkt getroffen habe. Dein persönlicher Bezug zu Betroffenen im Freundeskreis hat dir den Schrecken dieser furchtbaren Droge vor Augen geführt.
Das allmähliche Dahinsiechen von Bekannten.
Da gibt es natürlich absolut nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu verherrlichen. Es tut mir leid, dass es bei dir so angekommen ist.

Ich hatte bisher keinerlei direkten persönlichen Bezug zu diesem tödlichen Gift. Weder am eigenen Körper noch im weiten Verwandten- und Freundeskreis. Gott sei Dank, muss ich zugeben.
Ich kenne die Droge und ihre Wirkung nur aus Dokumentationen und Filmen.
Als Werkzeug hatte ich also nur meine Vorstellungskraft, um zu schreiben und beschreiben. So authentisch, wie es mir möglich war.
Es ging mir um das lyrische, künstlerische Festhalten des Innenlebens, der starke Bezug zur Liebe und die Abhängigkeit von der Person, die man liebt. Mit einer Intensität, die der Wirkung von Drogen sehr ähnelt. Denn in beiden Fällen ist der Rausch fast in den selben Hirnbereichen zu finden, und es sind die selben oder ähnliche Hormone daran beteiligt.
So wie ein Schauspieler, der dich für einen Moment die Wirklichkeit vergessen lässt. Je besser ihm das gelingt, desto größer ist das Talent.
Doch die Abhängigkeit und das Ende kann in beiden Fällen verheerend und schrecklich sein.

Grüße
Önder
 

Anders Tell

Mitglied
Die Heroin ist ein deutsches Wort für Heldin. Tatsächlich heißt der Wirkstoff so, weil man mit dieser Droge aus Soldaten furcht- und gefühllose Kampfmaschinen machen wollte. Im Vietnamkrieg wurde er auch großzügig an die GIs verteilt. Im Vergleich zu Crystal Meth oder Kokain ist der Herointod geradezu gnädig. Auch nichtstoffliche Süchte, wie Magersucht können verheerende Folgen haben.
Verliebtheit spricht nicht dieselben Hirnareale an wie Sucht. Sie gleicht eher einer psychischen Verwirrung. Liebe hat mit Sucht und psychischer Täuschung nichts zu tun. Insofern hinkt der Vergleich von Droge und erfüllender Liebe.
 



 
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