„Hilfe, ich wollte nur ein Telefon“

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Meine Frau und ich schreiben uns Zettel. Viele Zettel. Weil wir uns nicht mehr alles merken wollen. Weil wir uns oft tagelang nicht sehen. Weil der Betrieb „Familie“ ja irgendwie laufen muss. So finde ich also heute folgende Aktennotiz: „Hilfe, ich wollte nur ein Telefon. Was Du gekauft hast, ist ein PC. Umtauschen. Zurückbringen. So mit mir nicht!“

Zur Vorgeschichte: unser altes – also wirklich altes Telefon – mit Wählscheibe und sonst nichts, hatte plötzlich den Dienst verweigert. Offensichtlich war der Lautsprecher im Hörer defekt. Was die Kommunikation mit Anrufern ziemlich erschwerte. Meine Frau schrieb mir auf den Einkaufszettel: „Neues Telefon kaufen!“

Gesagt getan. Ich ließ mich beraten und erwarb im handlichen Karton ein sogenanntes „Funktelefon“ mit Feststation und herumtragbarem Handgerät – sprich Hörer. An den Tasten und den rätselhaften Symbolen müsse ich mich nicht weiter stören: „So sind Telefone heute!“ - Dafür hätten sie aber auch Telefonbuch-Funktion, automatische Wiederwahl, Kindersicherung, eine ganze Palette von Klingeltönen und ein „absolut krasses Farb-Display“! Mir war nicht so ganz klar, was die junge Verkäuferin damit meinte, aber kann man so etwas zugeben?

Ich hätte es zugeben sollen, weil meine Frau sich von meinen schwachen Argumenten überhaupt nicht beeindrucken ließ: „Du solltest ein Telefon kaufen. Das da ist ein PC. So was haben wir schon!“ – Auf meinen schüchternen Einwand – gelernt ist gelernt – dass Telefone eben heute so sind, geriet ich in eine Art Tropensturm. Und es hagelte mir unbekannte Begriffe wie: „Schutzfolie für das Display“, „Ladevorgang“, „Öko-Akku“, „Standard-Einstellung“, „Schutzzustand“, „Persönliche Programmierung“, „Neueintrag“, „Löschfunktion“...

„Ich will ein Telefon!“ – Wenn meine Frau sich was in den Kopf gesetzt hat, dann lässt sie so schnell nicht locker. Und ich erfuhr jetzt so nach und nach, dass sie schon seit 24 Stunden dabei ist, die 64 Seiten dicke Beschreibung zu lesen und umzusetzen, sprich das neue Fernsprechgerät in Betrieb zu nehmen. „Ich will nur ein Telefon!“

Von wegen „plug and play“ – Einstöpseln und Loslegen; auch „plug and pray“ – Einstöpseln und Beten half nichts: zuerst musste der aus zwei wiederaufladbaren Batterien bestehende Akku „mindestens 16 Stunden“ geladen werden. Weil aber die Feststation des neuen Dings mit unserer Telefonanlage verbunden ist, die Büro und Privatbereich vernetzt, registrierte es alle in dieser Zeit ankommenden Telefonate. Auch wenn wir zum Telefonieren immer in den Keller rannten, um den Ladevorgang nicht zu stören. Danach blinkte dann das neue Telefon nervig vor sich hin. Weil es den eingehenden Anruf registriert und gespeichert hatte, obwohl das keiner von uns wollte und keiner von ihm erwartete.

Ein paar Zettelblöcke weiter, hab‘ ich dann herausgefunden, dass man den Speicher leeren und die Nummern löschen kann bzw. muss, wenn man irgendwie erreichen will, dass dieses blöde „einfache“ Telefon nicht mehr wie ein beschrankter Bahnübergang vor sich hin blinkt. Und weil ich gerade dabei war, hab‘ ich dann auch noch versucht, meiner Frau die Sache schmackhafter zu machen, indem ich ihr die zwei Dutzend gespeicherter Klingeltöne in allen Lautstärken vorspielte. Sie ließ sich von all dem digitalen Lärm nicht im Geringsten beruhigen und beharrte auf ihrer Forderung: „Ich will nur ein Telefon!“

Keine Anruferliste, keine blinkenden Briefumschläge, keine Menüs, keine Speicherplätze. Das alles will meine Frau nicht, und – ehrlich gesagt – ich auch nicht. Wir wollen nur ein Telefon. Keine Ladeanzeige, kein Blinklicht, keine permanentpräsente „Net-Work-Verbindung“. Wir wollen keinen Schnellkurs in Programmieren, wir wollen nur ein Telefon.

