Gendai Haiku

4,30 Stern(e) 4 Bewertungen

wiesner

Mitglied
japanische Kurzgedichte dieser Art werden hier reichlich ignoriert und sprachlos kommentiert, man könnte auch mobben sagen
möglicherweise (ungewollt) mit Hilfe der Redaktion
man liebt gefühlsduseligen Krempel, europäisch angehauchte Philosophiehäppchen, artiges Naturgehabe und vieles mehr, was in die Haikukiste so reinpasst

ich habe Dir, liebe Ubertas, für's Lesen und Werten zu danken und schöne Ostern zu wünschen

Gruß
Béla
 
Ich selbst habe mit meinen seltenen Haiku-Versuchen aufgehört. Ich bin kein Japaner, das Fernöstliche ist mir relativ sehr fremd, und ohne es bierernst zu meinen, sage ich doch mal so: Mir käme es vor wie eine nicht zu mir passende kulturelle Aneignung, gezielt ostasiatische Kurzgedichte zu verfassen. Deshalb halte ich mich auch größtenteils aus dem Thema raus. Wobei ich nicht leugne, sie gelegentlich zu lesen. Dann kommt es in mir auch zu einer Reaktion, klar, aber ich sehe keinen Grund, meine Meinungen dazu auszubreiten. Dennoch habe ich deine Enttäuschung verstanden, denke ich. Und nun schreibe ich also doch etwas zu deinem Haiku, weil ich es tatsächlich auffallend gut fand/ finde. Das beim Lesen entstandene Bild ist wohltuend ehrlich und - ich suche nach einem passenden Wort - universell verständlich. Der Text als Plakat produziert, würde an vielen Stellen auf der Welt verständlich funktionieren. Das finde ich toll daran.

Schönen Sonntag
wünscht der Clown
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Béla,

ich umkreise seit gestern Abend deine Zeilen mit Faszination. Für mich haben sich so unterschiedliche Gedanken beim Lesen ergeben, sodass ich das Gefühl habe, je länger ich auf deine Worte blicke, umso umfangreicher wird der Strom an Bildern und Empfindungen, die sie auslösen.
Meisterlich ist es dir gelungen, eine Atmosphäre zu erzeugen, die eines konsequent vermeidet: das Idyll. Dein Haiku bietet keine Auflösung, keine Erlösung an. So bleibe ich zunächst in der ersten Verszeile. Dem kleinen Hauch von Natur, gehalten von „am Ufer“ stehen in direktem Umfeld „Rohre“ entgegen. Das schöne, weiche Bild eines Ufers wird durchdrungen von etwas Kaltem, Starren. Dieses spuckt. Es wirft etwas aus, etwas Abstoßendes, das wir nicht sehen wollen. Das Klammheimliche in der zweiten Verszeile verstärkt für mich diesen Eindruck, in diesem schwingt das Gefühl von Scham, von verdrängten Emotionen, etwas, das man lieber „restlos“ verschweigen will - es sucht sich dennoch einen Weg, hin zu einer Oberfläche. Doch dieser herausgespülte Rest legt sich zu einem zappelnden Rest. Zappelnd ist dieses Überbleibsel, hilflos, ruhelos. Sein einziger Ausdruck ist ein Zucken. Wehrlos und fast ohnmächtig. Natürlich lässt sich dein Haiku als Bild für menschliche Eingriffe in seine Umwelt deuten. Es hat jedoch gleichzeitig diese brillante Eigenschaft, dass es kritisch auf den Menschen selbst blickt. Dessen Weichheit zu etwas Mechanischen geworden ist, dem nur noch eines bleibt, seine Gefühle heimlich zu entsorgen, um mit dem ebenfalls zappelnden Rest zu schwimmen. Ausgespuckt, mit Ekel belegt und nichts mehr innehat, was ihn einst hätte ausmachen können. Dass du den „Rest“ nicht durch ein anderes Wort in der dritten Zeile ersetzt, finde ich klasse. Es intensiviert, dass immer ein Rest bleiben wird. Hier ist es ein hoffnungsloser, erschaffen aus einer „Umwelt“, die ihre Lebendigkeit zugunsten eines vergeblichen Kampfes eingetauscht hat.
Das sind nur Bruchstücke meiner Gedanken zu diesem von größtem Tiefsinn geprägtem Haiku. Danke, lieber Béla, für dieses herausragende Werk!

