Lieber Béla,
ich umkreise seit gestern Abend deine Zeilen mit Faszination. Für mich haben sich so unterschiedliche Gedanken beim Lesen ergeben, sodass ich das Gefühl habe, je länger ich auf deine Worte blicke, umso umfangreicher wird der Strom an Bildern und Empfindungen, die sie auslösen.
Meisterlich ist es dir gelungen, eine Atmosphäre zu erzeugen, die eines konsequent vermeidet: das Idyll. Dein Haiku bietet keine Auflösung, keine Erlösung an. So bleibe ich zunächst in der ersten Verszeile. Dem kleinen Hauch von Natur, gehalten von „am Ufer“ stehen in direktem Umfeld „Rohre“ entgegen. Das schöne, weiche Bild eines Ufers wird durchdrungen von etwas Kaltem, Starren. Dieses spuckt. Es wirft etwas aus, etwas Abstoßendes, das wir nicht sehen wollen. Das Klammheimliche in der zweiten Verszeile verstärkt für mich diesen Eindruck, in diesem schwingt das Gefühl von Scham, von verdrängten Emotionen, etwas, das man lieber „restlos“ verschweigen will - es sucht sich dennoch einen Weg, hin zu einer Oberfläche. Doch dieser herausgespülte Rest legt sich zu einem zappelnden Rest. Zappelnd ist dieses Überbleibsel, hilflos, ruhelos. Sein einziger Ausdruck ist ein Zucken. Wehrlos und fast ohnmächtig. Natürlich lässt sich dein Haiku als Bild für menschliche Eingriffe in seine Umwelt deuten. Es hat jedoch gleichzeitig diese brillante Eigenschaft, dass es kritisch auf den Menschen selbst blickt. Dessen Weichheit zu etwas Mechanischen geworden ist, dem nur noch eines bleibt, seine Gefühle heimlich zu entsorgen, um mit dem ebenfalls zappelnden Rest zu schwimmen. Ausgespuckt, mit Ekel belegt und nichts mehr innehat, was ihn einst hätte ausmachen können. Dass du den „Rest“ nicht durch ein anderes Wort in der dritten Zeile ersetzt, finde ich klasse. Es intensiviert, dass immer ein Rest bleiben wird. Hier ist es ein hoffnungsloser, erschaffen aus einer „Umwelt“, die ihre Lebendigkeit zugunsten eines vergeblichen Kampfes eingetauscht hat.
Das sind nur Bruchstücke meiner Gedanken zu diesem von größtem Tiefsinn geprägtem Haiku. Danke, lieber Béla, für dieses herausragende Werk!
Ich wünsche dir ebenfalls ein schönes Osterfest

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Liebe Grüße,
ubertas