Wir haben jetzt nur noch eine Frage, die man vielleicht telefonisch klären kann. Unser megageiles Digital-Multifunktionsgerät hat zwei Jahre Garantie. Uns würde interessieren, ob die auch dann gilt, wenn wir den blinkenden Handapparat samt dämlich tutender Feststation an die Wand knallen, dass sie kleben bleiben.

Und im Übrigen zahlen wir Höchstpreise für alte, noch einwandfrei funktionierende Telefone. Sie erinnern sich: das waren sehr stabile, unverlegbare grüne oder dunkelrote Geräte mit einer Wählscheibe von 0 bis 9. Damit konnte man prima telefonieren.

Mehr nicht. Aber das ging.
 
Hallo Christoph Toma,

ja, die gute alte Zeit :cool: Ich bin in manchen Sachen auch eher retro angehaucht. Ich glaube, mal so etwas wie ein Oldtimer-Telefon in einem Katalog gesehen zu haben - tatsächlich mit Wählscheibe und einem schweren Hörer zum Abheben.
Die Geschichte hat mir gefallen, sie ist flüssig geschrieben und unterhaltsam.

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 

Isbahan

Mitglied
Ich bekenne mich ebenfalls zum Eigenbrötlertum: Ich würde meine Texte noch mit Hammer und Meißel in Steinplatten hauen, wenn man mich nicht vor Jahrzehnten gezwungen hätte, mir so ein hochmodernes Notebook … aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Ich suche auch gerade nach einem guten, alten Telefon. Also einem, das ich auf Anhieb verstehe. Ich will eines mit einem gebührend großen Hörer, den ich mir ans Ohr halten kann. Ich will nirgendwo drauf sprechen, ich will nichts Fingerhutgroßes aufklappen, ich will nicht erst meine Brille aufsetzen müssen, bevor ich wähle … ich will mein schönes, altes Telefon zurück, buhääää … !
 
Es war ein Vergnügen, den Text zu lesen. Dabei ist der Stoff selbst das ja gerade nicht. Man frage sich mal, wie viel von unserer Lebenszeit dafür draufgeht, dass wir komplizierte Gebrauchsanleitungen verstehen und praktisch nachvollziehen sollen - für ganz simple alltägliche Bedürfnisse, die bislang ohne großen Aufwand zu befriedigen waren. Was uns angeblich das Leben erleichtern soll, sind in Wirklichkeit große Zeitfresser. Ich will sie nicht und verweigere mich ihnen, wo immer ich kann. Mein Tastentelefon ist von 1996 und funktioniert seitdem ohne Probleme, auch für Internettelefonie. Es hat sogar einmal einen Sturz aus ein Meter Höhe auf einen Steinfußboden klaglos überstanden.
 
Hallo allerseits,

oh, ja, die gute alte Zeit. Da war alles noch analog und ganz einfach zu verstehen. Wenn man heute ein Telefon, einen Computer, Fernseher, Drucker oder auch ein neues Auto kauft, dann muss man schon studiert haben, um es auch in Gang setzen zu können. Ich finde das auch grausam. Aber, hey, das ist Digitalisierung. Ich bin da auch eher für ältere Modelle, aber die funktionieren in Kombination mit einem hochmodernen Teil oft nicht mehr.
Isbahan, du hast es richtig formuliert: Buhäää ... ! :D

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Hagen

Mitglied
Hallo Christoph,
Ja, das Prblem kenne ich und habe es auch schon mehrfach durchlitten!
Aber die Nummer ist nichts gegen das Ummelden eines Telefonanschlusses bei enem Umzug!
Wenn auch noch mehrere Telefonanbieter mitspielen, wird die Sache absolut chaotisch.
Nun denn; - immer schön fröhlich und gesund bleiben!
Wir lesen uns!
Herzlichst
yours Hagen

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Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne!
Wenn du ihn noch mehr zum Lachen bringen willst, kaufe ein Telefon oder melde ein bestehendes um.
Sollte beides nichts nützen, geh‘ zum / zur Wahrsager / in.
 

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