Herbstlich trübe

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blackout

Mitglied
Ein schönes, ausgearbeitetes Gedicht, Lastro, wie man es in einem Literaturforum auch erwarten sollte. Da ist viel Lyrisches, viel Sehnsucht, viel Verzweifelnwollen, viel Mut zum Leben. Danke für dieses Gedicht, das auch mein Lebensgefühl anspricht.

"Menschen durchqueren mich" - die durch dein Leben gingen, deine Gedichte nicht verstanden, sie zertrampelten, Menschen, die nicht mehr zählen.
Schön das "Jahresspät". Sehr schön vor allem die letzte Strophe. Ja, wir Menschen kommen von den Sternen, wir leben in ihnen weiter und werden in ihnen ruhen. Ein guter Gedanke.

blackout
 

Lastro

Mitglied
Schön, dass meine Worte so eine klare Resonanz in dir finden, blackout.
"ausgestreckt bin ich", wäre noch besser, als "ausgestreckt liege ich", meine ich. (bin - ist Sein, liegen - ist Aktion)
Was meinst du? Und Dank für die Sternchen!!
 

revilo

Mitglied
Ein spannendes Gedicht, wobei mir persönlich S. 2 allerdings zu dick aufgetragen ist. "Menschen durchqueren mich" ist mir zu bildlich und zu fett und das Trampeln über die Blätter klingt ein wenig weinerlich. Die letzte Zeile verstehe ich nicht so recht. warum und vor allen Dingen Wo betest Du den Himmel an ?LG revilo
 

Tula

Mitglied
Moin
Schönes Gedicht. Uneingeschränkte Zustimmung. "Menschen überqueren mich" lese ich auch mit Hinblick auf die Sterblichen, jene die kommen und gehen, während die personifizierte und auch vergöttliche Landschaft des Herbstes und die Natur schlechthin ewig bleibt. Ewig und von den anderen "nicht verstanden", einfach nur überquert, wie ein Meer von dessen Vielfalt in der Tiefe man nichts wahrnimmt und nicht einmal ahnt. Das schlägt durchaus eine Brücke zum Leben des Dichters hinter dem Werk (?), der sich hier besser von der Natur als seinen arglos dahinschreitenden Zeitgenossen verstanden fühlt.

LG
Tula
 
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blackout

Mitglied
Ja, Lastro, liegen ist besser als sein, weil aktives Vollverb. Vielleicht ist "zertrampeln" zu umgangssprachlich? Was hältst du von "zertreten", "zerreißen"? Vielleicht fällt dir noch ein Synonym ein?

blackout
 
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Lastro

Mitglied
Danke, blackout, für die Hinweise und Vorschläge. „treten beiseite“ hatte ich versucht. Aber das Trampeln passt besser zur Erschütterung des Wassers und ist umgangssprachlich dem Wandern nahe. „Ausgestreckt liege ich“ würde ich allerdings in „ausgestreckt bin ich“ ändern. Ausgestreckt und Liegen sind ja u.U. ähnliche Zustände. Das ausgestreckte Sein (fast wie niedergestreckt) verbindet sich auch eher mit dem Ohnmachtsgefühl des Herbstwesens.
 

Lastro

Mitglied
Ich bedanke mich ganz herzlich für die Beiträge! Reaktionen und Fragen sind mir auch wichtiger als Sternchen. Jeder projiziert natürlich in das Gedicht seine eigene Welt, und dazu ist es ja auch da. Es löst sich von mir ab, und kann ganz unterschiedliche Bedeutung gewinnen. Aber das ist euch ja nichts Neues.

Meine vorläufigen Gedanken dazu, auch, um einige Fragen zu beantworten, meistens erfährt das noch Ergänzungen:

Zu Revilo. Man durchquert eine Landschaft, das ist der treffende Ausdruck, wenn man zu Fuß geht oder fährt. Also ganz einfach. Hier ist die Landschaft natürlich wesenhaft, also „Mensch“, der das als eine Art Störung (Über-schreitung, Tula) erlebt.

Beschrieben ist landschaftlich der späte Herbst, aber hier geht es um das zeitlose Herbstliche im Menschen. Der Herbst in der Natur vergeht und wird zum Winter. Deswegen die Überschrift „herbstlich“ und nicht Herbst.

Das Herbstliche ist hier als fühlendes, verletzliches und gläubiges Wesen dargestellt. Dieses Wesen fühlt sich trübe, spät im Leben, nicht mehr so attraktiv und ist deshalb traurig, wenn die Menschen (Gesellschaft) es aus seiner Sicht achtlos behandeln. Aus ihrer Perspektive trampeln sie vielleicht auch, weil ihnen kalt ist, und um warme Füße zu kriegen, oder sie schnell nach Hause wollen. Die Jahreszeit lädt außerdem dazu ein, sich in sich zu kehren und das Äußere nicht so stark zu beachten. Das späte Herbstwesen interpretiert das Geschehen aber aus seiner eigenen Konstitution heraus für sich als abwertend, und die Begegnung mit den Menschen als für ihn traumatisierend.

Hinzu kommt, und das verletzt das Herbstwesen tief im Innern, dass die Schritte der Menschen das Wasser in den Pfützen erschüttert, und der sich darin spiegelnde Himmel (Gott) verzerrt (auch in den Tropfen auf den Blättern, etc.), den es anbetet. Dies betrifft seine persönliche Urverbundenheit, Religiosität. Es kann nicht zu seinem klaren Inneren und damit zu seinem inneren Frieden finden. (Ich selbst bin nicht religiös.)

Deshalb klärt sich sein Glaube, d.h., die Pfützen werden wieder zu klaren Spiegeln, wenn die, durch die Landschaft trampelnden, Menschen endlich fort sind, d.h., wenn niemand da ist, der ihn verletzen kann, auch nicht absichtslos. Deswegen kann er sich besonders nachts ungestört seiner Spiritualität hingeben und zu sich finden. (Zu Tula. Die Natur verlangt in der Regel nichts, sie akzeptiert, überschreitet keine Grenzen, soweit ich das erlebe).

Es geht also, aus meiner (vorläufigen) Perspektive, in diesem Gedicht eher um die Verletzbarkeit eines älteren oder "herbstlichen" Menschen, der dem Tempo, der Achtlosigkeit, Gleichgültigkeit und Unkenntnis der Gesellschaft ausgesetzt ist, und nicht die innere und äußere Möglichkeit hat, sich so abzugrenzen, dass er geschützt ist, und aus dieser Position menschlich bereichernd kommunizieren und zu sich finden könnte.

Ich bin jetzt 68. Der sozialen Umgebung ist nicht unbedingt bewusst, dass man „jung“ fühlt. Gefühle altern nicht. Die Projektion auf mich, bzgl. des körperlichen Alterns, und wie es mir gefühlsmäßig geht, ist in der Regel unzutreffend, falsch. Ich verstehe die jungen Leute besser, als sie mich. Aber lieb sind sie, oder versuchen es, zu sein.

Soweit meine Sichtweise auf die sprachlichen Bilder und deren Verknüpfung. Mir ist bewusst, dass diese Interpretation eine Einengung des metaphorischen Raumes bedeutet. Beim Schreiben des Gedichtes bewegte ich mich nur in der Logik der Bilder.

Mit welchen Inhalten füllt ihr das Geschehen in den Zeilen und dazwischen?
Lastro
 

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