haut

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seefeldmaren

Mitglied
ich sitze mich ins sofa, das seit tagen
die form von meinem fortgehn in sich trägt,
und höre, wie die uhr minuten sägt,
um sie als späne aus dem tag zu tragen.

mein mund hält jedes wort im ritual,
der bildschirm kaut an einem fremden leben,
die hand vergisst, sich von dem knie zu heben,
im flur zerfällt das nächste rufsignal.

ich hielt den blick gesenkt, die hand am riegel,
und ließ den menschen vor der türe stehn,
nun übt mein mund sein bitten vor dem spiegel,
doch niemand bleibt, die lippen anzusehn.

es wird genommen, und es wird genommen,
die tür ist fort, der flur ist abgebaut,
selbst meine fenster hat man mitgenommen,
ich taste nach dem ausgang meiner haut.
 

klausKuckuck

Mitglied
Ist es die vollständige Auflösung einer Existenz, die du einzufangen versuchst, Maren?
Dein Gedicht verstört. Ist von hypnotischer Wirkung. Ist ein Ereignis.

Im vorletzten Vers könntest du statt des Gleichklanges schreiben:

«selbst meine fenster sind dem blick entkommen» …

Gruß KK
 

wiesner

Mitglied
Wenn in irgendeiner Weise der Herbstgedanke verdeckt mitschwingt, dann bleibt ein Funken (Frühjahrs)Hoffnung ... dem Ausgang nicht unbedingt weit weg.
Beeindruckend!

Gruß
Béla
 
Hi @seefeldmaren

du bist für mich unbestritten eine der Größen dieses Forums und Deine Werke sind wirklich immer wieder ein Genuss! Ich lese ein "Ich", dessen Grenze zur Welt gleichsam Schutz UND Gefängnis geworden ist. Es kann niemanden hineinlassen, findet aber auch selbst keinen Weg mehr hinaus. Gruselig gut.

mes compliments

dio
 

Dimpfelmoser

Mitglied
Liebe @seefeldmaren,

es ist (erschreckend) faszinierend, wie greifbar hier ein Isolationsprozess wird. Du schreibst, „nichts gibt es, was man dagegen tun kann“, und „es wird genommen, und es wird genommen“ belegt offenbar eben dies. Nun lese ich gleich zu Beginn von einem Menschen, der diese Vereinsamung in gewisser Weise aktiv betreibt („ich sitze mich …“), und dann die ebenfalls aktive Suche nach dem Ausgang in der letzten Zeile. So ist dies für mich (klar, meine Lesart / Interpretation) nicht nur die unvermeidliche Auflösung, sondern die gleichsam, durch welche Faktoren auch immer getriggerte, auch mit eigenem (Nicht-)Handeln herbeigeführte Verweigerung eines Fortbestehens. Das macht das Beschriebene nochmals dramatischer und wirft (natürlich) Fragen auf nach dem Warum, nach der Rolle jener Person vor der Tür oder der Stimme (?), die dem Rufsignal hätte folgen können. Und dann vor allem, was es denn für ein Ausgang sein mag, nach dem getastet wird – einer, der zugleich Eingang ist in eine Dimenstion des Lebens, wo es wieder so etwas wie Perspektive gibt? Oder einer, dem perspektivfreie Endgültigkeit inne wohnt?
Kein Gedicht, das an einem vorbeizieht und verschwindet, sondern einen lange spürbaren Nachhall erzeugt.

LG Dimpfelmoser
 



 
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