Ich wünsche dir ebenfalls ein schönes Osterfest :) .

Liebe Grüße,
ubertas
 

wirena

Mitglied
…. ich hatte spontan beim Lesen das Bild der Abflussrohre, die Abwasser in einen Bach oder See spülen zu den noch vorhandenen, verminderten Fischbestand vor Augen –

…kein schönes Bild – wir haben im Alltag auf allen Ebenen nur Horrorbilder und Geschichten – da fehlt mir der Blick, die Perspektive zum Erhaltenswerten, gesunden Leben –

Im Internet fand ich, dass Gendai "Gegenwart, moderne oder heutige Zeit" bedeutet, inklusive Hinweis auf Reiki - also heilend -. Das kann ich in diesen Zeilen nicht finden. Denke der Titel wäre zu ändern - entschliesse mich, erstmals hier in der Leselupe nur 2 Sterne zu setzen, da es ein Haiku ist.

LG wirena
 
Zuletzt bearbeitet:

Tula

Mitglied
Hallo Béla und in die Runde
Für mich ist hier das rein Formale der Form eher zweitrangig. Ich sehe hier sehr eindeutig das Bild der fäkalischen Brühe und den letzten noch zappelnden Fischen im verpesteten Gewässer. Das kann man über das Bild der Umweltverschmutzung hinaus deuten oder nicht, das muss der Leser entscheiden.

Es stimmt natürlich, dass der 'reine Geist' (gibt es ihn?) mit allerlei eher geistlosem Abfall 'zugemüllt' wird, so die Kunst selbst usw. Hauptsache wir zappeln hier noch eine Weile munter weiter :)

LG Tula
 
Das ist ein spannendes Gedicht, weil es auf gekonnte Weise einen Misston erzeugt und in kurzen, präzisen Worten, fast in einer Art von Stenogramm, berichtet beziehungsweise protokolliert, was zu sehen ist - nicht mehr und nicht weniger. Das ist eindringlich, erzeugt ein Bild, Töne und einen Geruch - und wirkt.
 

wiesner

Mitglied
Allen Teilnehmern dieses threads danke ich recht herzlich für ihr aufmerksames Lesen und interessantes Kommentieren.

Ein richtig krachiges Haiku in ultramoderner Machart liegt hier wegen der konservativen Silbenstruktur nicht vor, ein wesentlich kürzerer Text hätte ziemlich sicher die Frage aufgeworfen, was an ihm eine feste Form sei. Die Diskussionen danach wollte ich allen, auch mir, ersparen. Einzig der zweideutige 'Rest' stiftet wohl Unruhe, wie es gendai problemlos anzubieten vermag. Hier sollte auch noch mal deutlich werden, dass Begriffsdoppelungen und Reimungen im 'normalen' Haiku nicht üblich sind.

Das gewählte Thema ist schmutzig - aber wahr. Dass Ubertas darüber hinaus eine allgemeine Sichtweise anbietet, schätze ich sehr. Ihre gründliche Herangehensweise hat sie oft auch bei ganz anderen Texten unter Beweis gestellt.

Bertold diskutiert eine Art Bericht/Protokoll, könnte aber auch ein Erzählton sein, der mir im Kurzgedicht nicht unpassend erscheint. Interessant sind seine sinnlichen Eindrücke ...

Tula hat noch eine hübsche Schlussbemerkung im Angebot - klasse!

Warum wirena 2 Sterne verteilt, 'da es ein Haiku ist', will sich mir nicht erschließen.

Clown wünsche ich neuen Mut, es doch noch mal mit dieser Gedichtform zu versuchen.


Euch eine schöne Zeit!
Béla
 

wirena

Mitglied
Warum wirena 2 Sterne verteilt, 'da es ein Haiku ist', will sich mir nicht erschließen.
Hallo wiesner - wie ich bereits geschrieben habe, nehmen Deine Zeilen inhaltlich keinen Bezug zum Titel, sind nicht heilend und nicht erwähnt habe ich, dass auch die Regel 5-7-5, die für Haikus an und für sich gilt, wurden in keiner Weise eingehalten. Deshalb ist meine Meinung nach wie vor, dass es kein Haiku ist. Es sind durchaus aussagekräftige drei ungereimte Zeilen -

LG wirena
 



 
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